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Zuletzt in Can Tho

Vietnams südlichste Millionenstadt

Veröffentlicht: 18.10.2026

Unterkunft
Hotel · Can Tho
Sehenswert
Ninh Kieu
Can Tho, Vietnam
Museum
Can-Tho-Museum
Can Tho, Vietnam
Sehenswert
Hai-Ba-Trung-Strasse
Can Tho, Vietnam
Sehenswert
Can Tho Market
Can Tho, Vietnam
Sehenswert
Prison provinciale
Can Tho, Vietnam
Attraktion
To dinh Chua Bao An
Can Tho, Vietnam
Attraktion
Chua Phat Hoc
Can Tho, Vietnam
Attraktion
Chua Munir Ansay
Can Tho, Vietnam
Attraktion
Kathedrale des Heiligsten Herzens Jesu
Can Tho, Vietnam

Es gibt viel Literatur über das Mekong-Delta im Süden Vietnams, nicht nur die Betrachtung aus der kolonialen Optik von Marguerite Duras in ihrem Roman «L’Amant», über den ich im letzten Blog-Beitrag geschrieben habe. Die Landschaft aus Flussarmen, Kanälen, Reisfeldern und Mangrovenwäldern und das Leben der Menschen am und auf dem Wasser haben viele Schriftsteller inspiriert; «Endlose Felder» von Nguyen Ngoc Tu zum Beispiel erhielt auf Deutsch 2018 einen Literaturpreis.

Doch ich will das Delta nicht auf dem Papier und in Youtube-Dokumentationen erleben und bin deshalb Anfang Oktober 2026 zuerst in Can Tho, danach in Chau Doc an der Grenze zu Kambodscha abgestiegen. Mein Hotel im Zentrum, das «Lion 11», ist modern, sauber und hat grosszügige Zimmer und Bäder. Für 23.50 Franken (gut 25 Euro) pro Nacht ist es eines der besten Stadthotels meiner Reise.

Die Millionenstadt Can Tho liegt am Hau, auch Bassac genannt, dem wichtigsten Nebenarm des Mekongs. Wer abends an der Uferpromenade Ninh Kieu steht, begreift rasch, dass hier alles nach dem Wasser ausgerichtet ist. Direkt vor der Kaimauer dümpeln altmodische, grosse Holzboote, auf denen Menschen leben. Ausflugsschiffe warten auf Ausflügler, Fischerboote auf den nächsten Fang, schwimmende Restaurants auf Touristen.

Väterlich grüsst Onkel Ho

Die Promenade ist ein kleiner Park dort, wo der Can-Tho-Fluss in den Hau mündet. Die jüngere Geschichte Vietnams wirft sich hier in Positur: Mitten im Park steht eine über sieben Meter hohe, goldfarbene Statue von Ho Chi Minh auf einem Sockel von dreieinhalb Metern. Väterlich grüsst «Onkel Ho», wie die Vietnamesen ihn nennen, die Szenerie.

Der Platz war ursprünglich nur eine Anlegestelle für Fischer und Marktfahrer. Die Franzosen, die das Delta seit den 1860er-Jahren beherrschten, befestigten 1876 das Ufer. Erst 1957, als sie längst weg waren, liess der damalige vietnamesische Provinzgouverneur Promenade und Park anlegen.

Wer sich mit der Geschichte Vietnams beschäftigt, stösst sofort auf Komplexes, hier im Park und im nahen Can-Tho-Museum. Ninh Kieu, der Name des Parks und des ganzen Stadtquartiers, heisst wörtlich «Friedensbrücke», und der Name ist älter als die Stadt, die ihn trägt, denn Can Thos Geschichte beginnt offiziell erst 1739.

Eine Friedensbrücke aus dem Norden

Ninh Kieu hingegen geht auf ein Ereignis im 15. Jahrhundert zurück: Le Loi, der spätere Kaiser und Begründer der Le-Dynastie, ist ein Nationalheld, eine Art vietnamesischer Wilhelm Tell. Er gründete eine Befreiungsarmee und führte einen Guerillakrieg gegen China, das von der Ming-Dynastie regiert wurde und Vietnam besetzt hielt. (Das Land umfasste damals nur den Norden und die Mitte des heutigen, langgestreckten Staatsgebiets.) Im November 1426 besiegten Le Loi und seine Rebellen die Armee der Ming unweit der heutigen Hauptstadt Hanoi, obwohl sie den Chinesen um das Zehn- bis Zwanzigfache unterlegen waren: fünf- bis zehntausend Vietnamesen gegen fast hunderttausend Chinesen. An der Brücke von Ninh Kieu starben Zehntausende chinesische Soldaten.

