Über die Berge ans Meer...
Von Leon aus heißt der Weg über die kantabrischen Berge bis zur Kathedrale San Salvador in Oviedo, der Hauptstadt des "autonomen Fürstentum Asturien" Camino del San Salvador....
Veröffentlicht: 28.04.2026




















Welche Gegensätze!: Gestern Vormittag wanderte ich auf ausgesetzten, schmalen, küstennahen Wegen, immer über bzw. auf der Steilkante; Höhleneingänge, "gefaltete" Felsen (welche Kräfte müssen hier gewirkt haben!), Klippen und Möwenschreie, dazu kalter Wind und immer wieder leichter Nieselregen... ...Nachmittags und heute bis nach Mittag dann nur noch Stadt und Stadt und Stadt und Straßen und Lärm und Bauwerke immer höher und größer und "verrückter": Bilbao. Nachmittags dann nach steilem Anstieg über die Stadt hinauf ziemlich unvermittelt und "übergangslos" wieder im Wald - Bäume, blühender Fingerhut, Vögel und Eidechsen, ein Bach und (endlich) kein Teer mehr unter den Schuhen. Still ist es allerdings trotz allem kaum, dafür ist die Stadt, die Autobahn, der Flughafen und Industriegebiete (noch) zu nah. Welche Gegensätze!
Aber erst nochmal etwas zurück in der Zeit und auf meinem Weg: Kurz nach meinem letzten Bericht wechselte der Weg von Asturien nach Kantabrien - inzwischen bin ich im Baskenland angekommen, der letzten spanischen Region, durch welche ich auf diesem Weg wandern werde. Die Atlantikküste bleibt wild und oft ist es neblig (schon besonders, wenn Wellen, Straßengeräusche, Vogelrufe... zwar hörbar, aber nicht sichtbar sind) oder dunkel-bewölkt, bedeckt und regnerisch, windig - Küstenwetter eben. Um so schöner, wenn dann mal einige Zeit die Sonne scheint. Die Landschaft ist gebirgig, oft steile Wege und atemberaubende Ausblicke auf tief unter mir an Felsen anbrandende Gischt; einige der Berge wirken wie erstarrte Meereswogen.
Eine kleine Kapelle, eher nur ein großer Bildstock am Weg. Ich raste dort und trinke Wasser, derweil kommt ein alter Mann langsam mit seinem kleinen Hund heran. Murmelnd bleibt er vor dem Marienbild stehen und steckt dann einen Blütenzweig ans Gitter (es sind schon andere, auch verwelkte da) und macht sich mit seinem Hund auf den Weg zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
Bei Ebbe sind die Strände groß und die Brücken wirken "überdimensioniert", da die Ebbe sich weit in die Flussmündungen hinein auswirkt, in den Häfen liegen Boote sozusagen auf dem Trockenen. Kommt die Flut zurück, drängt und schiebt das Wasser ordentlich unter den Brücken durch weit ins Land hinein - von geheimnisvollen Kräften bewegt... Weite feuchtnasse Schwemmlandbereiche befinden sich auch um viele Flussmündungen.
Viele kleine Orte, Fischerdörfer; dann größere (Fischer)orte wie San Vicente de la Barquera (die alte Steinbrücke dort hat 28 Bögen!) - an klaren Tagen leuchten über Burg und Kirche wohl die schneebedeckten Gipfel der Picos de Europa, die hier ganz nah sind; als ich dort bin, ist es allerdings dunkeldrohend bewölkt und von Bergen nichts zu sehen...
Ich besuche die Höhle von Altamira (nur einige Kilometer ab vom "eigentlichen Weg") und auch wenn die echte Höhle zum Schutz der Felsmalereien schon seit 1979 nicht mehr öffentlich zugänglich ist und nur eine "exakte Kopie" besichtigt werden kann, bin ich zutiefst berührt von diesen so uralten Tiergemälden und den Händen auf dem Fels.
