Tonle-Sap-See – Schleswig-Holstein unter Wasser
Anfang April 2026 besuchte ich von Siem Reap aus nicht nur die Tempelanlagen von Angkor. Auch ein Abstecher an den Tonle-Sap-See eröffnete neue Perspektiven.

Veröffentlicht: 08.07.2026




















Am 9. April 2026 fahren Martin und ich von Siem Reap nach Phnom Penh. Normalerweise würde ich die gut 300 km lange Strecke für ein paar Dollar in einem Minibus zurücklegen. Doch Martin will die Stadt Skun in der Provinz Kampong Cham besuchen, die am Weg liegt. Also mieten wir ein Auto mit Fahrer. Früher kostete das rund 70 bis 75 US-Dollar; jetzt wollen die Taxifirmen 110, weil das Benzin wegen Donald Trumps Krieg gegen den Iran massiv teurer geworden sei. Wir handeln schliesslich einen Fahrpreis von 100 US-Dollar aus.
Wir wollten in Skun wegen des Spinnenmarktes einen Zwischenstopp einlegen. In Skun, auch als «Tarantelstadt» bekannt, werden Vogelspinnen und Insekten frittiert und als Delikatessen verspeist; Touristen halten hier deswegen an. Die spezielle Proteinquelle hat einen tragischen Hintergrund: Während der Schreckensherrschaft der kommunistischen Roten Khmer in den 1970er-Jahren litt die Bevölkerung unter Hunger. Aus Verzweiflung und auf der Suche nach Essbarem begannen die Menschen, in den umliegenden Wäldern die giftigen Spinnen auszugraben und zu konsumieren.
Bei uns sind Vogelspinnen geschützt; in der Region Skun gibt es immer weniger von ihnen, weil in Kambodscha weiterhin Wälder abgeholzt werden, was ihren Lebensraum zerstört, und weil die Tiere wegen der touristischen Nachfrage stark überjagt werden. Die Spinnen werden inzwischen oft aus fernen Provinzen nach Skun gebracht. Ich werde für das Aussterben der Tarantel nicht verantwortlich sein: In Berichten wird ihr Geschmack als mild und leicht fleischig beschrieben, ähnlich wie Krabben oder irgendwo zwischen Hühnchen und Fisch. Ich fand sie einfach widerlich.
In Phnom Penh steigen wir wieder im «Sun and Moon Urban Hotel» ab, das mitten im Ausgehviertel liegt und von dessen Rooftop man eine Panoramasicht über die Boomstadt Phnom Penh geniesst. Am nächsten Tag habe ich mit Sreykeo und ihrem Mann eine Besichtigungstour arrangiert.
Wir wollen den Königspalast und das Nationalmuseum besuchen, aber auch jene Stätten des Grauens, wo unter den Roten Khmer der Genozid am eigenen Volk stattfand, also das ehemalige Schulhaus Tuol Sleng, das als Foltergefängnis S-21 berüchtigt wurde und heute ein Museum ist, und die Killing Fields etwas ausserhalb der Stadt, wo Tauende ermordet wurden. In meinem Beitrag «Kambodschas verstörende Geschichte» vom Dezember 2024 habe ich detaillierter darüber berichtet.
Analphabetin und Geschäftsfrau
Sreykeo, 26 Jahre alt, ist keine Fremdenführerin, aber ihre eigene Geschichte ist erzählenswert und nötigt Respekt ab. Normalerweise geht sie mit einem Bauchladen durch die Strassen des Ausgehviertels und verkauft Kühlschrank-Magnete, geflochtene Armbänder, kleine Geldbörsen und ähnliches an ausländische Touristen. Es ist ein harter Job, und mehr als 20 US-Dollar verdient sie auch an den besten Tagen nicht; an den schlechtesten hat sie gar kein Einkommen.
Mir fiel sie beim vorletzten Besuch von Phnom Penh wegen ihrer bemerkenswerten Kenntnisse der englischen Sprache auf. Was daran besonders erstaunlich ist: Sie hat die Fremdsprache beim Strassenverkauf mit ihren Kunden sozusagen aufgesaugt. Denn zur Schule gegangen ist Sreykeo nie; sie ist Analphabetin. Ich kaufte ihr zwar nichts ab, denn ich schleppe sonst schon zu viel Gepäck durch die Welt. Aber ich fand die Gespräche so spannend, dass ich sie mehrmals zum Mittagessen einlud und sie jetzt darum bat, uns durch die aufregende Stadt Phnom Penh zu begleiten.
