wildgansanna
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Auf Wiedersehen, Spanien! Weiter geht es in Frankreich

Veröffentlicht: 05.05.2026

Sehenswert
Irun
Irun, Spain
Sehenswert
Hondarribia
Hondarribia, Spain
Sehenswert
Hendaye
Hendaye, France
Sehenswert
Bayonne
Bayonne, France
Sehenswert
Saint-Jean-Pied-de-Port
Saint-Jean-Pied-de-Port, France
Grenze
Spain → France
Hondarribia / Hendaye
Fähre
Hondarribia → Hendaye
Spain → France
Spaziergang
Irun → … → Saint-Jean-Pied-de-Port
Via Podiensis / GR 65
Unterkunft
Herberge in Irun
Hostel · Irun
Essen
Gemeinschaftsherberge mit gemeinsamem Essen
$ · Abendessen
Attraktion
Kirche mit blauem Gewölbe und goldenen Punkten
France, France

Seit gestern wandere ich nun nicht mehr in Spanien, sondern in Frankreich - allerdings noch immer im Baskenland. Aber etwas mehr "der Reihe nach": Nach dem letzten Eintrag hier folgten die letzten vier Tage auf dem Camino del Norte in Spanien. Das Wetter zeigte sich oftmals von seiner "Küstenseite", also regnerisch und kühl-stürmisch bzw. sehr wechselhaft.  Ich versuchte, in den grünen Bergen andere Wege als den markierten Jakobsweg zu suchen, stand dann aber irgendwann tropfend im Regenponcho an einer kleinen "Eremita", einem Steinkirchlein und konnte von dem "Forst-/Feldweg" (die Kategorie "Pfad" hatte ich ja schon gar nicht eingeplant) meiner digitalen Karte nicht mal eine Spur oder was ehemalig-Überwachsenes erkennen. Ein um mich besorgter Autofahrer, der einzige, der sich hierher verirrte, hielt an und erklärte mir (soviel ich verstand), dass es hier in den Bergen gefährlich sei, dass diese kleine Straße bei seinem Haus weiter oben ende, dass es hier nirgendwo hingehe und ich zurück müsse - na ja, das war mir auch selbst schon klar geworden...  Zum Ausgangspunkt gehe ich trotzdem nicht zurück, sondern einfach zum nächstgelgenen Ort, von dem aus ich dann auch tatsächlich beim Versuch zu trampen mitgenommen werde und zwei Autos, einige Kilometer und zwei herzliche, wenn auch etwas mühsame Unterhaltung später in Gernika wieder aussteige. Im Nieselregen und mit lauter bunten Schirmen bewehrt strömen hier Senioren und Schüler gleichermaßen in den Ort ins Museum; ich jedenfalls kaufe nur etwas Obst und Nüsse und sehe zu, dass ich wieder auf einsamere Wege gelange.

Die einsamen, schmalen Waldpfade, steil bergauf und -ab sind zwar auch wunderschön, aber jetzt schlammig-aufgeweicht und rutschig. Außerdem scheint an der Gewitterwarnung was dran zu sein, denn der Himmel wird immer schwarzblau-drohender. Endlich komme ich direkt aus dem Wald am großen Kloster von Ziortza an. Dort nehmen die weißgewandeten Zisterziensermönche Pilger in einer Art Kellerverschlägen auf, recht rustikal, aber ich bin doch froh, noch auf der Isomatte im Eingangsbereich unter zu kommen, denn die Stockbetten sind bereits alle belegt. Die Mönche brauen eigenes Bier, das sie in einem kleinen Klosterladen zusammen mit etwas "Pilgerkitsch" und einigen "Snacks" verkaufen. Kurz scheint noch die Sonne, dann kommt das Gewitter mit heftigem Donner, Blitz und Hagel - fröstelnd stehen wir herum und sehen dieser Naturgewalt zu, froh, unter Dach zu sein! Anschließend geht es in die überraschend große Kirche (ein Kreuzgang gehört auch dazu) zu "prayer and hymnes", zwei Mönche singen (mehr oder weniger melodisch) und rezitieren ziemlich lange und ziemlich eintönig, aber mit Inbrunst, dann gibt es noch einen Pilgersegen und anschließend aus einem riesigen Topf Pasta mit Tomate und Gemüse für alle...