In Comillas besichtige ich Antonio Gaudis berühmtes "Sommerhaus" mit den Sonnenblumenfließen überall - ein eigenwillig- märchenhaftes Bauwerk! Überhaupt ist Comillas ein Ort voll überraschender Bauwerke. Dagegen ist Santillana del Mar mir zu touristisch (erinnert mich an Meersburg am Bodensee) und überlaufen bzw. von Bussen "überfahren". Auf jeden Fall hübsche alte Häuser und nette kleine Läden und Cafes und natürlich das wuchtige Gebäude der Colegiata mit den verwitterten Figuren überm Portal und der berühmten romanischen Klosterkirche mit Kreuzgang. Dummerweise bin ich 12:45 Uhr dort - und darf nicht mehr hinein, denn von 13-16 Uhr ist Siesta! Mist! Ich bin traurig und auch ärgerlich, dass ich nicht wenigstens noch für 10 Minuten hinein darf, die 3,- Euro Eintritt hätte ich gerne investiert. Warum ich nicht einfach dort Pause mache und bis 16 Uhr warte, weiß ich selbst nicht so genau... ...jedenfalls wandere ich weiter und schlafe später in einem kleinen Ort namens Mar auf einem Picknicktisch neben einem kleineren Sportplatz, vermeintlich in einer "dunklen Ecke" - ganz im Sinne des Energiesparens strahlen jedoch 12 helle Laternen die gesamte Nacht diesen Sportplatz aus, und damit auch mein "Schlafzimmer". Ich schlafe trotzdem gut, warte aber vergeblich darauf, dass die "Festbeleuchtung" irgendwann nachts ausgeschaltet wird... Zwei Nächte davor bereitete ich mein Bett neben einer (vermeintlich gerade nicht betriebenen) Baustelle zwischen zwei Baucontainern - ein sehr guter Schlafplatz!.. ...bis morgens früh um kurz nach sechs das erste Auto rückwärts vor den einen Container fuhr (der Fahrer verschwand darin); als ich eben wieder eingeschlafen war, parkte das zweite Auto schwungvoll vor dem anderen Container; der Fahrer ging zum ersten hinein, ebenfalls ohne mich zu bemerken. Die Vorstellung, ein Auto könne rückwärts zwischen die beiden "Behausungen" fahren, ohne mich zu sehen, macht mir Beine und so packe ich einfach etwas früher zusammen als beabsichtigt (ich lag trotzdem fast 12 Stunden) und wandere in den (im Nebel nicht sichtbaren) Sonnenaufgang hinein: Berge und Meer tauchen erst ganz nach und nach in merkwürdig unwirklichem Licht verschwommen auf...
In Santander besuche ich von der Kathedrale lediglich die "Unterkirche": unter der gotischen Kirche befindet sich noch eine frühgotische Krypta, ein niedriger Gewölberaum (die versilberten Schädel zweier Märtyrer sollen hier wohl aufbewahrt werden, ich entdecke sie aber nicht zufällig - und lese erst später davon); durch Glasflächen im Boden werden Reste römischer Bauwerke unter der Kirche sichtbar... Ansonsten ist mir die Stadt zu laut und zu groß, ich bewege mich am Meeresufer, besteige einen Turm nahe am Wasser, von wo aus ich einen guten Blick auf die bunte Stadt und die Berge dahinter habe, dann setze ich um 14 Uhr mit einer kleinen, übervollen Personenfähre bei schönem Sonnenschein über einen weit ins Land reichenden Meeresbereich - der Straße zu folgen würde mehrere zig Kilometer Umweg bedeuten - und an einer langen sandigen " Landzunge" entlang. Auch in Santona (wo ich in einer Art Jugendherberge (municipal) im Fischereihafenbereich, über eine lange Brücke von der eigentlichen Stadt getrennt, schlafe: ein sehr unpersönlich-schullandheimmäßiger Übernachtungsort, der leider bereits um 19:30 Uhr abgeschlossen