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auf den Frankenweg: Naturpark Altmühltal und Nürnberger Land

Veröffentlicht: 28.08.2026

Attraktion
Wülzburg
Weißenburg in Bayern, Deutschland
Attraktion
Steinerne Rinne
Franken, Deutschland
Sehenswert
Berching
Berching, Deutschland
Sehenswert
Thalmässing
Thalmässing, Deutschland
Sehenswert
Obermässing
Obermässing, Deutschland
Sehenswert
Neumarkt in der Oberpfalz
Neumarkt in der Oberpfalz, Deutschland
Unterkunft
Waldkindergarten oberhalb von Thalmässing
Frei­camping · Thalmässing
Unterkunft
Neumarkt in der Oberpfalz

In den vergangenen zehn Tagen war und ist das Wetter nun wechselhaft und meist deutlich kühler. Da es am 15. August mit über 35°C noch sehr heiß war tags zum Wandern und Georg wohl einen leichten Sonnenstich hatte, blieben wir am 16. bereits in Bopfingen auch zur Nacht. Es gewitterte heftig und kühlte "über nacht" auf 15-20°C ab. Inzwischen ist die Stimmung (vor allem früh draußen im Wald und auf den Feldern) bereits recht herbstlich mit morgendlichen Nebeln, taunassen Wiesen, blauen Schlehen und roten Hagebutten oder Weißdornbeeren...

In Bopfingen waren wir ans Nördlinger Ries gelangt, eine beeindruckende, große Ebene, durch einen Meteoriteneinschlag vor nahezu 15 Mio. Jahren entstanden. Einige "Zeugenberge" ragen in dieser Ebene auf, wie z.B. der markante Ipf bei Bopfingen, auf dem mächtige vorgeschichtliche Befestigungsanlagen schon aus dem 12. Jahrhundert vor Chr. stammen. Wir wandern tagelang immer am Rand bzw. auf den Albhöhenzügen über dem Rand des Ries. Den Ipf sehen wir über Tage hinweg erst aus der Nähe, dann immer ferner, aber immer gut erkennbar. An vielen Stellen sind am Rande des Ries an Steinbrüchen und anderen Steilwänden die Verwerfungen in der ursprünglichen Schichtung der Jurakalkablagerungen zu erkennen, welche durch die enorme Hitzeeinwirkung des Meteoriteneinschlags entstanden. Oder es liegen große Felsbrocken umher, laut Infotafel teil der "Trümmermassenbedeckung", welche noch in weiter Entfernung niederging...

Zunächst wandern wir weiter auf dem HW1 über immer niedrigere "Gipfel" (z.B. ist der "Ohrengipfel" - ohne Aussicht, da gänzlich bewaldet - noch gut 650 m hoch), durch Wald und Feld. Das fürstliche Haus Oettingen-Wallerstein hat in der Gegend über Mönchsdeggingen bis Harburg (Schwaben) - liegt allerdings bereits in Bayern! - ausgedehnte Ländereien. So führt uns der Weg z.B. sehr lange durch ein fürstliches Wildschweingehege: der Waldboden ist großflächig umgepflügt... und obwohl wir nicht dem kleinsten Schwein begegnen, bin ich froh, als wir das massive Tor wieder hinter uns schließen können. "Karlshof" verfällt weitgehend - ist ein Jammer, denn es sind beeindruckende alte, herrschaftliche Gebäude in weiter Waldlandschaft. Etwas weiter gab es vor Jahrhunderten eine fürstliche Mühle und Sägewerk, der einstige Mühlbachkanal (welch ungewohnt-schönes Geräusch doch das Gluckern eines Baches darstellt!) und Fischweiher sind noch intakt, an das frühere Mühlengebäude erinnert  nur noch eine Infotafel. So viele Spuren einstiger (anderer) Nutzung durchziehen unsere Kulturlandschaften, manche können wir noch "lesen", andere sind uns rätselhaft und wieder andere übersehen wir einfach. In "Christgarten", heute ebenso einfach "mitten im Wald", können wir noch die Reste eines einst mächtigen Kartäuserklosters bewundern. Auf der Suche nach Trinkwasser folgen wir in "Hoppelmühle" den lauten Rhythmen aus einer hier eher ruhestörenden Anlage und Stimmengewirr, um vom Waldweg ab vor einem großen Pfadfinderheim auf gut 20 "mittelalte" Menschen im "Hippielook" zu treffen, welche mit reichlich Alkoholvorräten unter großen Sonnenschirmen beisammensaßen. Wir bekamen Wasser, aber auf unsere neugierige Frage, welche Art von Veranstaltung dies hier sei, erhielten wir nur die ausweichende Antwort, sie träfen sich hier einfach eine Woche privat "um zu chillen". Da rund um den Hof viele Autos mit lauter unterschiedlichen Nummernschildern aus allen Teilen des Landes von Bayern bis Hamburg stehen, rätseln wir noch lange, um welch "geheimes, konspiratives Treffen" es sich hier wohl gehandelt haben könnte?

