Siquijor, mein philippinischer Sehnsuchtsort
Mitte September verbrachte ich fünf Tage auf der Insel Siquijor, eine Bootsstunde von der Stadt Dumaguete auf der Insel Negros entfernt. Gern wäre ich viel länger geblieben.

Veröffentlicht: 25.09.2026


















Am 16. September bin ich mit dem Bus der Firma Ceres von Dumaguete im Südosten nach Bacolod im Nordwesten der Insel Negros gefahren, sechs Stunden quer durch die Berge. Zwischenstopp in einer Küstenstadt, von der ich noch nie gehört hatte, die aber gut 200.000 Einwohner hat: Kabankalan wurde 1907 von der Nachbarstadt Ilog abgetrennt; Ilog ihrerseits war 1734 bis 1795 unter spanischer Herrschaft die erste Hauptstadt von Negros.
Dumaguete und Bacolod sind durch eine andauernde Rivalität eng miteinander verbunden: 1849 wurde das grössere Bacolod (heutige Einwohnerzahl des Ballungsraums: mehr als 1,4 Millionen) Hauptstadt der Insel. 1890 wurde diese in zwei Provinzen unterteilt: Negros Occidental und Negros Oriental; Bacolod blieb Hauptstadt von West-Negros; Ost-Negros bekam Dumaguete (heutige Einwohnerzahl mit Vororten: mehr als 250.000) als Provinzkapitale.
Überfälle, Revolution, Besetzung
Am ersten Morgen nach der Ankunft besuche ich das Negros Museum an der Gatuslao-Strasse in Bacolod und stosse gleich auf eine Darstellung von Ilog. Auf einem Gemälde wird die Stadt – damals ein kleiner Küstenort – von Moros überfallen. Das kam im 18. Jahrhundert mehrmals vor. Einige Male gelang es den Moros, die Stadt zu plündern, viele Bewohner niederzumetzeln, andere als Sklaven zu entführen. Mehrmals verteidigte sich Ilog aber erfolgreich, einmal, so will es die Legende, dank einer Erscheinung des Jesuskindes.
Mit «Moros» bezeichneten die Spanier die muslimischen Bevölkerungs-gruppen im Süden des philippinischen Archipels. (Es war derselbe Begriff, Mauren, den sie für die muslimischen Invasoren verwendeten, welche Teile der Iberischen Halbinsel während fast 800 Jahren, bis 1492, beherrschten.) Wer jetzt denkt, dass es sich bei den Überfällen von muslimischen Piraten vor allem von der Insel Mindanao, dem Sulu-Archipel und südlichen Regionen von Palawan gegen Städte auf Negros um uralte Geschichten aus dem 18. Jahrhundert handelt, muss nur die Reisehinweise des EDA (des Schweizer Aussenministeriums) konsultieren, um eines Besseren belehrt zu werden.
Das EDA rät noch heute von Reisen nach Mindanao ab (mit Ausnahme der Stadt Davao und einiger Inseln im Norden wie Siargao und Dinagat), und auch vor dem Sulu-Archipel wird explizit gewarnt, ebenfalls vor gewissen Gebieten im Süden Palawans. Es bestehe ein erhöhtes Risiko von terroristischen Aktivitäten und Entführungen, heisst es. Die Verdächtigen sind noch immer dieselben wie einst in Ilog und zahlreichen weiteren philippinischen Orten, nur ist die räuberische Absicht durch eine politische noch verschärft worden: Das EDA nennt die Banden «islamistische Gruppen wie Abu Sayyaf und IS-nahe Organisationen».
Das Museum ist in einem Bau von 1925 untergebracht, der mit seinen Säulen einem griechischen Tempel nachempfunden ist und bis in die frühen 1970er-Jahre als Kapitol der Provinz Negros Occidental diente. Im Erdgeschoss gibt es Wechselausstellungen zeitgenössischer philippinischer Kunst. Interessanter ist das erste Obergeschoss, wo sich historisierende Darstellungen der Urbewohner finden. Zudem stellt hier der «Hacenderos Salon» mit seinen Möbeln, Kleidern und Schmuck, ergänzt durch historische Fotos, den Lebensstil jener Elite von Bacolod und Umgebung dar, die mit dem Anbau von Zuckerrohr und dessen Verarbeitung stinkreich wurden.
Eine wichtige Rolle spielte die Stadt beim Aufstand der Filipinos gegen die Spanier: Im November 1898 rief eine provisorische Junta unter Aniceto Lacson die Republik Negros aus. Die Unabhängigkeit währte allerdings nicht lange: Schon im März 1899 besetzten amerikanische Truppen die revolutionäre Hauptstadt. Am 21. Mai 1942 marschierten die Japaner ein; fast exakt drei Jahre später wurde die Stadt befreit.
Zeugen des ehemaligen Reichtums
Bacolod ist eher chaotisch, mit hässlichen modernen Gebäuden, ausgedehnten Siedlungen von Backsteinhäuschen mit Wellblechdächern, die direkt an neue Grossbauten angrenzen. Die japanischen Besetzer nutzten sie als Garnison und rissen vieles nieder, was sie nicht brauchten oder was ihnen verdächtig vorkam. Wenige Jahre später, am 14. April 1955, wurde ein beträchtlicher Teil der Innenstadt bei einem Grossbrand zerstört; zahlreiche Geschäfte und Wohnhäuser sowie der Central Market fielen den Flammen zum Opfer.
Den einstigen Reichtum erlebe ich direkter in Silay, gut fünfzehn Kilometer nördlich. Hier stehen einige gut erhaltene, luxuriöse Residenzen der einstigen Zuckerbarone. Die bekannteste ist das Victor Fernandez Gaston Ancestral House, leider wegen Renovierung geschlossen. Victors Vater Yves Leopold Germain Gaston kam aus der Normandie, heiratete eine Filipina, gründete eine Hazienda und installierte die erste dampfbetriebene Zuckermühle der Insel.
