Vietnams südlichste Millionenstadt
Vom 4. bis 12. Oktober 2026 hielt ich mich im Mekong-Delta im Süden Vietnams auf. Zuerst entlockte ich der Millionenstadt Can Tho einige ihrer Geheimnisse.

Veröffentlicht: 19.10.2026



















Am zweiten Tag in Can Tho habe ich deshalb einen Ausflug mit Vy als Guide gebucht. Die junge Frau holt mich mit einem Fahrer im Hotel ab; im Minivan der vietnamesischen Automarke Vinfast sind zwei Paare untergebracht, eines aus Belgien, eines aus den Niederlanden. Ich selbst geniesse wieder einmal ein Privileg des fortgeschrittenen Alters und darf mich in den Vordersitz fläzen, während es im hinteren Teil des Autos eng wird.
Nach einer längeren Fahrt stärken wir uns zuerst an einem Strassenstand mit Banh mi, dem Baguette-Sandwich, das, als Überbleibsel aus der französischen Kolonialzeit, von den Vietnamesen als Spezialität adoptiert worden ist. (Im Dezember 2024 wurde mir auf einer Food-Tour durch Hoi An in Mittelvietnam Banh mi vorgesetzt. Dort behauptete man in lokalpatriotischem Eifer, es sei eine Erfindung der Stadt, was nicht stimmt. Banh mi gibt’s überall in Vietnam. «Es ist unser bevorzugtes Fastfood», sagt Vy.)
Revolutionäre und ein goldener Löwe
Weiter geht es zum «Verborgenen Wald», dem Gian Gua. Gua nennen die Vietnamesen jene Feigenart, um die es hier geht; bekannt ist sie als «Banyan», einem Wort, das aus dem Gujarati stammt, einer indischen Sprache. Das Exemplar, das wir bestaunen, ist mehr als 150 Jahre alt, wächst aus einem Hauptstamm und hat darüber ein weitverzweigtes Netz aus Ästen und Luftwurzeln gebildet.
Im Vietnamkrieg soll das verwinkelte Blätter- und Wurzelwerk revolutionären Truppen als Versteck und Stützpunkt gedient haben. Der Baum wurde laut Vy deshalb von Amerikanern bombardiert. Der «Verborgene Wald» ist ein Ausflugsziel und zudem ein religiös aufgeladener Ort: Mitten im Wurzelwerk findet sich eine buddhistische Verehrungsstätte samt vergoldeter Löwenstatue.
Unser nächstes Ziel ist Lung Ngoc Hoang, ein fast 30 Quadratkilometer grosses Feuchtgebiet südlich von Can Tho, seit 2002 geschützt. Umgeben ist es von weitläufigen Reisfeldern, die hier ein ideales Klima vorfinden und so gut bewässert werden können, dass bis zu vier Ernten im Jahr möglich sind.
Um uns gegen die Sonne zu schützen, die nun unerbittlich brennt, haben wir typische vietnamesische Hüte ausgeliehen bekommen, jene konischen Gebilde, die auf keinem malerischen Vietnam-Foto fehlen dürfen. Unser schmales Boot zieht durch die Wasserarme. Aus dem Wasser wachsen Kajeputbäume, deren Rinde sich in papierdünnen Fetzen vom Stamm löst. Auf Englisch nenne man sie deshalb paperbark trees (Papierrindenbäume), sagt Vy.
Stellenweise ist der Wasserarm so dicht zugewachsen, dass man ihn für eine Wiese halten könnte. Es sind Wassersalat – grüne Rosetten wie winzige Salatköpfe – und Wasserlinsen. Das Boot zieht eine Gasse durch den Pflanzenteppich, die sich hinter uns wieder schliesst.
Über 330 Pflanzenarten seien in dem Gebiet gezählt worden, sagt Vy, 56 davon hätten bei der Erfassung als Neufunde gegolten. Auch Fische, Garnelen, Frösche und Wasservögel leben hier. Einige von ihnen bekommen wir zu Gesicht, ebenso wie eine Schar Gänse, die allerdings nicht zur einheimischen Fauna gehören und irgendwann auf einem Grillrost enden werden.
Am nächsten Tag um sechs Uhr morgens erwartet mich Huong, eine weitere Fremdenführerin. Wir wollen den schwimmenden Markt besuchen. Wir treffen uns zwar in einem Café direkt neben der Markthalle, legen aber nicht von der Uferpromenade ab, sondern von einer kleinen Anlegestelle, die wir durch ein feuchtes Hintergässchen erreichen.
Handel und Wandel auf dem Fluss
Das Motorschiff ist klein und aus Holz. Mit an Bord ist ein Paar aus Kalifornien, das perfekt Vietnamesisch spricht: Beide sind 1975 als Kinder mit ihren Eltern aus Vietnam geflohen. Der Bootsmann steht hinten und raucht ohne Unterlass; ich fotografiere ihn im Gegenlicht der aufgehenden Sonne.