Wir schlafen (Blick auf den malerischen Ort Hohenaltheim) vor einer liebevoll überdachten Holzbeuge, Kopf an Kopf, da wir nebeneinander nicht mehr unters Dach passen - eine neugierige Maus sieht immer wieder unter dem Holz hervor, Schwalben und später Fledermäuse (sehen wir eigentlich jeden Abend) flitzen vorüber, die Sonne geht blutrot und kreisrund unter, während der zunehmende Mond sich erstmals wieder als ganz schmale Sichel zeigt. 

Die nächsten beiden Tage regnet es oft. In Mönchsdeggingen (großes Kloster, wir retten uns für die Zeit eines kurzen Schauers in die barocke Kirche) unterhalten wir uns mit der Wirtin des einzigen Gasthofes am Ort. Bei ihr übernachten noch Wanderer, aber sie schimpft sehr auf Buchungsportale wie booking.com und ähnliche, die ihr "das Leben nur schwer machen". Den Rest des Tages verbringen wir feucht-fröstelnd stundenweise auf Jäger-Hochsitzen, welche zum Glück immer gerade dann in Sichtweite sind, wenn es wieder stärker zu regnen beginnt. (Später im fränkischen hätten wir Pech gehabt, da sind über Tage an allen geschlossenen Hochsitzen Vorhängeschlösser angebracht...) Um uns rauscht und strömt es, die so lange trockene Natur atmet auf, die Welt "geht unter", wir sind froh um die enge Zuflucht...

Später wandern wir durch Wacholderheide, vorbei an mächtigen Felsblöcken, über vertrocknete Höhenwiesen und den "Bocksberg" (noch gut 570 m hoch), sowie unter mächtigen uralten Linden auf die Märchenburg Harburg zu. Hoch über dem gleichnamigen kleineren Ort an der Wörnitz thront diese einst staufische "Höhenburg" am südöstlichen Rand des Nördlinger Ries (ebenfalls in Oetting-Wallerstein-Besitz, heute Kulturstiftung). Sehr groß, sehr intakt, graue Mauern und rote Dächer, Türme und Türmchen - wie gesagt: eine Burg wie im Märchen. Hier trennen wir uns vom HW1, welcher noch bis Donauwörth weiterführt (für mein Vorhaben aber nun wirklich die falsche Richtung) und wechseln auf den "Frankenweg", welcher mit rot-weiß-roter Markierung unter der Burg entlang hinab zum Ort führt. Die Ausblicke auf die markanten Felswände über dem Tal, die Schleifen der Wörnitz, die beiden hohen, hellen Kirchen und die verwinkelte Dächerlandschaft ist so schön, dass wir uns kaum auf den rutschig-nassen steilen Pfad konzentrieren können. Es regnet wieder, als wir in Harburg ankommen. Über eine alte Steinbrücke erreichen wir einen Park, in welchem ein überdachter Pavillion steht. Dort lassen wir die Rucksäcke (und kommen später zum Schlafen hierher zurück). In einer Regenpause gehen wir wieder über die Steinbrücke: sie überspannt nicht nur den Fluss, sondern auch eine Art Insel in seiner Mitte. Dort beobachten wir längere Zeit ein Wiesel, welches wahrhaftig wieselflink umherrennt - es geht so schnell, dass wir kaum folgen können! An einem Haus sind Hochwassermarken angebracht. Schon in Jungingen im Killertal hatte ich beim Anblick des kleinen, sanft dahinplätschernden Flusses kaum glauben können, dass seine Fluten einmal mindestens 5 Meter höher geflossen sein sollten. Ebenso übersteigt es hier mein Vorstellungsvermögen - wie muss es ausgesehen haben, wenn der Fluss so hoch über die Ufer kommt!! Die häufigen Hochwasser bringen wohl viel Sand mit, und so wurde früher dieser Sand zu Bauzwecken mit langen, schmalen Holzkähnen von Hand aus der Wörnitz geholt. In einem Biergarten sitzen wir noch zu einem Salat und wärmenden Tee unterm Schirm, auf den es laut herabprasselt, sehen aufs Wasser, wo Enten, Reiher und eine winzige Bachstelze trotz Regen aushalten. Direkt hinter unserem Schlafpavillion verläuft die Bahnlinie; zum Glück fährt zwischen 22 und 6 Uhr kein Zug. Georg meint in der Früh, es habe den größten Teil der Nacht weiter geregnet; ich schlief und bekam es nicht mit...