wird, gerade als draußen überm Wasser, den malerischen Fischerbooten und dem immerhin 187 m hohen "Montehano" mit Burgruine das schönste Abendlicht liegt...) geht der Weg nur übers Wasser weiter. Es ist Sonntag und ich bin viel zu früh am Fähranleger - vor 9 Uhr wird nicht übergesetzt! Dabei sind es nur grad gut 600 m bis zur anderen Seite! So warte ich anderthalb Stunden; alles ist noch ruhig, nur die Möwen schreien und Fischerboote fahren hinaus, Angler stehen an der Uferpromenade; ein übergroßes Steinsegelschiff auf einem hohen Sockel ziert den Platz am Ufer; zwei Männer führen vier Hunde aus - nein! bei näherem Hinsehen sind es drei Hunde und eine Ziege... Als das kleine Fährschiff dann kommt, bin ich der einzige Fahrgast - drüben in Laredo allerdings warten mehr als 20 Pilger darauf, das Boot zu stürmen: es hat durchaus Vorteile, in der anderen Richtung unterwegs zu sein als alle anderen... (...und es macht auch einsam, denke ich zugleich, etwas wehmütig der Gruppe, der "Gemeinschaft" der rufenden, schwatzenden und lachenden Peregrinos hinterhersehend, als das Fährboot ablegt. Doch eigentlich bin ich froh, alleine und ruhig weiterzuwandern. Ich genieße es, tagelang kaum mal mit jemandem zu sprechen (längst führe ich wieder Selbstgespräche...). Gleich hier in Laredo gehe ich "zeitlos" und gefühlt "endlos" über Sandstrand, um diese Zeit und bei kalt-windigem Wetter noch so gut wie menschenleer. Anders als im Süden des Landes sind hier auf Strandparkplätzen, in Städten und auf Camperstellplätzen ausschließlich spanische Kennzeichen zu sehen.
In Güemes, etwas ab von der Küste im bergigen "Hinterland", treffen sich Pilger aus aller Welt in der "Kult-Herberge" von Pater Ernesto. Ein fast 90 jähriger, weißbärtiger Mann, der hier geboren wurde, als Priester in einer kleinen Kirche hoch oben in den Bergen arbeitete und als junger Mann mit anderen gemeinsam eine 27 monatige Reise in einem grünen Landrover nach Afrika und Asien u.a. unternahm, was er "die Universität des Lebens" nannte, dann kehrte er in sein Elternhaus zurück und gründete hier vor über 40 Jahren einen Begegnungsort für Jugendlich und Menschen aus aller Welt; seit 25 Jahren sind es nun vermehrt Pilger, die hier Aufnahme finden - das Auto von der großen Reise damals steht heute noch auf dem Gelände der Herberge, in allen Räumen hängen verblassende Fotografien und Mitbringsel aus aller Welt und jeden Abend vor dem gemeinsamen Abendessen erzählt der Padre von dieser Fahrt, von den Caminos des Lebens, von der Idee, als Menschheit gemeinsam sich auf den Weg zu machen, sich gegenseitig zu helfen, zu beherbergen und gemeinsam zu essen... Es gibt eine "ökumenische Anbetungsstädte" und Sommer Schlafplätze für mehr als 70 Menschen auf dem Gelände (augenblicklich am Wochenende sind es um die 30 Pilger pro Nacht); sommers wird wohl an einer langen Tafel auf der Wiese gegessen. Ich darf dort einen ganzen Tag Pause machen (und ein zweites Mal übernachten) - ich spreche mit Pater Ernesto selbst, denn nach wie vor ist er wohl "das Herz" des Ganzen, er entscheidet, er ist präsent, er ist wirklich beeindruckend - und der Ort, den er schuf, ebenso! Da es regnet, verbringe ich tatsächlich einen Großteil des Tages in meinen Schlafsack gekuschelt - und komme mir sehr komisch dabei vor, einen ganzen Tag lang überhaupt nicht weiterzuwandern!
