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Zuletzt in Deutschland

nach der Sommerpause: In Deutschland nördlich wandern

Veröffentlicht: 03.08.2026

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Konstanzer Münster Unserer Lieben Frau
Konstanz, Deutschland
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Heiliges Grab
Konstanz, Deutschland
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St. Georg
Reichenau, Deutschland
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Überlingen
Überlingen, Deutschland
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Sipplinger Berg
Sipplingen, Deutschland
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Gletschermühle
Sipplingen, Deutschland
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Höwenegg
Immendingen, Deutschland
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Pestkreuze bei Emmingen
Emmingen-Liptingen, Deutschland
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Bodanrück
Bodensee, Deutschland
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Hegaukreuz
Hegau, Deutschland
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Windegg-Wittoh
Hegau, Deutschland
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Tafers
Tafers, Schweiz

An meinen Schuhen waren die Sohlen an einigen Stellen weitgehend durchgelaufen. So wandere ich nun in einem neuen Paar Wanderstiefel weiter nordwärts. 

Hier empfinde ich das Bedürfnis, erst noch einmal zurück zu blicken, mich an die erste Hälfte des Jahres zu erinnern...

Noch im Juni traf ich in der Kirche in Rüeggisberg, Schweiz, zwei Pilgerinnen, die eben erst ihren Weg begonnen hatten, und mir überzeugt erklärten, der Weg durch die Schweiz gelte als der Schönste Teil des Weges nach Santiago. Das kann ich so nicht stehen lassen: Die vielen Kilometer in Spanien (bereits schon ferne Erinnerung), die weiten Wege quer durch Frankreich, all die verschiedenen Regionen - jede hat ihren Reiz! Und ich frage mich, weshalb eine Einteilung in "schönste Gegend" und damit auch "weniger schöne Gegend" überhaupt notwendig ist. Weshalb nicht jeden Ort, jede Gegend, jede Zeit für sich stehen lassen und würdigen?! 

Der einsame, so sehr nasse und verregnete (zweimalige) Beginn ganz im Süden Spaniens und Europas: Sanddünen im Parque Natural Estrecho, im Aufwind kreisende Geier, Wege, Wiesen und Plätze unter Wasser, Kaktusfeigen am Wegrand und Wasser erbitten bei einem Ziegenhof hoch über der Atlantikküste (wunderschöne Aussicht, aber alles verschlammt Ende Januar), ehe die eigentlich nur wenigen Kilometer Schlammweg über den Berg beginnen, die mich endgültig zum Aufgeben zwingen – vorerst! Inzwischen liegt das bereits ein halbes Jahr zurück und scheint fast unwirklich. Ebenso wie der zweite Aufbruch, die Straßenmärsche (da die Fußwege unter Wasser standen) im Regen; die Fahrt im Polizeiauto ins Obdachlosenheim in Jerez de la Frontera. Ehe ich mich Anfang März wieder nach Spanien auf den Weg machte, fragte mich eine Freundin, wie es mir nun damit gehe? „Ich bin gelassener“, behauptete ich, „gelassener im Sinne von: mal abwarten und vorsichtiger sein mit den Vorstellungen.“ Ich war allerdings zugleich „misstrauischer“ und „verunsichert“: was würde mich diesmal erwarten? Die Leichtigkeit und aufgeregte Vorfreude vom Januar stellte sich jedenfalls so erstmal nicht mehr ein. „Die größte Gefahr im Leben ist, dass man zu vorsichtig wird.“ las ich irgendwo – dabei denke ich: sollten wir durch die Erfahrung, dass es immer weiter geht, nicht eher immer mehr Vertrauen ins Leben bekommen?! Da ich das mit der Planbarkeit und dem „Ich will aber...“ wohl doch noch zu sehr festhielt, lehrte mich mein schmerzendes Bein zu Beginn des Weges mehr Gelassenheit und einen anderen Umgang mit Zeit, Plänen, Kilometern... Damals zweifelte ich sehr und war mehrfach nahe daran, mit „es soll offensichtlich nicht sein!“ die gesamte „Zu Fuß durch Europa“-Unternehmung aufzugeben. Rückblickend denke ich voll Dankbarkeit an die Dachterrasse in Sevilla und die körperlich erzwungene Lektion in Vertrauen und Achtsamkeit für mich selbst und für die Gegebenheiten und Bedürfnisse des Augenblicks.

Die Nähe zu anderen Pilgern und Pilgerinnen, all die Begegnungen auf der Via de la Plata: Das war sehr besonders und ich möchte es nicht missen. Die vielen Feldlerchen, Orangenbäume, Palmen, Eukalyptus, Nässe und Regen, die Spuren der Römer, frohe Runden z.B. zu Ostern in Salamanca - wie lange liegt das zurück! Ich erinnere mich, wie ich auf A. traf, der mich als erstes fragte "are you the lady sleeping outside?" - dabei war das bis dahin wetterbedingt noch recht selten der Fall: erst später in Frankreich wurde es häufiger und in der Schweiz die Regel...

