Über die Berge quer durch Flores
Ende Juli und Anfang August 2026 bin ich in Bajawa auf der Insel Flores und besuche hier mehrere intakte traditionelle Dörfer.

Veröffentlicht: 28.08.2026

















Von Bajawa nach Maumere, knapp 270 km voneinander entfernt, dauert die Fahrt acht Stunden. Je weiter wir nach Osten vordringen, desto unbe-quemer sind die Gunung-Mas-Minibusse. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Fahrerei quer über die Insel auf der Strasse, die aus lauter Kurven besteht, irgendwann Körper und Geist zermürbt.
Die Faher führt durch Dörfer mit den bereits bekannten Wellblechdächern, durch Plantagen und zerklüftete Landschaften. Manchenorts säumen Ver-kaufsstände und Garküchen die Strasse. Menschen am Strassenrand wollen mitfahren. Manchmal hält der Minibus, nimmt einen neuen Fahrgast auf, setzt einen anderen ab. Die Busgesellschaft Gunung Mas ist keine Ein-richtung für Touristen, sondern für alltägliche Reisende auf Flores.
Mein Gästehaus Pantai Paris – 17 Euro pro Nacht inklusive Frühstück un-ter Kokospalmen – wird laut Online-Bewertungen von einem freundlichen Paar, sie Indonesierin, er Holländer, geführt. Die beiden sind nicht anwe-send; ein Angestellter erklärt, dass sie in Labuan Bajo am anderen Zipfel der Insel leben.
Das Gästehaus liegt zwar, wie angepriesen, in einem verwunschenen Garten direkt am Meer, doch einen Strand gibt es hier nicht, dafür direkt hinter dem Haus eine sehr laute Durchgangsstrasse. Der Lärm dringt un-gefiltert ins Zimmer, das so hellhörig ist, dass man jede Diskussion (und andere Geräusche) des Paares im Nebenzimmer mitbekommt.
Leere Strände, verwaiste Resorts
In der Umgebung existieren tatsächlich einige fantastische Strände teils mit hellem, teils mit dunklem, vulkanischem Sand, in hügelige Land-schaften eingebettet, aber leer, ohne Touristen, ohne Infrastruktur und stellenweise mit Treibholz und Plastikabfällen dekoriert.
Ich besuche Gian Luca, den ich schon in Bajawa getroffen habe. Er residiert im Lena House Flores, einem einfachen Gästehaus am Wodong-Strand, et-wa 30 km östlich von Maumere. Am selben Strand stehen, in gebührendem Abstand zueinander, zwei luxuriöse private Ferienresidenzen; eine gehört einer Familie, die mit Immobilienhandel in Surabaya auf der Insel Java und in den USA reich geworden ist, wie die herumlungernden Angestellten erzählen. Zwei grosse Jachten, die in der Bucht dümpeln, sind Teil dieses Arrangements. Die Familie komme jeweils für zwei Wochen im Jahr, sagt einer der Männer.
Am selben Strand finden wir mehrere kleine, verlassene Resorts. Eines sieht aus, wie wenn die Eigentümer vor kurzem Hals über Kopf geflohen wären: An den Türen der Bungalows stecken Schlüssel; Flip-Flops liegen da, als ob sie gleich genutzt würden; eine riesige Musikanlage mit fast mannsgrossen Lautsprechern rottet, mit Staub bedeckt, vor sich hin. Die Träume von Millioneneinnahmen aus dem Tourismus müssen in der Re-gion Maumere wohl noch einige Zeit weitergeträumt werden.
Pfahlbauerdorf von Seenomaden
Interessanter ist der Besuch im traditionellen Fischerdorf Wuring. Die Moschee namens «an-Nur» (arabisch für «Das Licht») steht wie das ganze Dorf auf Pfählen. Sie deutet daraufhin, dass hier Muslime leben und nicht die katholische Mehrheitsbevölkerung von Flores. Tatsächlich wird Wuling von Bajos bewohnt, ehemaligen nomadisierenden Fischern und Seeleuten, die hier sesshaft geworden sind. Windschiefe Häuser und Stege, viele von diesen aus Bambusstämmen, die ziemlich rutschig aussehen, liegen über dem Wasser; dazwischen sind Boote vertäut.
