Hochwasser bei Chau Doc
Chau Doc im vietnamesischen Grenzgebiet zu Kambodscha lockt nicht viele ausländische Touristen an. Zu Unrecht, wie ich vom 9. bis 12. Oktober 2026 herausgefunden habe.

Veröffentlicht: 25.10.2026













Einen
Bezug zu den Alpen gibt es trotzdem: Auf den Nui Sam führt seit 2022 eine 900
Meter lange Seilbahn mit 37 Kabinen für je acht Passagiere. Gebaut hat sie die
weltweit führende Seilbahnfirma Doppelmayr aus Vorarlberg, die mit der
Schweizer Garaventa in Goldau im Kanton Schwyz fusioniert ist.
Zwar habe
ich einen Motorroller gemietet, und es führt auch eine Strasse auf den Berg.
Doch ich will die Seilbahn ausprobieren. Sie wurde gebaut, um die Strasse vor
allem an Wallfahrtstagen zu entlasten. Denn der Berg ist ein weitläufiges
Open-Air-Heiligtum mit Dutzenden Tempeln, Pagoden und Schreinen, die sich an
seine Hänge und seinen Fuss drängen und zu einem Kulturpark zusammengefasst
sind. Bei der Talstation liegt ein riesiger Parkplatz, der jetzt aber völlig
leer ist.
Sakralbauten im Kulturpark
Diese Talstation wirkt selbst wie ein Sakralbau, allerdings kein asiatischer, sondern ein europäischer, entworfen, wie man mir sagt, von österreichischen Architekten: Mit seinen zwei spitz in den Himmel ragenden Türmen und der grossen Uhr im Giebel sieht der Backsteinbau von fern aus wie eine Kathedrale, bis man beim Näherkommen die klaffende, rechteckige Öffnung in der Fassade bemerkt, aus der die Kabinen gleiten.
Direkt neben der Talstation steht die Halle des Medizin-Buddha, auch sie, wie die ganze Anlage, erst vor ein paar Jahren erstellt. Im Innern erblicke ich Mönche, die sitzend die Buddha-Statuen verehren. Erst bei näherem Hinsehen wird mir klar, dass es sich dabei um in Mönchsgewänder gehüllte Gipsfiguren handelt.
Eine mysteriöse Göttin
In der Ebene, in der Nähe der Talstation der Bergbahn, steht der Tempel der Ba Chua Xu, der «Herrin des Landes», wie sie die Vietnamesen nennen. Er wurde 1820 errichtet und ist einer der wichtigsten Pilgerorte Vietnams.
Der Legende nach fanden Bewohner der Gegend Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Gipfel des Sam eine steinerne Statue der Göttin, die heute im Tempel verehrt wird. Die Statue der Ba Chua Xu sitzt, in prächtige Gewänder gehüllt, im Hauptheiligtum des Tempels. Sie trägt Schmuck und eine aufwendige Kopfbedeckung, und Forscher vertreten die These, dass ihr Kopf verändert und bemalt worden sei, um ihm ein weibliches Aussehen zu geben. Denn sie könnte ursprünglich ein männliches Wesen verkörpert haben.
Nach Auffassung des französischen Archäologen Louis Malleret, der die Statue in den 1940er-Jahren erforschte, ist die Skulptur sehr viel älter als der Kult, in dessen Mittelpunkt sie steht. Malleret war der Überzeugung, dass es sich bei der «Herrin des Landes» um eine Darstellung des hinduistischen Gottes Vishnu handle und sie im 6. Jahrhundert entstanden sei. Es gibt andere Deutungen: Es könne sich um eine Darstellung von Shiva handeln oder um eine Buddha-Figur. Bisher hat sich kein archäologischer Konsens durchgesetzt.
Laut dem Volksglauben versuchten siamesische Soldaten in den 1820er-Jahren , das Kultbild vom Sam fortzuschaffen, doch dieses erwies sich als zu schwer. Später sei die Gottheit den Dorfbewohnern in Träumen erschienen, habe sich als Ba Chua Xu zu erkennen gegeben und verlangt, vom Berg heruntergebracht zu werden, damit man ihr ein Heiligtum errichte. Um das zu bewerkstelligen, habe sie befohlen, neun Jungfrauen auf den Berg zu schicken; denen der Abtransport gelang.
Als die Statue auch ihnen zu schwer wurde und sie diese abstellen mussten, beschloss man, genau an dieser Stelle einen Schrein zu bauen. Dieser bestand zuerst aus Bambus und Palmblättern wie die meisten lokalen Behausungen. 1870 wurde ein gemauerter Tempel gebaut und seither mehrmals erweitert und umgebaut.