Sohn Victor, bereits hier geboren und aufgewachsen, erbaute 1897 dieses Stadthaus, in dem er mit seinen Kindern bis zu seinem Tod 1927 lebte, und zwar als Witwer. Denn ungefähr zur Zeit des Hausbaus starb seine Frau Filomena Maquiling nach der Geburt des zwölften Kindes. Später verfiel das Haus. Engagierte Negrenser restaurierten es und eröffneten es 1990 als Museum.
Zum Lunch gehe ich in das «1898 Casa & Restaurante». Der Name stammt, wie eine Skulptur im Vorgarten demonstriert, nicht vom Baujahr der eleganten Doppel-Villa, sondern vom 12. Juni 1898, als die Philippinen ihre Unabhängigkeit von Spanien proklamierten. Diese war kurzlebig: Schon am 10. Dezember 1898 trat Spanien seinen Anspruch an die USA ab.
Statt den Filipinos die erhoffte Freiheit zu geben, traten die Amerikaner Anfang 1899 einen Krieg los, der in der neuerlichen Unterwerfung des Landes endete. Erst 1946, nachdem sie auch noch von Japan besetzt worden waren, wurden die Philippinen tatsächlich unabhängig.
Errichtet wurden die beiden identischen Villen Mitte der 1930er-Jahre, während der amerikanischen Kolonialzeit, von Generoso Yuson Gamboa Sr. (1876–1952) für seine beiden Söhne und deren Familien. Gamboa war einer der Hacenderos, die mit Zucker reich geworden waren. In den 1930er-Jahren amtete er kurzzeitig als Bürgermeister von Silay.
Neurenaissance auf Negros
Ein anderes Prunkstück von Silay ist die San Diego Pro-Cathedral. (Eine Pro-Kathedrale ist eine Pfarrkirche, die jeweils als Bischofssitz dient, wenn die eigentliche Kathedrale, im konkreten Fall San Sebastian in Bacolod, nicht genutzt werden kann, zum Beispiel wegen Renovationsarbeiten.)
Die Kirche, erbaut ab 1925, wirkt wie ein italienischer Dom aus der Renaissance, was weiter nicht verwundert: Der Zuckerbaron Don Jose Ledesma, der den Bau finanzierte, unterstützt von Spenden, liess den italienischen Architekten Lucio Bernasconi kommen. Dieser legte die Kirche als lateinisches Kreuz an und krönte sie mit einer vierzig Meter hohen Kuppel.
Mehr noch als die Herrenhäuser ist die Kirche San Diego ein Sinnbild der einstigen Opulenz: ein reicher lokaler Mäzen, ein Architekt, von weither zugezogen, und eine Stadt, die manifestierte, was sie sich leisten kann.
Bacolod bei Nacht
Einer meiner Abendspaziergänge führt an der diskret beleuchteten Kathedrale vorbei zum Bacolod City Charter Anniversary Monument, einer Reproduktion der Fassade des neuen Regierungszentrums. Es handelt sich hier, mindestens bei Nacht, um doppelten Kitsch: Erstens ist das Monument mit seinen pseudo-griechischen Säulen nur sieben Jahre alt. Und zweitens wird es nachts in eine permanent oszillierende Farborgie getaucht.
Zum Abendessen habe ich eines der edelsten (aber mitnichten teuersten) Lokale der Stadt gewählt: «Maria Kucina Familia» im Mirasol Mansion an der La Salle Avenue. Bacolodnons nennen das Haus im neoklassizistischen Stil wegen seiner strahlend weissen Fassade und der imposanten Säulen ehrfürchtig das «Weisse Haus». Das Mansion ist jünger, als sein Stil suggeriert: Erbaut wurde es Anfang der 1970er-Jahre für die reiche Familie Mirasol als bewusstes Zitat der weit zurückliegenden Ära der Zuckerbarone.
Irgendwann gab die Familie Mirasol das Haus auf; es stand leer, bis sich die Denkmalpflege seiner annahm und die Idee einer neuen Nutzung entwickelte. Nach sorgfältiger Restaurierung zog das Restaurant im April 2026 ein, das zuvor fast ein Jahrzehnt an einer anderen Adresse beheimatet war. Die Zimmer wurden zu Themenräumen: Musikzimmer, Bibliothek, Kunstsalon. Die ganze Pracht des Hauses erschliesst sich einem, wenn man eine der beiden geschwungenen Treppen hinaufsteigt, unter der hohen Decke und den Glaspaneelen. Das Lokal ist auch an einem gewöhnlichen Abend sehr gut frequentiert; serviert wird hier eine elegante asiatische Fusionsküche.
An einem anderen Abend und in einem weniger edlen Lokal probiere ich selbstverständlich auch das berühmte Chicken Inasal aus. Die mit vielen Gewürzen marinierten, dann gegrillten Hähnchen-Teile gelten als kulinarisches Aushängeschild der Stadt, und das zu Recht: Ich habe auf meinen Reisen durch Südostasien Dutzende Male Huhn gegessen, aber kaum eines war so würzig und so zart wie das Inasal von Bacolod.
Nach drei Tagen nehme ich ein weiteres Mal ein Oceanjet-Schnellboot. Wir gleiten vorbei an der grünen Insel Guimaras, woher die angeblich weltbesten Mangos stammen, meine tropischen Lieblingsfrüchte. Eine knappe Stunde dauert die Fahrt bis Iloilo City, gerade lang genug, um mich auf das nächste Städteerlebnis einzustimmen.