Den hübschen Ort Wemding erreichen wir im Abendlicht des nächsten Tages (nachdem tagsüber Stunde um Stunde das Motorengeräusch großer Maishäcksler uns begleitete). Die barocken Giebelfronten der Altstadthäuser sind bunt und lustig geschwungen, rundum zieht sich eine noch intakte, doppelte Stadtmauer, "zwischen" diesen schöne Fuß- und Radwege. Unter Alleebäumen und auf kleinen "Hinter-den-Gärten-Wegen" wanderJdann rund 2 km zur sehr großen Wallfahrtskirche "Maria Brünnlein zum Trost", schon von weither (seit Bopfingen) sahen wir diese markante, einzelstehende Basilika immer wieder. Selbst heute kommen noch "jährlich rund 150.000 Pilger und Besucher zu dieser Gnadenstätte"! Um 1680 brachte ein Bürger Wemdings von einer Romreise eine reichgeschmückte Madonna mit und "verehrte sie in seinem Hause". Dies unterband der Stadtpfarrer, der "kein privates Heiligtum" duldete, und so wanderte das Bildnis in eine kleine Kapelle, welche über einer Quelle, einem "Brünnlein" entstand, an dem Ort, wo ein anderer Bürger Wemdings ein Gelübde zum Bau einer Kapelle abgelegt hatte. 1735 und 1746 wurde dann allerdings zweimal "eine Augenwende" der Marienfigur beobachtet - woraufhin "tausende Wallfahrer herbeiströmten" und die Kirche vergrößert werden musste. Die heutige Kirche wurde Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut. Vor dem Altarraum steht "das Gnadenbild": die recht kleine Marienfigur mit dem Kind auf dem Arm, beide in reichverzierte Gewänder gekleidet, in goldenem Glasschrein. Um und hinter diesem plätschert (in einer Kirche ein ungewohntes Geräusch!) in Muschelschalen das Brünnlein: klares, kaltes Wasser - ich nässe Gesicht und Hände damit und trinke davon.  In einem Seitenaltar kann ich außerdem durch ein Glasfenster die Gebeine irgendeines Heiligen bewundern: Mit leichtem Gruseln betrachte ich lange das Gerippe, dessen Schädel mit Edelsteinen besetzt ist, die Knochenfinger mit Ringen geschmückt, ein spitzenbesetztes Gewand aus Seide und Brokat endet an den edelsteingeschmückten Knien. Dünne, nackte Knochen kommen sehr schmal unter den gepluderten Hosenbeinen hervor und stecken dann, merkwürdig grotesk! in normal großen, wiederum mit funkelnden Steinen besetzten Schuhen. Das edle Gerippe hebt "prostend" einen Kelch in der einen Hand, mit der anderen hält es einen langen, vergoldeten Knüppel... ...Mit dem Acht-Uhr-Läuten kommt ein Warnwesten-Mann mit großem Schlüssel vorgefahren und schließt die Kirche zur Nacht. So gehen wir (vorbei an Hotel und Biergarten "zur Wallfahrt") und einem völlig überbesetzten Wildgehege im Sonnenuntergang noch ein kurzes Stück zu einem ebenen, gemähten Wiesenweg - hinter uns der Turm der Basilika, daneben die schmale Mondsichel, vor uns lange Zeit heftiges Wetterleuchten am Horizont. Nachts ist es sehr klar: die Milchstraße ist gut erkennbar und ich sehe mehrere Sternschnuppen; Kassiopeia und der große Wagen bewachen meinen Schlaf...

