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Französin liebt Chinesen im Mekong-Delta

Veröffentlicht: 10.10.2026

Attraktion
Binh Thuy Ancient House
Cần Thơ, Vietnam

    Ich habe schon in diversen Ländern am Mekong gestanden oder bin auf ihm gefahren, diesem trägen, braunen Fluss, den die Laoten «Mutter aller Wasser» nennen. Das passt, denn er ist die Lebensader Südostasiens, entspringt auf mehr als 5200 Metern über Meer im tibetischen Hochland und fliesst fast 4500 Kilometer weit hinunter nach Vietnam. Am Goldenen Dreieck zwischen Myanmar, Thailand und Laos kann man Zipfel der drei Länder an seinem Ufer gleichzeitig überblicken; Flussfahrten in Laos gehören zu meinen eindrücklicheren Reiseerlebnissen; Luang Prabang und Vientiane in Laos und Phnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas, sind wichtige Etappen am Fluss.

    Jetzt will ich seinen letzten Abschnitt erkunden, wo er ausufert, Nebenarme bildet und sich in mehreren Hauptströmen ins Südchinesische Meer ergiesst: das Mekong-Delta in Vietnam. Ich steige in den Städten Cần Thơ und Châu Đốc ab und widme mich dem Leben auf dem Fluss, den schwimmenden Märkten, den Wohnbooten und den urtümlichen Auen und Wäldern. Das Delta ist etwas kleiner als die Schweiz, etwas grösser als Baden-Württemberg und mit mehr als 20 Millionen Menschen dicht besiedelt. Wegen der Schwemmlandschaften ist es ausserordentlich fruchtbar.

    Ich habe zwischen dem 6. und 11. Oktober mehrere Touren auf dem Fluss und in den Naturschutzgebieten gebucht. Doch zuerst erlebe ich eine Überraschung, denn ich bin wieder einmal ungenügend vorbereitet auf das, was mich erwartet: Ich werde mitten in die Szenerie eines Meisterwerks der französischen Liebesliteratur befördert

    Vietnamesisch-französisches Herrenhaus

    Am ersten Tag in Cần Thơ, der grössten Stadt im Delta, fahre ich mit einem Motorradtaxi in ein Wohnquartier etwa sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und besichtige dort das Binh Thuy Ancient House. Es wird von Reiseführern als eines der am besten erhaltenen kolonialen Herrenhäuser im Mekong-Delta gepriesen.

    Das Haus gehört der Kaufmannsfamilie Dương; es bekam 1904 bis 1911 sein heutiges Aussehen, eine aussergewöhnliche Stilmischung: Das Äussere tritt als prachtvolle französische Kolonialvilla mit einer geschwungenen Freitreppe, korinthischen Säulen, einer mit floralen Motiven verzierten Fassade, eisernen Balustraden und Rundbogenfenstern auf. Die innere Struktur hingegen folgt streng den Regeln des traditionellen vietnamesischen Hausbaus und der Feng-Shui-Philosophie.

    Der Innenraum ist symmetrisch gegliedert. Der Boden besteht aus kunstvoll gemusterten, aus Frankreich importierten Fliesen, während die tragenden Säulen und Deckenbalken aus dunklem Tropenholz gefertigt und mit asiatischen Schnitzereien verziert sind. Das Haus wirkt auf mich wie ein leicht chaotisches und überstelltes Privatmuseum mit chinesischen Vasen, einer Sitzgruppe im Stil von Louis XV, einem runden Marmortisch aus Yunnan, Teegeschirr aus der Ming- und Qing-Dynastie, europäischen Kronleuchtern, alten Grammophonen und so weiter. Das Haus wird heute von der sechsten bis achten Generation der Familie Dương bewohnt und genutzt.

    Amour fou zur Kolonialzeit

    Doch erst bei der Betrachtung vonsignierten Fotos und handgeschriebenen Briefen hinter Glas geht mir – schlecht vorbereitet, wie gesagt – ein Kronleuchter auf: Das Haus diente 1990 als wichtiger Drehort für den französischen Spielfilm «L’Amant» («Der Liebhaber»), der 1992 in die Kinos kam.

    Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Marguerite Duras, die 1914, während der französischen Kolonialzeit, in der Nähe von Saigon geboren worden war. «L’Amant» erschien 1984, wurde begeistert aufgenommen und brachte der Schriftstellerin den wichtigsten französischen Literaturpreis ein, den Prix Goncourt. Der Roman wurde in 44 Sprachen übersetzt und weltweit in fast 2,5 Millionen Exemplaren verkauft.

    Duras hatte mit dem berühmt gewordenen Werk ein literarisches Vexierspiel geschaffen, indem sie die Grenzen zwischen Erinnerung an Erlebtes und literarischer Erfindung bewusst verwischte. 