Ein Fest für Hunderttausende
Jedes Jahr steigt zu Ehren von Ba Chua Xu ein riesiges Fest. Es findet jeweils vom 22. bis 27. Tag des vierten Monats im Mondkalender statt, das heisst Ende Mai oder im Juni. Hunderttausende kommen; es finden religiöse Zeremonien, Prozessionen, Löwen- und Drachentänze, traditionelle Bühnenaufführungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt. Rund um den Tempel gibt es einen Jahrmarkt. Die Unesco hat diese Festivitäten 2024 auf die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit gesetzt.
In der Nähe steht die Tay-An-Pagode von 1847, eine buddhistische Kultstätte und ein wichtiges religiöses Zentrum. Sie verbindet traditionelle vietnamesische Pagodenarchitektur mit indischen Einflüssen. Die farbenprächtigen, zwiebelförmigen Kuppeln, die geschwungenen Bögen und die reich verzierten Fassaden wirken beinahe psychedelisch; im Inneren stehen mehr als 150 Holzstatuen.
Auf der Seilbahnfahrt nach oben sehe ich an der Felswand die riesige Buddha-Statue, die dort entsteht. Schon von unten, von der Hauptstrasse her, ist sie mir aufgefallen. Seit März 2015 wird die sitzende Figur von 81 Metern Höhe direkt in die Bergflanke gemeisselt. Ursprünglich sei die Fertigstellung für 2020 angekündigt worden, sagt mein Guide; jetzt hoffe man auf Ende 2027, gut siebzig Prozent seien geschafft.
Oben angekommen, sehe ich das Delta ausgebreitet vor mir: Städte und Dörfer entlang der Hauptstrasse, Reisfelder, die im Hochwasser glänzen, und den Vinh-Te-Kanal, der schnurgerade durch die Ebene zieht. Er wurde zwischen 1819 und 1824 ausgehoben, reicht rund 90 Kilometer weit bis nach Ha Tien am Meer und dient dem Verkehr und der Bewässerung.
Tempel, Pagoden, Aussichtsplattformen
Auf dem Sam finde ich, über steile Treppen erreichbar, eine Kollektion von Tempeln, Statuen und Pagoden. Dazwischen liegen Aussichtsplattformen, Kaffeestände, die leider geschlossen sind, und viele Hinweistafeln, allerdings fast ausschliesslich auf Vietnamesisch.
Eine geschwungene Treppe mit rot bemaltem Steingeländer führt beispielsweise zum Guanyin-Tempel. Guanyin ist der Bodhisattva (ein Wesen auf dem Weg zur Erleuchtung) des Mitgefühls und der Barmherzigkeit. Der Tempel heisst, ins Deutsche übersetzt, «Die Klagen der Welt wahrnehmend», und genau das ist seine Funktion für gläubige Buddhisten: Sie finden hier einen Ort, wo sie um Hilfe in schweren Lebenslagen, Trost und spirituellen Beistand flehen können.
Ein anderes, aufwendig verziertes Gebäude mit mehrstöckigem Giebel ist der Tempel des Jade-Buddha. Der erst 2018 fertiggestellte Bau beherbergt die Statue des Buddhas für den «Weltfrieden», rund zweieinhalb Meter hoch, etwa drei Tonnen schwer und unglaublicherweise aus einem riesigen, makellosen Block grüner Jade geschnitzt. Den Block hatte man aus dem kanadischen Vancouver importiert.
Spirituell und materiell
Zurück in der Stadt will ich, um meine persönliche Pilgerfahrt abzuschliessen, auch noch den Dinh Chau Phu besuchen. (Ein Dinh ist ein Gemeinschaftshaus, in dem ein Dorf seinen Schutzgeist ehrt.) Es wird hier früh dunkel, schon vor 18 Uhr ist die Nacht hereingebrochen; das Dinh ist geschlossen, allerdings malerisch beleuchtet.
Die heutige Anlage wurde 1926 eröffnet und ist, wie so viele Bauwerke aus der Kolonialzeit, ein Stilgemisch: Traditionelle vietnamesische Dinh-Bauweise ist mit Elementen des kaiserlichen Nguyen-Stils, wie man ihn vor allem in der ehemaligen Kaiserstadt Hue in Mittelvietnam findet, und französischen Einflüssen vermischt (siehe mein Blog über Hue: https://vakantio.de/vogel-fliegt-aus/nachtzug-nach-hue).
Nach so viel Spirituellem schreit mein Körper nach materieller Nahrung. Ich fahre auf meinem Miet-Motorroller zum nächtlichen Markt in Chau Doc, setze mich in ein Strassenlokal und lasse mir einen köstlichen frittierten Fisch mit Knoblauch, Kräutern, Gurken und Reis servieren, dazu ein Saigon-Bier. Das alles für einen Betrag, für den man zu Hause kaum einen Espresso bekäme. Das Leben ist wirklich hart!
