miriamandjakob
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Jeder Höhenmeter ist wichtig, jeder Schritt tut gut

In Barcelona betreten wir nach 6 Monaten wieder europäischen Boden. So toll unsere Zeit in Süd und Nordamerika war, freuen wir uns wieder zurück in Europa zu sein. Endlich können wir wieder in die uns bekannten Supermärkte gehen und als wir das erste Mal einen deutschen Supermarkt in Barcelona betreten, ist es wie im Paradies ;). Nach einer langen Zeit können wir günstig und gesund einkaufen und wir merken, dass unsere Ernährung teilweise sehr einseitig war. Reis mit Bohnen in Südamerika, Pizza in Kuba und Essen aus dem 99cent Laden in der USA. Somit genießen wir unser Frühstück aus Salat, dunklem Brot und Laugengebäck, Orangensaft, Kaffee und Frischkäse. Die ersten zwei Nächte verbringen wir auf einem Campingplatz in der Nähe von Barcelona. Der Jetlag lässt uns nicht einschlafen und weckt uns um 5 Uhr wieder auf. Verflixt und dabei müssen wir sowieso viel Schlaf nachholen. Wir treffen uns mit unserem argentinischen Bekannten Ale, bei dem wir in Tucuman untergekommen waren. Lustigerweise ist er jetzt Surflehrer in Barcelona und den Zufall, dass wir uns hier treffen, muss man einfach ausnutzen. Die deutschen Gepflogenheiten der Pünktlichkeit werfen wir erstmal über den Haufen, da wir aufgrund des Jetlag verschlafen und eine Stunde zu spät kommen. Dafür bringen wir Ale Frühstück mit und zu dritt verzehren wir dieses in einem Park in Barcelona. Wir merken, dass wir es gar nicht mehr gewöhnt sind uns zu verabreden und es stresst uns ein wenig an einer Zeit an einem Ort sein zu müssen. Darüber hinaus spüren wir auch in den zwei Tagen in Barcelona, dass unsere Grundbedürfnisse über eine lange Zeit nicht mehr vollständig erfüllt wurden: hat uns in Südamerika und in Kuba die Fortbewegung und das Essen angestrengt, war es in der USA der mangelnde Komfort von einem Bett und die fehlende Hygiene. Somit entschließen wir uns mal wieder 7 Nächte am gleichen Ort zu verbringen. Die Wohnung in Mataro liegt am Meer und wir teilen sie mit 4 anderen spanischsprachigen Jungs. Jeden Tag gehen wir eine Runde Kraulen, frühstücken auf dem Balkon und einmal fahren wir nach Barcelona rein.

