Königliche Reminiszenzen in Luang Prabang
Im März 2025 war ich zum drittenmal in Luang Prabang, der alten laotischen Königsstadt. Es ist einer nmeiner Liebluingsorte, aber allmählich nehmen die Touristenmassen überhand.

Veröffentlicht: 08.05.2026
Enrique, Finanzberater, und Álvaro, Anwalt, haben ihre vielversprechenden Karrieren in Madrid aufgegeben. Die beiden fast Dreissigjährigen sind seit vielen Monaten in Asien als Blogger und Youtuber unterwegs. Aber so etwas wie in Laos haben sie noch nie erlebt.
Den Spaniern wurde gesagt, die Fahrt im Minibus für die 260 Kilometer von Luang Prabang nach Phonsavan dauere fünf Stunden; mir wurden sechs genannt. Doch die Strasse ist in einem Zustand, wie ich ihn ausserhalb Afrikas noch nie gesehen habe: Der Belag kilometerweise weggespült oder von den sechsachsigen 40-Tonnen-Anhängerzügen zermalmt, die das Erz aus den Minen in den Bergen hinunter zum Mekong transportieren. Spitze, reifenzerfetzende Steine; Bodenwellen wie von einem Riesenpflug aufgeworfen; badewannengrosse Schlaglöcher.
So erreichen wir Phonsavan an diesem 16. März 2025 erst nach einer zehnstündigen Fahrt meist im Schritttempo, zermartert vom ewigen Auf und Ab, vom Holpern, Rütteln, Rumpeln und Ächzen des betagten, eng bestuhlten Minibusses, auf dessen Dach unser Gepäck mitfährt.
Wein – oder Leichen?
Von Phonsavan, 50.000 Einwohner, auf 1100 Metern über Meer im laotischen Hinterland gelegen, dürften die wenigsten gehört haben. Die strapaziöse Fahrt habe ich wegen einer anderen Geschichte auf mich genommen: Ich will die Ebene der Steinkrüge besuchen, eine rätselhafte archäologische Stätte. Sie besteht an mehreren Fundorten aus mehr als 2100 massiven, röhrenförmigen Krügen, die in nahen Steinbrüchen aus dem Felsen gehauen wurden, zwischen einem halben und drei Metern gross sind und bis zu sechs Tonnen wiegen.
Die Steinkrüge sind 1500 bis 2500 Jahre alt. Wozu sie dienten, ist nicht restlos geklärt und nährt Legenden und Theorien. Eine besagt, dass König Khun Chuang die Krüge mit Wein füllte, um einen Sieg über seine Feinde zu feiern. Allerdings ist die Existenz Khun Chuangs, der im 6. Jahrhundert n.Chr. geherrscht haben soll, historisch nicht belegt. Ähnlich wie Wilhelm Tell für die Schweiz dient er jedoch der nationalen Mythologie als Integrationsfigur.
Die plausibelste Theorie, erklärt mir mein Guide Souk, stammt von der Forscherin Madeleine Colani. Die französische Archäologin untersuchte die Megalithen in den 1930er-Jahren und veröffentlichte darüber eine Reihe wissenschaftlicher Beiträge. Colani fand in, neben und unter den Krügen Knochenfragmente, Zähne, Keramikscherben und Glasperlen sowie massive steinerne Deckel und kam zum Schluss, dass sie als Urnen dienten, in denen Verstorbene einige Jahre mumifizierten, bevor ihre Überreste begraben oder kremiert wurden.
Ein einziger Tourist
Phonsavan ist kein touristischer Hotspot. Die Anfahrt auf den kaputten Fernstrassen ist mühsam, egal, ob man wie ich aus Luang Prabang kommt, aus Vang Vieng, wohin ich später weiterreisen werde, oder aus Vietnam, dessen Grenze 130 km östlich liegt. Zudem war der Regionalflughafen wegen Erweiterungsarbeiten seit Monaten ausser Betrieb.
