miriamandjakob

Im Rekordschneckentempo

Kolumbien - es war einmal die gefährlichste Stadt der Welt

An der Grenze zu Ecuador werden wir erstaunlich intensiv geprüft bevor wir unseren Stempel für die Ausreise bekommen, wir müssen sogar drei Kopien von unserem Reisepass abgeben. Es herrscht viel Trubel, denn viele geflüchtete Venezuelaner hoffen auf die Einreise nach Ecuador, doch ihre Chancen sind sehr gering und so campieren die Familien mit ihrem ganzen Gepäck vor der Grenze. Wir sind glücklich endlich in Kolumbien angekommen zu sein, so dass uns auch der 45 minütige Marsch von der Grenze bis in die nächste Stadt Ipiales im Dunkeln nichts ausmacht. Wir haben beinahe vergessen, dass Ostern vor der Tür steht doch durch eine große Osterprozession, in welcher ganz Ipiales und viele Angereiste auf den Beinen sind, werden wir daran erinnert. Neugierig halten wir an, trinken warmen Tee mit Schuss und beobachten den Umzug mit Kerzenlichtern und Kapelle. 

Zum Glück finden wir noch ein freies Hotelzimmer, zum Abendessen müssen wir uns mit Eiscreme zufrieden geben, da sonst alles geschlossen hat. Ein Stück des Weges werden wir von zwei Kolumbianern begleitet, die uns zuerst Marihuana verkaufen wollen und als wir dies ablehnen uns aus Neugier eskortieren und auf schnellen Spanisch auf uns einreden. Semana Santa (Osterwoche) stellt für uns ein Problem dar: die sowieso schon hohen Buspreise sind für uns nicht bezahlbar und so versuchen wir uns erneut im Trampen. Wir treffen einige Venezulaner, die ebenfalls den Finger in die Luft heben. Nach einer Stunde warten nehmen uns drei Kolumbianer in einem kleinen Auto die Hälfte des Weges mit nach Pasto und wir legen Miriams Rucksack auf unseren Schoß. Zusammengepfercht geht es lustig zu und wir führen interessante Gespräche über die Kultur und Politik in Deutschland und Kolumbien. Der Fahrer interessiert sich auch für den schrecklichen "Adolfolus", was wir zuerst nicht verstehen, aber dann merken wir, er meint "Adolf Hitler", was bei uns zu Irritation, aber auch zu einem Schmunzeln führt. Als sie uns in einem winzigen Dorf rauslassen, helfen uns Polizisten, welche eine Drogenrazzia in den vorbeifahrenden Autos durchführen, unseren nächsten Lift zu bekommen. Wir landen auf der leeren Ladefläche eines Trucks: wir lehnen uns an die Holzwand an, der Motorlärm dröhnt in die Ohren und die Abgase sind sehr intensiv, sodass die dreistündige Fahrt nicht angenehm ist doch wir fühlen uns frei wie schon lange nicht mehr.


Mitfahrgelegenheit 2
Mitfahrgelegenheit 2

In Pasto beschließen wir die Ostertage zu verbringen und zu warten bis die Buspreise wieder sinken. Wir finden ein nettes, günstiges Hostel, wo uns die junge Besitzerin gleich einlädt am Abend mit ihr und Freunden eine Salsaparty zu besuchen. So kommt es, dass wir mit einigen Kolumbianern und einem holländischen Pärchen auf unserer ersten Salsaparty landen. Eigentlich sind wir mehr in der Stimmung gemütlich in einer Bar ein oder zwei Biere zu trinken und sich dabei nett zu unterhalten. Doch in dem schicken Club dröhnt die Musik ohrenbetäubend aus den Lautsprechern, die Ledercouch ist steif, die Getränkepreise super hoch und die Kolumbianer kommen tatsächlich her um Salsa zu tanzen und weniger um zu reden. Uns werden die Schritte gezeigt, wir probieren uns im Salsa tanzen, doch irgendwann steigen wir auf Freestyle um, wobei wir irritiert beäugt werden. Am nächsten Tag, Ostersonntag, liegen wir verkatert im Bett, bereuen soviel Geld ausgegeben zu haben und kommen zu dem Schluss, dass Salsa eher weniger unser Ding ist. Aufgrund eines Erdrutsches auf der Panamericana können wir am nächsten Tag nicht weiter reisen und hängen noch einen Tag mehr fest. Zum Glück ist die Straße am nächsten Tag wieder frei und wir beschließen mit dem Nachtbus 20 Stunden weiter nach Medellin zu fahren. In der Nacht wachen wir plötzlich auf, weil der Bus anhält. Und wir stecken fest: ein erneuter Erdrutsch versperrt die Straße, es ist mitten in der Nacht und er wird erst am nächsten Tag geräumt. Es kommt wie es kommen muss - diese Busfahrt nach Medellin topt so einige Fahrten. Wir haben wenig Wasser und Essen dabei und es dauert 12 Stunden bis wir weiter fahren können. Weitere 15 Stunden liegen noch vor uns: insgesamt befinden wir uns 30 Stunden im Bus, zwei Nächte verbringen wir zusammengepercht auf unseren Sitzen direkt vor der Bustoilette, die nach dutzenden Stunden entsprechend riecht und die verlorene Zeit versucht der Busfahrer durch rasante Überholmanöver und hohes Tempo wieder einzuholen. Zerstört kommen wir um 4 Uhr nachts in Medellin an, fahren mit dem Taxi zu unserer Unterkunft und fallen tot ins Bett. Trotzdem sind wir froh nochmal Glück im Unglück gehabt zu haben, dass wir gesund angekommen sind.

