Koh Samed – schon wieder auf der Insel
Ich kann es einfach nicht lassen: Gegen Ende März 2026 bin ich bereits wieder auf einer Insel, konkret auf Koh Samed, die vom Massentourismus verschont bleibt.

Veröffentlicht: 30.06.2026


















Am 5. März 2026 kehrte ich von Koh Samed über Bangkok zurück nach Siem Reap. Obwohl Thailand und Kambodscha in einen andauernden Konflikt verwickelt sind, kann man vom alten Flughafen Don Mueang in der thailändischen Hauptstadt direkt in die ehemalige Hauptstadt des Khmer-Reiches fliegen. Mit Martin, einem Freund aus der Schweiz, wollte ich drei Wochen durch Kambodscha und Thailand reisen. (Martin taucht schon in meinem früheren Blog «Zurück in der Schweiz – vorübergehend» auf.)
Ich stieg wieder im Hotel «Dusit» ab, das nichts mit der Luxus-Hotelgruppe «Dusit Thani» zu tun hat, hingegen für etwa 25 Euro pro Nacht ein modernes und sauberes Zimmer bietet, aussergewöhnlich freundliche Angestellte, einen Swimmingpool und ein eher dürftiges Früh-stücksangebot. Das Hotel liegt direkt am Siem Reap-Fluss und nur wenige Fussminuten vom grossen, gedeckten Markt, den Garküchen entlang des Flusses, der Bar-Strasse und vielen Restaurants entfernt, ideal also für den abendlichen Ausgang.
In der Pub Street fanden wir auch einen Pool-Billardtisch, wobei ich gestehen muss, dass Martin besser spielt als ich. Doch wir sind in erster Linie für die berühmten Tempel von Angkor gekommen und haben uns da-für am nächsten Tag einer geführten Gruppe angeschlossen.
Grösste Stadt der Welt
Angkor war vom 9. bis 15. Jahrhundert das Zentrum des Khmer-Reiches und zeitweise eine der grössten Städte der Welt, wenn nicht sogar die grösste. Neuere archäologische Forschungen haben die Vorstellung von Angkor grundlegend verändert. Man vermutet, dass im 13. Jahrhundert, zur Blütezeit unter den späten Khmer-Königen, 600.000 bis eine oder sogar 1,2 Millionen Menschen im Grossraum Angkor lebten.
Nur einige Städte in China und Indien kamen annähernd an diese Zahlen heran. Paris, damals die wichtigste europäische Metropole, hatte höchstens 200.000 Einwohner, Mailand und Venedig je etwa 100.000 und London zwischen 40.000 und 80.000. In der bevölkerungsreichsten Stadt im deutschen Sprachraum, Köln, lebten 40.000 bis 50.000, in Basel, der damals grössten Schweizer Stadt, 5000 bis 8000 Menschen.
Lange konnten sich auch Forscher die tatsächlichen Dimensionen dieser Metropole nicht vorstellen. Denn abgesehen von den sakralen Bauten war das historische Angkor fast ausschliesslich aus Holz und anderen vergänglichen Materialien gebaut, weshalb so gut wie keine Wohn- oder Verwaltungsgebäude erhalten sind. Erst moderne Untersuchungs-methoden, unter anderem mit Laserscans, machten das riesige Siedlungs-gebiet von Angkor auf etwa 1000 Quadratkilometern sichtbar
Kambodschas Stolz
Bei brütender Hitze machen wir uns auf, um zu erkunden, was von diesem Reich übriggeblieben ist. Im Zentrum steht Angkor Wat, der grösste sakrale Prachtbau der Erde (den ich schon Ende Dezember 2024 mit zwei anderen Freunden aus der Schweiz besucht hatte; siehe mein Blog «Tempel und schwimmende Dörfer»). Eingebettet ist die Stätte in eine künstliche Seen-landschaft; man nähert sich den Tempeln über eine breite Steinbrücke.
Hier, was ich während der Führung notiert habe: Errichtet wurde Angkor Wat im frühen 12. Jahrhundert unter Suryavarman II. Dieser regierte von 1113 bis 1145 oder 1150 und führte das Reich zu seiner grössten territorialen Ausdehnung. Suryavarman war Hindu; der offizielle Staatskult des Khmer-Reiches war eine Form von Hinduismus, die dem König eine göttliche Legi-timation zusprach. Angkor Wat symbolisiert den heiligen Berg Meru, den Mittelpunkt des Universums in der hinduistischen und buddhistischen My-thologie. Fünf Türme in der Form von Lotusblüten, der mittlere 65 Meter hoch, bilden die schon von weitem sichtbare Silhouette.
Angkor Wat ist auch heute noch der ganze Stolz Kambodschas und ist auf der Nationalflagge abgebildet. Nicht nur ausländische Touristen, auch Scharen von Kambodschanerinnen und Kambodschaner bestaunen die prachtvolle Anlage. Hochzeitspaare mieten traditionelle Kleider und kommen hierher, um sich von Profis ablichten zu lassen.
