und immer weiter auf der Via de la Plata...
...und schon wieder rund 200 km weiter nördlich in Spanien: Die Tage fließen bunt ineinander voll Sonne und Wind... kaum weiß ich, wie ich euch einen Eindruck vermitteln kann...

Veröffentlicht: 10.04.2026












































Immer weiter nach Norden führt(e) mein Weg. Zunächst weiterhin durch "parkähnliche" Landschaft, in welcher Kühe und Schafe unter altehrwürdigen Steineichen hinter noch altehrwüdigeren Mauern weiden - bei immer wieder sehr viel zu öffnenden und wieder zu schließenden Toren, erstaunlicherweise jedesmal mit einer anderen Art der Verriegelung! Das kleine Städtchen Galisteo liegt malerisch auf einem Hügel und ist bereits von weitem zu sehen: noch vollständig von einer intakten mittelalterlichen Stadtmauer umgeben. Eidechsen, duftend blühender Weißdorn, Mandelplantagen (leider noch nicht blühend)...
...dann wieder viele Kilometer etwas ermüdend an kleineren, wenig befahrenen Straßen - nach dem letzten Eintrag hier bleibt es ist noch weitere vier Tage zum Teil recht stürmisch, oft so, dass ich richtig gegen den heftigen Wind angehen muss... ...und die schneebedeckten Gipfel rücken immer näher, während ich im Frühlicht des nächsten Tages aus Carcaboso hinauswandere, in märchenhafter Stille, nur "angereichert" von Vogelgesängen und Wind; durch Ginster, Lavendel und Eichen, immer wieder beeindruckt von all diesen Steinmauern: wie viel Arbeit steckt darin und wie lange halten diese kunstvoll geschichteten Mauern bereits, ganz ohne Mörtel und Beton - und da wo sie zerfallen, bleibt kein Müll zurück, nur einfach wieder Steine...
In Caparra gibt es wieder römische Ausgrabungen und unvermittelt "mitten auf dem Feldweg" einen beeindruckend großen Torbogen - jetzt etwas einsam herumstehend, einst wohl Eingangstor in eine größere Ansiedlung. Hier verlasse ich dann den Jakobsweg und "wechsle" für die nächsten anderthalb Tage bzw. gut 40 km auf die "via verde", eine ehemalige Bahntrasse, heute als Rad- und Wanderweg genutzt, welche sich mit angenehm gleichbleibender Steigung durch die Einsamkeit schlängelt und windet, mit Tunnels, Brücken, Unterführungen und alten, halbzerfallenen Bahnhofsgebäuden. Als es Abend wird, steige ich über eine der Steinmauern und finde ein "Schlafzimmer" zwischen großen Felsen, Oliven und blühenden Kirschbäumen.
Am Gründonnerstag ist es in der Gegend um den malerischen alten Ort Hervas einige Zeit nicht ganz so einsam, denn viele Familien, Hundebesitzer und Radfahrer nutzen die Osterferien, um ein Stück auf der ehemaligen Bahntrasse unterwegs zu sein. Es geht nun immer höher in die Berge - ich wandere "in der Jahreszeit rückwärts": keine Steineichen mehr, dafür viele sehr schmalblättrige Eschen, welche eben erst austreiben und sehr hellgrün und frisch in der Sonne leuchten; viele Bäume sind noch kahl, vor allem die Berghänge hinauf; Wildkirschen und Schlehen blühen weiß und frühlinghaft. Kurz vor Puerto de Bejar (auf gut 950 m) verlasse ich die autonome Region Extremadura und bin seitdem in Kastilien-Leon.
Am Karfreitag geht es weiter hinauf in die Berge: Fuenteroble de Salviaterra liegt auf fast 1000m Höhe. Morgens hat es Reif auf den Wiesen. Es geht von Puerto de Bejar zunächst weit hinab ins Tal des Rio Cuerpo de Hombre (ca. auf 650m) auf kleinen Wegen durch kahlen "Wald" (Wald im mitteleuropäischen Sinne gibt es hier nicht) - oft wieder auf der "Original-Römerstraße", d.h. flankiert von Miliarios, den Meilensteinen. Unermüdlich ruft in all diesen Tagen "der Kuckuck" - so dass ich Mitleid mit den Singvögeln der Gegend empfinde, die später die Kuckuckskinder ausbrüten und füttern dürfen... Erst gegen 9 Uhr kommt die Sonne "über den Berg",, nur um bald darauf noch einmal "unterzugehen" und wieder "aufzugehen" usw. - jen nach dem wie hoch die Berge im Osten gerade sind... Vogeldurchsungene Stille (so viele Feldlerchen!), Kühe, die auf Wiesen weiden, die fast mehr große Felsen als Gras enthalten... Alle gut 10 km mal ein kleiner, verschlafener Ort mit Strorchennest auf dem Kirchturm und vielleicht einer kleinen Bar für eine Pause. Mittags allerdings ist dann in einer Bar gefühlt das ganze Dorf in festlicher Kleidung beim Grillen und Biertrinken und "Lautsein" versammelt; und über allem leuchten die Schneeberge.