Medellin ist die zweitgrößte Stadt Kolumbiens und hat früher wegen dem ehemalig wohl berühmtesten Bürger Medellins und skrupellosen Drogenhändler Pablo Escorbar zu den gefährlichsten Städten der Welt gezählt. Mittlerweile hat sie einen großen Wandel erlebt. Es ist interessant durch die Straßen zu schlendern, seit langen haben wir nicht mehr so einen europäisch angehauchten Flair gesehen. Moderne Metrostationen und Gondeln vereinfachen die Fortbewegung, Kunstwerke gibt es an allen Ecken zu bestaunen und beeindruckende Gebäude. Kultur wird in Medellin gelebt: überall in der Stadt verteilt gibt es "Flash Mobs" von Tanzaufführungen und wir werden eingeladen auf einer Veranstaltung teilzunehmen, in der die Bürger ihre Geschichte erzählen können. Wir sehen viele Menschen, die unter Brücken schlafen, viele alte wohnungslose Menschen und Verletzte mit Wunden oder Krücken. Viele betteln und andere versuchen mit Kleinigkeiten oder Musik an Geld zu kommen. Als wir auf einer Parkbank sitzen sucht ein zugedröhnter Mann unter unserer Bank nach seinen versteckten Drogen, wo die Polizei zwei Minuten vorher noch stand. Vor allem Jakob wird oft versucht Gras oder Kokain zu verkaufen. Drogen scheinen noch immer eine Rolle zu spielen. Manchen Menschen sieht man an, dass sie am helligen Tag nicht zurechnungsfähig sind. Trotz allem haben wir uns in Medellin sicher gefühlt.

Mit einer Brasilianerin und einer Deutschen aus unserem Hostel besuchen wir den botanischen Garten, wo gerade ein kleines Kulturfestival stattfindet. Erst Jakob und später Miriam werden von einer Tangolehrer(in) zu einem kleinen Tanz aufgefordert. Wir besuchen die Universität Medellins und werden glatt ein wenig melancholisch, dass unsere Studentenzeit vorbei ist, allerdings fällt uns da auch ein Zitat von Pipilotti Rist ein: "Melancholie ist die Versöhnung mit dem Unperfekten". Weil wir Pizza so sehr vermissen, schließen wir uns mit der Brasilianerin abends zusammen und backen uns leckere Pizza selbst, die trotz dickem Boden, dank einer dicken Schicht Champignons und teurem Käse echt lecker wird.

Für ein paar Tage zieht es uns in das kleine bunte Dorf Guatape, welches an einem Stausee liegt, der 30% des kolumbianischen Stroms produziert. Hier finden wir uns in einem sehr entspannten Hostel mit großem Garten und vielen Chillareas wieder, wo wir unser Zelt aufbauen können. Wir entspannen auf dem weitläufigen Terrains, auf denen alte Busse hergerichtet sind auf dessen Dach man relaxen kann. Wir leben in den Tag hinein, unterhalten uns mit anderen Hostelgästen und unternehmen eine Wanderung zu einem Aussichtspunkt über den Stausee mit abschließend erfrischendem Bad im kühlen Fluss. Der Hostelhund begleitet uns den ganzen Weg über und möchte wie ein kleines Kind auf unserem Schoß sitzen als wir Pause machen.


Blick über den Stausee
Blick über den Stausee

Bisher gefällt uns Kolumbien sehr gut, bis auf die hohen Buspreise. 


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