Das hat für die Menschen, die vom Tourismus leben, schwerwiegende finanzielle Folgen; für uns Touristen ist es ein Segen: Von den drei für Besucher erschlossenen Steinkrüge-Stätten hatte ich zwei für mich ganz allein, was in mir eine angenehme, kontemplative Stimmung erzeugte. Nur die Stätte 1, eine weite Ebene, gekrönt von einem Hügel, mit Bäumen, weidenden Kühen und mehr als 250 Megalithen, musste ich mir mit einer Handvoll weiterer Besucher teilen.
Die Stätte 1ist nicht nur ein Zeugnis einer früheren Kultur. Auch die jüngste Geschichte ist hier ablesbar. Am Hügel verlaufen Schützengräben, welche die kommunistischen Kämpfer der Pathet Lao während des Bürgerkriegs und des «Amerikanischen Krieges» (1953–1975) angelegt hatten, an dem sich auch das kommunistische Nordvietnam mit eigenen Truppen beteiligte. Mehrere riesige Bombenkrater sind über das weite Feld verteilt.
Ab den frühen 1960er-Jahren nutzte Nordvietnam laotisches Territorium für Nachschubrouten nach Südvietnam, den so genannten Ho-Chi-Minh-Pfad, der mitten durch die Provinz Xieng Khouang verlief. Schon ab 1959 griffen auch die Amerikaner ein. Mein Guide Souk gehört dem Minderheitenvolk der Hmong an. Diese schlugen sich auf die Seite der USA, deren Geheimdienst CIA in der Nähe von Phonsavan eine Zentrale einrichtete.
Der Anführer der Hmong, General Vang Pao, begann ab 1960 im Auftrag der CIA – und von dieser mit Koffern voller Dollars alimentiert –, eine Geheimarmee aufzubauen, welche die Kommunisten bekämpfte. Wer konnte, flüchtete nach Thailand oder in die USA. Dorthin wurde auch General Vang Pao evakuiert, als die Kommunisten 1975 die Macht errangen.
580.000 Bombenangriffe
Die schrecklichste Phase des Krieges begann 1964, als die USA begannen, neben Vietnam auch Kambodscha und Laos systematisch zu bombardieren. Tafeln beim regionalen Tourismusbüro in Phonsavan informieren darüber, dass kein anderes Land jemals mehr Bomben pro Kopf der Bevölkerung abbekommen hat als Laos. Bis 1973 flogen die Amerikaner 580.000 Bombenangriffe, das heisst: ein Bombardement alle acht Minuten während neun Jahren. Ein Bruchteil der abgeworfenen und verschossenen Munition ist im Garten hinter dem Tourismusbüro in Phonsavan ausgestellt.
Eine aufgeklappte Streubombe dokumentiert dort deren verheerende Wirkungsweise: Die Bombe explodiert noch in der Luft und verstreut Hunderte oder Tausende Mini-Bömbchen über eine grosse Fläche. Diese explodieren ihrerseits und richten flächendeckende Zerstörungen an. Streubomben töten auch heute noch, mehr als 50 Jahre nach dem Krieg: Viele ihrer Ladungen sind nicht explodiert. Man schätzt die Zahl der Blindgänger in Laos noch immer auf 80 Millionen, obwohl Regionen nach und nach in mühsamer und gefährlicher Arbeit von ihnen gesäubert werden.
Am härtesten traf der Vietnamkrieg, der hier «Amerikanischer Krieg» genannt wird, die Provinz Xiang Khouang, die «meistbombardierte Region der Erde». Fast alle Ortschaften wurden zerstört, unter anderem die prosperierende, historische Marktstadt Muang Khoun, die Hauptstadt der Provinz. Von rund 60 Tempeln aus dem 16. bis 19. Jahrhundert in Muang Khoun bleiben, mit einer Ausnahme, nur Grundmauern und Fragmente übrig. Die Stadt war nach dem Krieg entvölkert; die Regionalverwaltung zog ins 30 km entfernte Phonsavan um.