Über das lange 1. Maiwochenende sind ganze "Völkerwanderungen" unterwegs; Jogger, Walker, Familien mit Kinderwägen und Rollern, Seniorengruppen und natürlich Radfahrer. Auch die Menge an Pilgern nimmt fürs Wochenende sprunghaft zu: So sind im ehemaligen Bahnhof von Deba, wo das Refugio Municipal untergebracht ist, alle 56 Plätze belegt! Insgesamt ist so zwar viel los, aber es ist auch schön zu sehen, wie alle, die irgend können, nach draußen gehen in den ersten Maitagen, und das trotz des unsicheren Wetters.

Trotzdem finde ich immer wieder auch einsame Pfade nah an der Küste; besonders zwischen Deba und San Sebastian ist die Küste geradezu ein erdgeschichtliches Bilderbuch: "Flysch - Geopark"  heißen die Steilklippen und weit bis ins Meer senkrecht stehenden Sedimentschichten u.ä.

Holunder, Rosen und Jasmin blühen, ich esse die ersten Walderdbeeren vom Wegrand. Der Jakobsweg heißt auf baskisch "Donejakue Bidea". Das baskische "Lauburu", eine Art Swastika oder Sonnenrad, ziert Fensterläden, Scheunentore, Tischdecken u.v.a. und wird als Schlüsselanhänger und Schmuck in den Souvenierläden angeboten. Sehr deutlich wird auf vielen, auch offiziellen Tafeln darauf hingewiesen, dass Spanier und Franzosen mit ihren Fahnen und Herrschaftsansprüchen im Baskenland unerwünscht sind. Oft kann ich aber auch nicht so recht unterscheiden, inwieweit diese Freiheitsbestrebungen (noch) "echt" sind und wo sie zum "touristischen Klischee" gehören? 

In Pasaia (kleiner Fischerort bei San Sebastian) besuche ich ein großes Maritimes Museum und kann so tiefer eintauchen in die Welt und die Geschichte dieser Fischerorte entlang der Küste. So lerne ich, dass Thunfisch bis zu 3,50 m lang und 650 kg schwer werden kann - ich hatte keine Ahnung, dass Thunfische so groß sind! Eines der letzten großen Holz-Thunfisch-Fangboote liegt hier im Museum vor Anker. Ein baskisches Walfangschiff von hier sank wohl 1563 vor der neufundländischen Küste Kanadas, dazu gibt es eine große, spannende Ausstellung; es werden alte Holzschiffe mit den damaligen Geräten und Techniken nachgebaut u.ä. - und währenddessen üben draußen auf dem Wasser der Bucht 12er Ruderboote für irgendein Rennen, angetrieben von dem "Ausrufer" flitzen die schlanken Boote übers Wasser; und im Hafen steht neben dem großen schwarzweiß Foto einer früheren Siegermannschaft ein untersetzter, verschmitz lächelnder Bronze-Mann mit Baskenmütze und langem Ruder in der Hand...

Gleich zweimal übernachte ich auch in sehr speziellen Herbergen, die von einer Gruppierung angeboten werden, die gemeinschaftlich (nach dem Vorbild der frühen Christen) Farmen, eine Bäckerei, Restaurants und eben auch Herbergen betreiben, indem die Ländereien und Höfe niemandem einzeln gehören, sondern dieser Gemeinschaft. Die Menschen sind eher ungewohnt gekleidet, sehr herzlich, es gibt gemeinsames Essen und interessante Gespräche - und nachts zieht der Duft des gerade gebackenen Brotes durchs offene Fenster herein...

Vorgestern Abend kam ich dann im Regen in Irun an, wo ich von den niederländischen Hospitaleros warm und herzlich empfangen und, nachdem sie meinen "Credencial", den Pilgerausweis, gesehen und einiges dazu gefragt haben, auch bewundert werde... Ich selbst bin einfach müde vom langen Tag, etwas erschöpft und wie "zu voll von Eindrücken" und vielleicht auch etwas traurig, dass ich Spanien nun bereits verlassen werde.

