Au revoir Frankreich! ...und durch die malerische Schweiz
Gerade eben läuten dunkel-voll die Glocken der Kathedrale von Fribourg/Freiburg acht Uhr. Endlich will ich versuchen, die Eindrücke der letzten gut 10 Tage kurz einzufangen....

Veröffentlicht: 02.07.2026




















Den weiteren Weg durch die Schweiz bis nach Konstanz am Bodensee lege ich in der so heißen zweiten Junihälfte dieses Jahres zurück. Durch die Schweiz wandern scheint wie stetiges Gehen durch Postkartenlandschaften, fast wie innerhalb einer Glaskugel, in der eine heile Welt-Traumlandschaft voll leisen Kuhglockengetön aufgebaut ist, die wenig mit der Realität der Welt draußen zu tun hat; dieser Eindruck wird noch verstärkt durch nun fast ununterbrochen sonnig-heißes Wetter. Allerdings hat diese Bilderbuchwelt so hohe Preise, dass ich mir diese Schweizwanderung nur leisten kann, da ich jede Nacht draußen schlafe. Lediglich in Rapperswil besuche ich (für 25,- sfr eine extrem günstige Unterkunft!) einmal noch eine Pilgerherberge. Aber nun mehr der Reihe nach:
Am Mittwoch, 17. Juni, dem letzten Tag im französichsprachigen Teil der Schweiz, thront morgens die Altstadt von Romont mit ihren vielen spitzen und runden, wuchtigen Türmen hoch auf einem Hügel über den heutigen Stadtteilen mit ihren klotzartigen Wohnblöcken. Vom Frauenkloster unterhalb der Altstadt (seit dem 13. Jahrhundert erst von Zisterzienserinnen, später von Trappistinnen "ohne Unterbruch" genutzt und belebt, wie es in der Beschreibung am Tor heißt) kann ich nur die Kirche besichtigen, alles andere ist nicht für Besucher geöffnet - allerdings erlaubt eine offenstehende Tür einen Blick in große, wunderschöne Gartenanlagen; ein Brunnen vor dem Tor... Danach weitgehend schattenlos-offenes Land und viele geteerte Wege und kleinere Straßen. Große, stattliche Höfe: Ich bewundere die unzähligen Mini-Holzschindeln, aus welchen die Hauswände meist bestehen. Einmal komme ich an einer offenen Garage vorbei, in welcher ein älterer Mann Tuba übt: zum leisen Plätschern des Baches neben dem Weg hören sich die langsamen und tiefen Töne wie Laute irgendeines Urwelttieres an. In einer Schleife des Flüsschens Glane eine tiefeingeschnittene Schlucht in den Molasse-Felsen, eine sehr alte Brücke und kleine Kapelle: St. Apollonia, laut Infotafel bereits zu "urgeschichtlichen Zeiten" ein wichtiger Übergang. Solche Orte berühren mich tief, sind wir es doch so gewohnt, überall recht gefahrlos hinzugelangen, Straßen, Brücken, Infratstruktur jeder Art vorzufinden. Irgendwann aber gab es Zeiten, da war das Überqueren eines Baches, einer Schlucht so viel aufwändiger, nur an ganz besonderen Orten möglich - und nur da, nicht "sonst halt auf der Straße nebenan". Daran denke ich vor allem wieder, als ich zwei Tage später vor Spiez am Thunersee vor einem gesperrten Wanderweg stehe, welcher eigentlich kühl-schattig durch die tobelartige Schlucht Richtung Stadt führt, jetzt aber über die Straße umgeleitet wird. Da es auf dem Schild an der Absperrung allerdings lediglich heißt, dass "bei Doch-Benutzung" keine Haftung übernommen werde, klettere ich auf den gesperrten Wanderweg. Zunächst bin ich froh, denn es ist wirklich eine beeindruckende Schlucht und der Schatten und die Stille hier unten im bewaldeten Flusstal der Kander tun gut nach der heißen Sonne und dem Lärm der Straße. Dann allerdings stehe ich vor einer langen, schmalen Hängebrücke, welche in großer Höhe die Schlucht überquert; auch hier noch einmal Absperrungen und gleicher Text zur Nicht-Haftung. Ich zögere sehr lange: mein Kopf sagt mir, dass bei wirklicher Gefahr der Zugang unüberwindbar abgesperrt wäre und nicht nur keine Haftung übernommen würde, mein Bauch aber fühlt sich völlig unwohl! So schleiche ich ängstlich hinüber, ertrage das Schaukeln unter mir kaum, halte mich am Geländer, sehe das schäumende Wasser in der Tiefe, die Felswände; ich weiß nicht, wie lange ich für die Überquerung der gut 30m langen Brücke benötige, nur, dass ich mich irrationalerweise fühle, als sei ich eben einer Todesgefahr entronnen und hätte eine extreme Mutprobe bestanden bzw. Gefahrensituation durchlebt, als ich endlich drüben ankomme und wieder auf festem Fels stehe...
