Mein norwegischer Reiseführer in Sulawesi
Nach den Abenteuern in Tana Toraja auf Sulawesi legte ich Ende August 2026 in Bira ganz im Süden der Insel ein paar Strandtage ein.

Veröffentlicht: 14.09.2026




















Radikaler Szenenwechsel: Von Bira am Südzipfel der indonesischen Insel Sulawesi bin ich nach Makassar zurückgekehrt und dann nach Denpasar auf Bali geflogen. Im Ferienort Kuta, direkt neben dem Airport, habe ich ein paar Tage verbracht und meine Vorurteile gegen die touristisch ausgelaugte «Götterinsel» bestätigt. Jetzt muss ich ausreisen; nach drei Monaten in Indonesien sind meine Visa-Möglichkeiten erschöpft.
Nach langen Überlegungen fliege ich von Bali nach Cebu, die zweitgrösste philippinische Stadt, die ich von einem Besuch im vergangenen Jahr kenne (siehe mein Blog «Schönheit, Kitsch und Elend in Cebu» vom 30. Mai 2025). Ich war schon dreimal auf den Philippinen; sie zählen zwar «nur» gut 7500 Inseln gegenüber mehr als 17'000 in Indonesien, aber ich habe trotzdem erst einen Bruchteil des Landes erlebt.
Haken mit Surfbrettern
Von Cebu reise ich am 1. September 2026 in einer Turboprop-Maschine ATR 72 der Gesellschaft Cebu Pacific weiter an die Südspitze Mindanaos, auf die Insel Siargao, und komme in einem der kleinsten Flughäfen an, die ich je erlebt habe. Siargao nennt sich «Surf-Hauptstadt der Philippinen»: In den Strassen von General Luna, dem wichtigsten Ferienort, sieht man Motorroller mit improvisierten, mit schwarzem Klebeband umwickelten Haken an der Seite, mit denen Surfbretter transportiert werden.
Für einen Surfkurs ist auch Johanna aus Aix-en-Provence angereist; kennengelernt habe ich sie in «Pia's Poppies Hotel» in Rantepao, Sulawesi. Siargao liegt rund 1600 Kilometer nordöstlich davon, aber wir sind jetzt beide hier und gehen mehrmals zusammen essen; zu zweit rechtfertigt sich die Bestellung einer Flasche Wein, was für mich allein definitiv übertrieben wäre.
«In meinem Hostel haben sie mich ausgelacht, als ich erzählte, dass ich mit einem 73-Jährigen ausgehe», sagt Johanna schmunzelnd. Tatsächlich könnte ich ihr Grossvater sein, aber darum geht es nicht: Sie wird mindestens 18 Monate unterwegs sein, ich ad infinitum, und entsprechend haben wir unzählige Geschichten im Repertoire, die jetzt alle heraussprudeln.
In General Luna reiht sich Resort an Resort, dazwischen Restaurants für jeden Geschmack und jedes Budget und das übliche Strassengedränge. Abgestiegen bin ich in den «Puyo Suites», einem einfachen Gästehaus, dessen «Suiten» eher dem Marketing-Gedanken als der Realität entspringen; die Zimmer sind aber in Ordnung, die Angestellten super. Mein Fixpunkt wird das rund um die Uhr geöffnete «Siargao Book Cafe»; abends wechsle ich zwischen dem «La Mesa» und der «My Greek Tavern», die ein Souvlaki seviert, das fast so gut ist wie jenes, das ich in der Schweiz jeweils selber zubereitet habe.
Der Strand der Toten
Ich laufe dem Strand von General Luna entlang, der, ehrlich gesagt, nichts Besonderes ist – nach drei Monaten Indonesien wird man wählerisch. Dann komme ich zu einer Stelle, die sich «Cemetery Beach» nennt und genau das ist: ein Friedhof mit betonierten Gräbern, Schildern und Postern mit Namen, Fotos und Lebensdaten der Verstorbenen, vom Sand nur durch eine niedrige Mauer abgetrennt; davor Kinder, die um einen Fussball rangeln.
Ich frage mich, woran Perly Espejon gestorben ist, erst 23-jährig, am 25. Oktober 2025. Ein zerknittertes Poster erinnert an sie. Als Vater denke ich an ihre Eltern; ich kann mir kaum etwas Schmerzhafteres vorstellen als den Tod eines eigenen Kindes.
Hüpfen von Insel zu Insel
Von den Stränden um General Luna sieht man am Horizont kleine Inseln flimmern, und so drängt es sich auf, für den nächsten Tag eine Bootsfahrt zum Insel-Hopping zu buchen. Am Morgen holt uns ein Tuk-Tuk vom Gästehaus ab, mich,Nina, eine Touristin aus Manila, sowie Ken und Lordy, ein philippinisches Paar. Unser Boot ist mit zwölf Touristen – die meisten Filipinos und Filipinas – gut gefüllt.
Wir tuckern hinaus auf die Insel Guyam, ein kreisrundes Inselchen, das man in fünf Minuten zu Fuss umrunden kann, mit einem Wäldchen in der Mitte. Neben dem kleinen Sandstrand gibt es Ufer mit scharfkantigem, schwarzem Gestein, wo Baden verboten ist – und auch der Sandstrand ist grösstenteils off-limits, weil hier ein Touristenboot nach dem anderen anlegt. Eine Frau mit Megafon gibt unverständliche, aber über das ganze Eiland hallende Anweisungen.
