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Zuletzt in Indonesien

In Tana Toraja sind die Toten lebendig

Veröffentlicht: 04.09.2026

Bus
Toraja → Makassar
Borlindo
Unterkunft
Pia's Poppies Hotel
Hotel · Tana Toraja
Attraktion
Londa
bei Rantepao, Indonesien
Attraktion
Lemo
südlich von Rantepao, Indonesien
Tour
Ma'nene
Aktivität · Yunus

Ich habe im überraschend bequemen Nachtbus ab Makassar dreimal etwa zwei Stunden geschlafen. So komme ich nach neunstündiger Fahrt am 15. August 2026 einigermassen erholt in Rantepao an, gut 300 km nordöstlich. Rantepao mit rund 43.000 Einwohnern ist Hauptstadt des Bezirks Nord-toraja in Süd-Sulawesi. Touristisch ist die Gegend gut frequentiert, denn sie wird von einer Kultur dominiert, die gleichzeitig morbid und beein-druckend ist. Rantepao ist das Tor zu Toraja, jenem Hochland, in dem die Lebenden mit den Toten in einer Selbstverständlichkeit verkehren, die mich als nüchternen Europäer fasziniert.

In «Pia's Poppies Hotel» finde ich für zwölf Franken (gut zwölf Euro) pro Nacht eine sehr angenehme Unterkunft mit Blick auf die dahinterliegenden Felder und ein riesiges Kreuz auf einem Hügel, der steil aus der Landschaft ragt. Die Region Toraja ist protestantisch geprägt, das muss man für die folgende Geschichte wissen; sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Holländern missioniert. Kirchen stehen in jedem grösseren Dorf. Und gleichzeitig haben sich die vorchristlichen Bräuche gehalten wie fast nirgendwo sonst.

Dächer wie Büffelhörner

Fast sofort fallen die Dächer der Tongkonan auf, die sich wie über-dimensionierte Büffelhörner gegen den Himmel abzeichnen. Tongkonan sind das architektonische Herzstück der Toraja-Kultur. Auf Pfählen er-richtet, mit Dächern aus geschichtetem Bambus – heute als Konzession an die Moderne oft aus Wellblech, das die alte Form nachahmt – stehen sie in Reihen einander gegenüber: auf der einen Seite die Wohnhäuser, auf der anderen die Reisspeicher.

«Jedes Haus demonstriert den Status seiner Familie innerhalb des Dor-fes», erklärt Yunus, mein Guide; Büffelhörner, teilweise auch gebleichte Büffelkiefer, an den Firstpfosten oder den Aussenwänden aufgereiht, zeu-gen von der Zahl der Tiere, die bei vergangenen Beerdigungen geschlachtet wurden – auch dies ein Hinweis auf den Wohlstand der Sippe.

Kein Ort führt die enge Verbindung von Leben und Sterben so unmittelbar vor Augen wie Ke'te' Kesu', ein gutes Dutzend Kilometer südöstlich von Rantepao. Das stattliche Dorf ist eines der am besten erhaltenen der Re-gion; es soll rund 400 Jahre alt sein, wird aber laufend ausgebaut, wie mehrere Baustellen belegen.

Eine Reihe von Tongkonan steht den schlanken Reisspeichern gegenüber, beide reich beschnitzt mit roten, schwarzen und gelben Mustern, die Büffel, Hähne und Lebensbäume zeigen. Alles ist gepflegt, fast museal, und doch bewohnt.

Influencerinnen vor morschen Gebeinen

Hinter der dörflichen Anlage finden sich zuerst Reihen von Tou-ristenshops, dann einige grosszügige Familiengräber mit Statuen der Ver-storbenen in Schaufenstern.

Doch an der steilen Felswand, die das Tal abschliesst, begehbar auf einer mancherorts ausgetretenen Steintreppe, wird es richtig interessant: Holz-särge, einige Jahrhunderte alt, liegen in Nischen und Spalten oder hängen an der Felswand. Manche sind morsch; Schädel und Knochen lugen hervor. Weitere Schädel sind offen auf den Särgen aufgereiht. Man tritt hier in ein stilles Totenreich ein.

Dass sich aufgebrezelte Influencerinnen – maniküriert, geschminkt, in De-signerklamotten und Hijab – vor den Särgen und Gebeinen in Positur wer-fen, gibt der Szene einen surrealen Anstrich. Leben und Sterben, Schönheit und Verfall kennen hier keine feste Grenze.