Die Fassaden sind mit einem fast lückenlosen Relief bekleidet, das Tausende Apsaras, himmlische Nymphen, darstellt. Wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass jede der in den Sandstein gemeisselten Figuren ihre eigenen Gesichtszüge und individuellen Schmuck besitzt.
Angkors goldenes Zeitalter
Wenige Kilometer nördlich betreten wir Angkor Thom, die «grossartige Stadt». Angkor Thom war die letzte befestigte Königsstadt und wurde Ende des 12., Anfang des 13.Jahrhunderts unter König Jayavarman VII. erbaut. Er bestieg den Thron 1181 als 60-Jähriger. Zuvor hatte er eine Besetzung Angkors durch ein Nachbarreich erfolgreich beendet. Jayavarman regierte mehr als 35 Jahre lang, und seine Herrschaftszeit gilt als Angkors goldenes Zeitalter.
Der Bayon-Tempel in der Mitte von Angkor Thom hält sich nicht an die klassische Symmetrie wie Angkor Wat. 54 Türme aus grauem Sandstein ragen empor, in deren Fassaden Hunderte Gesichter gemeisselt wurden. Wohin man auch blickt: Von überall lächelt leicht melancholisch der steinerne Avalokiteshvara, und es hält sich hartnäckig die Legende, dass hier Jayavarman VII. sein eigenes Antlitz verewgigen liess.
Avalokiteshvara ist eine verehrte Figur im Buddhismus. Er ist ein Bodhisattva, also ein Wesen, das die Erleuchtung erlangt hat, aber noch nicht ins Nirwana eingehen will, um der Menschheit zu dienen. Jayavarman VII. war selber eingefleischter Buddhist und liess mehrere buddhistische Tempel wie den Bayon erbauen. Die eingesessene hinduistische Oberschicht verlor an Macht und Einfluss.
Der übernächste König (so viel Geschichte muss sein!), Jayavarman VIII., war wiederum ein glühender Hindu. Unter ihm kam es zu einem beispiellosen Bildersturm: Tausende von Buddha-Statuen in Tempeln wie dem Bayon, Ta Prohm und Preah Khan wurden zerstört oder in hinduistische Symbole umgewandelt.
Während Herrschende entschieden, welche Religion das Land anzugehören habe, war für den einfachen Khmer die Trennung nicht so strikt: Man betete zu Geistern und Götzen, zu Buddha und zu hinduistischen Gottheiten gleichzeitig.
Jayavarman VIII. regierte von 1243 bis 1295, aber in seiner Regierungszeit geriet das Khmer-Reich unter die Herrschaft der Mongolen und der Thais. Unter deren Einfluss setzte sich schliesslich im 14. Jahrhundert der Budd-hismus als Staatsreligion durch, bis die kommunistischen Terrorherrscher der Roten Khmer ab 1975 versuchten, die Religion systematisch auszu-rotten.
Von der Natur zurückerobert
Der nächste Tempel, Ta Prohm, ist ein eindrückliches Beispiel für den Antagonismus zwischen Architektur und der Rückeroberung durch die Natur. Wie dicke Gliedmassen umklammern Wurzeln von Banyan-Bäumen die Aussenmauern und Torgänge des Tempels, während andere riesige Bäume (wissenschaftlicher Name: Tetrameles nudiflora; einen deutschen Namen gibt es nicht; lokal werden sie als «Spung Tree» bezeichnet) mit ihren silberfarbenen, massiven oberirdischen Wurzeln die Dächer umschliessen.
Der Tempel erlangte weltweite Popularität dank des Hollywood-Films «Lara Croft: Tomb Raider», einer kruden Mischung aus Fantasy, Abenteuer und Action, der auf einem Videospiel basierte. Angelina Jolie turnte für Szenen in dem Film durch den Tempel; viele Besucher kommen immer noch explizit deswegen zur Besichtigung, obwohl der Film inzw-ischen 25 Jahre alt ist. Immerhin verhalf «Tomb Raider» Angelina Jolie zu ihrem Status als globaler Superstar und machte auch Daniel Craig, den spä-teren James Bond-Darsteller, einem grösseren Publikum bekannt.
Ein anderes Bild bietet Preah Khan, eine weitläufige Tempelstadt, deren flache Achsen von endlosen, korridorartigen Durchblicken geprägt sind, bei denen sich die Türrahmen nach innen hin verjüngen, um eine optische Tiefenwirkung zu erzeugen. Preah Khan in Angkor wurde von König Jaya-varman VII. erbaut, vermutlich um 1191. Der Tempel war als buddhi-stisches Heiligtum und als Gedenkstätte für seinen Vater gedacht. Doch Preah Khan war weit mehr als eine Tempelanlage: Als buddhistische Uni-versität mit mehr als eintausend Lehrern wurde sie zum religiösen und intellektuellen Zentrum des Angkor-Reiches.
Während es in Prea Khan keine Studenten mehr gibt, treffen wir auf viele Makaken; einer von ihnen trinkt gerade aus einer Coke-Büchse. Die Affen delektieren sich an Lebensmitteln und Getränken, welche Gläubige für den Buddha hinterlassen haben. «Für uns Menschen ist es schlechtes Karma, Opfergaben zu stehlen», erklärt der Guide lachend. «Aber Affen glauben nicht an Karma.»