Freiburg ist eine wirklich sehenswerte alte Stadt - momentan durch sehr viele Baustellen (gefühlt sind fast alle Straßen der Altstadt gerade aufgerissen) etwas beeinträchtigt, aber sehr malerisch die zwei Hälften der alten Stadt, durch die Saane geteilt, über die eine dieser schmalen, holzüberdachten Brücken führt, die in der Schweiz so oft anzutreffen sind; auch ich überschreite noch viele dieser "Museumsbrücken" in den nächsten zehn Tagen. Steile Felswände, die große, hohe Brücke mit zweistöckigen Bogenreihen, Stadtmauer, Burg, schmale steile Gassen... und steil führt der Fußweg aus der Stadt in vielen Kehren wieder hinauf. Dass ich nun nach so langer Zeit wieder in deutschsprachigem Gebiet bin, merke ich zunächst an den Schildern und Beschriftungen, dann am "Grüezi!" (in den ersten Tagen sage ich noch öfter gewohnheitsmäßig "bon jour!", wenn ich jemandem begegne). Und obwohl mir das Schweizerdeutsche nicht unbekannt ist: beim ein oder anderen Gespräch verstehe ich nicht alles... Insgesamt aber gewöhne ich mich erstaunlich rasch wieder daran, alle gesprochene und geschriebene Sprache um mich herum verstehen zu können.
Bis Ende Juni ist und bleibt es nun so ungewöhnlich heiß. Jeden Tag gibt es Temperaturen bis 34, später auch 38°C, nachts kühlt es nicht mehr ab und bleibt um die 20 - 22°C warm; der Wetterbericht warnt jeden Tag vor "unnötigen körperlichen Anstrengungen in der Sonne" und dem Risiko von Kreislaufbeschwerden... Am Freitag, 19. gibt es nachmittags-abends ein Gewitter (gerade noch rechtzeitig finde ich eine Art Kinderspielhaus mit offener Frontseite, vergilbte Werbezettel von Kindern gemalt, lassen erkennen, dass hier mal Gemüse, Obst und Basteleien am Weg verkauft wurden, jetzt liegt nur noch Müll drinnen und die Treppe ist bereits recht wackelig. Ich freue mich über den Unterschlupf, räume den Müll in eine Ecke und lege mich diagonal, so passt mein "Bett" genau hinein. Es gewittert und regnet ziemlich heftig und lange, bringt aber wenig Abkühlung, und am nächsten Tag wird es wieder ebenso heiß wie zuvor. Ich breche jeden Morgen sehr früh auf, um die kurze Zeit morgendlicher "Kühle" zu nutzen, die leider nicht lange anhält, ehe die Sonne wieder "erbarmungslos" Stunde umd Stunde am Himmel steht.
Vor und hinter dem Ort Schwarzenburg führt der Weg jeweils einige Zeit entlang der Sense / Schwarzwasser auf Wegen, deren Pflasterung wohl teilweise noch aus der Römerzeit stammt! Tief eingeschnittenes Tal zwischen Felswänden. Tafers, Sankt Antoni, Schwarzenburg, Rüeggisberg u.v.a... - Orte wie Freilichtmuseen, schmucke Häuser und blühende Gärten. Ich esse so viele Walderdbeeren entlang der Wege in all diesen Tagen! Oberhalb von Schwarzenburg schlafe ich in einem offenen Pavillion, welcher auf einem Hügel unter stattlichen Bäumen steht. Ich komme rechtzeitig zum Sonnenuntergang hinter den Bergen dort an und genieße nachts die schmale Mondsichel und die Sterne, die ich durch die Bäume leuchten sehen kann. Ich entscheide mich, nicht durch Bern zu wandern, sondern südlich zum Thunersee. Immer wieder der Blick auf die verschneiten Gipfel des Berner Oberlandes.
