Der Heilige Berg bei Chau Doc
Am 11. Oktcober 2026, dem zweiten Tag meines Besuchs in Chau Doc im Mekong-Delta, gab ich mich auf dem Berg Sam ganz der Spiritualität hin.

Veröffentlicht: 31.10.2026



















Nach der spannenden Woche im Mekong-Delta sind Mitte Oktober 2026 wieder einmal Strandtage fällig. Ich weiche nach Mui Ne aus, da ich die Insel Phu Quoc bereits kenne, die sich, rein geografisch betrachtet, aufgedrängt hätte (siehe https://vakantio.de/vogel-fliegt-aus/chinesische-doerfer, mein Blog vom 13. Dezember 2024).
Mui Ne ist ein lang gezogener Küstenort gut 200 Kilometer östlich von Ho-Chi-Minh-Stadt. «Vor allem Vietnamesen selber machen dort Urlaub», hat mir Chi Pi, eine Bekannte, gesagt. Wer sonst noch hierherkommt, verraten die Ladenfassaden und Restaurantaufschriften: Neben Vietnamesisch und vereinzelt Englisch und Chinesisch ist sehr vieles auf Russisch angeschrieben.
Ich habe mich für ein kleines Resort namens «My Little Garden» entschieden. Mein Bungalow, nicht sehr gross, aber mit allem Notwendigen ausgestattet, kostet umgerechnet 13 Franken pro Nacht. Frühstück gibt es nicht, dafür einen direkten Blick auf einen Teich, dicht bewachsen mit Lotusblüten, um den sich das Resort gruppiert.
Das Meer liegt zwar jenseits der Strasse, doch zum Strand gelangt man nur über einen Umweg, denn an den meisten Stellen ist er mit Restaurants und Hotels zugestellt.
Die Küste ist für Kite- und Windsurfen bekannt; Surfschulen säumen sie. Günstig soll der Wind vor allem in der Trockenzeit sein, von etwa November bis März, doch schon im Oktober lassen sich zahlreiche Surfer über die Wellen treiben. Zum Schwimmen ist das Wasser etwas zu unruhig.
Vietnamesische Sahara
Berühmt ist Mui Ne allerdings für seine Sanddünen, die in Reiseprospekten gern (und ziemlich übertrieben) mit jenen der Sahara verglichen werden. Ich habe einen frühmorgendlichen Ausflug gebucht; am Steuer eines in der Sowjetunion gebauten UAZ-469-Geländewagens sitzt Bo. Die Sowjet-Jeeps standen einst im Dienst der vietnamesischen Armee, wurden dann in Bonbonfarben umgespritzt und für Touristen hergerichtet. Unbequem sind sie noch immer.
Zuerst fahren wir zu den Weissen Sanddünen, um dort den Sonnenaufgang auf unser Gemüt wirken zu lassen. Die hoch aufgeworfenen Dünen fallen zu einem See ab, als Lotussee bekannt. Am Horizont drehen sich Dutzende von Windrädern, was die Stromversorgung des Landes verbessert, aber nicht die Ästhetik der Landschaft.
Einen Geländewagen hätten wir nicht gebraucht: Wir müssen ihn am Eingang parken und (gegen Aufpreis) auf Quads umsteigen. Eine regelrechte Quad-Völkerwanderung, laut knatternd und abgasspeiend, bewegt sich zur höchsten Kuppe; allein ist man hier sogar in der Nebensaison nicht. «In der Hauptsaison ist es viel, viel schlimmer», versucht Bo zu beruhigen.
Leider ist der Himmel so dicht verhangen, dass statt eines opulenten Sonnenaufgangs nur ein paar verschleierte Lichtstreifen zu sehen sind. Was ist das Gegenteil von «überwältigend»? Nennen wir das Erlebnis «unterwältigend».
Ein Hauch von Benidorm
Auf dem Rückweg erkenne ich bei Tageslicht, was in der Finsternis verborgen war: Auf einem Hügel über dem Strand protzt eine gewaltige Hotelanlage aus vier 25-stöckigen, quer in die Landschaft geklotzten Gebäuden. Sie würde nach Benidorm passen, nicht an diese noch einigermassen natürliche Küste. Das «Hotel Apec Mandala Wyndham» beherberge vor allem vietnamesische und chinesische Touristen, erklärt Bo.
Weiter Richtung Mui Ne steht am Strand ein graues, betoniertes Ungetüm mit abgebrochener Karriere als Bettenburg, an dem Pflanzen emporwuchern: Dem Hotelprojekt ging vor rund zehn Jahren mitten im Rohbau das Geld aus, sagt Bo. Ein Palast mit Renaissance-Kuppel, an dem jeder Quadratmeter Fassade für eine Verzierung herhalten musste, ist hingegen vor Kurzem fertig geworden. Wer eine Basilika vor sich zu haben glaubt, irrt: Es ist das Wohnhaus einer reichen Familie.
