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Zuletzt in Deutschland

Frankenwald, Thüringer Wald und Hainich

Veröffentlicht: 20.09.2026

Spaziergang
Frankenwald → … → Niedergebra
Rennsteig / Rennstieg
Unterkunft
Baude an der Nationalparkgrenze Hainich
Frei­camping · Hainich
Attraktion
Rennsteig
Thüringer Wald, Deutschland
Attraktion
Großer Beerberg
Thüringer Wald, Deutschland
Attraktion
Hainich Nationalpark
Hainich, Deutschland
Attraktion
Betteleiche
Hainich, Deutschland
Attraktion
St. Georg
Langula, Deutschland
Attraktion
Geographischer Mittelpunkt Deutschlands
Niederdorla, Deutschland
Attraktion
Feuerkopf
Thüringen, Deutschland

Seit dem Blick auf Kulmbach vergingen gerade mal zehn Tage, ehe ich am Freitag in Thüringen in den Zug stieg, um (einer Hochzeit wegen) eine Deutsche-Bahn-Abenteuerreise durchs Land zu unternehmen, mich dabei nun auch "kältetauglicher" auszurüsten, ehe ich bis hoffentlich spätstens übermorgen Abend wieder am kleinen thüringer Bahnhof Gebra(Hainleite) ankomme, an dem ich meine Wanderung unterbrach... 

Von Kulmbach aus weiterwandernd, traf ich zunächst in Weißenbrunn, auf den berühmten "Jungfernkättel"-Brunnen: eine steinerne Frauenfigur mit Fischschwanz thront zwischen Blumenkästen, ihre Brüste sind die Wasserspeier. Sinnigerweise warnt (wie an deutschen Brunnen leider fast überall) ein Schild: "Kein Trinkwasser". Die Figur, aus heimischem Sandstein gefertigt, ist das Wahrzeichen des Ortes. Der Sage nach war sie "liderlich" und "ging dann ins Wasser". "Bis heute", so wird weiter behauptet, "fließt z.B. zur Kirchweih Bier statt Wasser aus den Brüsten der Jungfer Kätti". (Dies erzähle ich, da ich bislang nicht erwähnte, dass ich in Bayerisch-Franken selbstverständlich an unzähligen uralten und traditionsreichen Bierbrauereien vorbeikam.) Kronach ist dann nach Kulmbach gleich die nächste "Märchenaltstadt", in welcher ich in der Kirche St. Johannes auf eine mich berührende, ungewöhnliche "Heilige Familie" treffe. Aus hellem Holz geschnitzt steht hier eine liebliche, zart-natürliche Mutter in schlichtem, langwallendem Gewand, das herzige, nackte Kind auf dem Arm. Daneben fällt ein Josef auf, erfrischenderweise nicht greisenhaft und langbärtig, sondern ein junger Handwerker mit Lederschurz, in den Händen eine große Säge und einen Winkel haltend. Dieser Zimmermann-Josef gefällt mir! Über dem Ort thront hier wieder eine sternförmige Festung: "Rosenberg", massive Mauern und wuchtige Bastionen - ein älterer Herr erklärt mir stolz, sie sei "niemals eingenommen worden!" Umgeben von prächtigen, alten Eichen hat man von hier oben natürlich einen guten Blick auf die Altstadtdächer. Es ist bereits gegen 18 Uhr, als ich im Nieselregen und heftigen Wind weiterwandere, vorbei an einem großen Kalkwerk in Dörfles und an hohen Sedimentwänden (Prallhang der Ur-Rodach). Inzwischen hörte der Nieselregen auf und so kann ich nach steilem Aufstieg im weichzeichnenden, verklärenden Abendlicht den Kammweg über die "Hohe Wart" (468 m) auf schmalen Pfaden und vorbei an verwitterten Wegkreuzen genießen. Der Blick reicht nun bereits weit Richtung Thüringen; an den umgebenden Waldhängen stehen viele Fichten kahl und abgestorben. Silberdisteln leuchten entlang des Weges, dazu das goldene Trockengras und die rötlichen Stämme hoher Kiefern. Es ist kurz vor acht, als ich über die Rodach nach Zeyern gehe, dann aber noch vor dem Ort unter der Brücke bleibe zur Nacht. Jemand lagert dort Strohballen, zwischen diesen und graffitibesprühten Pfeilern breite ich die Isomatte aus und hoffe, dass die Bundeststraße hier nachts wenig befahren wird. Dies ist auch der Fall. Allerdings kommen gegen 2 Uhr laut schwatzend und lachend einige Jugendliche daher und wollen offensichtlich genau hier noch etwas trinken und "feiern". Als zwei Mädchen mich direkt anleuchten und ich sie bitte, doch etwas leiser zu sein, entschuldigen sie sich sehr, mich gestört zu haben (vermutlich sind sie erschrocken) und rufen den Jungs energisch zu "Abmarsch", woraufhin alle umgehend und leise verschwinden... Es ist aber doch eine sehr kalte Nacht, wohl unter 8°C, außerdem windig, das Wasser gleich daneben... So bin ich froh, am nächsten Morgen mit nur wenigen km Abstecher zum Nachbarort Marktrodach mich in einer "Rewe-Bäckerei" aufwärmen zu können (allerdings ist diese vermutlich auch dafür verantwortlich, dass die Bäckerei in Zeyern, auf der Karte noch eingezeichnet, nicht mehr betrieben wird.