Seen, Berge, Passübergänge reihen sich in der Sonnenhitze aneinander, Tag um Tag, Kilometer um Kilometer. Zunächst Thunersee, Brienzersee und Lungerersee, alle drei sind leuchtend türkiesgrün: wirklich ungewöhnlich, aber sehr besonders! In Amsoldingen ist die romansiche Kirche bereits (sehr kitschig-schön) für eine Hochzeit geschmückt. Ich halte mich lange in der Krypta auf, einem schlichten Raum mit starker Ausstrahlung und sehr guter Akustik. Einige der Säulen tragen römische Inschriften; die Erbauer um 1200 verwendeten also Steinsäulen, die bereits aus römischen Bauwerken stammten! Nett finde ich auch den Hinweis, dass im 19. Jahrhundert der jeweilige Pfarrer diese Krypta als Obst- und Gemüsekeller verwendete. Von Spiez nach Merligen führt der Weg per Boot über den Thunersee (teuer und schön) und dann bis Sundlauenen (wo ich neben dem Fähranleger bade und schlafe) auf bewaldetem Höhenweg überm See, vorbei an berühmten Tropfsteinhöhlen (St. Beatus-Höhlen). Und obwohl der Eingang in die Höhlen um 17 Uhr geschlossen wird, sind dort noch immer viele Ausflügler in den Restaurants, dem Spielplatz, Grillplatz - wie immer nur wenige Meter rund um einen Parkplatz: davor und danach habe ich die Wanderwege für mich alleine... Ich habe großes Glück, ausgerechnet am Wochenende hier entlangzuwandern, denn der Höhenweg ist zur Zeit unter der Woche wegen Arbeiten am Hang gesperrt - das entnehme ich vielen Verbotstafeln. Am Sonntag, dem längsten Tag des Jahres, wandere ich früh durch ein "Moos", sumpfiges Naturschutzgebiet rund um die alte Aarebucht und dann, zunächst unter stattlichen Bäumen entlang der kanalisierten Aare bis nach Interlaken hinein. Die Ausblicke auf Eiger, Mönch und vor allem Jungfrau sind wirklich "königlich"! An der Aare entlang ziehen sich stattliche alte Holzhäuser mit gepflegten Gärten. Einst hatten die Bewohner wohl freien Blick auf die Jungfrau, jetzt zieht sich am anderen Aareufer eine lange Reihe hoher, klotzartiger Neubauten hin. Ich stelle mir vor, wie ungerecht das für die Bewohner dieser alten Häuser sein muss: Aus den Neubauten sehen die Menschen nun in die eine Richtung die Schneegipfel und in der anderen überm Fluss die malerischen Häuser und Gärten, aus diesen aber sehen die Bewohner nun auf praktisch-hässliche Betonwürfel...
Über Interlaken nutzen viele bunte Gleitschirmflieger das schöne Wetter und landen auf dem "Gleitschirmlandeplatz Höhematte", einem großen parkähnlichen Wiesenareal inmitten der Altstadt. Es sieht lustig aus, diese bunten, fröhlichen Farbklekse herabschwebend zwischen und hinter Häusern, Kirchtürmen, dem Schloss und vor den nahen Bergen. In der Heiliggeistkirche braust eben mächtig die Orgel, als ich leise eintrete, es ist kühl und ich setze mich längere Zeit still in eine Bank, genieße alleine das "Konzert", froh, dass der Organist gerade jetzt übt...
