In Tana Toraja sind die Toten lebendig
Vom 15. bis 18. August 2026 war ich in der Gegend von Toraja in Süd-Sulawesi. Hier ist ein ausgeprägter Toten- und Ahnenkult lebendig geblieben.

Veröffentlicht: 09.09.2026




















Am 18. August 2026 kehre ich, in Begleitung von Mégane und Daniel aus dem schweizerischen Delsberg, im Nachtbus nach Makassar zurück, der grössten Stadt auf Sulawesi. Ich habe bereits beschlossen, nach den emotional intensiven Tagen in Toraja und einer mehrstündigen Höllen-fahrt mit dem Scooter auf einigen der schlechtesten Strassen, die ich je er-fahren hatte, jetzt wieder ein paar entspannte Strandtage verdient zu haben.
Nach Online-Konsultationen und einer Übernachtung in Makassar habe ich mich für den Ferienort Bira am äussersten südöstlichen Zipfel von Sulawesi entschieden und dort für eine Unterkunft namens «Villa Panrang Luhu». Der Minibus für die fünfstündige Reise quer über den Süden Sulawesis, rund 200 Kilometer, kostet zwölf Franken bzw. Euro. Theoretisch können zehn Passagiere auf den verschlissenen Kunst-ledersitzen mitfahren; tatsächlich transportiert der mürrische Fahrer nur zwei: eine junge einheimische Frau, mit der ich mangels einer gemein-samen Sprache nicht ins Gespräch komme, und mich.
Der Van bringt mich direkt zur Unterkunft in Bira, und ich staune einmal mehr über den Strassenbau in Sulawesi: Die Hauptstrasse ist zwar mit etwelchen Schlaglöchern gespickt, von denen einige gerade repariert wer-den, aber doch okay. Aber die Zufahrt zur «Villa Panrang Luhu» ist dann wieder eine ausgewaschene und abgefahrene Naturstrasse, kaum genug breit für den Minibus. Am Strand selber geht sie in eine perfekt mit Betonsteinen gepflasterte Strecke über – für deren Benützung man einen Wegzoll entrichten muss.
Ein Bungalow direkt am Strand
Ich habe gelesen, dass die Zeit vorbei ist, da man für zwölf Euro einen Bungalow direkt am Strand bekommt. Das bezog sich auf Thailand. Hier, am Palmenstrand von Panrang Luhu, gibt es dieses Angebot noch – fast: Ich bezahle umgerechnet 15 Franken bzw. Euro, in denen das Frühstück bereits enthalten ist. Okay, es ist kein Luxusresort: Der Bungalow wird von einem Doppelbett fast ausgefüllt. Die Dusche besteht aus einem Schlauch, der von einem Wassertank gespeist wird. Und ins Internet kommt man nur, wenn man Johan bittet, den Hotspot einzuschalten.
Dafür habe ich eine Terrasse mit Tisch, zwei Stühlen und einem Aschen-becher (den ich nicht brauche). Ich stehe an drei Tagen um halb sechs Uhr auf, um die Morgendämmerung auf mich wirken zu lassen, die darin gipfelt, dass die Sonnenscheibe genau zwischen zwei windschiefen Palmen aufgeht, die sich nach links und rechts beugen, als wollten sie die Bühne für das herzwärmende Schauspiel vergrössern.
Apropos Johan: Johan Henrik Andersen ist ein Norweger in seinen Fünf-zigern. Ihm gehört die «Villa Panrang Luhu», die aus einfachen, mit Bambus verkleideten Bungalows besteht. Johan, fast zwei Meter gross, ausgiebig tätowiert, kahlrasierter Schädel, gesprächig und Kettenraucher mit einem kleinen, strubbeligen Hund namens Picasso, ist seit gut zwanzig Jahren hier und erzählt freimütig von seinem komplizierten Privatleben und diversen Geschäften, die er in Südostasien am Laufen hat.
(Zwischenbemerkung: Auf der Liste jener Länder, in denen am meisten Menschen ab 15 rauchen, ist Indonesien ganz weit oben auf Platz zehn. Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung paffen, wobei die Sucht zwischen den Geschlechtern ungleich verteilt ist: nur zwei Prozent der Frauen, hingegen zwei Drittel der Männer. Die Hühnermetzger rauchen beim Metzgen der Hühner; die Bootsbauer rauchen beim Bauen der Boote; die Taxifahrer rauchen beim Taxifahren. «Wer mit fünfzehn nicht raucht, wird von den Gleichaltrigen ausgelacht», erklärt mir ein Junge an der Tankstelle, der wie zehn, zwölf aussieht, aber angeblich sechzehn ist und selbstverständlich raucht, während er meinen Scooter auftankt.)
Friedhof am Strand
Der Name Panrang Luhu stammt aus dem Konjo, der lokalen Sprache, und bedeutet «Grabstätte der Menschen aus Luwu». Luwu war ein früheres Königreich auf Sulawesi ein paar hundert Kilometer nördlich von Bira. Tatsächlich gibt es am Strand einige Gräber, an einer Stelle sogar einen Friedhof. Dieser soll jetzt mit grossem Aufwand verlegt werden, sagt Johan. «Die Grundstücke direkt am Meer werden auch hier immer wertvoller.»
Johan wird in Online-Foren zu Recht als engagierter Gastgeber beschrie-ben. So organisiert er für mich und eine junge englische Touristin einen ganztägigen Ausflug zur Insel Liukang mit zwei ausgiebigen Schnor-chelstopps auf dem Hin- und Rückweg. Am Strand von Liukang gibt es ein Dorf mit einer farbenfrohen Moschee und vielen traditionellen Häusern. Zudem erstreckt sich hier ein kilometerlanger Strand, den man ganz für sich hat, wenn man nur fünf, zehn Minuten aus dem Dorf hinauswandert.