Der Frankenweg verläuft nochmal "über Waldeshöhen" und "Spitzen" von rund 700 m Höhe: "Mit 300 Höhenmetern Unterschied zum Losnitztal unterhalb, ist dies hier der größte Höhenunterschied im Frankenwald" vermeldet eine Tafel auf der "Radspitze", der Blick schweift weit ins Kronacher Becken zurück, selbst der markante Staffelstein ist gut zu sehen und den "größten Höhenunterschied" kann ich direkt in meinen Beinen fühlen... Mittags begegnet mir einmalig eine größere geführte Wandergruppe von Wikingreisen, sonst bin ich - wie längst gewohnt - alleine im Wald unterwegs. Bei den Ruinen von "Güldenstein" weist eine Tafel darauf hin, dass wir heute zu Unrecht an Gold und Glanz bei diesem Namen denken, es handelte sich um eine Rodung im Wald mit "gültpflichtiger" also abgabepflichtiger Behausung. In der Nähe wieder einmal die Flurbezeichnung "Vogelherd", auf die ich bereits häufiger traf. Ich lese nach, dass es auch in Deutschland ehemals üblich war, Singvögel zu fangen, es war sehr genau geregelt, wer, wann, wieviele und welche Singvögel fangen und verkaufen durfte - erst 1888 gab es das erste Vogelschutzgesetz in Deutschland, wodurch dann nach und nach auch die "Vogelherde" brachfielen und nur noch als Flurnamen überdauerten...

Durchs Tal der wilden Rodach, entlang an alten Mühlen und durch Unmengen rosablühenden, übelriechenden Springkraut, immer wieder bereits der Blick zum Döbraberg, vorbei an kleinen Skiliften und im Spätabendlicht keuche ich dann schwitzend wirklich sehr steil zum Döbraberg hinauf. Noch weiß ich nicht, dass dies der letzte wirklich warme Sonnenwandertag war, als ich den Blick von der "Bergwacht"-Hütte ins waldbergige Land genieße, so intensiv im goldenen Abendsonnenlicht leuchtend. Auf dem Döbraberg (mit 794 m "die höchste Erhebung im Frankenwald") steht der 18 m hohe Prinz-Luitpold-Turm, 1902 erbaut. Als ich schweratmend oben ankomme, verschwindet die untergehende Sonne eben hinter dichter Bewölkung am Horizont. Ein einzelner Radfahrer begrüßt mich mit den Worten "jetzt ha'm Sie das Beste grad verpasst!" Ich schlafe unter dem Vordach einer Hütte neben dem Turm, leider gibt es unmittelbar dabei auch eine Radarstation und in der Hütte ist irgendeine Art "Gebläse" o.ä. untergebracht, so summt und brummt es die ganze Nacht neben mir. In der windigen Kälte der Nacht bin ich trotzdem froh um den Windschutz. 