Den restlichen Sonntag wandere ich entlang des gesamten nördlichen Ufers am grün-schimmernden Brienzersee. Eigentlich hatte ich vor, irgendwo in Brienz am Seeufer zur Nacht zu bleiben, aber da ist es mir einfach noch zu heiß und zu voll. So erbitte ich bei einer Tankstelle Trinkwasser und steige noch auf bis Hofstetten, von wo aus ich früh am nächsten Morgen durchs noch schlafende Brienzwiler und dann durch den Bergwald zum Brünigpass aufsteige. Es ist immer besonders, in der Zeit um den Sonnenaufgang im Bergwald zu sein, gut auch, auf der Schattenseite aufzusteigen, wo der Sonnenaufgang durch die Höhe der Berge sehr verzögert wird. Wie rasch ich mich doch wieder daran gewöhnte, durch lichten Buchenwald zu wandern! Selbst hier oben auf 1000m und mitten im Wald gibt es längs des schmalen Pfades Mauern aus großen bemoosten Steinen - aufgeschichtet wohl in Zeiten, als dieser Passübergang nur auf diesem Pfad und nicht auf einer geteerten Straße möglich war. Ich erschrecke zutiefst, als urplötzlich und lautlos ein großer schwarzer Hund vor mir steht (einen Augenblick lang denke ich, es sei ein Wolf!). Der Hund erschrickt ebenso vor mir, die ich für ihn unvermutet auf dem Weg auftauche, und sein Frauchen kommt dann auch irgendwann daher, trotzdem brauche ich einige Zeit, bis mein Herzschlag sich wieder beruhigt - und ich frage mich wieder einmal, weshalb Hunde nicht angeleint werden, noch dazuhin, wo hier (Naturschutzgebiet) überall dazu aufgefordert wird.
Vorbei am sehr schön gelegenen Naturfreundehaus Brünig (das ich mir kurz ansehe und wo ich heißes Wasser bekomme) dann der lange Abstieg zum Lungerersee hinunter - wieder ein grünfunkelndes Juwel: diese Wasserfarbe fasziniert mich! Um so mehr, als der "anschließende" Sarnersee (und im weiteren der Vierwaldtsätter- und der Zürichersee) mit "ganz normal" farblosem Wasser gefüllt sind, glasklar wie alle die Seen, und einen wunderbaren Spiegel für die Uferumgebung abgebend. Was mich zum Nachdenken darüber anregt, inwieweit sich eigenwillige, besondere, ungewöhnliche... "Eigenfarbe" und die Fähigkeit, "neutraler Speigel" sein zu können, gegenseitig ausschließen und was sich daraus für uns Menschen lernen lässt? Es gibt halt reichlich Zeit zum "Philosophieren" während der vielen Stunden einsamen Wanderns...
Nach spätabendlichem Bad und einer wunderbaren Nacht unterm Nussbaum direkt am Ufer des Sarner Sees, steht der Dienstag im Zeichen von "Bruder Klaus", dem schweizer Nationalheiligen. Da ich kurz nach 5 Uhr meinen Schlafplatz verlasse, kann ich all die zugehörigen Plätze alleine und in Ruhe erleben, ehe später am Tag "Wallfahrtstourismus" stattfinden wird. Ich bin hier direkt "im Herzen", im Mittelpunkt der Schweiz. Zunächst besuche ich Sachseln, in dessen großer Barockkirche direkt im Altar hinter Glas die Grabstätte des Heiligen ist. Am Brunnen, wo ich Wasser trinke und auffülle, steht eine große Statue und sieht mir sozusagen zu. In Flüeli thront die weiße Kirche auf einem Felsen ("Fluo") überm Ort - reich bemalte Holzdecke und natürlich viele Bilder aus dem Leben des Heiligen. Niklaus von Flüe (1417-1487) lebte in seinem Heimatort Flüeli als Bauer und Richter; das von ihm selbst erbaute Wohnhaus für sich und seine Frau Dorothee Wyss und ihre zehn Kinder, ist heute Museum. Davor gibt es einen weitläufigen Busparkplatz. Ich bin froh, lange vor den Öffnungszeiten des Museums hier zu sein und bestaune das schmucke Haus nur von außen. Ein prächtiges Hotel mit Türmchen und an fantastischem Aussichtsplatz zeugt davon, dass in diesen Ort schon lange Gäste kommen. Nachdem Niklaus schon seit Kindertagen Visionen und "Gesichte" hatte, wird sein Drang, noch intensiver "Gott zu suchen" und ein anderes Leben zu führen immer stärker. Mit 50 Jahren lässt er alles bisherige zurück und lebt fortan und bis zu