Die Roten Sanddünen, unser nächster Halt, sind kleiner als die Weissen; der Sand schimmert je nach Lichteinfall orange bis rostrot. Im Schatten eines ausladenden Baumes haben sich Getränkeverkäuferinnen niedergelassen. Ich ziehe die Flipflops aus und lasse den Sand durch die Zehen rinnen.
Auch den Fairy Stream (Feenbach) erkundet man barfuss: Man watet bachaufwärts durchs flache Wasser. Links erheben sich rötliche und weissliche Sandstein- und Lehmbänke, welche die Erosion zu bizarren Formen modelliert hat; rechts stehen Palmen, und in gezimmerten Ständen am Ufer werden Kaffee, Süssigkeiten und Souvenirs angeboten.
Ein Sandstrand voller Fische
Als letzte Station der Morgentour steht ein Fischerdorf auf dem Programm. «Dorf» ist der falsche Ausdruck: Es ist ein Strandabschnitt, vor dem zahlreiche Fischerboote ankern, dazwischen runde, blaue Gefährte, die wie überdimensionierte Suppenschüsseln aussehen. Früher waren diese Korbboote aus Bambus geflochten, heute bestehen sie aus Kunststoff. Die Fischer haben ihren Fang an Land gebracht. Hier sortieren Frauen Fische und Meeresfrüchte und verkaufen sie direkt am Strand an Restaurateure, Supermärkte und Private.
Am folgenden Tag fahre ich mit dem Roller ins Hinterland zum Ta-Cu-Berg, gut anderthalb Stunden entfernt. Eine Seilbahn überwindet auf 1,6 Kilometern gut 500 Höhenmeter, die Fahrt dauert rund zehn Minuten. Von der Bergstation führt ein Weg zur buddhistischen Tempelanlage Linh Son Truong Tho, die im 19. Jahrhundert auf den Mönch Tran Huu Duc zurückgeht. Noch ein Stück höher, über fitnessfördernde 300 Stufen, liegt eine Buddha-Statue, 49 Meter lang, aus weiss gestrichenem Beton, in den 1960er-Jahren gebaut.
Am nächsten Tag steht Phan Thiet auf dem Programm; ich miete einen Motorroller. Wenige Kilometer vor der Stadt halte ich bei den Po-Sah-Inu-Türmen: drei rote Backsteinbauten, gut 1200 Jahre alt, aus der Zeit, als das hinduistisch geprägte Reich der Cham die Küste beherrschte. Der Hauptturm ist Shiva geweiht. Im 15. Jahrhundert kamen schlichtere Schreine für Prinzessin Po Sah Inu hinzu, nach der die Anlage heute heisst. Sie ist überschaubar, doch vom Hügel reicht der Blick über Phan Thiet und die Küste.
Ich fahre in die Stadt Phan Thiet hinein, rund 20 Kilometer westlich von Mui Ne. Auf dem Markt kann ich gerade noch eine freundliche Verkäuferin von getrockneten Fischen und Garnelen fotografieren, bevor mein Handy den Geist aufgibt. Jetzt nicht in Panik geraten! Direkt nach dem Reisepass, eigentlich diesem gleichgestellt, ist das Handy der wichtigste Gegenstand, den man als Reisender mit sich führt.
Online auf dem PC finde ich Mr. D., der als Handy-Doktor begeisterte Bewertungen erhält. Er muss mein ramponiertes iPhone nur kurz in die Hand nehmen: «Die Batterie ist hinüber», sagt er und ersetzt gleich auch das zersplitterte Glas. Am Abend kann ich das Gerät abholen. Für 1,6 Millionen vietnamesische Dong, knapp 50 Franken oder gut 50 Euro, hat Mr. D. mir das Leben gerettet – oder mindestens die Weiterreise.
Fischsauce über alles
Ich habe schon mehrmals beschrieben, wie sehr ich die südostasiatische Küche schätze, vor allem die thailändische und die vietnamesische. An eine besonders wichtige Zutat habe ich mich aber nach all der Zeit noch nicht gewöhnen können: Fischsauce.
Nuoc mam, wie sie auf Vietnamesisch heisst, besteht aus zwei Zutaten: kleinen Meeresfischen, meist Sardellen, und Meersalz. Beides wird im Verhältnis von etwa drei zu eins in grosse Holzfässer oder Tonkrüge geschichtet und bleibt dort, in der Hitze sich selbst überlassen, ein halbes bis über ein Jahr lang. Was unten abgezapft wird, ist die erste und feinste Qualität, nuoc mam nhi. Mit Limettensaft, Zucker, Knoblauch und Chili wird sie zum Dip für Frühlingsrollen, Reisnudeln und Grillfleisch, und in Suppen und Marinaden übernimmt sie die Rolle, die bei uns das Salz spielt.
Phan Thiet ist stolz auf seine Fischsauce, die hier noch in traditionellen Betrieben hergestellt wird. Es gibt sogar ein Museum der Fischsauce, das die Geschichte des Gewerbes und die Verarbeitung der Fische erklärt. Ich werde mich wohl mit dem Geruch versöhnen müssen, der mich – leider – etwas an Abwasser erinnert.
