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Zuletzt in Deutschland

Nationalpark Harz und immer weiter nördlich in Deutschland

Veröffentlicht: 03.10.2026

Attraktion
Brocken
Harz, Deutschland
Attraktion
Eckertalsperre
Harz, Deutschland
Attraktion
Naturheilanstalt Jungborn
Harz, Deutschland
Attraktion
Hornburg
Niedersachsen, Deutschland
Attraktion
Barnbruch
bei Gifhorn, Deutschland
Attraktion
Tankumsee
bei Gifhorn, Deutschland
Attraktion
Internationales Mühlenmuseum Gifhorn
Gifhorn, Deutschland
Attraktion
Kirche des Heiligen Nikolaus
Gifhorn, Deutschland
Attraktion
Otterzentrum Hankensbüttel
Hankensbüttel, Deutschland
Attraktion
Göhrde
südlich der Elbe, Deutschland


In der Abenddämmerung des 22. 9. war ich nach wieder einem Tag Bahnabenteuer zurück in Niedergebra in Thüringen. Nachdem es so spät geworden war, konnte ich nur noch außerhalb des Ortes an der Wipper und in Hörweite der Autobahn mein Nachtlager auf einem überdachten Picknicktisch einrichten. Nach drei Nächten im kuschelig-gemütlichen Bett ist dies wirklich nicht die Wohlfühlnacht: kalt, windig und laut, da helfen auch Sterne und Mond wenig. Erst das frühe Losgehen noch vor Sonnenaufgang „versöhnt“ mich wieder mit dem Weg und mit allem, was dazu gehört. Meine Finger sind eiskalt vom Zusammenpacken des feuchten Schlafsacks und obwohl es bereits 6:30 Uhr ist, ist es noch recht dunkel, nur im Osten rötet sich der Himmel. Über allen Wiesen und Wassern hängt weißer Nebel, hell und kalt. Ich liebe diese Morgenfrühe – und wünsche, ich hätte Handschuhe eingepackt… Leider verschallt die A38 weithin das sonst stille, noch wie schlafende Land. An der Wipper weiden Schafe, die braunen Äcker dampfen regelrecht, die Weiden am Ufer leuchten, überall glitzert es im taunassen Gras, als nach und nach die ersten Sonnenstrahlen darauffallen. In der Ferne werden bereits die Höhenzüge des Harz sichtbar. Ich komme (in Wippendorf) tatsächlich an einer „Brieftaubeneinsatzstelle“ vorbei, kann aber nicht recht erkennen, ob das Gelände wirklich noch genutzt wird, jedenfalls sehe oder höre ich keine Vögel. Erst gegen 9:30 Uhr wärmt die Sonne kräftig genug, um gemütlich Pause auf einem Hochsitz zu machen.

Zum Wochenende hin wird es dann wieder altweibersommer-warm und sonnig, aber zunächst zeigt mir der Herbst für meine „Harzwanderung“ sein eher unfreundliches Gesicht. Andererseits erlebe ich so „Dramatik“ im Wetter, was durchaus zum Harz passt und diese Wandertage sehr eindrücklich macht. Das ehemalige Zisterzienserkloster Walkenried gehört bereits zu den Sehenswürdigkeiten des Harz. 1129 gegründet, heute mächtige gotische Ruinen und teilweise (Kreuzgang) noch erhalten und zu besichtigen (tue ich) und kehre anschließend noch im Klostercafé ein, ehe ich weiterziehe. Mich beeindrucken vor allem die mächtigen, hohen Mauerreste, dieses so offensichtliche „Nebeneinander“, die „Gleichzeitigkeit“, das Aufeinandertreffen von Einst und Jetzt, von Geschichte und Gegenwart. Während ich entlang der Wieda an lichtem Laubwaldrand dahin wandere, sinne ich darüber nach, dass ich diese Fülle des „Einst“ auch im Heute oft spüre und ahne – in einem Fall wie hier wird dieses Gefühl sozusagen real sichtbar, stehen die Mauern noch und zeigt sich damit etwas von dem, was sonst für unser Auge unsichtbar „hinter der Gegenwart“ verborgen doch immer noch da ist.