Mit vollen Akkus können wir nun in unser nächstes Abenteuer starten: zu Fuß von Barcelona aus die Pyrenäen nach Frankreich zu überqueren. Ein richtiges Ziel oder Etappen haben wir nicht, wir folgen dem europäischen Fernwanderweg E4 (GR4 in Spanien) soweit wir Lust und Laune haben. Und das erweist sich als sehr entspannt, denn ohne Zeitdruck und überhöhten Ehrgeiz können wir auf unsere Bedürfnisse hören und an schönen Stellen in der Natur verweilen. Wir finden eine alte Burgruine, welche im 11. Jahrhundert erbaut wurde und im 19. Jahrhundert unter Napoleon als Truppenstützpunkt diente, und schlagen in dem alten Gemäuer unser Zelt auf. Unsere Nudeln verspeisen wir in der Abendsonne auf einem kleinen Balkon der Burg mit Blick auf die Wälder unter uns und genießen zufrieden die Stille. Die Sonne macht uns natürlich zu schaffen und einmal fühlen wir uns von der Landschaft und der Hitze her kurz ins Death Valley in der USA zurück versetzt. Doch die ersten Tage ziehen jeden Abend Wolken auf, es regnet und gewittert ein wenig. Nach unserer Erfahrung in Argentinien, wo wir das schlimmste Gewitter unseres Lebens im Zelt aushalten mussten, ängstigen diese uns immer noch ein wenig und wir achten jedesmal darauf, dass unser Zelt an einem guten Platz steht. Der Morgen ist kühler und wir genießen beim Laufen die Morgenstimmungen. In St. Vincent de Castellet ist unser Startpunkt und wir bewegen uns in der ersten Zeit in der Vorbergzone der Pyrenäen, die Anstiege sind kurz und die Wege angenehm breit. Wir passieren kleine Dörfer, sehen viele Burgruinen und laufen an gelben Getreidefeldern vorbei. Öfters wandern wir an großen Höfen entlang, die ihre besten Zeiten schon hinter sich haben, kaputte Fensterscheiben besitzen aber immer noch aktiv Landwirtschaft betreiben. Das Katalanisch können wir fast nicht verstehen und nicht alle wollen Spanisch sprechen. Der Rucksack wiegt schwer, denn wir müssen neben unserer Ausrüstung auch Proviant für 2-3 Tage tragen sowie 8 Liter Wasser. Das Wasser reicht uns für einen Tag inklusive kochen und deshalb ist unsere wichtigste Tagesaufgabe neues Trinkwasser zu finden. Mit unserer wachsenden Erfahrung werden wir immer besser im Wasser kalkulieren, sodass wir nicht mehr so viel auf einmal zu tragen brauchen. Zweimal bekommen wir auf Nachfrage Wasser von Einheimischen geschenkt, ansonsten suchen wir nach Quellen, welche auf unserer Offlinekarte eingezeichnet sind. Manchmal sind sie ausgetrocknet, aus anderen kommt nur ein dünner Rinnsal, deren Tropfen uns trotzdem retten und weitere Quellen schmecken so kühl und frisch, dass wir gleich unser Zelt daneben aufschlagen. Das Wildcampen ist kein Problem, wir finden leicht Plätze: von Burgruinen, Getreidefeldern, Flussbetten, Wiesen, Parks in kleinen Dörfern bis zu lauschigen Plätzen neben Kapellen. Jedesmal sind wir alleine und niemand stört sich an uns. An einem breiten Fluss entfliehen wir einmal der Mittagshitze, finden ein ungestörtes Plätzchen im Schatten und legen uns ins kalte Wasser. Es ist so schön und friedlich, dass wir beschließen die Nacht hier zu verbringen. Dafür waten wir mit unseren Rucksäcken durch den Fluss, denn eine Wiese mit hohem Gras am anderen Ufer lädt dazu ein unser Zelt aufzubauen. Ein Solarpannel ermöglicht es uns weiter unsere Handys zu nutzen, auch wenn es auf den Rucksack geschnallt und in Bewegung nicht immer so schnell lädt. Einmal, als das Solarpanel einige Meter von uns entfernt in der Sonne lädt, versucht ein Mann es heimlich einzustecken. Zum Glück reagiert Jakob schnell. Ertappt und rot angelaufen trollt sich dieser seinen Weg. 

