Kuala Lumpur, die Selbstbewusste
Mitte Dezember 2025 flog ich von Mauritius über den Indischen Ozean nach Kuala Lumpur. Die Hauptstadt Malaysias hat viel zu bieten.

Veröffentlicht: 14.06.2026


















Nachdem ich Weihnachten und Neujahr in Hua Hin verbracht hatte, fuhr ich am 6. Januar 2026 in rund zehn Stunden mit dem Überlandbus vom Ferienort südlich von Bangkok nach Nong Ki in der Provinz Buriram, Grossregion Isaan, und tauchte dort in eine andere Welt ein.
Mit rund 33 Millionen internationalen Ankünften gehörte Thailand 2025 zu den zehn bedeutendsten Destinationen der Welt, trotz einem Rückgang von sieben Prozent gegenüber 2024. In gewissen Quartieren von Gross-städten wie Bangkok oder Chiang Mai, in beliebten Strandorten und auf In-seln wie Phuket, Koh Samui oder Koh Phi Phi kann das Gedränge zur Hauptsaison fast beängstigend werden.
Wenn man in diesen Ferienorten Kellnerinnen, Hotelangestellte, Taxi-fahrer oder Barfrauen fragt, woher sie stammten, heisst die Antwort sehr häufig: «aus Isaan». Isaan im Nordosten des Landes mit rund 22 Millionen Einwohnern und 20 Provinzen ist mehr als doppelt so gross wie der Frei-staat Bayern und mehr als viermal so gross wie die Schweiz. Gleichzeitig ist Isaan Thailands ärmste Region.
Sich langweilen in Isaan?
Ich hatte seit Jahrzehnten von Isaan gehört, konnte mir aber kein plastisches Bild davon machen. Deshalb bat ich Thanchanok, eine Bekann-te, die aus Nong Ki in der Provinz Buriram stammt und im Tourismus-sektor in Hua Hin arbeitet, mir ihre Heimat zu zeigen. Freunde mokierten sich: «Du wirst dich zu Tode langweilen. Ausser Reisfeldern gibt es in Isaan nichts.»
Kaum ein Tourist verirrt sich hierher, und niemand spricht Englisch. Isaan ist von der Landwirtschaft geprägt. Das Land ist flach. Strassendörfer und die eine oder andere Stadt wechseln sich ab mit Feldern bis zum Horizont. Alle paar Kilometer lädt eine Tankstelle mit «Amazon»-Kaffeehaus, «7ele-ven»-Supermarkt, Essständen und Toiletten zur Rast.
Die erste Überraschung ist meine Unterkunft für gut 40 Euro pro Nacht in-klusive A-la-carte-Frühstück: Das Phutara Resort in Nong Ki liegt zwischen einem kleinen Vergnügungspark und einem Muster-Bauernhof. Es besteht aus zwei Restaurants und zehn modernen, grosszügigen Bungalows mit piekfeinem Badezimmer, Terrasse über dem Wasser und eigenem, ge-decktem Auto-Abstellplatz, an einem Kanal aufgereiht und von Palmen überschattet. Es gibt nur ein kleines Problem, wie ich alsbald feststelle: Das Restaurant schliesst abends um acht, was übrigens für alle Lokale in der Gegend gilt (ausser einem einzigen, das sage und schreibe bis 21 Uhr geöffnet ist).
Es gibt aber auch in Isaan Grossstädte, Khorat zum Beispiel, Udon Thani, Ubon Ratchathani oder Buriram. Dort, in der Hauptstadt der gleich-namigen Provinz, haben wir das Fussballstadion besichtigt. Die moderne Sportstätte, mit 32.600 Sitzplätzen vergleichbar mit deutschen Stadien wie dem Europa-Park Stadion in Freiburg oder der MEWA Arena in Mainz und Schweizer Stadien wie St. Jakob in Basel oder Wankdorf in Bern, ist an fussballfreien Tagen ein beliebtes Ausflugsziel für Familien. Obwohl hier tiefste Provinz herrscht, findet sich der Klub Buriram United zum Zeit-punkt unseres Besuchs mit Abstand zuoberst auf der Tabelle der thailändischen Liga.