Über den Höhenzug "Hahnenkamm" gelangen wir am 20. Mittags an den wunderschönen gleichnamigen See - ein Stausee der Rohrach. Herrlich, im kalten, klaren Wasser hinauszuschwimmen! Gepflegte Uferanlagen - wir wundern uns, wie wenig (August, Ferienzeit) los ist und genießen die Ruhe am See. Trotz überschaubarer Gästeanzahl hat sogar das Kiosk geöffnet, so können wir bei Kaffee und Kuchen die dunkelschwarzen Gewitterwolken überm Wasser beobachten, kurze Zeit kommt heftiger Wind auf, es donnert und wetterleuchtet, aber wirklich zum regnen kommt es nur anderswo. Die netten Orte, durch die wir kommen, sind meist wie ausgestorben - oft fragen wir den einzigen Menschen, den wir sehen, übern Zaun nach Wasser. Es ergeben sich fast immer nette Gespräche, einmal bekommen wir noch zwei frisch geerntete Gurken herübergereicht, hin und wieder müssen wir irgendwann fast unhöflich weitergehen, da die Fragen nach Woher und Wohin und die Bemerkungen zur Weltpolitik und zu der in Deutschland (bzw. Bayern) im besonderen... nicht enden wollen. Sehr verschiedene Kirchen und Kirchtürme, Orte, die nicht durch lauter Neubaugebiete völlig in die Landschaft ausufern, "nette Dörfer", durch die wir alleine hindurchgehen, oder die "unter uns" liegen - Gosheim, Ursheim, Polsingen, Hechlingen am See, um nur einige zu nennen, oder Hohentrüdingen - dort finden wir eine massive Schutzhütte inmitten von Obstwiesen (sehr zu Georgs Leidwesen, sind Äpfel und Zwetschgen längs des Weges alle noch etwas unreif, hier allerdings finden wir leckere Klaräpfel). Unter einem großzügigen Vordach geschützt, beobachten wir gelassen den gewittrig-schwefelgelben Himmel, sowie einige Hasen im Gras und später die huschenden Schatten der Fledermäuse; unterm Dach rumoren vermutlich Siebenschläfer. 