Am nächsten Tag steige ich mit (hinter Regenwolken verstecktem) Sonnenaufgang wieder steil und nass ab nach Schwarzenbach am Wald, wanderte anschließend (vorbei an Naila) noch rund 30 km bis zur ehemaligen DDR-Grenze. Die Ortsnamen enden bereits mehrheitlich auf "-grün". Wie nah ich der Grenze schon bin, wird mir so richtig bewusst, als ich zur Vesperpause in Christusgrün neben einem Hinweisschild sitze "Fußweg ca. 20 min zum Landeplatz Fluchtballon 1979" - an den spannenden Film "Mit dem Wind nach Westen" erinnere ich mich gut... Durch Fichtenwald und Fichtenwald, entlang an Felswänden und über felsig-stufige "Klettersteige" z.B. durchs "Höllental" über der Selbitz und an einer alten "Dampfspeicherlok" am Bahnhpf von Lichtenberg vorbei überquere ich spätnachmittags auf einer kleinen Holzbrücke über die Selbitz bei Untereichenstein / Blankenstein die ehemalige BRD-DDR-Grenze, heute nur noch Grenze zwischen Bayern und Thüringen. (...dachte ich zumindest: Als zwei Tage später eine Frau mich fragt, woher ich komme, und, noch ehe ich recht antworten kann, schon meint "aus dem Westen, klar, das merkt man!" - bin ich erstaunt, glaubte ich doch, bald 30 Jahre nach der Wiedervereinigung spiele das keine Rolle mehr.)

Recht spontan entscheide ich mich dann, zunächst auf dem berühmten "Rennsteig" weiterzugehen, auch wenn dieser den Thüringer Wald von Ost nach West durchquert (bis Hörschel bei Eisenach) und ich somit wenig weiter nördlich gelange. Der Rennsteig ist deutschlands ältester, schon Ende des 19. Jahrhunderts auf einem uralten "Rennsteig", einem Handels- bzw. Kurierweg "geschaffenen" Weitwanderweg. Befremdlicherweise heißt der dazugehörige Gruß "Gut Runst!", wobei "Runst" irgendwie soviel wie Wandern bedeutet. Aber die Zeiten des Rennsteigs seien vorüber, so klagt der Wirt einer "Baude" am Wege wehmütig: "Nichteinmal mehr wie früher zur Frühjahrs- und Herbstrunst kommen noch große Wandervereinsgruppen, es stirbt alles aus!". Der Rennsteig ist unverkennbar etwas in die Jahre gekommen - auch hier wandere ich weitgehend alleine; lediglich eine größere Gruppe begegnet mir, alle in gleichen hellgrünen Hemden: auf Nachfrage erklären sie mir, " die Wanderwoche aus Erfurt" zu sein. Schon in Blankenstein gibt es nicht nur den "Rennsteigpark", sondern auch den "Rennsteig-Brunnen", den Platz an den "Rennsteig-Eichen" usw. Das weiße R prangt unübersehbar überall an Baumstämmen oder auf kleinen häuschenförmigen Holzschildern mit Dächle darüber, es ist aus Pflastersteinen auf dem Weg gelegt oder in große Felssteine eingemeißelt... Da ungefähr 14 km des Rennsteigs nochmal durch Bayern verlaufen, treffe ich auch mehrfach wieder auf die ehemalihe Zonengrenze, gehe auf Kolonnenwegen und kann den Erinnerungs- und Dankessteinen "wandern grenzenlos!" nur vorbehaltlos zustimmen, ist dies doch genau mein Thema. "Deutschlands ältester und bedeutendster Kurier- und Handelspfad zwischen Werra und Saale wurde nach mehr als 40 Jahren am 28. April 1990 wieder durchgehend begehbar." So und ähnlich ist es oft zu lesen. 