Mit dem Süden hat der Name der Uferpromenade von Can Tho also zunächst nichts zu tun. Das Mekong-Delta, mehr als 1100 Kilometer von Hanoi entfernt, gehörte damals zum Reich der Khmer, die Chinesen erreichten es nie, und Vietnamesen lebten dort noch nicht. (Über das Khmer-Reich und dessen Hauptstadt Angkor habe ich unter anderem am 7. April 2026 geschrieben: https://vakantio.de/vogel-fliegt-aus/angkor-die-ehemalige-weltstadt.)

Erst im späten 17. und im 18. Jahrhundert drängten vietnamesische Siedler und Soldaten nach Süden und verdrängten die Khmer Schritt für Schritt. (Wobei «Vietnamesen» ein unpräziser Begriff ist: Im heutigen Vietnam zählt man nicht weniger als 54 Ethnien.) Später versah man Parks, Strassen und Plätze in den neuen Gebieten des Südens mit Namen aus dem Norden, vermutlich, um den Zusammenhalt des grösser gewordenen, geografisch äusserst diversen Landes zu manifestieren. So gab eine Schlacht des Nordens dem Hau-Ufer in Can Tho im Süden den Namen.

Märkte für Einheimische und Touristen

Am Abend füllt sich die Hai-Ba-Trung-Strasse am Ufer mit Ständen. Der Nachtmarkt öffnet gegen fünf Uhr nachmittags und läuft bis Mitternacht. Strassenküchen bieten alle möglichen Gerichte der Region an, zum Beispiel die bekannte Nudelsuppe Pho, Baguette-Sandwiches, die hier Banh mi heissen, oder Ca loc nuong trui, gegrillter Schlangenkopffisch. Auf dem Fluss legen Ausflugsboote zu Abendfahrten ab; Restaurants erstrahlen im vielfarbigen Neon.

Der Markt von Can Tho, ein Gebäude aus der Kolonialzeit, leuchtet von innen; er befindet sich ebenfalls direkt am Hau-Ufer und grenzt unmittelbar an den Ninh-Kieu-Park. Der lang gestreckte Rechteckbau misst gut 1700 Quadratmeter, die Front liegt zur Hai-Ba-Trung-Strasse, der Rücken zum Fluss. Gebaut wurde er um 1915, zur gleichen Zeit wie die grossen Märkte Ben Thanh und Binh Tay in Saigon. Rund achtzig Stände teilen das Innere.

Die Markthalle wurde im Lauf der Jahrzehnte stark in Mitleidenschaft gezogen, weshalb das Gebäude 2005 umfassend restauriert wurde. Nicht nur die Fassade, auch die skelettartige Dachkonstruktion im Inneren blieb erhalten. Der Markt richtet sich heute eher an Touristen. Das kann man nicht nur am Angebot ablesen – Kleider, Schuhe, Souvenirs, dazwischen Kaffee-Stände – sondern auch daran, dass dies der einzige Ort in Can Tho ist, wo man von übereifrigen Verkäuferinnen und Verkäufern direkt angequatscht wird.

Der eigentliche Markt für die lokale Bevölkerung befindet sich in der Verlängerung der Hai-Ba-Trung-Strasse flussabwärts. Dort gibt es alles fürs tägliche Überleben, von Schweinefleisch, das ungekühlt in grossen Stücken ausliegt, über Früchte, Gemüse, Reis, Nudeln bis hin zu Werkzeugen, Motorrad-Ersatzteilen und kleinen Kleiderläden.

Aus der französischen Kolonialzeit steht in Can Tho wenig. Eine Institution der Kolonialisten allerdings haben die Vietnamesen sorgfältig erhalten. Sie ist von einer gelben Mauer mit Stacheldraht von der Strasse abgetrennt, und über dem Tor ist ihre ursprüngliche Funktion nachzulesen: «Prison provinciale».