Überweisungen aus den Touristenorten
Thanchanoks Geschichte habe ich so oder ähnlich von unzähligen Thais gehört: Mit ihrem Einkommen in Hua Hin unterstützt die geschiedene 43-Jährige die ganze Sippe in Nong Ki: ihre knapp 70 Jahre alten Eltern; ihre Kinder, den fussballbegeisterten 13-jährigen Sohn und die achtjährige Tochter, die am liebsten Badminton spielt. (Thanchanoks ältester Sohn, knapp 20, ist wegen der Arbeit nach Bangkok gezogen.)
In Nong Ki lebt auch Thanchanoks jüngere Schwester zusammen mit ihrem tschechischen Mann und einer schwerstbehinderten 12-jährigen Tochter aus einer früheren Beziehung, für deren Betreuung der Staat monatlich 1000 Baht (gut 25 Euro) überweist. Thanchanoks Schwester hat im wei-teren einen 21-jährigen Sohn, der weggezogen ist und seine fünfjährige Tochter in Nong Ki hinterlassen hat. Der Bruder der beiden Frauen betreibt in der Stadt Lopburi, woher seine Frau stammt, ein Geschäft.
Ein paar Kilometer ausserhalb des Zentrums der Kleinstadt Nong Ki besitzt die Familie einen Bauernhof, wobei wir uns kein Gehöft wie in Deutschland oder der Schweiz vorstellen dürfen: Die vier Generationen leben in drei Häusern an der Hauptstrasse, wobei zwei einen gemeinsamen Innenhof bilden. Thanchanoks Mutter und Schwester betreiben einen kleinen Super-markt, der wenig abwirft, weil die Konkurrenz zu gross ist.
Reis, Mangos – und Fische
Die Felder, durchzogen von einem Bewässerungskanal, liegen etwa zehn Motorroller-Minuten entfernt. Angebaut werden Reis, Kokosnüsse, Guava, Mangos, Bananen und Chili. An einem schulfreien Tag gehen wir mit den Kindern fischen. Die Fischruten sind einfache Bambusstäbe, vorn mit einer Plastikschnur versehen, an deren Ende ein Haken mit einem Köder baumelt.
Die Achtjährige zieht hintereinander zwei Karpfen aus dem Wasser, ihr Bruder wenig später mehrere Tilapias, auch «Buntbarsche» genannt. Am Abend schmort Thanchanoks Mutter den dickeren Karpfen in einem Gemüse- und Kräutersud und frittiert die übrigen Fische, die für ein opulentes Diner für die ganze Familie plus den Gast aus der Schweiz reichen.
An einem anderen Abend ist der Bruder aus Lopburi mit seiner Frau zu Besuch. Zum Abendessen werden im Innenhof Bastmatten ausgelegt. Dort lässt sich die Familie nieder. In der Mitte ein kleiner Feuerofen, auf dem ein Aluminiumtopf thront, in welchem eine Brühe mit Gemüse und Kräu-tern brodelt und in der Mitte Fleischstücke gegrillt werden. (Das ganze wird Hotpot genannt und ist bei Thais sehr beliebt.)
Was nicht auf dem Hof geerntet oder gefischt werden kann, wird im Städtchen eingekauft. Hier gibt es eine grosse, mit blauem Wellblech über-dachte Markthalle, in der es nach Gewürzen, nicht mehr ganz frischen Fischen und heissem Frittieröl riecht. Es gibt den Supermarkt von 7eleven mitten im Städtchen und an der Autostrasse ein Einkaufszentrum.
Dreimal pro Woche wird zudem ein Nachtmarkt abgehalten, auf dem man sich mit lokalen Speisen verpflegt, aber auch mit eher exotischen wie Sushi oder frittierten Seidenraupen. Billigkleider, lokales Kunsthandwerk, chine-sisches Plastikspielzeug, Parfüm und Kosmetika werden ebenfalls ange-boten.
Wie fast überall in Thailand herrscht intensiver Verkehr. Das beliebteste Transportmittel ist der Motorroller; es gibt auch Kleintransporter auf der Basis von Motorrädern. Wer sich ein Auto leisten kann, kauft einen prak-tischen Pick-up.