seinem Tode als Einsiedler in der Ranft ("Rand"), der Schlucht gleich hinter Flüeli. Erstaunlicherweise zeugen alle alten Quellen davon, dass dies "mit Einverständnis" und Unterstützung seiner Frau Dorothee geschah - das jüngste der zehn Kinder lag noch in der Wiege, als ihr Mann sich verabschiedete! Seine Nachbarn bauten ihm in der Ranft eine Klause und im Laufe der Jahre zwei Kapellen, die obere und die untere Ranftkapelle, die beide heute noch besucht werden können. Er benötigte keine Nahrung mehr ("Lichtnahrung"?) und wurde für viele Zeitgenossen ein gern aufgesuchter Ratgeber; 1481 verhinderten seine Worte, der von ihm eingeholte Rat, wohl sogar einen Krieg innerhalb der jungen Schweiz. Zwischen den beiden Ranftkapellen gibt es einen Souvenierladen mit Rosenkränzen, "Heiligenkitsch", Kerzen u.ä. - Öffnungszeit 10 Uhr; wie bin ich froh, vor 9 Uhr dort zu sein! Mir begegnet kein Mensch in all diesen frühen Stunden, so kann ich tatsächlich etwas wahrnehmen von dem "Kraftort" Flüeli-Ranft. Ich sinne viel nach über den Mut dieser Frau, die ihren Mann ziehen lässt, es aushält und ihn darin unterstützt, dass er "gleich hinterm Haus" ein anderes Leben führt. Früher dachte ich eher: Wie kann man nur so aus allem weglaufen, was soll "heilig" daran sein, seine Familie so im Stich zu lassen u.ä. - heute denke ich eher: welcher Mut, alles zurückzulassen, welche Liebe auch zueinander, sich so freizugeben, um noch eine weitere Bestimmung leben zu können. Was für eine Zeit, in welcher "die Nachbarn" nicht schimpften und ihn drängten, seiner Arbeit nachzugehen, sondern "dem Aussteiger" eine Kapelle bauten, also erkannten, dass auch dies sie alle angeht und ebenso Teil des Lebens ist und allen dient?! Wenn ich "die katholische Umhüllung" wegnehme, begegnen mir tief spirituelle Menschen, die auf ihre Bestimmung hörten und so zum Segen für viele wurden über die Jahrhunderte hinweg. So gibt es in der unteren Ranftkapelle z.B. ein beeindruckendes großes Wandgemälde, mit welchem Bruder Klaus für seine "Fürsprache" gedankt wird, die Schweiz im Ersten Weltkrieg neutral zu erhalten: rund um ein blühendes, bergiges Bauernland ziehen die Heere, toben die Schlachten und türmen sich die Knochen und Schädel... oder über dem Portal der Kirche in Stans in Steinfiguren all die streitenden "hohen Herren", als es schlecht um den Frieden der Schweizer untereinander stand - dazwischen der schmale Bruder Klaus in seinem einfachen Gewand. Historisch verließ er zwar seine Klause nicht, um diesen Krieg zu verhindern, aber auf dem Relief wird trotzdem schön deutlich, welch andere als körperliche, welch starke innere Kraft von diesem halb verhungerten, unscheinbaren Mann ausgeht...
Wie immer gäbe es so viel zu erzählen! Von der Frau, die mir ein Eis in die Hand drückt, als ich an ihrem Haus vorbeikomme, und meint, es sei einfach zu heiß zum Wandern; oder von der gruselig-beeindruckenden Bronzeskulptur in Stans, wo einem jungen Mädchen mit Spiegel und Kamm in Händen, Gerippe-Tod von hinten die Knochenfinger um die Hüften legt; oder von den vielen Bremsen, die in all der schwülen Hitze und bei dem ständigen Nassgeschwitztsein mir das Leben schwer machen; von all den Menschen, die mir klares, kühles Wasser in meine Flasche füllen; vom Schlafplatz hoch über Stans und dem Stansersee; von der Madonna in Buochs, welche, weiß und marmorn, in wallendem Gewand, mit goldener Krone und Zepter, ihr Kind auf dem Arm, mit einem Fuß auf einer goldenen Mondsichel steht - an sich nicht ungewöhnlich, auffällig hier ist, dass der Mond ein Gesicht hat wie in alten Bilderbüchern - Marias Schuh tritt genau unterhalb der großen Nase auf seinen Mund...; von Schwyz mit seinem buntbemalten Rathaus und einem großen Plakat vor der Kirche: "Kaffee und Segen" - jeder tut, was er kann, um Aufmerksamkeit