Der Markt von Cai Rang liegt auf dem Can-Tho-Fluss gut sechs Kilometer vom Zentrum entfernt. Eine Betonbrücke begrüsst die Besucher. Am meisten los ist frühmorgens zwischen fünf und acht Uhr; um Viertel vor sieben sind wir also mitten im Geschäft. «Die Behörden versuchen, den Markt authentisch zu halten und trotzdem etwas mehr Touristen anzulocken», erklärt Huong.
Mit dem berühmten Damnoen Saduak Floating Market südwestlich von Bangkok, auf dem man zwischen den dicht gedrängten, abgasspuckenden Touristenbooten die schwimmenden Marktstände kaum mehr sieht, hat das hier nichts gemein. Hier sind die Touristen nur willkommene Statisten; es wird echt gehandelt, en gros und en détail.
Cai Rang sei der wichtigste Handelsplatz auf dem Wasser im ganzen Delta, sagt Huong. Und es lohne sich, hier einzukaufen: «In der Stadt kostet eine Ananas sechstausend oder achttausend Dong, hier nur zweitausend.» Das sind gut sechs Rappen oder knapp sieben Cent.
Grössere Kähne liefern aus den Anbaugebieten Kürbisse, Ananas und Zwiebeln an; dazwischen schieben sich die kleineren Schiffe der Käufer. Und weil der Handel hungrig und durstig macht, bieten Händlerinnen und Händler auf kleinen Booten aufgeschnittene Früchte und frisch gepresste Fruchtsäfte, Nudelsuppe, Tee und Kaffee an. Benzin für die Bootsmotoren wird an schwimmenden Tankstellen verkauft.
Viele Familien leben auf dem Wasser. Je nach Grösse haben sie drei, vier oder fünf Boote, die miteinander vertäut sind. Wir besuchen eine Familie mit fünf Booten; eines liegt gerade in Reparatur. Zwischen den Rümpfen hängen grosse Behälter mit lebenden Fischen, in einem Gehege schnattern Gänse.
In einem Käfig sitzt sogar ein Meerschweinchen, als Haustier, wie die Tochter der Familie erklärt. (Dass mir hier im tiefsten Süden Vietnams die Schweizer Tierschutzverordnung in den Sinn kommt, ist zwar weit hergeholt, aber nicht völlig kabsurd: Sie verbietet nämlich, Meerschweinchen einzeln zu halten.)
Das Mädchen bewegt sich geschickt über die Planken und die Relinge hinweg; offensichtlich ist sie auf den Booten aufgewachsen. Sie reicht uns Teller mit aufgeschnittenen Früchten: Ananas, Wassermelone, Mango, Drachenfrucht. Die Drachenfrucht wächst an einem Kaktus; vom Bus aus, auf dem Weg von Ho-Chi-Minh-Stadt nach Can Tho, habe ich grosse Plantagen mit diesen Kakteen in Reih und Glied gesehen. Das weisse Fruchtfleisch ist von winzigen schwarzen Kernen durchsetzt, schmeckt süsslich und hat die Konsistenz einer weichen Birne.
Nach dem Markt biegen wir in einen kleinen Nebenfluss ein. Die Häuser stehen halb auf Stelzen im Wasser, halb auf festem Grund an der Strasse. «So können die Bewohner den Motorroller und das Schiff gleichermassen benützen», sagt Huong.
Unweit des Nebenflusses besuchen wir eine Nudelmanufaktur, die 1982 gegründet wurde, wie ein Hinweisschild besagt. Nachdem ich den Aufwand gesehen habe, der hier für die Herstellung betrieben wird, werde ich Nudeln nie mehr gedankenlos verschlingen. Vieles geschieht von Hand. In einem blauen Plastikfass ist der Teig angesetzt worden. Die exakte Mischung von Wasser und Reismehl entscheidet darüber, ob der Teig verarbeitet werden kann oder entweder zu flüssig oder zu bröckelig wird.
Ein Mann – der Eigentümer, wie Huong sagt – streicht den Teig portionenweise dünn auf ein gespanntes Tuch über Wasser, das ein Holzofen am Köcheln hält. Nach wenigen Augenblicken rollt er das gedämpfte Blatt mit einem Instrument aus Bambusgeflecht vom Tuch ab und legt es auf ein Bambusgestell. Dieses wird nach draussen getragen, und das Blatt wird an der Sonne mehrere Stunden getrocknet. Danach übernehmen zwei Frauen an einer primitiven Maschine: Die eine schiebt die getrockneten Scheiben ins Schneidewerk, die andere greift die geschnittenen Nudeln und verpackt sie kiloweise in Plastik.
Das Wasser bestimmt hier im Mekong-Delta fast alles, die Bauweise, den Handel, die Arbeit, das Essen, die Anzahl der Reisernten und sogar die Konsistenz der Nudeln.
PS: Vietnamesisch wird mit lateinischen Buchstaben und einer verwirrenden Zahl von Akzenten geschrieben, die die Aussprache regeln. Weil wir diese ohnehin nicht beherrschen und die Akzente die Lektüre erschweren, habe ich sie weggelassen.
