An meinen Schuhen waren die Sohlen an einigen Stellen weitgehend durchgelaufen. So wandere ich nun in einem neuen Paar Wanderstiefel weiter nordwärts.
Hier empfinde ich das Bedürfnis, erst noch einmal zurück zu blicken, mich an die erste Hälfte des Jahres zu erinnern...
Noch im Juni traf ich in der Kirche in Rüeggisberg, Schweiz, zwei Pilgerinnen, die eben erst ihren Weg begonnen hatten, und mir
überzeugt erklärten, der Weg durch die Schweiz gelte als der
Schönste Teil des Weges nach Santiago. Das kann ich so nicht stehen
lassen: Die vielen Kilometer in Spanien (bereits schon ferne Erinnerung),
die weiten Wege quer durch Frankreich, all die verschiedenen Regionen - jede hat
ihren Reiz! Und ich frage mich, weshalb eine Einteilung in "schönste
Gegend" und damit auch "weniger schöne Gegend"
überhaupt notwendig ist. Weshalb nicht jeden Ort, jede Gegend, jede
Zeit für sich stehen lassen und würdigen?!
Der einsame, so sehr nasse und verregnete (zweimalige) Beginn ganz
im Süden Spaniens und Europas: Sanddünen im Parque Natural
Estrecho, im Aufwind kreisende Geier, Wege, Wiesen und Plätze unter
Wasser, Kaktusfeigen am Wegrand und Wasser erbitten bei einem
Ziegenhof hoch über der Atlantikküste (wunderschöne Aussicht, aber
alles verschlammt Ende Januar), ehe die eigentlich nur wenigen
Kilometer Schlammweg über den Berg beginnen, die mich endgültig zum
Aufgeben zwingen – vorerst! Inzwischen liegt das bereits ein halbes
Jahr zurück und scheint fast unwirklich. Ebenso wie der zweite
Aufbruch, die Straßenmärsche (da die Fußwege unter Wasser standen)
im Regen; die Fahrt im Polizeiauto ins Obdachlosenheim in Jerez de la
Frontera. Ehe ich mich Anfang März wieder nach Spanien auf den Weg
machte, fragte mich eine Freundin, wie es mir nun damit gehe? „Ich
bin gelassener“, behauptete ich, „gelassener im Sinne von: mal
abwarten und vorsichtiger sein mit den Vorstellungen.“ Ich war allerdings zugleich „misstrauischer“ und „verunsichert“: was würde mich
diesmal erwarten? Die Leichtigkeit und aufgeregte Vorfreude vom
Januar stellte sich jedenfalls so erstmal nicht mehr ein. „Die
größte Gefahr im Leben ist, dass man zu vorsichtig wird.“ las
ich irgendwo – dabei denke ich: sollten wir durch die Erfahrung,
dass es immer weiter geht, nicht eher immer mehr Vertrauen ins Leben
bekommen?! Da ich das mit der Planbarkeit und dem „Ich will
aber...“ wohl doch noch zu sehr festhielt, lehrte mich mein
schmerzendes Bein zu Beginn des Weges mehr Gelassenheit und einen
anderen Umgang mit Zeit, Plänen, Kilometern... Damals zweifelte ich
sehr und war mehrfach nahe daran, mit „es soll offensichtlich nicht
sein!“ die gesamte „Zu Fuß durch Europa“-Unternehmung
aufzugeben. Rückblickend denke ich voll Dankbarkeit an die
Dachterrasse in Sevilla und die körperlich erzwungene Lektion in
Vertrauen und Achtsamkeit für mich selbst und für die Gegebenheiten
und Bedürfnisse des Augenblicks.
Die Nähe zu anderen Pilgern und Pilgerinnen, all die Begegnungen
auf der Via de la Plata: Das war sehr besonders und ich möchte es
nicht missen. Die vielen Feldlerchen, Orangenbäume, Palmen,
Eukalyptus, Nässe und Regen, die Spuren der Römer, frohe Runden
z.B. zu Ostern in Salamanca - wie lange liegt das zurück! Ich
erinnere mich, wie ich auf A. traf, der mich als erstes fragte "are
you the lady sleeping outside?" - dabei war das bis dahin
wetterbedingt noch recht selten der Fall: erst später in Frankreich
wurde es häufiger und in der Schweiz die Regel...