In der Abendsonne steige ich noch auf gut 600 m Höhe in den Harz auf. Die meisten Höhenzüge sind "gerippebestanden": die nackten Fichtenüberreste leuchten teilweise gespenstisch hell, wenn die tiefstehende Sonne sie bescheint. Einsame Waldwege (oft breite Kies-Forstwege) und noch viel mehr tote Nadelbäume als im Thüringer Wald. Irgendwo in der Einsamkeit zwischen Ausschilderungen für Loipen bleibe ich zur Nacht an einem Unterstand, der allerdings kaum diesen Namen verdient. Wie eine etwas zu klein geratene Bushaltestelle steht diese knapp überdachte schmale Bank etwas unwirklich herum. Der Windschutz – und es wird sehr windig-kalt in dieser Nacht, (wetter.com sagt für Braunlage, den Ort unterhalb etwas von 5°C für die Nacht, da sind es hier oben vielleicht 3 oder 4°C höchstens…) ist eher gefühlt als wahrhaftig vorhanden und selbst das wenige Dach ist nicht wirklich dicht, wie ich feststellen muss, als es gegen 3 Uhr zu regnen beginnt und nach einiger Zeit auf meine Isomatte tropft, zum Glück nur im Fußbereich… Aber obwohl ich fröstele, beobachte ich doch fasziniert all das Licht-Dunkel-Wolken-Nachthimmel-Mond-Regen-Wind-Geschehen, dazu die Schattenrisse lebender und toter Bäume: auf dem Kies vor der schmalen Bank unter dem knappen Dach fühle mich in beglückender Weise „ungeschützt“ und nah mittendrin in all dieser nächtlichen Stille voll Wind und Bergeinsamkeit.

Früh wandere ich dann bis Braunlage feuchtkalt durch all diese verrückt-schöne-Regen+Licht+Wind- Stimmung, allerdings komme ich nicht trocken bis zum Edeka, wo ich mich regennass ins zugehörige Cafè rette und erst kurz vor 11 Uhr weiterziehe. Es bleibt gewitterstimmig den ganzen Tag, regnet auch hin und wieder, dazwischen leuchtet die Sonne um so heller, wenn sie ein Wolkenloch findet. Ich bin froh, zusätzlich zum wärmeren Schlafsack nun Regenjacke und -hose dabei zu haben und ziehe beides bis zum Abend nicht mehr aus, um dieses „herrlich eklige Wetter“ einigermaßen geschützt genießen zu können. So richtig warm ist mir aber kaum einmal mehr an diesem Tag. Über den sagenumwobenen Brocken, mit einer Höhe von 1142 m norddeutschlands höchster Berg, und hier bereits über der Baumgrenze, zog sich die DDR Grenze, standen nicht nur Stasi-Abhöranlagen, sondern auch (nochmal extra streng abgesperrt) sowjetische. Einige Gebäude wurden abgerissen (auf dem benachbarten Wurmberg in Niedersachsen stand „dagegen“ ein US-Abhörturm, der ebenfalls gesprengt wurde), auch die hohen Betongrenzabsperrungen um den Gipfel verschwanden. Heute steht u.a. ein rotweißer Telekomfunkturm auf dem Gipfel, ein Hotel und ein ehemaliges Stasigebäude zum Museum umfunktioniert. Und natürlich gibt es für berühmte Brockenbesucher wie Goethe oder Heinrich Heine Denkmal und Erinnerungstafel… Auf mehreren Etagen gibt es viel informatives zum Nationalpark Harz, zu Sagen und Legenden um Hexen, Walpurgisnacht u.ä., um DDR-Geschichte und damalige Abhörtechnik, außerdem Filmchen und Infos zur Schmalspurbahn, die auch heute stinkend und rauchspuckend hier heraufkeucht (ab Wernigerode können Touristen sich für 65,- wie einst hier herauffahren lassen). Die Dachterrasse ist bei starkem Wind leider nicht geöffnet, aber der gerühmte Blick bis zum Erzgebirge entfällt heute (wie an über 300 weiteren Tagen des Jahres) sowieso. Im zugehörigen Café gibt es Ofenkartoffeln und heiße Schokolade mit Schuss – beides tut unsagbar gut, wärmt mich aber nur vorübergehend. Gegen den eisigen Wind muss ich mich richtig lehnen, um nicht umgeweht zu werden. Trotz des Wetters sind einige Leute hier oben, die meisten kamen mit der fauchenden Dampflok.