    Ich entsinne mich der Geschichte, in deren Mittelpunkt eine 15-jährige Französin steht, die Ende der 1920er-Jahre im kolonialen Indochina lebt. Auf einer Fähre über den Mekong begegnet sie einem zwölf Jahre älteren, reichen und eleganten Chinesen aus Sa Đéc. Zwischen den beiden entwickelt sich eine heimliche, sexuell aufgeladene Beziehung, von Anfang an gefährdet durch soziale Ungleichheit, familiäre Konflikte und die bevorstehende Rückkehr des Mädchens nach Frankreich.

    Verfilmte Literatur

    Der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud war, als er sich des «Liebhabers» annahm, bereits für eine andere Literatur-Verfilmung gefeiert worden: 1986 war «Der Name der Rose» in die Kinos gekommen, eine gelungene Umsetzung des gleichnamigen Weltbestellers von Umberto Eco. Sean Connery, einst als smarter, in Massanzüge gepackter und Aston Martin fahrender James Bond 007 berühmt geworden, fand in «Der Name der Rose» eine ganz neue, prägende und überzeugende Rolle: Als Franziskanermönch William von Baskerville untersucht er eine Serie mysteriöser Todesfälle in einem mittelalterlichen Kloster und überzeugt dabei als skeptischer, aber humorvoller und weltoffener Ermittler in einer Welt, die von religiöser Dogmatik und Fanatismus geprägt ist.

    1997 landete Annaud einen weiteren Treffer mit «Sieben Jahre in Tibet», in welchem Brad Pitt den österreichischen Bergsteiger und Autor Heinrich Harrer spielte. (Harrer, Mitglied der SS, wurde nach einer Himalaya-Expedition 1939 in Karachi im damals britischen Indien, heute Pakistan, von den Briten gefangen genommen und interniert. 1944 gelang ihm und weiteren Gefangenen der Ausbruch. Er reiste auf verschlungenen Wegen nach Tibet und kam Anfang 1946 in Lhasa an. Im selben Jahr traf er den damals elfjährigen Dalai Lama und wurde zeitweise dessen Lehrer und Berater.)

    Zwar besetzte Annaud den «Amant» weniger prominent. Jane March, bei den Dreharbeiten erst 17 Jahre alt und ohne schauspielerische Erfahrung, war eine junge Frau von zerbrechlich wirkender, aber vielleicht etwas oberflächlicher Schönheit. Und Tony Leung Ka-fai, 1958 in Hongkong geboren und einer der renommiertesten Darsteller der Hongkonger Filmszene, erschien als ihr chinesischer Liebhaber zu Beginn des Films wie ein polierter, routinierter Verführer, geriet aber in eine emotionale Abhängigkeit zur jungen Frau und wirkt zusehends verletzlich.

    Dass Marguerite Duras den Film ablehnte, spielt hier nur eine nebensächliche Rolle. Sie hatte anfänglich am Filmprojekt mitgewirkt, überwarf sich dann aber mit den Produzenten und fand Annauds Streifen oberflächlich.

    Wie Cần Thơ vom Film profitiert

    Das historische Wohnhaus des «Liebhabers» steht in Sa Đéc, einer Stadt an einem anderen Mekong-Arm rund 40 Kilometer nördlich von Cần Thơ. Es stand als Filmdrehort nicht zur Verfügung; Annaud wählte deshalb das Dương-Familienhaus in Cần Thơ als Ersatz und leistete der Stadt damit einen unerwarteten Dienst: Auch dank dem Film gilt das Haus heute als eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Millionenstadt im Mekong-Delta.

    «Je suis ébloui par la splendeur spectaculaire de cette sublime demeure. J’espère pouvoir, grâce au cinéma, la faire connaître autour de la Terre ! Merci de votre accueil chaleureux. JJ Annaud, 27 Mars 1990», schrieb der Regisseur in einem Brief, dessen Original im Haus an einer Wand hängt. «Ich bin bezaubert von der spektakulären Pracht dieses erhabenen Anwesens. Ich hoffe, es durch das Kino auf der ganzen Welt bekannt machen zu können! Vielen Dank für Ihren herzlichen Empfang. JJ Annaud, 27. März 1990.»

    Ich werde zwar nicht so herzlich empfangen wie Annaud, denn ich habe unverzeihlicherweise vergessen, die Schuhe auszuziehen. Aber die ins Morbide tendierende Pracht des Hauses übt auch auf mich ihre Faszination aus.

    Auf einen Blick

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    Begleitung
    Allein
    Kulturell
    • Besichtigung des Binh Thuy Ancient House
    • Das Herrenhaus diente als Drehort für «L’Amant»
    KulturGeschichteArchitektur
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