Der Weg über die kantabrischen Berge in Kälte, Eiswind, Schnee
und Einsamkeit - während der hitzeflimmernden Tage im Juni eine
Erinnerung wie aus fernen Zeiten, wie von einer ganz anderen
Wanderung... Irgendwann die Entscheidung, diesmal nicht nach Santiago
zu gehen (für dieses „Projekt“ einfach die "falsche Richtung"), Richtungswechsel an der Küste - Pilgern Richtung
Osten statt nach Westen! Rutschen und Stürzen an steiler, regennasser Atlantikküste im Norden Spaniens - wie leicht hätte ich mir da einen Fuß so verletzen können, dass ich erstmal nicht mehr hätte weitergehen können! In tiefer Dankbarkeit sehe ich manchmal selbst verwundert auf meine Beine: So viele Schritte; und immer mit schwerem Rucksack!
Immer wieder während der Wanderung - speziell, wenn ich ein Foto
machen will - wird mir bewusst, wie zugebaut die Landschaften sind.
So im Alltag fällt es mir gar nicht mehr immer auf, sind wir bereits
so daran gewöhnt und blenden vieles davon aus: Stromleitungen und
-masten, Windräder, Schilder, Baukräne, Telefonleitungen,
Funktürme, Zäune, Mauern, Silos, Hallen, Biogasanlagen, Werbung...
Das Pilgern nach Santiago erfreut sich ungebrochener Beliebtheit.
Abgesehen davon, dass ich lieber abseits stark frequentierter Wege
gehe, ist es allerdings zugleich eine Art „Lebensader“, die sich
durch sonst oft ländlich-verlassene Gegenden zieht. Für mein Gefühl ist es allerdings oft nicht verhältnismäßig, dass viele Menschen
über Jahre hinweg immer wieder für nur wenige Tage an den Endpunkt
des letzten Abschnittes kommen, um wieder ein kurzes
Stück zu pilgern, bis sie (manche erst nach vielen Jahren)
Santiago erreichen. Jedesmal das Flugzeug u.a. zu benötigen, um
erneut an einen Ort in Frankreich oder Spanien zu gelangen, um den
Weg fortzusetzen, scheint mir fragwürdig. Dann vielleicht doch eher vor Ort wandern?! Diejenigen, die
wirklich über viele Wochen oder Monate hinweg von irgendwo aus
Europa bis Nordwest-Spanien pilgern, strahlen etwas aus, das jene
auszeichnet, die sich wirklich über längere Zeit auf den Weg machen - und das muss nicht DER Pilgerweg, muss gar kein als solcher markierter Pilgerweg sein!
In Tafers fand ich auf einer "Besinnungsweg"-Tafel unter
der Überschrift "Beten erleben" folgende Zeilen: "Wenn
du staunend den Himmel betrachtest - so ist das ein Gebet. Wenn du
die Blumen am Weg betrachtest - so ist das ein Gebet. Wenn du das
Leben in dir fühlst - so ist das ein Gebet. Wenn du den Menschen
neben dir spürst - so ist das ein Gebet. Wenn du hörst, wie ein
Vogel singt - so ist das ein Gebet. Wenn du annimmst, was der Tag dir
bringt - so ist das ein Gebet." Dieser Text gefällt mir sehr.
So interpretiert, bete ich all die Tage, Wochen und Monate sozusagen
fast ununterbrochen! Lediglich die Zeile "wenn du den Menschen
neben dir spürst" macht mich nachdenklich, denn während meiner
einsamen Wanderung fehlt mir oft genau dieser "Mensch neben
mir". Ich denke an all die vielen Menschen, denen ich begegnen durfte, wenn auch meist nur sehr kurz. Und ich denke an "den Menschen in mir“: mir selbst
begegne ich gerade in dieser Einsamkeit ja mehr und intensiver als
sonst. „Nach innen führt der
geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren
Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“ (Novalis) – in langen
einsamen Stunden verschwimmt im-Außen-wandern und nach-Innen-gehen
oft stark, kehre ich manchmal nur mühsam aus der inneren in die
äußere Welt zurück oder bringt mich ein äußerer Eindruck
unvermittelt und heftig in innere Gefilde, zu Erinnerungen, Ängsten,
Gefühlen...
So oft wurde und werde ich gefragt, ob es nicht gefährlich sei,
ob ich keine unangenehmen Situationen hatte, ob mir nichts gestohlen,
ich nicht bedroht, belästigt... wurde, ob ich keine Angst habe?