und Kundschaft anzuziehen! So nennt sich ein großes Einkaufszentrum (neben den Victorinox-Fabrikgebäuden) "MythenCenter", da über Schwyz markant die Gipfel des kleinen und großen Mythen aufragen - vom eigentlich idyllischen Schlafplatz an einem Bach kurz hinter Schwyz, an welchem ich aber mit Einbruch der Dunkelheit von Mücken so zerstochen werde, dass ich trotz Hitze ganz in meinen Schlafsack krieche, um mich etwas zu schützen; von der Pfarrerin, die mich (in welchem Ort, behalte ich absichtlich für mich) in der Kirche schlafen lässt, aber meint, "mich haben Sie nicht getroffen..." - überhaupt sind in diesen heißen Tagen die Kirchen oft meine Pausen-Zufluchtsorte mit ihrer schattigen Kühle und Stille. Erzählen möchte ich auch vom Aufstieg zur Haggenegg: mit 1421 m der höchste Punkt auf der "Via Jacobi", dem Pilgerweg durch die Schweiz. Um 4:10 Uhr packe ich zusammen und habe so den gesamten Aufstieg noch im Schatten. Im Wald kommt es zu einer "magischen Begegnung" mit einer Gämse, die mir erlaubt, sie lange und ruhig anzusehen, während sie, mich immer wieder betrachtend, Farnbüschel äst. Nach zweieinhalb Stunden Aufstieg sehe ich dann gegen sieben Uhr oben auf dem Haggenegg-Pass die Sonne. Alles leuchtet: der Vierwaldstätter-See im Tal, die Gipfel ringsum, teils schneebedeckt, die Wiesen, Wälder, Höfe, Städte... Eine tschechische Pilgerin, die von Prag aus hier her wanderte, kommt von der anderen Seite ebenfalls früh herauf. Ich bin bereits wieder so sehr gewohnt, dass jeder mich versteht, dass ich sie einfach auf Deutsch anspreche, sie muss sagen "in english, please!" - ich entschuldige mich...
Des weiteren wäre zu berichten vom Weg nach Einsiedeln (vorbei am Kloster Au) mit seinem berühmten großen Wallfahrtskloster - der Legende nach zog sich im 9. Jahrhundert ein Bruder Meinrad von der Reichenau hierher "in den finsteren Wald" zurück. Wo er 25 Jahre später in seiner Klause von Räubern erschlagen wurde, steht heute das Kloster Einsiedeln. Von "finsterem Wald" ist wahrhaftig weit und breit nichts mehr zu erkennen... Da gleich eine Messe stattfindet, werden alle Besucher hinausgebeten - so erhasche ich nur einen kurzen Blick auf die überladene, barocke Pracht und die berühmte Schwarze Madonna, trinke noch am Frauenbrunnen und ziehe weiter; über die Teufelsbrücke, wo Paracelsus Geburtshaus steht, hinauf zum Etzelpass und über Pfäffikon zum Zürichsee. Auf einem sehr langen Holzsteg geht es über den See auf Rapperswil zu, die vielen grauen Türme ragen altehrwürdig am anderen Ufer auf. In die Pilgerherberge kommt dann doch noch eine weitere Frau, die aber gerade ihren ersten Wandertag hinter sich hat und einfach nur duschen und schlafen geht... Ich nutze die Gelegenheit, Gemüse zu kochen, Wäsche zu waschen, später geduscht und im Abendlicht durch die Altstadt und den Rosengarten am Seeufer zu schlendern und mich lange mit dem Hospitalero zu unterhalten. Noch ahne ich nicht, dass ich die verbleibenden 75 km bis zum Bodensee in den nächsten zwei Tagen gehen werde. Es ergibt sich so - ein Wandern zum Teil wie in einer Art Hitzetrance, einfach immer weiter und weiter. Ein Schmetterling verweilt lange Zeit bei mir - am vorläufig letzten Wandertag ein unglaubliches Geschenk, das mich tief beglückt. Erst als ich mich über einige wenige Kornblumen freue, fällt mir so richtig auf, was ich nur unbewusst wahrgenommen hatte: bei all der Sauberkeit, Ordnung und Aufgeräumtheit in der Schweiz, war unmerklich all das wilde und bunte Blühen an den Wegrändern, auf den Wiesen und Feldern verschwunden, das mich in den vergangenen Monaten so beglückte!
Am Samstag, 27. Juni gehe ich gegen 16 Uhr zwischen Kreuzlingen und Konstanz über die Grenze nach Deutschland. Nach bald 4 Monaten und 2870 zu Fuß gegangenen Kilometern durch 3 Länder mache ich nun erstmal Pause.
