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Zuletzt in Makassar

Herz Jesu und 99 Namen Allahs in Makassar

Veröffentlicht: 30.08.2026

Unterkunft
D'Primahotel Pattimura
Hotel · Makassar
Attraktion
Fort Rotterdam
Makassar, Indonesien
Attraktion
Paotere Hafen
Makassar, Indonesien
Attraktion
Pasar Butung
Makassar, Indonesien
Attraktion
Katedral Hati Yesus Yang Mahakudus
Makassar, Indonesien
Attraktion
Masjid 99 Kubah
Makassar, Indonesien
Sehenswert
Losari-Bucht
Makassar, Indonesien

Von Ende auf der Insel Flores mit Umweg über Kupang auf der Insel Timor bin ich am 11. August 2026 doch noch in Makassar, Süd-Sulawesi, ange-kommen – mein ursprünglich geplanter Flug ab Maumere war Vulkan-asche zum Opfer gefallen.

Abends um halb acht ist die Luft über Makassar, der Grossstadt in Süd-Su-lawesi, noch warm wie ein Backofen, dessen Tür offensteht. Ich habe mich wieder mit Mégane und David getroffen, dem Paar aus dem schwei-zerischen Delsberg, dem ich schon in Ende auf der Insel Flores begegnet war. Auf der Suche nach kühlendem Wind und einem Drink sind wir im Lift auf die Dachterrasse des «Swiss-Belhotel» gefahren, wo es eine riesige Bar gibt und eine Live-Band indonesischen Pop und westliche Rock-Klas-siker spielt.

Unter uns liegt der nächtliche Containerhafen wie ein Video-Game: Reihen von orangen und blauen Boxen, gestapelt zu Türmen, dahinter die Kräne, die die Fracht greifen. Lichtquellen tauchen alles in ein schummriges Licht, dazwischen blitzen plötzlich Scheinwerfer auf. Männer hantieren auf den Hafenmolen und zwischen den Containern. Oben auf dem Hotel-Rooftop schmelzen derweil die Eiswürfel in den Gläsern. Dazwischen liegen nur ein paar hundert Meter und zwei Welten, die kaum unterschiedlicher sein könnten, wie Mégane bemerkt: «faszinierend, der Kontrast», meint sie. 

Aus der Becak-Perspektive

Am nächsten Morgen tausche ich die Vogelperspektive gegen die Boden-nähe in einem Becak, einer Fahrradrikscha, bei der vorn eine kleine Pas-sagierkabine montiert ist und der Fahrer hinten in die Pedale tritt. Ich sitze auf der Höhe der Auspuffe von zahllosen Motorrädern und Autos und atme ausgiebig deren Abgase ein, besonders den stinkenden Dieselqualm alter Lastwagen.

Der Hafen von Paotere, ein paar Kilometer nördlich, hat mit dem nächt-lichen Containerballett nichts zu tun. Hier liegen die Pinisi, die tra-ditionellen Segelfrachter, so dicht nebeneinander, dass man fast von einem Bug zum nächsten springen könnte, ohne ins Wasser zu fallen. Ihre Rüm-pfe sind aus Holz, in zahllosen kleinen Werften an der Südküste Sulawesis von Hand gezimmert, die Farbe von Salz und Sonne gebleicht.

Männer tragen Zementsäcke auf den Schultern über schwankende Planken, fünfzig, sechzig Kilo pro Sack. Auf der Hafenmole sind Möbelstücke aus Jepara an der Nordküste Javas abgestellt worden und Berge von Bintang-Bier in Kartons, das in Jakarta gebraut und von dort übers ganze Land verteilt wird. Die Pinisi sind kein folkloristisches Überbleibsel vergangener Zeiten, sondern die billigste Logistik zwischen den gut 17.500 indo-nesischen Inseln. Luxuriösere Varianten für Touristen findet man als Aus-flugs- und Kreuzfahrtenboote vor Bali und zwischen Lombok, dem Komo-do-Nationalpark und der Insel Flores.

Plastiksandalen und tote Hühner

Vom Hafen fahre ich weiter zu einem Seitenkanal, in welchem Fischerboote vertäut sind, und zu einem Fischmarkt, wo der früh am Morgen ange-lieferte Fang verkauft wird. Dann besuche ich den Pasar Butung, den gros-sen Markt im Herzen der Altstadt. Auf dem Weg dorthin kurven wir im Becak durch Strassen mit dichtem Verkehr, und ich stelle mir schaudernd vor, wie meine Beine, immer voraus, die fehlende Stossstange ersetzen.

Die Holländer legten diesen Markt im siebzehnten Jahrhundert an, als Ma-kassar Handelsposten der VOC, der Vereinigten Ostindischen Kompanie, war. Von holländischer Architektur ist wenig übrig, ein paar Kolonnaden, eine Fassade, der Rest ist Beton, Backstein und Wellblech, dazwischen eine Moschee.

Was geblieben ist, ist die Funktion als Umschlagplatz: In denselben Gas-sen, in denen einst Gewürze, Textilien und Sklaven gehandelt wurden, reihen sich heute Stände mit Früchten und Gemüse aneinander, mit Bil-ligklamotten und Plastiksandalen aus China und mit Hühnern, die vor den Augen der Käuferinnen geschlachtet und zerstückelt werden.

Die erste Hochblüte Makassars, das damals Somba Opu hiess, fand noch vor der Eroberung durch die Holländer statt: Mitte des 17. Jahrhunderts hatte die Stadt laut Schätzungen von Historikern bis zu 100.000 Einwoh-ner, war einer der wichtigsten kosmopolitischen Handelsknotenpunkte Südostasiens und die Hauptstadt von Gowa-Tallo, einem mächtigen Dop-pelkönigreich im Süden Sulawesis. 1605 trat der Herrscher von Tallo zum Islam über; am 9. November 1607 wurde der Islam zur Staatsreligion bei-der Königreiche erklärt.