Manchmal scheint es mir, als wären wir (vielleicht durch unsere
Zeitungen und Nachrichten?) so sehr gewohnt, Schlechtes, Böses,
Gefahr zu erwarten. Nicht, dass ich denke, es gäbe sie nicht. Nicht,
dass ich nicht dankbar bin, mich bewahrt fühle und Schutzengel um
mich weiß. Aber: ich erwarte es nicht. Ich gehe los.
Ich übe mich im Vertrauen - und ich erhalte Wasser, ich finde
Schlafplätze, ich begegne Freundlichkeit, Verwunderung,
Hilfsbereitschaft. Natürlich achte ich darauf, mich nicht unnötig
Gefahren auszusetzen; aber dass doch so viele Menschen es für
unmöglich zu halten scheinen, jemand könne vier Monate ohne schlimme
oder gefährliche Erfahrungen wandern, stimmt mich traurig!
Inzwischen hieß es wieder "Buen
Camino!", bin ich erneut auf dem Weg, diesmal in Deutschland. Mit dem Blick vom Turm des Konstanzer Münsters "Unserer Lieben Frau" und dem Wiedersehen mit den gotischen Figuren rings um das "Heilige Grab" aus dem 13. Jahrhundert, ebenso wie die Krypta unterhalb des eigentlichen Kirchenraumes. Auf der Insel Reichenau besuche ich wieder einmal St. Georg, diese romanische Kirche mit den uralten Wandmalereien, die noch aus dem 9. Jahrhundert stammen, und damit nördlich der Alpen fast die einzigen aus jener mehr als tauscchen Jahre zurückliegenden Zeit erhalten gebliebenen! Vor allem die zwei tratschenden Frauen faszinieren: ein Teufel vermerkt diese Sünde auf einer Kuhhaut. Die beiden reden so viel über andere: das "geht auf keine Kuhhaut"...
Uferwege; trotz niedrigem Wassertsand immer wieder ins erfrischende, klare Wasser des Sees hinausschwimmen; über den Bodanrück wandern, den bewaldeten Höhenzug, der den Untersee vom Überlinger See trennt; mit dem Schiffle übern See aufs malerische Überlingen zufahren und später auf dem "Sipplinger Berg" hoch über dem Überlinger See entlanggehen. Hier hinterließ der Gletscher, welcher das Bodenseebecken formte, Steilwände aus weichem Molasse-Sandgestein. Hier raste ich an der beeindruckenden "Gletschermühle", einem 10 m tiefen, fast kreisrunden "Loch" mit 20 m Durchmesser. Entstanden sind solche Gletschermühlen durch harte, mahlende Gerölle in Wasserstrudeln. Inzwischen ist die Gletschermühle hier weitgehend zugewachsen, so dass ihre Größe bzw. Tiefe nicht mehr so beeindruckend wirkt wie früher - schade. Bei den Sieben Churfirsten überrascht mich Regen: alles duftet so frisch! Immer wieder kommt es zu heftigen Hitzegewittern. So genieße ich beim Umherstreifen in der Hegau-Vulkanlandschaft einmalige Wolken- und Lichtstimmungen. Auf dem Weg vom Mägdeberg zum Hegaukreuz begegne ich mehreren Hasen und zwei übermütigen Rehen. In der Abenddämmerung, ehe der volle Mond groß und rötlich aufgeht, beziehen die Jäher ihre Posten auf Ansitzen rund um die Maisäcker: hier richten die Wildschweine zu viel Schaden an und sollen "abgeschreckt werden".
Der Gipfel des Höwenegg wurde vollkommen abgebaut, so dass hier nun ein tiefliegender, grünblauer Kratersee zu bestaunen ist. Entlang der Donau standen im Winter alle Wiesen unter Wasser, jetzt sind sie gemäht und trocken. Von Windegg-Wittoh (fast 900 m hoch) aus weitet sich der Blick auf den Bodensee, darüber die Alpengipfel (zu dieser Jahreszeit mehr nur erahnbar als klar zu sehen), in den Hegau, zum Schwarzwald und zur Schwäbischen Alb. Rund um Emmingen stehen an vier Stellen die alten "Pestkreuze" und erinnern an die düstere Zeit im 17. Jahrhundert, als während des Dreißigjährigen Krieges auch noch die Pest hier wütete. Zutiefst dankbar ziehe ich weiter in Richtung Tuttlingen, froh, nicht im 17. Jahrhundert hier unterwegs sein zu müssen!