Tagesausflug mit Johan
Am letzten Tag meines viel zu kurzen Aufenthalts in Bira organisiert Johan einen ganztägigen Ausflug für alle seine Gäste. Neben mir sind das Carole, eine Französin, mit ihrer 17-jährigen Tochter Mia sowie Berta und Traval, ein sympathisches Paar aus Barcelona.
Mit vier Motorrollern machen wir uns auf den Weg, zuerst eine schmale Betonstrasse hinauf zu einem Aussichtspunkt. Von hier oben bietet sich ein Rundumblick über Bira, das auf der äussersten Landzunge liegt, was zur Folge hat, dass die einen Hotels und Resorts der aufgehenden, die anderen der untergehenden Sonne entgegenblicken. Bira ist in eine üppige, grüne Landschaft eingebettet, und das Meer, das sie umgibt, prunkt mit tiefen Blautönen in diversen Schattierungen.
Wir fahren weiter zu den Appalang-Klippen. Die steilen, scharfkantigen Felsformationen ragen dramatisch aus dem Wasser. Holzstege ermöglichen einen Spaziergang entlang der Klippen; Picknickplätze laden zum Ver-weilen: über eine Holztreppe kann man hinuntersteigen und sich im nicht sehr kühlen Nass erfrischen.
Die Gegend soll touristisch besser erschlossen werden, erklärt Johan, Tatsächlich sind wir anfänglich die einzigen, die püber die Klippen balan-cieren. Später stösst eine Gruppe Einheimischer dazu, im Mittelpunkt eine sorgfältig geschminkte und auffällig gut gekleidete junge Frau: «Die sind gekommen, um hier Hochzeitsfotos zu machen», sagt unser norwegischer Guide.
Zum Mittagessen fahren wir an die Mandala Ria Beach, einen weiteren fast menschenleeren Strand. In einem einfachen, aber lauschigen Restaurant direkt am Wasser lassen wir uns den indonesischen Standard-Lunch servieren: Suppe, Reis, Huhn und Sambal, den scharfen Dip aus Tomate und Chili. Am Strand steht eine riesige Schaukel.
Tana Beru und Palmwein
Nachmittags steuern wir Tana Beru an, das berühmte Schiffbauzentrum. Direkt am langen Strand stehen hier die halbfertigen Holzschiffe namens Phinisi, eines neben dem andern. Die Phinisi werden nach einer min-destens 700-jährigen Tradition gebaut, aus Holz, ohne Nägel, fast ohne Maschinen. Die Unesco hat «Pinisi, Art of Boatbuilding in South Sulawesi» 2017 auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gesetzt.
Die Boote werden für zwei sehr unterschiedliche Zwecke gebaut: Im Hafen von Makassar habe ich Phinisi-Lastschiffe gesehen, die zwischen den Inseln Waren transportieren. In Bali und vor allem im Komodo-Natio-nalpark hingegen werden besser ausgestattete Boote mit Schlafsälen und Einzelkabinen für kurze Kreuzfahrten eingesetzt.
Nach den Schiffswerften folgt der gesellige Teil des Tages: Am Rand eines Dorfes betreten wir eine informelle, grob gezimmerte Kneipe, in der einige schon sehr aufgekratzte Männer sitzen und uns lautstark begrüssen. Hier wird nur ein Getränk ausgeschenkt: Palmwein.
Johan erklärt, wie dieser gewonnen wird: Männliche Blütenstände der Zuckerpalme werden über mehrere Tage mit einem Holzknüppel geschla-gen, dann aufgeschnitten, so dass der zuckerhaltige Saft ausströmen kann. Durch ein Bambusrohr rinnt der Saft in einen Behälter. Der frische Saft beginnt schnell zu gären und verwandelt sich innert weniger Stunden in den süsslichen Palmwein mit vier bis fünf Volumenprozent Alkohol.
Zwar ist der Palmwein billig, weniger als ein Euro pro Liter. Aber der Besitzer der Kneipe hat doch genug verdient, um aus der Holzhütte über dem Trinklokal in ein neues, steinernes Haus umzuziehen. Seine Kinder tollen herum.
Doch die Wirkung des Palmweins bleibt aus, und kurz vor der Abend-dämmerung ziehen wir weiter in ein Fisch- und Meeresfrüchterestaurant direkt am Strand, wo wir den Sonnenuntergang über der Flores-See geniessen und danach auswählen können, welche Fische für uns in die Pfanne gehauen werden sollen.
Bira ist also Strandleben in Reinkultur, mit Touristen, die vor allem aus Sulawesi selber kommen. Die Bira Beach mit zahllosen Warung, kleinen Imbissen, ist ziemlich belebt; schon den angrenzenden Bara-Strand mit seinem puderfeinen weissen Sand habe ich, abgesehen von ein paar lokalen Familien, praktisch für mich, bis gegen Mittag Boote anlanden, eines nach dem andern, und die Taucherinnen und Taucher, ermattet von den morgendlichen Aktivitäten, mit ihrem schweren Gerät aussteigen und die Treppen zu ihren Resorts erklimmen.
An einem anderen Tag bin ich über holperige Feldwege hinunter zur Dego Dego Beach gefahren. Auch hier: fast niemand, ein paar Jugendliche auf dem Sand, eine kleine Moschee im Unterholz. Doch unmittelbar hinter dem Sandstrand, direkt unter den Palmen, befindet sich eine Müllhalde mit angeschwemmtem Holz, abgeladenem Bauschutt und den verrottenden Rümpfen von hier endgelagerten kleinen Schiffen.
Man entkommt der Zivilisation auch im abgelegensten Winkel von Süd-Sulawesi höchstens temporär.