Der Rennsteig führt mich durch ausgedehnte Fichtenwälder, allerdings sind viele Fichten nicht mehr lebendig oder bereits gefällt - weshalb dabei in aller Regel die Stämme 2-3 Meter hoch stehen gelassen wurden, weiß ich nicht, es sieht ungewohnt aus. Außerdem gibt es mehrere Windparkanlagen, die zwar erst am Beginn ihres Entstehens sind, aber bereits jetzt so viel Zerstörung bedeuten: viele breite Kieswege, die die sonst stillen Waldgebiete und die schmalen Wanderpfade zerschneiden und kreuzen, breite Schneisen der Verwüstung, schwere Maschinen, viel Lärm, riesige runde Fundamente... Aber daneben: Herbstnebel früh über dem Saaletal, endlich lustig herumturnende Eichhörnchen (hatte ich in den Wäldern bislang vermisst), reife Heidelbeeren, bis Hände und Lippen blau sind, Pilze in unterschiedlichsten Farben (natürlich sind die hübschesten mal wieder giftig...), viele Schutzhütten und Unterstände - da das Wetter recht unbeständig ist, kommt mir das sehr entgegen! - weite, ausgeräumte Äcker und Felder, die Ortschaften wirken dunkel, da die Häuser und Kirchen schwarz-grau schiefergeschindelt sind, an manchen bringen rote Geranien etwas Farbe. Schiefer ist das "blaue Gold Thüringens" - in Spechtsbrunn ist noch immer ein riesiges Schieferwerk zu sehen; auch Griffel und Schiefertafeln kamen einst aus dieser Region. Daneben gibt es Steinbrüche mit hohem Kaolingehalt im Buntsandstein (z.B. rund um den Sandberg, 834 m), so dass (z.B. in Steinheid) die Herstellung von Porzellan erfunden wurde und alte Tradition hat, ebenso wie die Glasbläserei: bis heute kommen Christbaumkugeln aus dem Thüringer Wald. Da es sich um einen "Kammweg" handelt, fällt das Auf- und Absteigen weitgehend weg, die "Gipfel" reihen sich aneinander, allerdings ist es oft auch so neblig oder regnerisch, dass es sich nicht immer lohnt, auf einen Aussichtsturm zu steigen. Die Kirchen sind geschlossen, ebenso die meisten Wirtschaften (führt mehrfach wieder zu wirklich spannenden Unterhaltungen bei privaten Kaffee- oder Teeeinladungen), auch das Rennsteigmuseum in Neustadt am Rennsteig oder das Naturparkzentrum "Thüringer Schiefergebirge / obere Saale" in Friedrichshöhe u.ä. Einrichtungen sind, trotz Wochenende, geschlossen. Auf die Wasserscheide Rhein/Elbe treffe ich auch am Rennsteig - für mein Lebensgefühl markiert dieser Punkt den Übergang von Süd- nach Norddeutschland. Etwas erstaunt bin ich angesichts eines großen Denkmals (unverkennbar noch in DDR-Stil) errichtet "zu Ehren zehntausender Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter, Freiwilliger Helfer und Sowjetischer Soldaten, die nach dem Windbruch von 1946 und den Borkenkäferjahren 1947-49 den mittleren Thüringer Wald retteten: 4,7 Millionen Festmeter Schadholz mussten in kürzester Zeit unter schwierigsten Bedingungen aufgearbeitet und 21.000 HA Kahlflächen wiederaufgeforstet werden." - So ist also auch dies gar nichts gänzlich Neues... ...heutzutage wird (soweit ich das in den verschiedensten Schutzummantelungen erkennen kann) mit den verschiedensten Laubbäumen aufgeforstet, nicht mehr mit Fichte. Wobei mir der Wirt des "Gasthaus zum Rennsteig" (die Namen sind hier wirklich sehr einfallsreich!) geradezu heftig erklärt, "sie" würden "ihren Brotbaum, die Fichte" schon bald wieder pflanzen, wovon sonst solle das Geld kommen?! "von den paar komischen Ebereschen etwa? oder von Eichen, die erst in 200 Jahren schlagreif sind?!" 

Alles hier bezieht sich auf den Rennsteig: der "auf 838 m Höhe gelegene Mittelpunkt des Rennsteigs" (auf einer Tafel steht ungelogen, die exakte Länge dieses Weges betrage 169 km, 293 m und 77 cm!), oder "Willkommen in der Suhler Hütte, auf 924,6(!) m der höchsten Einkehr am Rennsteig", am "Großen Beerberg" schließlich "erreicht der Rennsteig am höchsten Berg des Thüringer Waldes mit 973 m seinen höchsten Punkt" - als ich mitten im Wald bei der "Alten Ausspanne" den Rennsteig gut 45 km vor seinem Ende Richtung Norden verlasse, habe ich, ehrlich gesagt, genug von all dieser Rennsteig-Romantik...