Wächter aus Holz

Eine andere Form der Bestattung, aber nicht weniger eindrücklich, finde ich im Dorf Londa, ebenfalls wenige Kilometer von Rantepao entfernt. Eine Kalksteinwand ist hier von Grabkammern, übereinandergestapelten Särgen und natürlichen Höhlen durchzogen. Vor den Gräbern wachen Reihen von Tau-Tau: lebensgrosse, aus Holz geschnitzte Figuren mit gemalten Gesich-tern, echten Kleidern und ausgestreckten Armen, als würden sie die Be-sucher in ihr Ahnenreich einladen.

Etwa zehn Kilometer südlich von Rantepao liegt Lemo, ein weiteres Bei-spiel der Bestattungstradition. In eine hohe, fast senkrechte Felswand sind Dutzende Grabkammern von Hand eingemeisselt, ausschliesslich für wohlhabende Familien, denn das Aushauen einer Grabkammer kostet Jah-re Arbeit. Auch hier stehen auf Holzbalkonen Tau-Tau, manche verwittert, andere frisch bekleidet, alle mit stoischem Blick hinaus in die Landschaft.

Nicht nur an diesen besonderen Orten werden Tote bestattet. Grabstätten, entweder gemauert oder aus Holz mit den charakteristischen Tongkonan-Dächern, säumen auch die Strassen, und teilweise liegen sie sogar in den Gärten von Wohnhäusern. 

Ritual wird zum Touristenspektakel

Den Toten werden auffällige Gräber gebaut; da erstaunt es nicht, dass ih-nen auch die aufwendigsten Rituale gewidmet sind. Zusammen mit wei-teren Touristen fahre ich, begleitet von Yunus, dem Guide, hinaus in ein grosses Dorf. Er händigt uns Sarongs aus. Damit bezeugten wir Respekt; Teilnehmende in gewöhnlichen Kleidern seien nicht willkommen, sagt er.

Auf einem staubigen Platz drängen sich die Menschen. Seit Tagen sind Ver-wandte und Freunde herbeigeströmt, um einen Grossvater zu Grabe zu tra-gen, der tatsächlich schon im vergangenen Jahr gestorben ist. Die meisten stammen aus der Region; einige sind aus Makassar angereist, andere sogar aus dem fernen Jakarta. Lordy zum Beispiel, eine junge Frau mit hervor-ragenden Englischkenntnissen, sagt mir, dass sie zwar aus Sulawesi stammt, aber in Jakarta im Verkauf von medizinischem Bedarf tätig ist.

Vor dem Dorf parken Minibusse, und Touristen drängeln sich auf der Su-che nach dem besten Schnappschuss ungeniert vor, viele nicht einmal ad-äquat bekleidet. Ich frage mich, wann auch dieses Jahrhunderte alte Ritual endgültig zur blossen Kulisse für Kameras verkommt. Yunus zuckt mit den Schultern; für ihn ist es eine willkommene Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Kostbare Schlachttiere

Als wir eintreffen, geht das mehrtägige Fest gerade in seine Endphase. Yunus erklärt, was bereits geschehen ist: Am Morgen sind die Wasserbüffel auf den Platz geführt worden. Zudem hat man Dutzende von Schweinen angeliefert, an Bambusstangen gebunden, die jetzt hilflos in der Sonne liegen und manchmal leise quieken.

Die Büffel sind Statussymbole und beinahe unerschwinglich, wenn man sie mit der regionalen Kaufkraft vergleicht. Laut offizieller Statistik («Toraja in Zahlen, 2025») verdient ein Arbeitnehmer hier zwei bis drei Millionen Ru-piah oder knapp 90 bis 130 Franken bzw. Euro im Monat – vorausgesetzt, er hat überhaupt eine geregelte Arbeit. In der Landwirtschaft liegt der Ver-dienst noch tiefer. Ein kleiner schwarzer Büffel kostet etwa fünf Millionen Rupiah (rund 220 Franken bzw. Euro), ein grosser etwa das Doppelte. Richtig teuer wird es, wenn man etwas Besonderes sucht: Schwarz-weiss gefleckte Tiere gibt es ab etwa 50 Millionen Rupiah (rund 2200 Franken bzw. Euro), Albinos für nochmals das Doppelte.