Am Freitag wandern wir nur kurze Zeit durch taunasse Wiesen und wolkendunklen Wald. An einem Sträßchen angekommen, halte ich kurzerhand den Daumen raus, frei nach dem Motto "entweder werden wir bald mitgenommen, dann fahren wir hinein nach Markt Heidenheim (dort gibt es z.B. eine Bäckerei und Kaffee...), oder eben nicht, dann soll es nicht sein und wir folgen weiter dem Wanderweg, welcher Heidenheim in weitem Waldbogen umgeht. Da ich ein Mensch mit sehr mangelhaftem Orientierungssinn bin, stehe ich zunächst auf der falschen Straßenseite, so dass der anhaltende Fahrer sehr erstaunt ist, als ich sage, wohin wir wollen... Auf die richtige Seite gewechselt, nimmt uns ein kleiner Linienbus mit. Der freundliche Fahrer meint, er dürfe uns eigentlich nicht mitnehmen, hier sei keine Bushaltestelle, aber er sage immer "menschlich bleiben ist wichtiger als Vorschriften"; die einzige Mitfahrerin, eine sehr alte Dame, freut sich offensichtlich über unser Zusteigen. Wieder ohne Bushaltestelle lässt uns der Fahrer in der Ortsmitte direkt vor der Bäckerei aussteigen. Da es bald zu regnen beginnt und bis zum nächsten Morgen laut Wetterbericht auch nicht mehr damit aufhören soll, mieten wir uns im "Pilgerzimmer" des Ortes ein (durch Heidenheim führt ein ökumenischer Pilgerweg), zwar schon etwas in die Jahre gekommen, dafür trotzdem mit stolzem Preis - aber wir haben es warm und vor allem trocken und eine heiße Dusche (selten genossen) löst die reinsten Wonnegefühle aus... Im Regen besuchen wir später noch das Kloster. Im 8. Jahrhundert kamen Mönche aus England über den Kanal und St. Wunibald gründete hier ein Kloster. Allerdings verstarb er bald darauf jung, so dass seine Schwester Walburga sein Amt übernahm. Unter ihrer Leitung wurde es zum Doppelkloster: Mönche und Nonnen lebten unter einem Dach und das 30 Jahre lang unter Führung einer Frau! (Ehe Rom streng durchgriff, war so etwas im frühen Christentum unter iro-schottischem Einfluss wohl durchaus noch möglich...) In der großen romanischen Kirche (zwei hohe, spitze Türme) sind die steinernen Grablegen sowohl von Wunibald als auch von Walburga (um ihren Sarkophag wurde innerhalb des Kirchenraumes eine extra Kapelle errichtet), der Kreuzgang ist gotisch, im Klostergarten steht noch ein gotisches Brunnenhaus und eine riesige Buche, deren Wurzelwerk sozusagen über die Steinstufen des Torbogens hinweggreift. Im Klosterinnenhof und vor dem Kirchenportal steht jeweils eine schmale Statue Walburgas, dieser ungewöhnlichen Frau. 