Dass ich den Kammweg verlassen habe, merke ich umgehend nicht nur am fehlenden R, sondern vor allem am Steil-Bergabgehen zum Tal der Spitter hinunter. Bald schon ist der Waldweg gesperrt: "Baumfällungen, Lebensgefahr, absolutes Verbot..." - was nun? Es ist Mittagspausenzeit und nichts ist zu hören, kein Laut. Umkehren mag ich nicht, also gehe ich vorsichtig und mit etwas wie schlechtem Gewissen weiter - der Weg eine einzige Matschrutschbahn, da schwere Waldmaschinen ihn in nassem Zustand befuhren und zerstörten, unverkennbar der Geruch feuchtfrischen Harzes und Holzes, umherliegende Äste und Sägespäne, frische Baumstümpfe und neue Baumstammstapel, aber keinerlei Maschinen mehr, keine Arbeiter, nichts. Als ich auf einen breiten, geschotterten Feldweg einbiege, rechne ich noch immer mit Ärger, sollte ich einem Forstarbeiter begegnen - statt dessen kommt bald ein Hundespaziergänger auf mich zu... Ich ärgere mich darüber, dass wieder einmal schlampig mit den Verbotsabsperrungen umgegangen wurde: offensichtlich wurde hier unten im Tal enweder gar keine Absperrung angebracht, oder - wahrscheinlicher - diese wieder entfernt nach Beendigung der Fällarbeiten, während "oben im Wald" die Absperrung einfach hängen bleibt. Nicht gut! Und vor allem ermutigen einen solche Erfahrungen nicht dazu, ähnliche Anweisungen ernst zu nehmen und zu beherzigen... ...was ja aber durchaus notwendig wäre, wenn wirklich Gefahr im Verzug ist. Wie übergroße Mikadostäbe liegen entwurzelte Fichten im malerischen Rotebachtal umher, stattliche Buchen und Eichen sind eine erholsame Abwechslung nach dem vielen Nadelwald. Über Friedrichroda (hoch über dem altehrwürdigen Ort prangt auf waldiger Anhöhe ein weithin sichtbares weißes Klotzgebilde, hässlich und dominant, nicht etwa eine Klinik z.B., sondern "Berghotel Ahorn", wie große Werbeplakate erklären), Schnepfenthal (wunderbare Sternennacht auf einem Picknicktisch am Waldrand!), die A4 und kleine Weiler wie Aspach oder Sonneborn wandere ich Richtung Hörselberg-Hainich. Es ist weites, offenes Land; kleinere Alleelandsträßchen, einmal die großen schneeweißen Kuppeln einer Biomethan-Anlage wie Tempel, Plattenbauten", etwas bunter als zu DDR-Zeiten, aber immer noch als solche erkennbar; gehe ich zu versunken, erschrecke ich heftig, wenn direkt neben mir Rehe aufspringen und davonrennen; einmal schenkt mir ein älterer Herr einen Geldschein: er sei auch "ein alter Wandervogel" und "überall gewesen", jetzt könne er es gesundheitlich nicht mehr, aber er finde großartig, was ich tue und würde mich gerne "etwas unterstützen" - ich bin freudig überrascht und frage mich zugleich, wie "verwahrlost" ich wohl inzwischen aussehe, wenn ein Fremder meint, mir Geld schenken zu müssen?..

In Hörselberg beginnt nun der Rennstieg (und wirklich steht dabei ausdrücklich: "nicht zu verwechseln mit dem Rennsteig!"), der Kammweg des Hainich. Mich lockt der Nationalpark mit seinem UNESCO-Welterbe Buchenwald. Der Hainich ist "das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands", dessen Südteil zu DDR-Zeiten militärisches Sperrgebiet war, "in dessen Schutz" sich (Rot)buchenwald entwickelte - seit 1997 ist dieser Teil des Hainich Nationalpark. Völlige Stille herrscht hier im Wald; ein Käuzchen fliegt dicht vor mir über den Weg, viele umgestürzte, bemooste Bäume, Wildschwein-Grabespuren längs des Weges. Direkt an der Nationalparkgrenze nächtige ich gemütlich und geschützt unter dem "Zwischendachbereich" einer "Baude" und ihren Toiletten und wandere am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang hinein in die Kernzone: "Urwald mitten in Deutschland", wie es auf einem Schild heißt; auf anderen Schildern wird immer wieder gewarnt, den Weg nicht zu verlassen, da im ehemaligen Militärgebiet "Gefahr durch Blindgänger" herrscht... Die Morgenstimmung ist ungewöhnlich und fast ein wenig unheimlich - Regen bereitet sich vor, die Sonne kommt nicht wirklich durch die Wolken, die Stille und das dichte Laubdach des Waldes... - als es zu regnen beginnt, bin ich zum Glück in der Nähe der "rund tausendjährigen Betteleiche" bei einer Schutzhütte, errichtet auf den Kellerresten eines ehemaligen gutsherrlichen Forsthauses. Hier warte ich den Regen ab und als ein Ranger vorfährt, nach dem Rechten zu sehen, ergibt sich ein angeregtes Gespräch über den Wald und seine Geschichte. "Respekt", meint er beiläufig zu mir, "nicht jeder geht alleine noch vor Sonnenaufgang in ein Gebiet, in dem wieder Wölfe ansässig sind" - na ja, gut, dass ich das auch gar nicht wusste... Insgesamt bin ich aber doch fast ein wenig enttäuscht, ich hatte mir vorgestellt (und mit den Vorstellungen ist es ja immer so eine Sache...), hier Buchenwald wie auf Rügen (Jasmund) z.B. anzutreffen, oder wie ich ihn in Rumänien durchwanderte, mit uralten, säulenartigen, dicken Stämmen; hier sind die Buchen noch jung und es geht eher um die Wildnis, das Nicht-Eingreifen in den Laubwald als um altehrwürdigen Baumbestand.