Buddhistische Tempel und eine Kathedrale

Vom «Lion 11» aus habe ich nicht nur die Uferpromenade, sondern auch das Stadtzentrum erkundet und bin dabei auf drei buddhistische Bauwerke gestossen. Anders als in anderen südostasiatischen Ländern spielt der Buddhismus hier allerdings eine untergeordnete Rolle: Bei der Volkszählung 2019 bekannten sich nur knapp fünf Prozent zu ihm, zum Katholizismus gut sechs Prozent. Volle 86 Prozent der Vietnamesen sind offiziell konfessionslos.

Das ist zum Teil eine Folge der Politik: Im kommunistischen Vietnam wurde die Religionsausübung nach der Eroberung des Südens durch den Norden 1975 eingeschränkt, staatlicher Kontrolle unterworfen und teilweise verfolgt. Zum Teil liegt es auch an der Zählweise, denn Ahnenkult und Volksreligion fallen in der Statistik unter «ohne Religion».

In einer Nebenstrasse stosse ich auf ein auffälliges mehrstöckiges Heiligtum, das To dinh Chua Bao An, ein Gebäude, das dicht mit Drachenmotiven und Schrifttafeln verziert ist. Seine Anfänge reichen in die französische Kolonialzeit zurück. Hier werden religiöse Zeremonien abgehalten; es ist aber auch eine traditionsreiche, klösterliche Ausbildungs- und Wirkungsstätte buddhistischer Nonnen.

Exponiert an einer breiten Strassenkreuzung hingegen steht die Chua Phat Hoc. Grüne Ziegeldächer in mehreren Stufen, geschnitzte Holzbalkone, Drachenfiguren an den Dachenden. Die Pagode wurde 1951 von einer buddhistischen Studiengesellschaft errichtet und zweimal umfassend um- und ausgebaut. Seine heutige Form erhielt das Gebäude erst 2012 bis 2014. Die Chua Phat Hoc ist gleichzeitig buddhistische Gebets- und Bildungsstätte; der Name bedeutet sinngemäss «Pagode des buddhistischen Studiums», wie mir der Mann erklärt, der meine Fragen beantwortet.

Schräg gegenüber steht ein weiteres buddhistisches Heiligtum, das seine heutige Form ebenfalls erst in den letzten Jahrzehnten erhielt, aber durch seinen völlig anderen Stil auffällt: die Chua Munir Ansay mit ihren leuchtend gelben Dächern, feinen Schnitzereien und Statuen von Fabelwesen.

Zwei Richtungen des Buddhismus stehen hier auf engstem Raum einander gegenüber: In der Chua Phat Hoc wird der Mahayana-Buddhismus gepflegt, in dessen Mittelpunkt das Streben nach Erleuchtung steht. In der Chua Munir Ansay hingegen wird der Theravada-Buddhismus zelebriert, der unter den Khmer in Südvietnam verbreitet ist. Theravada hält sich stärker an die Lehre des historischen Buddha, den klösterlichen Weg und die Befreiung vom Leiden.

Bei so viel buddhistischer Präsenz wollen natürlich auch die Katholiken nicht hintanstehen. Ebenfalls mitten in der Stadt finde ich die Kathedrale des Heiligsten Herzens Jesu, erbaut ab 1899, eingeweiht 1916. Den Status als Kathedrale, also Sitz eines Bischofs, erhielt die Kirche 1960. Ich google die Zahl der Katholiken in Vietnam: Bei der Volkszählung 2019 waren es nur rund sechs Millionen; inzwischen nach eigenen Angaben 7,5 Millionen. Sie sind gut behütet: Vietnam zählt nicht weniger als 24 Diözesen und drei Erzbistümer.

Nach dieser göttlichen Erbauung zieht es mich wieder hinunter zum Fluss, auf den Nachtmarkt, wo ich mein leibliches Wohl stärken will: Ich muss unbedingt herausfinden, wie der gegrillte Schlangenkopffisch schmeckt.

PS: Vietnamesisch wird mit lateinischen Buchstaben und einer verwirrenden Zahl von Akzenten geschrieben, die die Aussprache regeln. Weil wir sie ohnehin nicht beherrschen und sie die Lektüre erschweren, habe ich sie diesmal weggelassen.

Auf einen Blick

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Wetter
Herbst
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KulturellKulinarisch
  • die Uferpromenade Ninh Kieu
  • der Nachtmarkt von Can Tho
  • To dinh Chua Bao An
  • Chua Phat Hoc
  • Chua Munir Ansay
  • die Kathedrale des Heiligsten Herzens Jesu
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