Der Weg über die kantabrischen Berge in Kälte, Eiswind, Schnee und Einsamkeit - während der hitzeflimmernden Tage im Juni eine Erinnerung wie aus fernen Zeiten, wie von einer ganz anderen Wanderung... Irgendwann die Entscheidung, diesmal nicht nach Santiago zu gehen (für dieses „Projekt“ einfach die "falsche Richtung"), Richtungswechsel an der Küste - Pilgern Richtung Osten statt nach Westen! Rutschen und Stürzen an steiler, regennasser Atlantikküste im Norden Spaniens - wie leicht hätte ich mir da einen Fuß so verletzen können, dass ich erstmal nicht mehr hätte weitergehen können! In tiefer Dankbarkeit sehe ich manchmal selbst verwundert auf meine Beine: So viele Schritte; und immer mit schwerem Rucksack!

Immer wieder während der Wanderung - speziell, wenn ich ein Foto machen will - wird mir bewusst, wie zugebaut die Landschaften sind. So im Alltag fällt es mir gar nicht mehr immer auf, sind wir bereits so daran gewöhnt und blenden vieles davon aus: Stromleitungen und -masten, Windräder, Schilder, Baukräne, Telefonleitungen, Funktürme, Zäune, Mauern, Silos, Hallen, Biogasanlagen, Werbung...

Das Pilgern nach Santiago erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Abgesehen davon, dass ich lieber abseits stark frequentierter Wege gehe, ist es allerdings zugleich eine Art „Lebensader“, die sich durch sonst oft ländlich-verlassene Gegenden zieht. Für mein Gefühl ist es allerdings oft nicht verhältnismäßig, dass viele Menschen über Jahre hinweg immer wieder für nur wenige Tage an den Endpunkt des letzten Abschnittes kommen, um wieder ein kurzes Stück zu pilgern, bis sie (manche erst nach vielen Jahren) Santiago erreichen. Jedesmal das Flugzeug u.a. zu benötigen, um erneut an einen Ort in Frankreich oder Spanien zu gelangen, um den Weg fortzusetzen, scheint mir fragwürdig. Dann vielleicht doch eher vor Ort wandern?! Diejenigen, die wirklich über viele Wochen oder Monate hinweg von irgendwo aus Europa bis Nordwest-Spanien pilgern, strahlen etwas aus, das jene auszeichnet, die sich wirklich über längere Zeit auf den Weg machen - und das muss nicht DER Pilgerweg, muss gar kein als solcher markierter Pilgerweg sein! 

In Tafers fand ich auf einer "Besinnungsweg"-Tafel unter der Überschrift "Beten erleben" folgende Zeilen: "Wenn du staunend den Himmel betrachtest - so ist das ein Gebet. Wenn du die Blumen am Weg betrachtest - so ist das ein Gebet. Wenn du das Leben in dir fühlst - so ist das ein Gebet. Wenn du den Menschen neben dir spürst - so ist das ein Gebet. Wenn du hörst, wie ein Vogel singt - so ist das ein Gebet. Wenn du annimmst, was der Tag dir bringt - so ist das ein Gebet." Dieser Text gefällt mir sehr. So interpretiert, bete ich all die Tage, Wochen und Monate sozusagen fast ununterbrochen! Lediglich die Zeile "wenn du den Menschen neben dir spürst" macht mich nachdenklich, denn während meiner einsamen Wanderung fehlt mir oft genau dieser "Mensch neben mir". Ich denke an all die vielen Menschen, denen ich begegnen durfte, wenn auch meist nur sehr kurz. Und ich denke an "den Menschen in mir“: mir selbst begegne ich gerade in dieser Einsamkeit ja mehr und intensiver als sonst. „Nach innen führt der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“ (Novalis) – in langen einsamen Stunden verschwimmt im-Außen-wandern und nach-Innen-gehen oft stark, kehre ich manchmal nur mühsam aus der inneren in die äußere Welt zurück oder bringt mich ein äußerer Eindruck unvermittelt und heftig in innere Gefilde, zu Erinnerungen, Ängsten, Gefühlen...

So oft wurde und werde ich gefragt, ob es nicht gefährlich sei, ob ich keine unangenehmen Situationen hatte, ob mir nichts gestohlen, ich nicht bedroht, belästigt... wurde, ob ich keine Angst habe? Manchmal scheint es mir, als wären wir (vielleicht durch unsere Zeitungen und Nachrichten?) so sehr gewohnt, Schlechtes, Böses, Gefahr zu erwarten. Nicht, dass ich denke, es gäbe sie nicht. Nicht, dass ich nicht dankbar bin, mich bewahrt fühle und Schutzengel um mich weiß. Aber: ich erwarte es nicht. Ich gehe los. Ich übe mich im Vertrauen - und ich erhalte Wasser, ich finde Schlafplätze, ich begegne Freundlichkeit, Verwunderung, Hilfsbereitschaft. Natürlich achte ich darauf, mich nicht unnötig Gefahren auszusetzen; aber dass doch so viele Menschen es für unmöglich zu halten scheinen, jemand könne vier Monate ohne schlimme oder gefährliche Erfahrungen wandern, stimmt mich traurig! 

