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Über die Berge ans Meer...

Veröffentlicht: 19.04.2026

Spaziergang
Payares → … → Colombres
Camino del Norte
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Herberge in Payares
Hostel · Payares
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Kirchliche Herberge in Oviedo
Hostel · Oviedo
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Pilgerhaus in Colombres
Ferienwohnung · Colombres
Attraktion
Kathedrale von Oviedo
Oviedo, Spain
Attraktion
Camera Santa
Oviedo, Spain

Von Leon aus heißt der Weg über die kantabrischen Berge bis zur Kathedrale San Salvador in Oviedo, der Hauptstadt des "autonomen Fürstentum Asturien" Camino del San Salvador. Immer am Fluss Bernesga entlang, geht es aus Leon hinaus, zum Glück vielfach auf kleinen Wegen,, aber natürlich auch wieder vorbei an den üblichen Rändern der Städte mit großen Wohnkomplexen in jedem Stadium der Fertigstellung...  Dann werden die Ortschaften kleiner und die Wege schmaler und steiler; es geht rasch in die "schroffen kantabrischen Berge", in welchen einst, als die Muslime die iberische Halbinsel einnahmen, die kostbaren Reliquien versteckt wurden, welche dann nach der Rückeroberung Spaniens durch die Christen eben in die Kathedrale San Salvador in Oviedo verbracht wurden. Und neben den üblichen Dingen wie Splitter vom Kreuz oder Grabtuch Christi gehören hierzu so ungewöhnliche Reliquien wie "geronnene Milch der Jungfrau Maria", "Reste von Manna", "eine Sandale des Heiligen Petrus" oder "einige Dornen aus der Dornenkrone" u.a. - so jedenfalls ist es einer ganz normalen Informationstafel zum "Camino del San Salvador" zu entnehmen...

Es sind schöne Bergwege, aber sehr steil auf und ab - oftmals bedauere ich, dass die segensreiche Erfindung von Serpentinen hier unbekannt scheint! Diese drei, vier Tage bis ich in Oviedo ankomme, friere ich fast durchgehend: die Temperaturen liegen um 0°C, einmal schneit es einige Zeit malerisch, und es weht  eisiger Wind, der die Kälte noch verstärkt. Insgesamt sind es wirklich "schroffe" Berge, dieses kantabrische Gebirge, das sozusagen wie ein Riegel vor der Küste liegt. Zackige Felsen und Passübergänge bis auf fast 1700 m. Schmale Pfade und oft der Wind so böig und heftig (laut Wetterbericht Böen mit über 50 km/h), dass ich fürchte, das Gleichgewicht nicht halten zu können... Wölfe und Bären gibt es hier auch - der einzige Wolf, den ich sehe, ist jedoch eine eindrucksvoll auf einem Felsen angebrachte Figur. Gleich an dem ersten Tag aus Leon in die Berge wandere ich über 40 km und biege unter schon abendlich regnerisch-dunkel bewölktem Himmel in das Gebirgstal ein, in dem es weiter oben in einem Dorf auf 1300m eine kleine Herberge gibt: da nehme ich zunächst aus dem Augenwinkel den majestätisch auf dem Felsen stehenden Wolf wahr und brauche einen Augenblick, um zu begreifen, dass er nicht echt ist...

Hier oben im Gebirge blühen die Schlehen, Schlüsselblumen und Veilchen und weiter oben auch wieder Engelstränen-Narzissen, ansonsten sind die Bäume noch kahl und treiben erst zart aus - so bin ich unversehens im ganz zeitigen Frühjahr angelangt. In der erwähnten Herberge in Buiza bin ich alleine und verkrieche mich für 11 Stunden unter sämtliche verfügbaren Wolldecken ins Bett und brauche doch lange, um warm zu werden.

 Am nächsten Sonntag dann eben über die höchsten Grate, z.T. auf alten Maultierpfaden und, während es schneit, barfuß durch ein zu tiefes und breites Bächle, welches den Weg "versperrt" - geräuschlos wie der fallende Schnee ziehen immer mehr dunkle Wolken über die Berge und verschwinden die Spitzen rundum in Nebel und Regenwolken; so versuche ich, als ich nach 20 km eine kleine Straße erreiche, (an welcher der Weg die restlichen 5 km nach Payares, wo es wieder eine Herberge gibt, verläuft) zu trampen und werde tatsächlich bald mitgenommen. So habe ich das Glück, im einsetzenden Regen zur Herberge zu gelangen und nicht noch einige Kilometer im Regen laufen zu müssen... - das war wahrlich kein "Sonntagsspaziergang".