Die Herberge in Fuenteroble de Slaviaterre - ein großes, altes kirchliches Gebäude - atmet sozusagen den Geist des ursprünglichen Pilgerweges (ebenso wie die kleine Herberge in Puerto de Bejar, in welcher ich die Nacht davor gemeinsam mit einer Japanerin, einer Portugiesin, einer Brasilianerin, einem Niederländer und einem Italiner zu Gast war und wo der Hospitalero für alle eine warme, nährende Suppe kochte...): In einem großen, dunklen Speisesaal voller Heiligenbilder und -figuren wird gemeinsam zu Abend gegessen. Hier sind 26 Menschen anwesend (auch viele Radfahrer und Spanier, die nur zwei, drei Tage über Ostern wandern) und alle erhalten ausreichend dicke Kartoffel-Gemüsesuppe, dank Karfreitag ohne Fleisch. Ich treffe hier auf die meisten der Gruppe wieder, die ich in der Nacht vor dem Tajo-Stausee kennengelernt hatte, was ein nettes Wiedersehen ist - wir bleiben nun bis Salamanca sozusagen zusammen...
Der Samstag ist dann endlich ein Tag mit kaum noch Wind, daher gefühlt wärmer. Heute geht es "übers Gebirge", d.h. bei einem Kreuz auf knapp 1200 m ist der höchste Punkt erreicht. Bis dahin steigt der Weg felsig, schmal und z.T. steil immer höher und immer weiter zurück in den frühen Frühling mit Krokussen (kleinen blasslila Sternen, die sich erst in der Sonne öffnen), kahlen Bäumen und traumhaft schönen Mini-Narzissen, zartgelb und "hängend" wie Schneeglöckle - mithilfe meines "Minicomputers" hier finde ich heraus, dass es sich um "Engelstränen-Narzissen" handelt! Na ja, ich wusste nicht, dass Engel weinen, aber wenn, dann entsteht sicherlich etwas so zart-lieblich-schönes daraus! Ganze schüttere, steinige Wiesen sind damit bedeckt, sowie mit anderen, leuchtender gelben Blümle... ...und als Erinnerung daran, dass wir in "der heutigen Zeit" leben, ragen hohe Windräder über all dieser Schönheit auf - merkwürdigerweise stehend.
Nach San Pedro und Morille geht es dann rasch wieder auf 950 m abwärts: wieder eintauchen in Steineichen-Mauern-Weiden... Abends in der Bar des kleinen Ortes noch bei einem Glas Wein beisammen sitzen.
Am Ostersonntag erreiche ich dann Mittags Salamanca- schon lange vorher in der Ferne mit seinen Türmen zu sehen - über die alte Bogensteinbrücke auf die alles überragende gotische Kathedrale zugehen. Glücklicherweise zahle ich als erstes die 4,- Euro, um auf die Türme und Dächer der Kathedrale(n: es sind eigentlich eine "alte" und eine "neue" ineinandergeschachtelt) steigen zu dürfen. So erlebe ich von oben die letzte Osterprozession in Salamanca (Ostern geht hier als "Semana Santa" von Palm- bis Ostersonntag, der Montag ist normaler Arbeitstag, und wird mit vielen Umzügen, Prozessionen u.ä. begangen).
Salamanca hat eine wunderschöne Altstadt (und sehr zentral gelegen eine öffentliche Pilgerherberge, die allerdings nur wenige nutzen, da viele mehr als eine Nacht in der Stadt bleiben). Abends treffen wir uns auf dem Plaza Mayor (sehr groß, sehr beeindruckend), um noch einmal gemeinsam einen Wein oder ein Bier zu trinken, Pizza zu essen und Abschied zu nehmen voneinander. Wir sitzen hier beisammen aus Australien, USA, Holland, Spanien, Deutschland, Österreich, Slowenien, Polen und Belgien; zusammengekommen auf dem Camino de Santiago, z.T. sehr intensive Begegnungen - und nun trennen sich die Wege wieder - der und die eine muss zurück nach Hause, einige bleiben noch in der Stadt, andere gehen gleich morgen weiter (so wie ich)... - und ehe wir es recht merken, müssen L. und ich uns eilig verabschieden, denn die Albergue Municipal schließt um 22 Uhr ihre Tore...