Gerade ist ein Boot mit frischem Fischfang angelandet. Eine Frau wirft die Fische in Plastikeimer; Männer bringen sie mit Handkarren sofort auf den Markt, der sich hinter dem Pfahlbauerdorf auf festem Grund befindet, neben weiteren Moscheen.
Touristen sind hier Exoten. Noch auf dem Roller wird man begrüsst: «Hello Mister», «Good Morning Moster» (auch am Nachmittag). Beim Spaziergang zwischen den Pfahlbauten umzingeln mich Kinder. Leute kratzen ihre wenigen Englischbrocken zusammen, um zu fragen, woher ich komme, weshalb ich allein reise – «hast du keine Frau»? –, und ob einem Flores gefällt.
Schwierig, von Maumere wegzukommen
Spätestens abends um neun scheint sich die Stadt schlafenzulegen. Es ist nichts los in Maumere. Doch die Weiterreise erweist sich als schwierig: Ein gebuchter Flug direkt nach Makassar auf der nördlich von Flores gelegenen, weit grösseren Insel Sulawesi wird am Vortag annulliert, das Geld diskussionslos zurückerstattet.
Doch dann fällt auch der neu gebuchte Ersatzflug nach Makassar mit Zwischenstopp auf Kupang auf der Insel Timor aus. Wenn ich im Voraus die Online-Bewertungen der NAM Air gelesen hätte, dann hätte ich vermutlich keinen Flug mit ihr gebucht. «Completely unacceptable! Our flight with NAM Air was cancelled at the very last minute without any explanation. No compensation, no assistance, and we were forced to re-book tickets at our own expense», schrieb eine frustrierte italienische Touristin – exakt, was auch mir passiert.
Bei der Ankunft am Flughafen wird mir von einer Angestellte lakonisch mitgeteilt, dass der gebuchte Flug ausfalle. Von drei Personen höre ich drei unterschiedliche Begründungen: Vulkanasche nach einem Ausbruch des Lewotobi Laki-Laki 60 km entfernt; Panne des Flugzeuges (einer mehr als 30 Jahre alten Boeing); zu wenig gebuchte Passagiere.
Ohne mich zu fragen, bucht mich NAM einfach auf einen zwei Tage späteren Flug um, was meine Reiseplanung durcheinanderbrächte hätte. Eine Rückerstattung des Flugpreises verweigert die Airline.
Von Maumere wegzukommen, scheint unmöglich, zumal auch Gunung Mas an diesem Tag nicht mehr fährt. Zusammen mit einem jungen, ebenfalls gestrandeten Italiener miete ich schliesslich ein Auto mit Fahrer, das uns nach Ende bringt, einer weiteren Provinzstadt 145 km südwestlich von Maumere. Von Ende komme ich schliesslich am folgenden Tag weg, mit einem neu gebuchten und neu bezahlten Flug.
Ende besitzt einen Flughafen, wie ich sie liebe: Fünf Flüge am Tag; kein Stress beim Einchecken und der Sicherheitskontrolle; die Warftehalle fast leer. Mit einer Turboprop-Maschine fliegen wir nach Kupang; auch dort al-les entspannt, und schliesslich nach Makassar. Kupang und Makassar sind Grossstädte, aber ihren Flughäfen merkt man das nicht an.
Zuvor, beim Frühstück im Café Niu in Ende, habe ich ein Paar aus Dels-berg, der Hauptstadt des Schweizer Kantons Jura, getroffen, Mégane und David. Ein paar Tage später und sehr weit entfernt, in Rantepao auf Sula-wesi, werden wir uns wieder begegnen. Die Welt ist klein; das gilt auch für Indonesien, das bevölkerungsreichste Land Südostasiens.
Mein Ärger mit der Fluggesellschaft erweist sich knapp vier Tage später als kleinlich und unbedeutend: Ich bin bereits in Sulawesi, als die Insel Flores am frühen Morgen des 15. August 2026 von einem schweren Erdbeben mit Dutzenden von Toten erschüttert wird.