In Payares (auf ca. 1000m Höhe) regnet es, aber nur wenig höher zeigen sich die Berge am nächsten Tag alle frisch "überzuckert". Die weiteren Bergwege bis Oviedo sind teilweise sehr herausfordernd durch ihre Steilheit und zugleich Nässe, mehrmals rutsche ich aus - ansonsten sind sie malerisch mit alten Esskastanienbäumen und Veilchen, kleinen Bergbächen und kleinen Berdörfern, die Häuser oft in kräftig bunten Farben und in jedem Dorf stehen mehrere der für die Gegend typischen Horreos, alte hölzerne Maisspeicher auf Steinstelzen. Manches Dorf wirkt wie ein Freilichtmuseum... Und so gelange ich im leichten Regen nach einem nochmaligen steilen Aufstieg und dem Trinken am Brunnen eines netten Dorfes (oft gehört zu den Brunnen auch eine große alte Tränke oder auch Waschplatz?, meist sogar überdacht) zu einer Kirche im Wald, zu der eine sehr kleine Herberge gehört. Außer mir übernachtet noch ein junger Mann dort, welcher "einen weiten Weg schweigend geht", wie mir die Frau, welche die Herberge betreut, erklärt, weshalb sie ihm angeboten habe, hier einige Tage Pause zu machen. (Normalerweise darf man in den Pilgerherbergen nur jeweils eine Nacht bleiben.) Es ist ein sehr "starker", besonderer, irgendwie geheimnisvoller Ort mit einer guten Ausstrahlung und einem wunderschönen Blick auf die umgebenden Berge.

Einmal hält ein Auto neben mir und der Fahrer springt heraus, ruft irgendwas mit "Senora", ich verstehe erst nicht, dass es mir gilt - er holt aus dem Kofferraum ein langes Weißbrot (offensichtlich liefert er Backwaren aus), steckt es in eine Papiertüte und reicht es mir. Ich bedanke mich, lehne es aber ab, indem ich erkläre "no Gluten". Das versteht er - aber da ja die Geste zählt, fühle ich mich trotzdem sozusagen wärmer durch diese Freundlichkeit...

Oviedo wirkt düster-herb, was natürlich auch am Wetter liegt. Die Kathedrale schlichter als die südlicheren, aber mit unfassbar wunderschönem gotischem Kreuzgang und mit der vorromanischen "Camera Santa", der heiligen Kammer, in welcher die Reliquien aufbewahrt wurden: ein niederer Gewölberaum aus dem 9. Jahrhundert mit wirklich einer "heiligen", sehr besonderen Atmosphäre. Die Hauptkirche wirkt nicht mehr wirklich in ihrer hohen Gotik, da zu viele (barocke) Ausschmückung und vor allem ein übergroßer voll vergoldeter Hauptaltar zu viel Unruhe hineinbringen. Asturien, einst ein eigenes Königreich, zeigt sein keltisches Erbe: überall keltische Symbole und natürlich die blaue Fahne mit dem goldenen Kreuz - sie weht selbst im kleinsten Bergdorf vor den Häusern (wie wir es sonst aus der Schweiz kennen). Die Ortsnamen sind zweisprachig, denn Asturisch ist eine eigene Sprache. Ansonsten wird in den Läden kunstvoller Silberschmuck angeboten mit schwarzem Onyx. Die Herberge in Oviedo ist kirchlich (Schlafsaal für Männer und Frauen getrennt) und in einem Flur eines großen alten Gebäudes untergebracht. Es regnet und so bin ich froh über diese trockenen Platz, wenn es auch sonst eher wenig herzlich-gemütlich ist hier.