Montag früh wirkt die Stadt dann wie ausgestorben: nur Reinigungskräfte sind am Werk und Zulieferer zu Läden. Ich habe in Salamanca noch einiges zu erledigen (wie zB. neue Sohlen in meine Wanderstiefel kaufen...) und so fahre ich Mittags (eine Anzeige sagt, es habe 28° C) mit dem Bus einige Straßenkm aus der Stadt hinaus, um nur noch gut 13 km in der Nachmittagssonne auf Schotterwegen durch stille, weite, eher flache Agrarlandschaften (rote Erde, grüne Getreidefelder, gelb blühender Raps) bis zu einer kleinen Herberge in einem noch kleineren Ort zu wandern, wo wir dann zu viert übernachten. Gerade in den eher "eintönigen" Landschaften wanderte ich oft so versunken vor mich hin, dass ich richtig erschrecken, wenn unverhofft ein Radfahrer von hinten kommt - oder es setzen miteinmal zwei, drei Rehe vor mir über den Weg, bellt ohne Vorwarnung hinter irgendeinem Zaun oder Tor ein Hund...
Die nächsten beiden Tage regnete es meist, bzw. herrschte Aprilwetter. So erlebte ich das romanische Zamora eher düster und nass-kalt, aber irgendwie passte das gut. Leider ist in der romanischen Kathedrale, auf die ich mich so gefreut hatte, ein Museum für sakrale Kunst installiert!, so dass der eigentliche Kirchenraum mit seiner Kuppel kaum wahrgenommen und nicht erlebt werden kann!
In der Nähe von Granja de Moreruela ragen die beeindruckenden Ruinen des "Monasterio de Santa Maria de Moreruela" auf - auch hier viele Storchennester. Diese ehemalige Zisterzienserabtei hatte offensichtlich gewaltige Ausmaße, ebenso wie eine Festung, von welcher einige Km vor dem heutigen Ort noch "Mauerreste in der Gegend herumstehen", die die ehemalige Ausdehnung nur erahnen lassen... ...selbst im offenen, nur als Ruine erhaltenen " Chor" der Klosterkirche ist die Akustik noch immer wunderschön!
Ich pilgere weiter nach Norden, die anderen Peregrinos wandern von hier aus westlich. So verabschiedet ich mich auch von C., mit welcher ich mich in den letzten drei Tagen bzw. eher Abenden etwas näher gekommen war. Wie manche der Frauen, denen ich in den letzten Wochen begegnete, trägt sie schwere Erinnerungen bzw. Erfahrungen mit sich. Vielleicht gerade dadurch, dass es kurze Begegnungen sozusagen unter Fremden, nur einige Male zusammengeführt durch den gleichen Weg, sind, ist es oft möglich, auch Trauer, Schmerz, Fragen und Tränen zu teilen. Zumindest wenn ich offen zuhöre - diese Begegnungen berühren mich tief. Und solange ich noch nicht "gegenläufig" zur Richtung nach Santiago unterwegs bin, sind es gerade diese Begegnungen, die mich (neben tiefen Nachttemperaturen) manche Nacht in schlecht gelüfteten Räumen auf durchgelegenen Eisenkernmatratzen aushalten lassen...
Nun wanderte ich heute rund 30 km nach Benavente (oft mit "lieblichen Duft" in der Nase, denn in dieser Region gibt es viele riesige Schweineställe...), z.T. wieder auf einer aufgelassenen Bahntrasse, und nahm dann den Bus nach Leon: ca. 70 km durch "flache Agrarwüste", durch welche es neben der Autobahn und anderen Straßen keine wirklichen Fußwege gibt.
Obwohl dort sogar Schnee vorhergesagt ist(!), freue ich mich auf den Weg über die Kantabrischen Berge, welche mich nun noch von der nordspanischen Atlantikküste trennen. Da auf der Via de la Plata bereits so viel mehr Pilger unterwegs waren als ich für diesen als einsam geltenden Weg so früh im Jahr vermutet hatte, beschloss ich endgültig, nicht von hier aus auf dem berühmten und inzwischen so sehr überlaufenen " Camino Frances" ostwärts nach Frankreich zu gehen, sondern an der Küste entlang...