Sultan Hasanuddin, der 1653 bis 1669 regierte (der internationale Flug-hafen von Makassar ist nach ihm benannt), wehrte sich lange gegen die niederländische Kolonisierung, musste sich aber nach einem langwierigen Krieg 1667 geschlagen geben. Die Folge: die Zerstörung der Hauptstadt Somba Opu durch die Niederländer. Die Bevölkerung floh, die Grossstadt schrumpfte auf ein 5000-Seelen-Dorf. Heute leben im Grossraum Makas-sar fast dreieinhalb Millionen Menschen.

Im Fort Rotterdam kann man diese Geschichte nachvollziehen: Das Fort wurde ursprünglich um 1545 vom damaligen Sultan von Gowa als Fort Ujung Pandang errichtet. 1669 fiel es an die niederländische VOC. Admiral Speelman liess die Anlage im europäischen Stil ausbauen und nach seiner Heimatstadt benennen. Fortan kontrollierte Fort Rotterdam den gesamten Gewürzhandel Ostindonesiens – ein steingewordenes Symbol nieder-ländischer Vorherrschaft über das einst stolze Sultanat.

Dicke, schwarze Korallenstein-Mauern, für Besucher begehbar, umschlies-sen einen weitläufigen Rasenhof mit Bäumen. Zwölf niedrige, holländisch anmutende Gebäude mit roten Ziegeldächern – eines wurde allerdings erst in den 1940er-Jahren von den damaligen japanischen Besatzern gebaut – reihen sich entlang der Bastionen; sie dienen heute teils als Museum, teils stehen sie leer. Von den Wällen aus blickt man Richtung Meer, wo einst die VOC-Schiffe ankerten.

Neben dem Fort blockieren mehrere Polizeifahrzeuge eine Nebenstrasse. Junge Polizeirekruten üben das möglichst schnelle Überziehen von Schutz-bekleidung und den Einsatz von Schutzschilden gegen Angreifer. Ich werde begrüsst, wie üblich gefragt, woher ich komme, und um Selfies mit den zukünftigen Hütern der internen Ordnung gebeten.

Türme gegen Kuppeln

Um die Ecke meines Hotels «D'Primahotel Pattimura» steht die Katedral Hati Yesus Yang Mahakudus («Kathedrale des Heiligsten Herzens Jesu»). Sie ist Sitz des Erzbistums Makassar und kirchliches Zentrum eines riesi-gen Gebietes, das ganz Sulawesi (rund 175.000 Quadratkilometer) und die Molukken (rund 75.000 Quadratkilometer) abdeckt – in dem aber nur eine verschwindend kleine Minderheit, etwa 1,6 Prozent, dem Katholizismus angehört.

Fertiggestellt wurde die Kirche im Jahr 1900 in einem Stil, der vage an die Gotik erinnert. Ihre Türme wirken neben den Moscheen der Nachbarschaft fast trotzig, und die Mauern, welche die Anlage umgeben, drücken Ver-teidigungsbereitschaft aus.

Diese ist nötig, wie ein Wachposten am Eingang und die schweren Metallgitter zeigen. Am 28. März 2021 wurde die Kathedrale während der Messe zum Palmsonntag Ziel eines Selbstmordanschlags. Die beiden Atten-täter, ein junges Paar, die Frau im vierten Monat schwanger, fuhren auf einem Motorrad direkt auf das Kirchengelände. Als Wachleute sie stopp-ten, zündeten sie ihre mit Nägeln präparierten Sprengsätze. Beide starben sofort – sie waren die einzigen Todesopfer. 20 Menschen wurden verletzt, unter ihnen vier Kirchenwächter. 

Die Täter waren Mitglieder von Jamaah Ansharut Daulah (JAD, «Partisanen des Islamischen Staates»), einem mit der Terrororganisation «Islamischer Staat» verbundenen indonesischen Terrornetzwerk. JAD war in Indonesien schon 2018 verboten worden, nachdem Anhänger der Gruppe im Mai desselben Jahres drei verheerende Anschläge mit mehr als 30 Toten auf Kirchen in Surabaya sowie auf ein Polizeihauptquartier be-gangen hatten.

Den stärksten Kontrast zu zur Kathedrale vom Herzen Jesu liefert, keine zehn Becak-Minuten entfernt, die Masjid 99 Kubah, die Moschee der 99 Kuppeln, benannt nach den 99 Namen Allahs. Sie wurde erst vor vier Jahren eröffnet und liegt vor der Losari-Bucht auf einer grossen, auf-geschütteten Halbinsel, welche sie mit einem Spitalkomplex und viel Leerfläche teilt. Mit ihren zahllosen, auf den Hauptdom aufgesetzten klei-neren Kuppeln erinnert sie aus der Ferne an eine Muschel.

Makassar lässt sich, wenn man einige Tage zwischen Hafen, Markt und Gotteshäusern pendelt, nicht auf einen Nenner bringen. Es ist eine Stadt, die ihre Vergangenheit als Handelsdrehscheibe nie abgelegt, sondern nur die Handelsware gewechselt hat: früher Muskat, Gewürznelken und Skla-ven, heute Möbel, Bier und Baumaterial. Vom Rooftop auf dem Luxushotel präsentiert sich die polierte Version, aus der Becak-Perspektive das Gewu-sel des Alltags, der nach Fisch und Abgasen riecht.

Auf einen Blick

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