Die ehemalige Grenze spielt an diesem Tag fast beständig eine große Rolle, bewege ich mich doch viel im „Grünen Band“ bzw. dem „Harzer Grenzweg“ (oft auf Kolonnenwegen). Zerzauste „Windflüchter“-Bäume an der „Knochenbrecherkurve“ z.B. Steiler Abstieg zur Eckertalsperre, einem großen Trinkwasserstausee; hier ging die Grenze mittendurch und erschwerte die Bewirtschaftung dadurch über Jahrzehnte erheblich. Mitten auf der Staumauer steht noch ein Grenzpfosten – beim heutigen Wetter das einzig farbenfrohe. Insgesamt standen wohl 2735 solch schwarz-rot-goldener Pfosten entlang der innerdeutschen Grenze, im 500 m Abstand! Sonst mutet der See eher skandinavisch an, zurückblickend grüßt der Brockengipfel. Verwelktes, braungewordenes Heidekraut und nochmal einige Hände Heidelbeeren, immer wieder mächtige Felsen. Dann weitere 10 km auf schmalen Waldpfaden am kleinen Fluss Ecker entlang, bis ich kurz vor Dunkelwerden den Nationalpark verlasse und einen besonderen, geschützten Schlafplatz finde: eine vor gut 125 Jahren gegründete „Naturheilanstalt Jungborn“. Die alten Fotos auf Infotafeln sehen sehr jugendbewegt aus. In schönster Natur wurde hier wohl „nackt in Luft und Licht gebadet“, sich von Rohkost und Heilerde ernährt und ähnliches. Ein Verein kümmerte sich um den teilweisen Nachbau einiger der alten „Lichtlufthäuschen“ und Pavillons, außerdem gibt es eine Freiluftküche, eine Feuerstelle und zwischen Bäumen drei Schäferwagen, die gemietet werden können… eines der Häuschen ist tatsächlich unverschlossen – ob absichtlich oder vergessen, ich schlafe jedenfalls darin. Rustikale Holzmöbel und Kerzen sind die ganze Einrichtung, auf dem Fußboden noch genügend Platz für meinen Schlafsack.

Die nächsten Tage wird das Wetter wieder trockener und wärmer – in der Früh oft noch frisch, aber tagsüber am Wochenende auch nochmal bis 20 oder sogar 26°C. Ich wandere aus dem Harz und schließlich aus Sachsen-Anhalt hinaus und gelange bei Hornburg, einem wunderhübschen Fachwerkstädtchen mit Schnitzereien und uralten Inschriften an den krumm gewordenen Balken, wieder nach Niedersachsen. Insgesamt orientiere ich mich nun vorwiegend am E6 (allerdings nicht sonderlich gut markiert). Fast unmerklich gelange ich nach und nach in diese weite, flache Landschaft der Norddeutschen Tiefebene. Nun sind die Wandertage geprägt von sandigen Wegen, von Alleen, von Eichen- und Kiefernwald, von roten Backsteinhäusern und -höfen mit gekreuzten Holzpferdeköpfen am Giebel. Pilze, abgeerntete Zwiebelfelder, an der Straße Verkauf von Heidekartoffeln und Heidehonig, Eichhörnle, mächtige Linden (z.B. am Ortseingang von Bornum) und „tausendjährige“ Eichen (wie im Naturschutzgebiet Barnbruch gut 10 km südöstlich von Gifhorn). Südlich von Wolfenbüttel habe ich, wenn ich mich umwende, gute Sicht auf den nun sonnig wirkenden Brocken mit seinen Türmen – Abschiedsblicke auf den Harz und überhaupt auf Höhenzüge in der Landschaft. Wenn nun in der Karte ein „Gipfel“ eingezeichnet ist, ist die Höhenangabe dabei z.B. 84 m (wie der „Braune Berg“ nördlich von Wendhausen) – und in der Landschaft ist kaum eine Erhöhung auszumachen… 