Vom Hainich aus wandere ich weiter nordwärts, über Langula und im Bogen um Mühlhausen/Thüringen herum bis Niedergebra. In Langula kommt eine Erzieherin extra aus dem Kindergarten gegenüber der Kirche St. Georg, als sie mich beim Versuch, hinein zu kommen beobachtet. Sie schließt auf - hell, viel weißes Holz, drei rundumlaufende "Galerien" übereinander, wenig Ausschmückung. In Thüringen, dem "Kernland der Reformation", sind die Kirchen evangelisch-schlicht. (Die Grenze zu Bayern war und ist auch eine konvessionelle.) Von außen in aller Regel festungsartige helle Steinbauten ohne Zierrat, die Türme ebenso gemauert oder mit Fachwerk, die zwiebelartigen Haubendächer mit grauen Schieferschindeln gedeckt. In Niederdorla treffe ich nicht nur auf ein großes Thomas-Müntzer-Denkmal, sondern überrascht auch auf den "geographischen Mittelpunkt Deutschlands": eine Linde wurde Anfang 1991 an diesem nach der Wiedervereinigung von Experten ausgemessenen Mittelpunkt gepflanzt - auf Wunsch kann sogar eine Urkunde zum Besuche dieses Mittelpunktes ausgestellt werden!.. 

Sehr schön ist dann nochmal der knapp 10 km lange Weg durch Buchenwald im Naturschutzgebiet "Feuerkopf"; hier begegnen mir sogar "in nächster Nähe" rund 15 Mufflons, darunter Böcke mit dem schweren, gebogenen Gehörn. Nachts erwache ich nach erholsamem Schlaf nach 3 Uhr, liege dann auf "meinem" Picknicktischbett wach und sorge mich um die Kälte, die mit dem Herbst kommt, was ich wie verändern sollte an meiner Ausrüstung, dass mein Gepäck dann schwerer wird, wie lange ich wohl noch weiterwandern kann dieses Jahr, wie ich nun zu der Hochzeit komme und zurück usw. usf. - blicke irgendwann mal empor zum Nachthimmel, und vergesse die Sorgen: da steht er, direkt in meinem Sichtfeld, leuchtend, strahlend, inzwischen gänzlich über den Horizont "geklettert", Orion, der Himmelsjäger und Wintersternbild! Drei Sternschnuppen zeigen sich mir kurz hintereinander. Alles wird wieder "gut" und richtig. Wenig später fährt ein Radfahrer mit heller Leuchte vorüber, nahm mich wohl trotz rascher Fahrt wahr, hält an, wendet sein Rad und leuchtet zu mir, fragt "alles in Ordnung?" "Ja!" antworte ich, "gut", sagt er und fährt weiter...














Auf einen Blick

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Wetter
Herbst
Begleitung
Allein
AbenteuerlichAbseits der PfadeEntspannend
  • Rennsteig und Rennstieg im Thüringer Wald und Hainich
  • UNESCO-Welterbe Buchenwald im Hainich
  • geographischer Mittelpunkt Deutschlands in Niederdorla
  • Übernachtung an einer Baude am Nationalparkrand
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