Seit ich am Mittwoch Oviedo verließ, bin ich nun "in der falschen Richtung" unterwegs, da ich mich nicht westlich weiter nach Santiago wandte, sondern nordöstlich Richtung Atlantik und letztlich Frankreich. Das bedeutet, dass andere Pilger mir nur noch entgegenkommen, aber nicht mehr in der gleichen Richtung unterwegs sind; es bedeutet außerdem, dass ich mich nicht mehr wie bisher auf die gelben Pfeile und Muscheln verlassen kann, da alle Jakobswege nur in einer Richtung markiert sind, nicht für den "Rückweg"; es bedeutet außerdem, dass mich wirklich viele Einheimische darauf hinweisen, dass ich falsch laufe: ein Mann unterbricht sein Heckeschneiden, ein Auto hält neben mir, Fenster runter und aufgeregt Richtung Santiago zeigen, eine Frau öffnet das Fenster ihres Hauses und ruft aufgeregt zu mir herunter usw. - ganz in diesem Ausmaß hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich die Bevölkerung längs des Weges darum sorgt, wohin ein  Wanderer unterwegs ist... Ich lerne den Satz " estoy de vuelta a casa." auswendig: "Ich bin auf dem Heimweg"... Und natürlich bedeutet es- leider - auch, dass Begegnungen mit anderen Pilgern immer nur noch einmalig stattfinden und daher einfach oberflächlicher und unverbindlicher bleiben, anders eben. Darüberhinaus bedeutet es aber auch, dass ich nun (wieder) wirklich alleine unterwegs bin und nochmal ganz anders "mir selbst begegne".  Kaum kann ich glauben, dass es erst ein Monat her ist, dass ich am 17. 3. nach der Ruhepause aus Sevilla "auszog". So viele Eindrücke jeden Tag, jede Nacht ein anderer Schlafplatz, so viele Kilometer in Einsamkeit und nur mich selbst als "Gesprächspartner" und um Entscheidungen zu treffen (und dann mit ihnen zu leben...). Dass ich lange unterwegs bin, merke ich daran, dass ich immer häufiger laut mit mir selbst spreche... ...und daran, wie sehr ich erschrecke, wenn unvermittelt ein Hund bellt oder ein Radfahrer mich überholt oder ähnliches, während ich mich sozusagen ganz woanders befinde, äußerlich gehend, über nichts wirklich nachdenkend, versunken und "zeitlos" (oft bin ich dann erstaunt, wieviel Zeit, wieviel Kilometer vergingen, ohne dass ich es so richtig wahrnahm) - das ist für mich "meditatives Gehen", und es stellt sich erst nach längerer Zeit ein, nicht während kurzer Wanderungen oder kleinerer Urlaube... 

Tja und seit Donnerstag Abend bin ich nun (auf dem " Camino del norte") wieder am Atlantik, diesmal " einfach nur" auf der Nordseite Spaniens statt im Süden...  Als "blinde Passagiere" reisten vier Schnecken ungefragt in meinen Schlafsachen mit, die ich morgens noch im Halbdunkeln auf der Wiese, auf der ich schlief, zusammenpackte - Abends beim Wiederauspacken fielen sie dann heraus...

Bislang zeigte sich das Meer hier nun eher von seiner düsteren Seite: klamm-feucht alles, düster-wolkig und regnerisch, erst heute schien zeitenweise auch die Sonne, was das Meer blau leuchten lässt, die Gischt weiß und die Ginsterblüten gelb... Es ist felsige, zerklüftete Küste mit einzelnen Stränden dazwischen - und viel steilem Auf und Ab und spektakulären Ausblicken - wenn nicht der Küstennebel alles verschluckt... Wo man nicht direkt an bzw. über der Küste gehen kann, sind es leider auch längere Straßenabschnitte oder - was mir heute geschah: Ich fand mithilfe der digitalen Karte auch noch den ganz kleinen, zugewachsenen Pfad entlang der Klippen, überwand sogar drei Zäune, nur um endlich direkt vor der Straße an einem hohen Tor zu enden, das mit Vorhängeschloss gesichert war. Der einstige Bauernhof sah sehr unbewohnt und aufgelassen aus, aber hoher Zaun und verschlossenes Tor gibt es noch! Also erst den Rucksack rüberheben und dann selbst irgendwie drüberklettern (das ist wirklich nicht so mein Ding!) und endlich erleichtert, nicht nochmal zurück zu müssen, auf der Straße stehen.

Die Vegetation ist hier nördlich der Berge nun vielfach wieder vertauter, sprich: Eichen z.B. sehen wieder wie gewohnte Eichen aus... und es ist insgesamt sehr grün. Daneben wandere ich oft durch Eukalyptuswald mit seinem streng-herben, besonderen Duft; und die ein oder andere Palme findet sich auch hier noch in den Gärten...

Da mein rechtes Bein sich in den letzten Tagen wieder schmerzhaft meldete, versucht ich, kürzere Strecken zu wandern - was bei trockenem, warmem Wetter nicht weiter schwer fällt, sobald es aber überall nass oder feucht ist und ich fröstele, sobald ich mich einige Zeit nicht bewege, werden die Tagesetappen von alleine immer länger... Da weiß ich es dann um so mehr zu schätzen, dass es hin und wieder Orte gibt wie hier in Colombres, wo eine junge Familie ganz im "Geiste des ursprünglichen Camino" jeweils bis zu neun Pilger aus aller Welt in ihr Haus einlädt, um - gegen eine Spende - einen Abend, eine Nacht mit ihnen zu verbringen. 

Auf einen Blick

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Wetter
Frühling
Begleitung
Allein
AbenteuerlichSoloAbseits der Pfade
  • Camino del Norte entlang der asturischen Küste
  • steile, nasse Bergwege mit Regen und Nebel
  • Übernachtung in kleinen Pilgerherbergen
  • Atlantikküste mit Klippen und Felsformationen
  • Oviedo mit Kathedrale und Camera Santa
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