Wir treffen so gut wie keine Menschen geschweige denn andere Wanderer, wahrscheinlich wegen der Hitze. Mit Benzin zu kochen macht Spaß, denn das Essen ist super schnell fertig und wir bekommen es an jeder Ecke.
Nach der vierten Nacht wildzelten, finden wir einen kleinen dörflichen Campingplatz für die Nacht, auf welcher spanische Dauercamper ihre Caravans stehen haben. Es ist urig, wir schwimmen im Pool, duschen endlich ausgiebig und kommen auch ein wenig in Kontakt mit den Caravanbesitzern. Dazu gibt es Käsebrot und eiskaltes Bier. Weil uns die Vorräte ausgehen und lange Zeit kein Supermarkt mehr kam, müssen wir am nächsten Tag den Berg vor uns überwinden und die 22km nach Borreda durchziehen. Es läuft überraschenderweise sehr flüssig, durch unsere Gespräche verfliegt die Zeit, und auf einer Wiese kurz vor der Stadt schlagen wir das Zelt auf. Jakob macht sich noch die letzten Meter auf nach Borreda, um uns mit Essen zu versorgen. Tags darauf laufen wir an einem Refugio vorbei, welches hoch oben in den Bergen trohnt. Leider ist es ein wenig teuer für uns, der nette Besitzer schlägt uns aber einen tollen Platz neben einem verlassenen Kuhstall vor und wir nehmen noch ein kaltes Bier mit. Sogar eine Quelle ist in der Nähe, wo wir uns und unseren Topf ein wenig waschen können.
Am nächsten Tag sind unsere Beine dagegen schwer und wir finden schon nach 10km hinter dem kleinen Touristenort Pobla de Lillet auf einer Anhöhe einen Platz mit Blick auf die Stadt. Jeder hat auch Blick auf unser Zelt, wenn auch aus weiter Ferne und wir werden neugierig beäugt. In den spanischen Dörfern sehen wir viele gelbe Schleifen an Häusern, Straßenlaternen und auf den Boden gemalt, um sich mit inhaftierten katalanischen Ministern zu solidarisieren und für die Unabhängigkeit Kataloniens zu werben. Die nächste Etappe soll die Härteste werden, weil es keine Quellen unterwegs gibt. Wir schlafen unruhig, denn immer wieder kitzelt es uns an verschiedenen Stellen. Verschlafen kratzen wir uns bis wir irgendwann wach sind und die Taschenlampe anmachen. Ameiseninvasion. Durch einen offenen Spalt der Zelttür haben sie sich einen Weg nach drinnen gebahnt. Sogar an der Decke kleben sie, von wo sie auf uns herunterfallen. Mit Klopapier töten wir um die 100 Stück und stellen sicher, dass nirgends mehr ein Spalt offen ist. Am nächsten Morgen hängen die Ameisen drinnen und draußen am Innennetz und haben tatsächlich kleine Löcher durch das Netz gebissen. So ein Mist, noch mehr Gesprauchsspuren, die unser Zelt mittlerweile aufweist. An diesem Tag ist es das erste Mal wolkig und Regen sowie Gewitter sind angekündigt. Ein wenig bang ist uns vor der schwierigen Etappe, noch dazu hat Miriam Knieschmerzen bekommen. Wir stapfen auf einem breiten Kiesweg los, in einer stetigen Steigung geht es schnell nach oben. Ziel ist eine Quelle noch vor dem kleinen Städtchen Alp auf der anderen Seite der Gebirgskette. Die Wolken und kühle Luft tun uns gut und ermöglichen es uns sparsam mit unseren drei Flaschen Wasser umzugehen. Hoch oben gelangen wir in eine Nebelwand, es ist windig und fängt an zu regnen. Zum Glück nicht lange und über grüne Bergwiesen mit verschiedenen Blumenarten geht es steil hinauf bis wir den Pass auf 2.000 Meter erreichen. Über Kuhwiesen, auf denen es viele Kälber gibt, geht es an vielen Skihängen vorbei wieder nach unten. Oft stehen die Kühe mit ihren Kälbern blöd auf dem Wanderweg herum und wir müssen dicht an ihnen vorbei laufen. Dabei ist uns mulmig zu Mute, sie machen deutlich, dass wir ihren Kälbern nicht zu nahe kommen dürfen, indem sie sich vor ihre Kälber stellen. Eine Murmeltierfamilie hüpft vor uns ins Gebüsch und auch Rehe und Hasen scheuchen wir auf. Wir schleppen uns die letzten Meter bis zu der Quelle in einem Wald, drücken auf den Knopf und es kommt: kein Wasser. Die Quelle ist ausgetrocknet. Wir haben keine andere Wahl als noch weitere 6km bis nach Alp zu laufen. Dort finden wir frisches Wasser und campen auf einer großen Wiese in dem Dorf neben einem Schwimmbad - heute laufen wir nicht mehr weiter. Nachdem wir 26km und 1200 Höhenmeter hoch und fast soviele wieder hinunter sind, ist die Tafel Schokolade auch schnell verputzt.

Am nächsten Morgen erreichen wir unser Ziel Puigerca und springen unterwegs in einen erfrischenden Fluss. Kurz danach überqueren wir die Grenze nach Frankreich, was wir nur durch einen Grenzstein merken und schlagen auf einem nicht bewirtschafteten Acker unser Zelt auf. Von dort können wir am nächsten Tag den Zug nach Toulouse zu nehmen. Nach zehn Tagen wildcampen ruft uns das Bett wie auch die Dusche und der Muskelkater sowie die Knieschmerzen fordern ein paar Regenerationstage. 

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