Ich schlafe in einem Friedwaldpavillion nördlich von Wolfenbüttel, in einer Vogelbeobachtungsplattform, in einer halbzerfallenen Hütte am Waldrand oder im Kurpark von Bad Bodenteich unter einem überdachten Holzlagerplatz am See (hier allerdings stören Mücken meinen Schlaf). Tags genieße ich die herbstliche, norddeutsche Landschaft, kreuze den Mittellandkanal und wandere viele Kilometer entlang des Elbe Seitenkanals (wenig Frachtschiffverkehr), mache Pause im glitzernden Sonnenschein am Tankumsee, wo an diesem schönen letzten Septembersonntag noch viele Menschen die Sonne genießen und weiße Segel lustig auf dem Wasser tanzen. Später gehe ich auf Gifhorn zu, am Schlosssee entlang – und bin sehr erstaunt, als die goldglänzenden und sternverzierten blauen Kuppeln einer russischen Holzstabkirche überm Ufer auftauchen, dazu malerische Windmühlen. Tatsächlich befindet sich auf einer Art Insel das internationale Mühlenmuseum und auch die Kirche des Heiligen Nikolaus „im traditionellen russischen Holzbaustil“. (Sie wurde wohl von einer Privatfamilie 1995 „50 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges als Symbol der Versöhnung und als ein Brückenschlag zwischen dem deutschen und dem russischen Volk“ gebaut.) In Hankensbüttel ist es dann der Isenhagener See mit dem „Otterzentrum“, wo es sich angenehm Pause machen und einen Kaffee trinken lässt.

Als ich früh von der Vogelbeobachtungsplattform aufbreche, ist es noch fast dunkel, nur im Osten leuchtet der Himmel bereits farbig, unter einer Wolkenschicht leuchtet noch der Vollmond, ein Rehbock „bellt“ laut im nahen Wald. Alles ist noch so wie in einer Zwischenzeit zwischen Nacht und Tag – ich liebe dieses langsame und fast unmerkliche Hellerwerden. Allerdings gelange ich dann nach Groß Brunsrode, wo die Straßenlaternen viel zu hell leuchten und den Zauber verblassen lassen. Wieder einmal frage ich mich, weshalb so viel Straßenbeleuchtung notwendig ist: es ist sowieso alles noch schlafend und wie ausgestorben, ich begegne keinem Menschen, als ich um halb sieben durch den Ort gehe. Hier könnte doch wirklich viel Energie eingespart werden! Immer wieder ergeben sich auch gute Gespräche, nette Begegnungen, herzliches Interesse an meiner Wanderung, selbstverständliches Wasserflasche-Auffüllen oder auch mal eine Tasse Kaffee „von privat“. Und immer häufiger bekomme ich nun „Wolfsgeschichten“ erzählt. In der Gegend um die Göhrde, einem sehr großen Waldgebiet südlich der Elbe, scheint fast jeder schon Wölfe gesehen zu haben und erzählt davon. Gestern und heute Nacht regnete es, aber morgen werde ich durch die Göhrde wandern – und hoffentlich keinem Wolf begegnen...

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Wetter
Herbst
AbenteuerlichAbseits der PfadeEntspannend
  • Wanderung durch den Nationalpark Harz bei Wind, Regen und Lichtwechseln
  • Brocken mit DDR-Grenzgeschichte, Museum und Schmalspurbahn
  • Eckertalsperre und Harzer Grenzweg im Grünen Band
  • Übernachtung in der Naturheilanstalt Jungborn
  • Weiterwanderung durch die norddeutsche Tiefebene mit Kanälen, Seen und alten Dörfern
RegenjackeRegenhosewärmerer Schlafsack
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