Als ihre Eltern sich trennten und der Vater die Familie verjagte, kam sie mit Mutter und Geschwistern nach Phnom Penh und musste zuerst am Flussufer schlafen - Sreykeo zeigt uns die Stelle -, bis die Mutter eine bezahlbare Unterkunft fand. Als Teenager wurde sie nach China verkauft und dort zwangsverheiratet, bis sie fliehen konnte. (Deshalb spricht sie auch Mandarin.)
Wenn Sreykeo bessere Startchancen gehabt hätte, wäre sie eine erfolgreiche Geschäftsfrau geworden. Auch so ist beachtlich, was sie erreicht hat: Ihrem Mann konnte sie ein Tuk-Tuk kaufen, mit dem er jetzt unter anderem für den Fahrdienst Grab (das asiatische Pendant zu Uber) fährt. Sie hat zwei Kinder, wobei der ältere, achtjährige Sohn zu schulfreien Zeiten bereits selber mit einem Bauchladen durch die Strassen ziehen muss. Sie unterstützt ihre Mutter, bezahlt den Zins für zwei Wohnungen und ist daran, die Finanzierung eines eigenen Häuschens zu organisieren.
Politisches Boxen
Martin wollte zudem eine Vorführung im Kickboxen erleben. Kambodschaner legen grossen Wert darauf, dass es sich beim Kun Khmer um einen eigenständigen, in der Khmer-Kultur verwurzelten Kampfsport handelt, nicht einfach um eine kambodschanische Variante des Thai-Boxens, das auch als Muay-Thai bekannt ist. Dass sich viele Thais und Kambodschaner gegenseitig misstrauen, und dass die beiden Länder immer wieder Krieg gegeneinander führen, macht die Abgrenzung umso verständlicher.
Unser heutiger Guide (nicht Sreykeo) weist auf Reliefs an den Tempeln von Angkor hin, in denen schon vor rund 800 Jahren Kampfszenen verewigt wurden, die dem heutigen Kun Khmer ähneln. Thais und Kambodschaner beanspruchen den wahren Ursprung jeweils für sich, was auch zu diplomatischen Zwischenfällen führen kann: Bei den Südostasienspielen 2023 in Phnom Penh nannte Kambodscha die Sportart offiziell Kun Khmer, worauf das Nationale Olympische Komitee Thailands und die Muay-Thai-Verbände beschlossen, die Kickbox-Wettbewerbe zu boykottieren.
Da ich von Kickboxen nichts verstehe, dem Kampfsport nichts abgewinnen kann und nur ein einziges Mal, vor Jahren in Patong, Phuket einen Boxkampf miterlebt hatte, kann ich natürlich die Nuancen nicht erkennen, die es zwischen Thai-Boxen und Kun Khmer geben soll: Während beim Thai-Boxen der Nahkampf im Clinch oft sehr lange gehalten wird, neigen Ringrichter im Kun Khmer dazu, die Gegner schneller zu trennen, um einen flüssigeren Kampf zu ermöglichen. Im Kun Khmer werde, lernen wir, mehr Wert auf spektakuläre Ellenbogeneinsätze und fortlaufende Tritte gelegt. Was beiden gemein ist: Auch in Kambodscha werden die Kämpfe von dröhnender Musik begleitet.
Phnom Penhs Nächte haben wir uns beim Pool-Billard um die Ohren gehauen, wobei Martin noch immer gewinnt, wenn auch nicht mehr so oft wie früher. Wir waren auf den Nachtmärkten, haben uns in Garküchen und einheimischen Restaurants verpflegt.
Nach ein paar Tagen reisten wir weiter nach Bangkok, wo gerade Songkran gefeiert wurde, das buddhistische Neujahr, was bedeutet, dass in den Strassen heftige Wasserschlachten tobten. Danach flogen wir nach Surat Thani im Süden Thailands, nahmen die Fähre nach Koh Tao und ein paar Tage später jene nach Koh Samui. Bangkok, Songkran, Koh Tao und Koh Samui habe ich in früheren Blogs ausführlich beschrieben, weshalb ich hier darauf verzichte.
Am 28. April flog Martin von Koh Samui via Bangkok zurück in die Schweiz. Ich blieb noch ein paar Tage auf der Insel und kehrte dann per Fähre nach Chumphon und von dort im Überlandbus in mein Base Camp in Hua Hin zurück.