Nach den Gewittern und Regenfällen liegen immer wieder viele Äste und Zweige auf den Wegen, deutliche Erosionsspuren zieren die (steilen) Wege, Herbstzeitlose wagen sich hervor, lediglich das helle, intensive Blau der Wegwarten leuchtet weiterhin unentwegt an vielen Wegrändern, sonst sind Blumenfarben weitgehend aus der Landschaft verschwunden. Trockene Maispflanzen sind geknickt. Ein Bauer dehnte seinen Acker kurzerhand bis direkt an den Waldrand aus, so dass wir (auf dem markierten Weg!) nun über frisch eingesätes Feld laufen müssen. Jemand hat die Vermessungsgrenzsteine ausgegraben, rot markiert und dazu noch Holzpflöcke mit roter Spitze in den Boden gesteckt... In Windischhausen überrascht uns ein heftiger Regen; wir fliehen von unserem Vesperplatz zum Aufwärmen in die Dorfwirtschaft: In sechster Generation zusätzlich zur Landwirtschaft geführt, wie uns der "Opa" der Gaststube gemütlich erklärt, "hier gibt es keinen modernen Schnickschnack" auf der Speisekarte, "nur Altbewährtes" wie Schnitzel und Pommes, Zwiebelrostbraten und Wurstsalat... - aber einen heißen Kamillentee können wir bekommen, das genügt uns schon, und für mein Telefon eine Steckdose - langsam wird mir wieder warm. Die Rohrach schlängelt sich streckenweise mäandrierend durch eine vernässte "Bilderbuchlandschaft" mit schimmerndem Wasser, Schilf, Reihern, abgestorben im Wasser stehenden und sehr grünen großen Bäumen, ehe sie in Treuchtlingen in die Altmühl mündet. So wie die vielen langen Güterzüge, welche die Schienen durchs Altmühltal nutzen, überqueren auch wir den hier "mittelgroßen" Fluss auf rostig-metallener Brücke und steigen zum Nagelberg (542 m) auf. Den Weg hinauf begleiten grob gehauene Kreuze aus hellem Jurakalkstein (übers Tal hinter Treuchtlingen prägt ein gewaltiger Steinbruch die Landschaft: hier wird "Treuchtlinger Marmor" abgebaut, nicht kristallin, aber poliert wie Marmor wirkend, durchsetzt von weißen "Flämmchen", den winzigen Meerestieren des einstigen Jurameeres). Am Ende dieses "Kreuzweges" liegt eine große Kriegsgräberstätte am Waldrand. Gut gepflegt und würdevoll angelegt beherbergt dieser Platz die Gräber von "2553 Soldaten, Frauen, Kindern..." - viele der Soldaten sind zwischen 16 und 18 Jahre alt, halbe Kinder noch. Unter einem spitzen Turmdach liegt ein junger Bronzesoldat, darum herum die Inschrift "Lasst unser Opfer genug sein, schwört ab der Gewalt und rettet den Menschen im Menschen". Eine Tafel am Eingang erzählt beispielhaft einige der Geschichten hinter bzw. unter den Gräbern. Wir verweilen lange an diesem Ort und ich singe hier, ehe wir weitergehen... Im abendlichen Licht am Nagelberg entlang (sehr schöner Waldrand mit großen Buchen, Eichen und Eschen), vorbei an den Mauerresten eines römischen Gutshofes ("für den Eigenbedarf und zur Versorgung der Soldaten am Limes" - dieser verläuft hier ganz in der Nähe), gelangen wir, ab vom bezeichneten Weg, im Wald zu einem "Hexentanzplatz" (heute tanzen hier allenfalls Ziegen, wir fragen uns allerdings, was diese auf der trockenen Hochfläche überhaupt zu fressen finden, von tanzen ganz zu schweigen...) Die Grillhütte, unter deren Vordach wir schlafen wollten, ist bereits von drei jungen Leuten belegt, die gerade dabei sind, ein Feuer zu entzünden. Wir befragen sie, wie lange sie bleiben werden und ob sie vorhaben, laute Musik zu hören? "Wir haben keine Musikbox dabei", ist die Antwort. "Dann lasst ihr die Autotür offen und nehmt das Radio?" fragt Georg. "Wir kommen her, um Ruhe zu haben, nicht um Lärm zu machen!" verneinen sie, "Wir sind noch normal, auch wenn wir jung sind" sagt der eine fast trotzig... Wir suchen uns ein Plätzchen auf der Wiese zwischen den jungen Leuten und den Ziegen, wissend, dass das Schutzdach in erreichbarer Nähe ist, sollte es nachts regnen. Das tut es nicht, trotzdem aber sind unsere Sachen morgens sehr taunass; wir packen sie mit nasskalten Fingern ein und wandern fröstelnd durch hohes nasses Gras und Brombeerranken. Mittags in der Sonne trocknen wir unsere Schlafsachen über dem Zaun eines Parkplatzes, während wir vespern. Da der arme Georg nachts jämmerlich fror (höchstens noch 9°C), fragt er kurzerhand die Wirtin der Burgschenke auf der Wülzburg, ob sie nicht vielleicht einen alten Schlafsack über habe. Seine Menschenkenntnis erwies sich als richtig: glücklich und warm schläft er seitdem in einem zwar flecktarn-hässlichen, aber warmen Schlafsack, der bereits 14 Jahre auf dem Dachboden des alten Gasthofes darauf gewartet hatte, entsorgt zu werden. Seine Packmaße sind allerdings weniger rucksacktauglich, so packen wir dann in Thalmässing ein Päckchen mit dem Sommerschlafsack und einigen anderen inzwischen entbehrlichen Dingen wie Sonnenbrille und -creme... um etwas Platz für das Ungetüm zu machen. 

Die Wülzburg beeindruckt durch ihre schiere Größe: eine Renaissance-Festung (von 1588), "erbaut auf einer der höchsten Erhebungen der südlichen Frankenalb" (630 m), auf der davor ein Benediktinerkloster stand. Zisternen mit bis zu 30.000 l Fassungsvermögen und ein 143 m tiefer Brunnen! sicherten hier oben die Wasserversorgung. 1918 war Charles de Gaulle hier einige Zeit inhaftiert und nach dem zweiten Weltkrieg wurden 10.000 Ostflüchtlinge untergebracht. Über einen Kilometer führt der Wanderweg um die sternförmigen wuchtigen Mauern (und davor tiefer Graben) herum, an vielen Stellen öffnet sich der Blick weit ins Land und auf das 200 Meter unterhalb gelegene Weißenburg.