Auf Naked Island, der nächsten Station, mag man gar nicht vom Boot klettern: Die Insel ist tatsächlich vollkommen nackt, nur eine langgezogene Sandbank.
Auf der letzten Station, Daku, liegen zahllose Auslegerboote wie tote Insekten am Strand; unter Dächern wartet ein malerisches Lunch-Büffet aus Schweinefleisch, Fisch und Früchten auf Bananenblättern, das rasch kahlgegessen ist. Zwischen den Inseln legen wir Stopps zum Schnorcheln ein. Die Enttäuschung ist gross: Sowohl vor Guyam als auch vor Naked Island sind die Korallen tot.
Mit dem Scooter um die Insel
Natürlich will ich erkunden, was ausserhalb der Touristenhochburg General Luna existiert. Dafür miete ich einen Scooter und muss zuerst meine Reflexe umprogrammieren: Nach fast fünf Monaten in Thailand, Malaysia und Indonesien, wo links gefahren wird, muss ich mich auf den Philippinen wieder an den Rechtsverkehr gewöhnen.
Erste Station im Süden ist die Secret Beach, eigentlich Guiwan Beach; die letzte Strecke geht man zu Fuss durch einen Palmenhain, aber der Marsch lohnt sich: nur ein paar Surfer, weisser, feiner Sand und eine fast perfekte Palmenkulisse.
Ich fahre weiter nach Del Carmen an der Westküste, wo mich vor der fast vierhundertjährigen Pfarrkirche ein Mann stolz auf deren Alter anspricht. Auffällig sind die riesige Madonnenstatue im Gegenlicht und eine Kollektion von Statuen, die den Leidenswegs von Christus darstellen – Populärkunst, aber Ausdruck eines Volks-Katholizismus, der auch mich als nicht-religiösen Menschen rührt.
Auf der Weiterfahrt nach Norden stosse ich auf Fischerdörfer auf Stelzen über dem Wasser, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen als die Ferien-Hochburgen und mit dem Tourismus nur isnofern in Berührung kommen, als sie zu Kulissen für Handyfotos werden, eine Rolle, für die sie bestimmt nicht gebaut worden sind.
Kämpfende Hähne und schreiende Männer
An der Hauptstrasse, ausserhalb der Dörfer, taucht plötzlich eine Stelle auf, an der Dutzende von Tricycles und Motorrollern kreuz und quer geparkt sind. Von weitem höre ich lautes Geschrei und folge diesem, von Neugier getrieben.
In einem grossen, aus Holz gezimmerten Schuppen wird mir klar, worum es geht: Hahnenkampf. Männer stehen herum, ihre Tiere im Arm; aus Holzverschlägen ertönt Krähen. Man bezahlt 250 Pesos Eintritt und erklimmt eine provisorisch wirkende Arena mit einer Art kleinem Boxring in der Mitte – Fotografieren ist strikt verboten.
Die Bretterarena ist vollgepackt mit Männern; nur ein paar Verkaufsstände für Mineralwasser und Snacks im Hintergrund werden von Frauen bedient. Es riecht streng nach Schweiss, Zigarettenrauch und einer Note von Hühnerscheisse. Ein Typ im Ring nimmt Wetten entgegen, die ihm die Männer, mit Banknoten wedelnd, laut zuschreien.
Dann werden zwei aufgeregt flatternde Tiere hereingebracht, beide mit metallenen Sporen an den Füssen, die sie nervös abzureissen versuchen. Die Kämpfe sind kurz, fast enttäuschend kurz für den Lärm, der sie begleitet. Die beiden Hähne, ein weisser und ein goldfarbener, gehen aufeinander los, hacken aufeinander ein; Federn stieben, ein unentwirrbares, sich heftig bewegendes Knäuel, und dann liegt das weisse Tier schlaff am Boden. Der Besitzer hebt es auf und trägt es, den Kopf hängend, hinaus, während der Sieger im Ring auf den nächsten Herausforderer wartet.
Wie aus dem Prospekt
Nach diesem Männervergnügen, das jeden Sonntag stattfindet, fahre ich weiter an die Alegria Beach ganz im Norden der Insel: ein langer, fast menschenleerer, von Palmen gesäumter Strand wie aus dem Ferienprospekt. Hier gefällt es mir; ich lasse mir im «Platil's Beach Resort Food House» ein Fischgericht servieren und genehmige mir ein San Miguel – aber nur eines.
Bald fahre ich weiter, durch eine Kokos-Plantage und vorbei an Stränden mit Familien, die hier ihren Sonntag verbringen. Im Dorf Pilar zeigt sich der Dafina-Strand in fast obligater Pracht, doch das einfache Dorf aus Holz- und Wellblechhäusern stösst direkt an, sodass sich das Familien-leben auf dem Sand abspielt.
Zum Sonnenuntergang stehe ich auf der Catagnan-Brücke über einem der Flüsse, die die Insel durchziehen. Hier soll es den schönsten Sonnenuntergang der ganzen Insel geben, und gegen 17.30 Uhr versammeln sich Hunderte von Menschen. Ein paar Verwegene springen von der Brücke ins Wasser; im Gegenlicht fahren Stand-up-Paddler und Ruderer vorbei.
Zwar verhüllen heute Wolken das Spektakel, und die angekündigte Farborgie verblasst. In der anbrechenden Nacht fahre ich mit dem Scooter zurück nach General Luna, mit dem Gefühl, an einem einzigen Tag mehr von Siargao erlebt zu haben, als wenn ich mich eine Woche lang an einem der Strände gefläzt hätte.