In Castro-Urdiales ist die wuchtig-große (im trüben Wetter dunkel wirkende) gotische Kirche ebenso verschlossen wie fast alle Kirchen. Auf halber Höhe entlang der Mauer zieht sich ein Fries wunderlicher Wesen, halb Tier, halb Mensch, Fratzen und Fabelwesen, allerdings so verwittert, dass manches kaum mehr erkennbar ist: welcher Reichtum skuriler Fantasie geht da verloren! Manchmal bin ich regelrecht wütend, dass all diese Bauwerke unzugänglich bleiben. So mache ich extra einen ordentlichen "Umweg", um eine große romanische Kirche etwas außerhalb von Bareyo zu sehen. Sie ist auch von außen schon wunderschön, aber zu gesperrt; besonders nett ist, dass auf einer Tafel vor dem Gitter sogar Fotos vom rein romanischen Inneren der Kirche abgebildet sind! Als ich eine ältere Frau danach frage, antwortet sie, am Sonntag um 10 Uhr sei Messe - sehr lustig: es ist Samstag früh... Als ich dann nach Bareyo komme, steht am Ortseingang ein großes Schild mit dem Bild eben jener Kirche und preist den Ort als " romanico y gastronomico" - und dann aber die Kirche zuschließen...
Gestern, kaum im Baskenland ("Euskadi"), steht an eine Mauer gesprüht "Freedom for the Basque Country" und die rot-weiß-grüne Flagge daneben, die hier so oft weht wie es in Asturien die blau-gelbe tat... Und die Informationstafeln an besonderen Orten sind nun nicht mehr in spanisch und englisch, sondern in euskadi (baskisch) und spanisch gehalten - schade, so verstehe ich nichts mehr...
Abends stehe ich dann um halb sechs im Nieselregen und nach 28 km Wanderung in Portugalete, einem Vorort von Bilbao, müde und hungrig endlich vor der Albergue Municipal - verwundert, dass alles geschlossen ist; bis ich das Hinweisschild finde, dass diese öffentliche Herberge erst ab dem 1. Juni geöffnet wird. Also suche ich (dem Internet sei Dank) ein Hostel einen knappen Kilometer den Berg hoch, wo ich für 20,- € noch ein quietschendes Bett in einem großen Schlafsaal bekomme und endlich Tee kochen und mein Tiefkühlgemüse in der Mikrowelle warm machen kann... Nachts nutze ich seit längerem mal wieder die Ohrstöpsel, die mir am Beginn der Via de la Plata der Schnarcher aus dem Tessin schenkte ("schlechtes Gewissen"...)
Heute Früh schwebe ich dann als erstes unter einer überhohen Hängebrücke (darunter hängt die Schwebefähre) über den El Bote Tours, den Fluss, an dessen Ufer entlang ich dann mehr als 13 km durch Industrie - Verlade - Hafenbereiche und weitere Vororte bis in Bilbaos Altstadt wandere, dort durch enge Gassen streife, die Kathedrale besichtige - und endlich zusehe, dass ich aus der Stadt hinaus komme... ...wo, wie Eingangs geschildert, Wald mich wieder aufnimmt.
Jetzt schlafe ich in einer bereits vollen Herberge in Larrabetzu (es regnet) auf dem Fußboden, und in regelmäßigen Abständen donnert ein Flugzeug Richtung Flughafen von Bilbao über den Ort... Mal sehen, wann in der Früh der erste liebe Pilger aufzustehen und Unruhe zu verbreiten beginnt... (Das ist dann leider schon 5:15 Uhr der Fall, es sind zwei Spanier, sie stellten den Handywecker und sie unterhalten sich nicht gerade flüsternd nach dem Aufstehen...)
