Ich bin dann mal weg
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Lange habe ich mir darüber Gedanken gemacht, ob ich überhaupt nach Aserbaidschan fahren soll. Ein Land, das seit Jahrzehnten so autoritär regiert wird, dass man von einer Diktatur sprechen muss. Ein Land, das sowohl beim Democracy-Index als auch beim Freedom-House schlechter abschneidet als Russland! Seit dem Zusammenbruch der UDSSR wird dieses Land von der Aliyev-Dynastie regiert, erst von Heydar Aliyev bis zu seinem Tod 2003, dann von seinem Sohn Ilham. Ilham Aliyev wurde im Jahr 2012 vom Organized Crime and Corruption Reporting Project mit dem Titel der korruptesten Person weltweit ausgezeichnet und er leugnet das staatliche Existenzrecht Armeniens, indem er behauptet, dass Armenien traditionell türkisches und aserbaidschanisches Staatsgebiet sei. Von den USA und von der EU wird Aliyev aufgrund der Abhängigkeit von aserbaidschanischem Öl hofiert. Dazu fällt mir der Kommentar des früheren US-Präsidenten Harry S. Truman über Somoza, den damaligen Diktator von Nicaragua ein: "It's a bastard, but it's our bastard!" In Aserbaidschan sind Bilder und Fotos beider Aliyevs allgegenwärtig, protzige Bauten, Plätze und Straßen sind nach Heydar Aliyev benannt, ebenso wie der Flughafen von Baku (Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass man sich als Bayer angesichts des Namens des Münchner Flughafens darüber nicht aufzuregen braucht!). Trotzdem siegte meine Neugier, das einzige muslimische Land des Kaukasus zu entdecken und ich bin am 28.7. von Tiflis nach Baku geflogen. Eine Anreise über Land war wegen Corona leider nicht möglich, da Aserbaidschan die Landesgrenzen noch geschlossen hat. 

Wie im letzten Beitrag bereits erwähnt, verlief mein Start in Aserbaidschan etwas problematisch. Das ging bereits am Flughafen Tiflis los, als ich eine Email bekommen habe, dass mein Hotel in Baku, das ich vor drei Wochen gebucht habe, plötzlich fast doppelt so viel Geld von mir haben möchte. Nach der Ankunft in Baku war kein Taxifahrer bereit, mich für unter 50 aserbaidschanischen Manat in die Stadt zu fahren, was ca. 30€ entspricht (Der Taxipreis für die Rückfahrt heute war 10 Manat!). Deshalb habe ich den Bus genommen, wo mir der Busfahrer mithilfe eines Tricks knapp 20 Manat gestohlen hat! Am Hotel angekommen, habe ich darauf bestanden, nicht mehr als den ursprünglichen Preis zu bezahlen, worauf ich ein völlig verdrecktes Zimmer ohne funktionierende Klimaanlage bekommen habe. Obwohl ich ein Zimmer mit Klimaanlage gebucht habe. Daraufhin habe ich nach der ersten schlaflosen Nacht bei über 30 Grad Raumtemperatur mein Geld für die zweite und die dritte Nacht zurückgefordert und bin in ein sehr schönes Hostel gezogen. In den darauf folgenden Tagen konnte ich meinen ersten Eindruck über die Menschen des Landes zum Glück revidieren. Die Aserbaidschaner oder Aseris sind genauso herzlich und gastfreundlich wie die Georgier und die Armenier! Ich bin nur unglücklicherweise zu Beginn an unrühmliche Ausnahmen geraten.