Oberhalb von Thalmässing schlafen wir unter der Plane eines Waldkindergartens mitten im Fichtenwald, nachts gewittert es heftig rund um unser nicht ganz dichtes Dach. Vorgestern überlegen wir in jedem Ort, ob wir uns trauen sollen, weiterzugehen, oder ob wir den vermutlich bald einsetzenden Regen lieber in der Nähe von Schutzmöglichkeit abwarten sollen. Wir überqueren die A9, welche weithin die Landschaft verschallt, und stehen lange auf der Brücke, etwas ratlos den endlosen Strom von LKWs und PKWs unter uns dahinrauschen sehend: ist man zu Fuß unterwegs, wird einem die Wirklichkeit einer Autobahn irgendwie fremd... In Obermässing sind auf der Karte noch zwei Wirtshäuser und ein Eiscafe eingezeichnet, in der Wirklichkeit existiert davon nichts mehr, "alles tote Hose hier", wie uns ein (sehr gesprächiger) Einheimischer erklärt. Allerdings entdecke ich, nachdem wir im Nieselregen auf einer Bank vesperten und etwas auskühlten, dass die Metzgerei (die gibt es noch!) Kaffee ausschenkt - dankbar genießen wir diese heiße Köstlichkeit, ehe wir weiterziehen. 

Der Frankenweg ("vom Rennsteig bis zur Schwäbischen Alb", seit 2004 durchgehend markiert) zicktzackt wenig gradlinig durch die Landschaft. Nach wir vor geht es immer wieder steil auf und ab, oft durch Wald, aber auch viel über Feldwege. Da wir noch immer in Karstgebiet sind, finden sich auch hier viele Dolinen im Wald, Löcher und Spalten, Gräben und Wälle (oft aus keltischer Zeit). Hier ist oft Eisenoxyd dabei und färbt die Erde, den Sand(stein) in verschiedenen Rottönen. Zweimal kommen wir an eine "Steinerne Rinne": absolute Wunderwerke der Natur! Rund 80 m lang und 1 m hoch baut sich aus ablagerndem Kalktuff unter bestimmten Verhältnissen eine bemooste schmale Rinne nach oben auf. 1-2 cm pro Jahr wächst dieses sensible Gebilde in die Höhe! Die Wanderwege sind noch weniger begangen als im Schwäbischen: tagelang begegnet uns kein anderer Mensch (außer mal einem Traktorfahrer oder demjenigen, den wir übern Gartenzaun um Wasser bitten)! Immer wieder finden wir Zecken, hin und wieder sind es etwas viele Ameisen, da wo wir eben sitzen oder liegen wollen, von Zeit zu Zeit schimpfen Eichelhäher wenig wohltönend aber laut, wenn wir in den Wald hineingehen, ansonsten sehen wir mehr Rehe und Hasen als Menschen. Ich wundere mich, dass ich in den Wäldern keine Eichhörnchen sehe - vielleicht war es ihnen auch zu heiß, um herumzuturnen? Die Markierung des Frankenweges ist weniger "professionell" als auf dem HW1, außerdem stellenweise "in die Jahre gekommen" - es wurde zumeist eine Art Aufkleber genutzt, diese sind oft verblasst oder regelrecht verwittert und unkenntlich. Oftmals allerdings sind darüber oder daneben auch bereits neue (Hartplastik)schilder angebracht; öfters mal finden wir den Weg nicht gleich und gehen dann ein Stück zurück oder anders. So finden wir uns z.B. im Dörfchen "Dixenhausen", durch welches unser Weg eigentlich gar nicht geführt hätte... und treffen dort auf drei 10-12jährige Jungs, die mit großem Spaß und Hallo vertrocknete Maispflanzen in Schubkärren ins Dorf fahren. Wir befragen sie, wofür sie das tun. Sehr ernsthaft wird uns erklärt, sie hätten diesen Mais selbst angebaut, nun werden sie ihn häckseln - genau beschreiben sie ihre Maschine - und dann "auf unsere Felder ausbringen", auf Nachfrage sagen sie, sie hätten jeder einen kleinen eigenen Acker oder Garten. Wir sind angetan davon, dass es "auf dem Land" noch Jungs gibt, die freiwillig und offensichtlich mit Freude und Stolz solches in ihren Schulferien leben. Zusammen mit den jungen Leuten am "Hexentanzplatz", die sich als "noch normal, obwohl wir jung sind" beschrieben, und dem Paar Oberstufenschüler, welches wir in Harburg trafen und die sehr interessiert und begeistert nach unserem Wandern und Draußenschlafen usw. fragten und von ihren Altersgenossen äußerten, sie hätten "nur Matsch in der Birne"...  stimmen uns diese drei Begegnungen nachdenklich: froh und traurig zugleich. Denn in den beiden ersten Fällen äußerten die jungen Menschen jeweils auch, dass sie sich zwar als "normal" empfinden, innerhalb ihrer Altersgenossen aber "als nicht richtig zugehörig" fühlen, "da wir noch andere Sachen machen als mit der Technik rumhängen" z.B. Die jungen Leute an der Feuerstelle oben auf dem Nagelberg waren übrigens wirklich leise, wir schliefen gut und bekamen nichts von ihnen mit, obwohl sie nach eigener Aussage, "wohl nicht vor 2 Uhr" nachhause gingen.