Hindu- und Buddha-Tempel
Im Dorf gibt es einen hölzernen Buddha-Tempel, der gerade aufgeräumt und hergerichtet wird für ein Tempelfest in ein paar Wochen. Thanchanok zählt auf, was ich alles verpassen werde: Essen und Trinken an vielen Ständen, Thaiboxen, traditionelle Tänze, Musik- und Gesangsdarbiet-ungen. «Das Tempelfest ist das wichtigste Ereignis des Jahres», sagt sie.
A propos Tempel: Eine Anlage ähnlich der von Angkor Wat im heutigen Kambodscha, einst dem Hindu-Gott Shiva geweiht, würde man in Buriram nicht erwarten. Doch hier ist sie: Phanom Rung, ein beeindruckendes, tausendjähriges Bauwerk. Während fast ganz Isaan flach ist, hat man für Phanom Rung eine der wenigen Anhöhen gewählt, den Kegel eines erloschenen Vulkans.
Eine Prozessionsstrasse und eine monumentale Treppe, deren Besteigung in der aufkommenden Mittagshitze den Schweiss aus allen Poren triebt, lassen einen die Anlage in ihrer ganzen Grösse erleben. Kunstvoll verzierte Torbauten und Umfassungsmauern gruppieren sich um den so genannten Prasat, ein zentrales Heiligtum aus Sandstein. Die genialen Architekten des 12. Jahrhunderts haben den Bau so konzipiert, dass die auf- oder unter-gehende Sonne an bestimmten Tagen gleichzeitig durch alle 15 Toröff-nungen scheint.
Phanom Rung liegt nur 30 Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt, und eine weitere Khmer-Anlage, Prasat Mueang Tam, sogar nur 20. Auch Mueang Tam, in der Ebene gelegen, lohnt einen Besuch: Die Anlage besticht durch ihre Symmetrie und die vier L-förmigen Lotos-Teiche, die den zentralen Bereich umschliessen.
Geschichte und Gegenwart
Doch die Geschichte holt einen immer wieder ein: Kurz vor unserem Besuch lieferten sich die thailändische und die kambodschanische Armee schwere Gefechte. «Nur zehn Kilometer von hier schlugen kambod-schanische Raketen ein», erzählt uns eine Frau in Mueang Tam, an deren Essensstand am Rand eines kleinen Sees wir uns verpflegen. «Tausende von Menschen sind hierher geflüchtet.»
Ganz Südostasien ist seit Urzeiten von Rivalitäten zwischen Thailand (dem früheren Siam), Kambodscha (dem früheren Khmer-Reich), Myanmar und Laos geprägt. Im Zeitalter des Kolonialismus gerieten die Länder unter europäische Herrschaft – ausser Thailand, das seine Unabhängigkeit wah-ren konnte.
Die Spannungen zwischen Thailand und Kambodscha gehen auf ebendiese Kolonialzeit zurück: 1904 und 1907 schlossen die Thais mit den Franzosen, die Indochina, also auch Kambodscha, beherrschten, ein Grenzabkommen. Doch der Verlauf der Grenze war an diversen Stellen zu wenig exakt defi-niert. Der Streit darüber, welcher Tempel und welches Reisfeld zu Thailand oder zu Kambodscha gehört, führt immer wieder zu bewaffneten Aus-einandersetzungen. Verstärkt wird der Konflikt dadurch, dass viele Thais die Kambodschaner kollektiv verachten und Kambodschaner die Thais.
So sind Phanom Rung und Mueang Tam nicht nur eindrückliche Zeugen der Vergangenheit, sondern erinnern daran, wie sehr diese auch unsere Gegenwart beeinflussen kann.
Ich war eine gute Woche in Isaan und habe ein Thailand erlebt, das mit den Ferienprospekten nichts gemein hat. Habe ich mich gelangweilt, wie mir prophezeit wurde? Überhaupt nicht. Isaan hat mein Verständnis für dieses faszinierende, facettenreiche Land verstärkt und mir zudem die Möglich-keit gegeben, jenseits aller Hektik darüber nachzudenken, wie unsere Exi-stenz auf Zufällen beruht, die wir nicht beeinflussen können – zum Bei-spiel, ob jemand in Buriram, in Basel oder in Bayern zur Welt kommt.