Inzwischen hieß es wieder "Buen Camino!", bin ich erneut auf dem Weg, diesmal in Deutschland. Mit dem Blick vom Turm des Konstanzer Münsters "Unserer Lieben Frau" und dem Wiedersehen mit den gotischen Figuren rings um das "Heilige Grab" aus dem 13. Jahrhundert, ebenso wie die Krypta unterhalb des eigentlichen Kirchenraumes. Auf der Insel Reichenau besuche ich wieder einmal St. Georg, diese romanische Kirche mit den uralten Wandmalereien, die noch aus dem 9. Jahrhundert stammen, und damit nördlich der Alpen fast die einzigen aus jener mehr als tauscchen Jahre zurückliegenden Zeit erhalten gebliebenen! Vor allem die zwei tratschenden Frauen faszinieren: ein Teufel vermerkt diese Sünde auf einer Kuhhaut. Die beiden reden so viel über andere: das "geht auf keine Kuhhaut"...

Uferwege; trotz niedrigem Wassertsand immer wieder ins erfrischende, klare Wasser des Sees hinausschwimmen; über den Bodanrück wandern, den bewaldeten Höhenzug, der den Untersee vom Überlinger See trennt;  mit dem Schiffle übern See aufs malerische Überlingen zufahren und später auf dem "Sipplinger Berg" hoch über dem Überlinger See entlanggehen. Hier hinterließ der Gletscher, welcher das Bodenseebecken formte, Steilwände aus weichem Molasse-Sandgestein. Hier raste ich an der beeindruckenden "Gletschermühle", einem 10 m tiefen, fast kreisrunden "Loch" mit 20 m Durchmesser. Entstanden sind solche Gletschermühlen durch harte, mahlende Gerölle in Wasserstrudeln. Inzwischen ist die Gletschermühle hier weitgehend zugewachsen, so dass ihre Größe bzw. Tiefe nicht mehr so beeindruckend wirkt wie früher - schade. Bei den Sieben Churfirsten überrascht mich Regen: alles duftet so frisch! Immer wieder kommt es zu heftigen Hitzegewittern. So genieße ich beim Umherstreifen in der Hegau-Vulkanlandschaft einmalige Wolken- und Lichtstimmungen. Auf dem Weg vom Mägdeberg zum Hegaukreuz begegne ich mehreren Hasen und zwei übermütigen Rehen. In der Abenddämmerung, ehe der volle Mond groß und rötlich aufgeht, beziehen die Jäher ihre Posten auf Ansitzen rund um die Maisäcker: hier richten die Wildschweine zu viel Schaden an und sollen "abgeschreckt werden".

Der Gipfel des Höwenegg wurde vollkommen abgebaut, so dass hier nun ein tiefliegender, grünblauer Kratersee zu bestaunen ist. Entlang der Donau standen im Winter alle Wiesen unter Wasser, jetzt sind sie gemäht und trocken.  Von Windegg-Wittoh (fast 900 m hoch) aus weitet sich der Blick auf den Bodensee, darüber die Alpengipfel (zu dieser Jahreszeit mehr nur erahnbar als klar zu sehen), in den Hegau, zum Schwarzwald und zur Schwäbischen Alb. Rund um Emmingen stehen an vier Stellen die alten "Pestkreuze" und erinnern an die düstere Zeit im 17. Jahrhundert, als während des Dreißigjährigen Krieges auch noch die Pest hier wütete. Zutiefst dankbar ziehe ich weiter in Richtung Tuttlingen, froh, nicht im 17. Jahrhundert hier unterwegs sein zu müssen!









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Antworten (1)

vor 2 Tagen
Liebe Dorothea, du bist wieder auf dem Weg!!! Dafür wünsche ich dir alles Gute, gesegnete Wege Erfahrungen und Erlebnisse mit Menschen und Natur! Mit Freude habe ich wieder deinen Bericht gelesen, mit der intensiven Zusammenfassung deiner letzten Wandermonate. Deine eingefügten Zitate, z.B. von H.Hesse, haben mich sehr berührt. So habe ich es auch erlebt. Es war sehr schön, dass wir uns hier in Konstanz treffen konnten, danke für deine Zeit. Jetzt bin ich gespannt auf deine weiteren Berichte, welchen Weg du wählst, was du erlebst.... Ich wünsche dir alles Gute dafür und , obwohl es wohl kein Pilgerweg mehr sein wird: BUEN CAMINO Almut

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