Nach der Parade folgte, laut Yunus, ein Stierkampf. Doch jetzt naht das Ende der Tiere; wir versuchen, uns diskret im Hintergrund zu halten. Die Büffel werden herbeigeführt. Ein Mann packt eines der Tiere beim Nasenring, zieht dessen Kopf hoch und schneidet die Kehle mit einem einzigen gezielten Hieb der Machete durch. Das massige Tier weicht zu-rück, röchelt; eine Fontäne roten Blutes spritzt aus der Halswunde. Dann sinkt es in die Knie und verendet.

Nebenan werden die Schweine geschlachtet; es wird heute ein riesiges Fest-mahl geben. «Nur wenn genügend Blut geflossen ist, kann der Tote in die Welt der Ahnen weiterreisen», erklärt Yunus.

Leichen neu eingekleidet

Nachdem ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zusammen mit vielen an-deren Touristen besucht hatte, wollte ich mit meinem gemieteten Motor-roller die ausgetretenen Pfade verlassen. Das war vielleicht keine sehr gute Idee, denn alsbald fragte ich mich, nach welchen Kriterien die süd-sula-wesische Strassenbaubehörde (falls es sie denn gibt) entscheidet, wo ge-baut und ausgebessert wird und wo nicht.

Man fährt auf einer sauberen, asphaltierten, mit Seiten- und Mittelstreifen versehenen Strasse, die abrupt endet, in eine Schotterpiste übergeht und schliesslich wie ein ausgewaschenes Bachbett wirkt, in dem das Durch-kommen mit dem, nicht für einen solchen Untergrund konzuipierten, Rol-ler mühsam wird und die Rückseite der eigenen Anatomie harte Schläge wegstecken muss.

Doch schliesslich hat sich die Tortur gelohnt. In einem Dorf, dessen Tong-konan sich von weitem am Horizont abzeichnen, ist gerade ein anderes Totenritual im Gang, das sich «Ma'nene» nennt, wie ich später erfahre. Es ist ein Relikt aus dem traditionellen Ahnenkult, der sich im Christentum erhalten hat.

Jede Familie holt alle paar Jahre, häufig im August, ihre Toten aus den Gräbern. Sie sind auffällig gut erhalten, fast mumifiziert. Eine vor langer Zeit verstorbene Frau hat noch erkennbare Gesichtszüge. Sie ist, wie mir ein Mann erklärt, gewaschen und neu eingekleidet worden. Jetzt wird sie durchs Dorf geführt, wie wenn sie noch am Leben wäre.

Für die Toraja ist der Tod kein abrupter Endpunkt, sondern ein lang-wieriger Übergang. Die Toten werden nicht ein für alle Mal bestattet und danach vergessen; bei den Toraja gehören sie weiterhin der sozialen und familiären Gemeinschaft an und werden als Familienmitglieder respektiert. Mit Ma'nene' soll die Beziehung zu den Ahnen weiterhin gepflegt werden.

Zufällige Begegnungen

Für mich als Alleinreisenden sind, um nicht zu vereinsamen, Beziehungen zu Lebenden wichtiger als zu Toten. In «Pia's Poppies Hotel» habe ich Johanna kennengelernt, eine Langzeit-Touristin aus Frankreich. Sie ist mit einem Paar für eine Tour verabredet. Am Abend, ich sitze am Tisch im Restaurant, ertönt mehrstimmig mein Name. Johanna steht da, neben ihr Mégane und David, das spanisch-schweizerische Paar, das ich schon in der Stadt Ende auf der Insel Flores getroffen hatte.

Zwei Tage später holtc mich der Nachtbus zurück nach Makassar vor dem Hotel ab, und wer sitzt in den zwei Polstersitzen direkt neben meinem? Erraten! Johanna hingegen bricht in den Norden von Sulawesi auf. Und trotzdem werde ich sie wieder treffen: Wir sind Anfang September 2026 gleichzeitig auf Siargao vor der Nordostküste Mindanaos, sie für einen Surfkurs, ich fürs Strandleben. Mindanao ist die zweitgrösste Insel der Phi-lippinen, mehr als doppelt so gross wie die Schweiz oder das Bundesland Niedersachsen.

Man treffe sich zweimal im Leben, heisst es. Auf meiner Reise beginne ich, daran zu glauben. Wobei: David und Mégane habe ich schon dreimal getroffen.

Auf einen Blick

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Begleitung
Mit Freunden
KulturellAbseits der Pfade
  • Felsgräber und Tau-Tau in Tana Toraja
  • Ma'nene-Ritual mit neu eingekleideten Toten
  • Nachtbus zurück nach Makassar
MotorrollerSarong
KulturGeschichteTransitRoadtrip
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