Am Nachmittag des 28.7. und am 29.7. besichtigte ich Baku. Die Stadt ist ein sehr interessantes Gemisch aus einer orientalischen mittelalterlichen Altstadt samt Stadtmauer und einer riesigen modernen Stadt. Man findet in der Altstadt Karawansereien, die heute oft als Restaurants genutzt werden, Hamame, also Bäder, eine Festung, einige Moscheen und das Wahrzeichen der Stadt, den Maiden-Tower. Die Aseris gehören mehrheitlich der schiitischen Konfession des Islam an. Insgesamt wird der Islam jedoch sehr moderat ausgelebt. Die allermeisten Frauen tragen kein Kopftuch und Alkohol gibt es überall. In der Neustadt gibt es dank des Erdöls teilweise sehr protzige Prachtbauten, einige Wolkenkratzer und in der Fußgängerzone viele Nobelboutiquen. Am 30.7. machte ich einen Ausflug mit einer kleinen Gruppe von 7 Leuten in die nähere Umgebung von Baku. Die Fahrt ging z.T. an der Küste des Kaspischen Meeres entlang und z.T. durch die Wüste nach Gobustan, wo es Felszeichnungen, sogenannte Petroglyphen gibt, die bis zu 36000 Jahre alt sind. Manche sind sofort zu erkennen, für andere benötigt man etwas Fantasie. Anschließend bekamen wir etwas zu sehen, was ich noch nirgendwo sonst gesehen habe: Schlammvulkane! Die Hälfte aller Schlammvulkane weltweit sind in Aserbaidschan! Nach einer Mittagspause ging es zu einem zoroastrischen Feuertempel! Der Zoroastrismus ist eine in Indien, Pakistan, dem Iran und eben auch in Aserbaidschan verbreitete Minderheiten-Religion. Die bekanntesten Anhänger dieser Religion sind zwei Musiker, Freddy Mercury und der Dirigent Zubin Mehta. Anschließend sahen wir uns noch Yanar Dag an, den "brennenden Berg". Dort tritt Erdgas aus der Erde aus, das seit Jahrhunderten mal stärker, mal schwächer brennt. Zurück in Baku machten wir noch Halt am Heydar-Aliyev-Center, wo der gesamte Größenwahn des Regimes zum Ausdruck kommt. Die kommenden Tage vom 31.7. bis 3.8. habe ich Baku verlassen und bin nach Sheki in die Berge gefahren, 5 Busstunden und 300 km von Baku entfernt. Sheki ist eine wunderbare Kleinstadt mit einer perfekt erhaltenen Karavanserei, mehreren alten Moscheen und dem Khanspalast, der Hauptattraktion der Stadt. Im Inneren ist der Palast mit wunderschönen Malereien ausgestattet und es ist ein Jammer, dass man dort nicht fotografieren darf. Am 2.8. habe ich von Sheki aus einen Tagesausflug mit dem Minibus in die Kleinstadt Gakh gemacht, von wo aus ich weiter mit dem Taxi ins Dorf Ilisu nahe der russischen Grenze gefahren bin. Dort habe ich eine Bergwanderung zur Ruine eines alten Turms und zum Salala-Wasserfall gemacht. Besonders gefallen hat mir in Sheki meine Unterkunft, die so war, wie ich es in den meisten Fällen aus Georgien und Armenien kannte: eine Privatunterkunft bei einer sehr netten und gastfreundlichen Familie! Zurück in Baku habe ich mir noch das Teppich-Museum angeschaut, das Gebäude hat die Form eines Teppichs! Die Kunst des Teppichknüpfens hat in Aserbaidschan eine ähnlich lange Tradition wie im Iran. Dann war mein letzter Abend im Kaukasus gekommen und der große Ortswechsel über Dubai nach Malaysia stand an.

Jetzt ist es an der Zeit ein kurzes Fazit über diese Region zu ziehen: Alle drei Länder sind absolut faszinierend, es gibt überall wahnsinnig viel Spannendes zu entdecken und die Menschen sind sehr gastfreundlich und herzlich! Besonders interessant ist der kulturelle Übergang von Europa nach Asien. Insgesamt gestaltet sich das Reisen auf eigene Faust ohne Auto manchmal als etwas schwierig, v.a. ohne Russisch-Kenntnisse! Die öffentlichen Verkehrsmittel bieten oftmals wenig Komfort und sind etwas gewöhnungsbedürftig. Meist reist man in engen Marschrutky (Einzahl: Marschrutka), wie die oftmals stark in die Jahre gekommenen Minibusse in den Nachfolgestaaten der UDSSR bezeichnet werden. Viele davon würden in Deutschland nicht durch den TÜV kommen, einmal war der Auspuff kaputt und die Abgase strömten in den Bus! Einen richtigen Reisebus hatte ich nur von Baku nach Sheki und wieder zurück. Insgesamt reist man in Südostasien oder in Südamerika sicherlich komfortabler, aber dafür sind im Kaukasus die Strecken kürzer! Leider ist das Verhältnis dieser drei Länder zueinander nicht das beste, v.a. das Verhältnis zwischen Armenien und Aserbaidschan ist katastrophal! Die Gründe dafür sind nicht nur der Bergkarabach-Konflikt! Den Georgiern dagegen muss man wünschen, dass sie ihre staatliche Eigenständigkeit bewahren können. Die Bedrohung durch Russland ist oft spürbar! Ich wünsche allen drei Ländern, dass sie sich auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen und alte Konflikte beigelegt werden können.

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