Vorgestern gelangten wir in Berching an den breiten Main-Donau-Kanal. Berching besitzt eine intakte Stadtmauer mit vielen Türmen und Toren. Es ist feucht-bewölkt, als wir hindurchschlendern, aber es gefällt uns sehr. Später führt der Weg lange Zeit durch einen hier ungewöhnlichen Wald: sehr sandiger Boden, Heidekraut und (braun vertrocknetes) Blaubeergesträuch unter ausschließlich rötlich schimmernden Kiefern, dazwischen Moos und manchmal ein Eichenspössling. Während wir in diesem besonderen Wald auf (feuchtem) Moospolster rasten, überrascht uns Regen, so dass wir uns eine halbausgeräumte Brennholzüberdachung suchen, um den weiteren Regen abzuwarten - und bald scheint auch wieder die Sonne. Nach den Regenfällen sind Wege und Felder mit zartgrünem Flor überzogen: winzige Sämlinge, offensichtlich zuvor trockener Samen, die nun aufgehen. Am Wegrand locken tiefschwarz-glänzende Tollkirschen an ihren stattlichen Sträuchern. Viele Windräder (oft zu einem großen Teil still stehend) prägen die Landschaft. An manchem Schlafplatz oder auch während vieler Kilometer Wanderung hören wir das Geräusch ihrer sich drehenden Flügel. Gestern kamen wir an einem im Aufbau befindlichen, noch höheren, neuen Windrad vorbei, ein geradezu unwahrscheinlich hoher Kran daneben, die drei Rotorblätter noch am Boden liegend: wie riesig sie sind!! Hin und wieder geht der Blick auf eine eigentlich ländlich-verträumte Landschaft, in welcher hohe Waldbäume und hohe Kirchtürme weit überragt werden von "Windkraftanlagen"... ...und dann wieder Eintreten in einen Wald, in welchem Lichtflecke auf dem Weg tanzen, in welchem Stille herrscht, die Blätter leise rascheln und wispern, falls ein Wind sie bewegt, die dicken grauen (vor allem) Buchenstämme wuchtig aufragen - wenn ich in eine gotische Kirche komme, wie z.B. in Schwäbisch Gmünd, muten mich die hohen Säulen oft wie Buchenstämme im Wald an. 

"Loslaufen, um es wieder zu lernen, Kopf frei machen, geht besser in den Fernen! In Ruhe gehen und Vertrauen wagen, Gutes erfahren und es weiter sagen!" - dieses Zitat finde ich (leider ohne Angabe des Verfassers) im "Gästebuch" einer Kirche: sie sprechen mir direkt aus dem Herzen! Auch wenn die vergangene Nacht im Schutz eines Bushaltestellen-Daches in Neumarkt in der Oberpfalz nicht sehr erholsam war: unermüdlich schlug alle Viertelstunde laut und voll die Glocke der nahen Kirche...

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Antworten (1)

Inge aus Reutlingenvor 29 Minuten
Liebe Dorothea, mit Interesse und Zuneigung wandere ich auf deinen Erzählungen mit. Danke fürs Teilen ! Kommt gut in die Herbstzeit und bleibt behütet. Herzlich, Inge

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