Die Wasserwelt des Mekong-Deltas
Wer das Mekong-Delta verstehen will, muss aufs Wasser. Genau das habe ich im Oktober 2026 getan.

Veröffentlicht: 24.10.2026













Am ersten Morgen wartet der Motorradfahrer, den die Rezeptionistin aufgeboten hat, bereits, und wir fahren los. Tra Su liegt 30 Kilometer südwestlich von Chau Doc. Nachdem wir den Sam-Berg, den heiligen Hausberg der Stadt, hinter uns gelassen haben, führt die vierzigminütige Fahrt durch topfebenes Land, das jetzt, in der Regenzeit, weitläufig überschwemmt ist. Strommasten, Baumgruppen und Häuser auf Stelzen ragen aus dem Wasser, in dem sie sich spiegeln. Das Hochwasser kommt jedes Jahr, und die Menschen haben sich darauf eingestellt
Ein Wald, im Krieg zerstört
Auch der 850 Hektar grosse Tra-Su-Wald steht in der nassen Jahreszeit unter Wasser, ein Feuchtgebiet, das wir Besucher per Motorboot erkunden. Er liegt nur rund zehn Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt und ist jünger, als er aussieht. Im Vietnamkrieg, den man hier «Amerikanischen Krieg» oder «Widerstandskrieg gegen Amerika» nennt, wurde der Wald zerstört.
Laut vietnamesischen Informationen bombardierten ihn US-amerikanische Streitkräfte mehrmals, denn er wurde von Guerillakämpfern der kommunistischen Nationalen Befreiungsfront, des Vietcong, als Rückzugs- und Operationsgebiet genutzt. Ab 1983 legte eine staatliche Behörde Deiche an, forstete den Tra-Su-Wald wieder auf und machte andere Teile der Gegend für die Landwirtschaft nutzbar.
Am Morgen ist es noch ruhig. Später kommen viele Besucher, vor allem Einheimische, aber auch Thailänder, Chinesen und Koreaner; Westler sehe ich keine. Ich bekomme ein Boot für mich allein, andere Boote sind mit fröhlichen Gruppen und Familien besetzt. Mit dem Bootsführer kann ich mich mangels gemeinsamer Sprache nicht unterhalten.
Zwischen dem Eingang und dem Bootssteg hat man ein touristisches Dorf angelegt mit Restaurants, Kaffeebars, Souvenirstände, Hutläden und dekorierten Schaukeln für Selfies; Naturschutz ist hier auch ein Geschäft. Immerhin gibt es einen farbenprächtigen Orchideengarten.
Die Kajeputbäume, deren Rinde sich in papierdünnen Streifen ablöst, stehen dicht im Wasser. Ich habe sie schon bei meinen Ausflügen rund um Can Tho gesehen. Guide Vy hat mir dort erklärt, warum: Der Kajeput wächst in heissen, feuchten Tiefebenen, in Sümpfen und auf sauren, nährstoffarmen Böden, wo andere Baumarten kaum überleben. Der Wald ist Lebensraum für über 140 Pflanzen- und 120 Tierarten; ich sehe Reiher, Kormorane und Schwärme kleinerer Vögel.
Ich komme gerade rechtzeitig ins Motel zurück. Dunkle, sich auftürmende Wolken und Windböen haben das Ereignis angekündigt; kurz darauf geht ein Regensturm über Chau Doc nieder, so heftig, dass man an Noah und die Arche denkt. Doch die Sintflut dauert nur Minuten und hört so abrupt auf, wie sie begonnen hat.
Kolonialstil – wieder in Mode
Die Strassen trocknen rasch. Mit einem Motorradtaxi fahre ich hinunter ans Ufer des Bassac. Auf der Terrasse des «Victoria Chau Doc Hotel», eines Viersternehauses mit Blick auf Pool, Fluss und Abenddämmerung, bestelle ich einen Gin Tonic und fühle mich einen Moment lang wie ein reicher Kolonialist; nur der massgeschneiderte, weisse Tropenanzug und der Panamahut fehlen.
Tatsächlich ist das Hotel in einem Stil gehalten, der vage an die französische Kolonialzeit erinnert. Doch das weitläufige Haus wurde erst 1999 eröffnet. Gleich um die Ecke stosse ich später auf ein weiteres Gebäude, das ich für einen edlen Vertreter der Kolonialarchitektur halte, bis ich an der Rezeption erfahre, dass das «Hotel Paris» erst vor zwei Jahren eröffnet wurde.
Ein Neubau also, und kein Einzelfall: Offiziell wird bei jeder Gelegenheit die Überwindung des Kolonialismus und Imperialismus gefeiert, Nachbauten im französischen Kolonialstil aber gelten seit etwa einem Jahrzehnt als très chic.
Allein im Trubel
Ich gehe tiefer in die nächtliche Stadt. In den Gassen und auf den Plätzen rund um den Markt ist Chau Doc abends besonders lebendig. Ich setze mich in ein gut besuchtes Restaurant, allein, und fühle mich bald etwas fehl am Platz, denn rund um mich wird in Gruppen lautstark gefeiert und gebechert. Fleisch, Fisch und Garnelen brutzeln auf Tischgrills, Brühen köcheln in Hotpots; alle greifen in gemeinsame Schüsseln.
Die Speisekarte verstehe ich nicht, und das Personal spricht kein Englisch. Also zeige ich aufs Geratewohl auf ein paar Speisen am Nachbartisch und erhalte Schweinefleisch in drei Varianten: als Geschnetzeltes für den Hotpot, als Schnitzel und als Hackfleischspiess für den Grill, dazu Reisnudeln, Wasserspinat mit geröstetem Knoblauch und ein Saigon-Bier oder zwei. Die Portionen sind viel zu gross; für das üppige Abendessen sind am Schluss umgerechnet fünf Franken oder knapp fünfeinhalb Euro fällig.
Zwischen den Tischen gehen Losverkäuferinnen umher. Einige Gäste kaufen, andere winken ab oder rufen scherzend etwas hinterher. Die Stimmung ist locker, doch ich komme mir vor wie ein Zuschauer in einem Theater, dessen Sprache ich nicht verstehe.