Das tue ich dann gestern früh gemeinsam mit H., die ich in den vergangenen zwei Tagen bw. Abenden etwas kennenlernte: Sie fährt heute von Bayonne aus wieder nach Hause und lief als Abschluss ihrer Zeit auf dem Camino del Norte die ersten beiden Tagesetappen noch einmal zurück; so trafen wir uns, beide "in der falschen Richtung unterwegs", im Regen vor der Herberge mit dem schönen Garten und der eigenen Bäckerei... Wir sind die beiden letzten, die die Herberge in Irun verlassen, herzlich verabschiedet von der Hospitalera. Wir wenden uns nach Hondarribia, dem "Ortsteil" Iruns, der eine Altstadt mit engen Gassen, großer Kirche und altehrwürdigen Gemäuern aufzuweisen hat. Mit der ersten Fähre um 10:30 Uhr fahren wir (zum Glück in einer Regenpause) auf dem Wasser über die Grenze nach Hendaye hinüber, dem französischen Teil dieser "Dreierstadt".  Zugleich ist es der Abschied von all diesen vielen Booten in den Häfen, von den Möwen, den Fähren, dem Blick auf die stattlichen Villenfronten am Ufer (hier jetzt) Hendayes, all dem, was die letzten Tage und Wochen ausmachte und prägte. Und auf den Kilometern zum Bahnhof sind wir unversehens und ohne es recht zu merken sozusagen in einer anderen Sprache gelandet. (Na ja, die Preise fürs Zugfahren sind hier auch wesentlich höher als in Spanien!..) Bis Bayonne fahren wir noch gemeinsam, dann auch hier wieder ein Abschied; nach längerem Warten fahre ich dann im Zug durch wunderschön grüne, regenverwunschene bergige Landschaft mit Wäldern und Bächen und noch mehr Regen... nach Saint-Jean-Pied-de-Port, von wo aus ich (sozusagen weiterhin in der verkehrten Richtung, was Santiago anbelangt) durch Frankreich bis Genf wandern will, um dann irgendwann über die Schweiz zum Bodensee zu gelangen. Im Zug sitzen viele Pilger, aufgeregt schwatzend, noch "frisch" sozusagen: Viele beginnen von hier aus mit dem Weg über die Pyrenäen den Camino Frances", den bekanntesten der Wege durch Spanien nach Santiago. Außerdem hat Saint-Jean-Pied-de-Port eine auch bei anderen Touristen beliebte Altstadt. Hoch über den Gassen thront die "Zitadelle", es gibt malerische Stadttore, eine hübsche Brücke über den kleinen Fluss, sehr gut bestückte Outdoorausrüstungsläden, Souvenierläden, Hotels, Restaurants und ziemlich viele Pilgerherbergen (verschiedener Preisklassen); an einigen Türen hängt Abends das Schild "complet - no beds tonight, sorry".  Abends kommt sogar die Sonne noch kurz hervor, so dass ich die nassen Sachen in der Herberge lassen und noch etwas durch diesen besonderen Ort schlendern kann. (Hier kassiert auch die öffentliche Herberge 16,- Euro, bietet dafür aber nicht mehr "Komfort" als andere solche in Spanien, die nur 5,- Euro verlangen oder auf Spendenbasis geführt werden: die Stockbetten quietschen, die Matratzen sind furchtbar und nachts erwache ich erschrocken, als eine Katze an meinem Schlafsack kratzt und hinaufspringt!)

Als ich heute früh kurz nach 8 Uhr durch eines der Stadttore hinauswandere, sind die Pilger alle längst weg (der erste Handywecker läutete um 5:20 Uhr) und sonst zeigt sich noch niemand in den leeren Gassen der Altstadt. Ich befinde mich nun auf der "Via Podiensis", der wohl bekanntesten und ältesten Pilgerroute in Frankreich; dieser Weg ist weitgehend identisch mit dem GR 65, was es für mich wieder einfacher macht, den Wegzeichen (rotweiß) zu folgen, denn GR-Wanderwege sind selbstverständlich in beide Richtungen markiert... Das Wetter bleibt den Tag über regnerisch und kühl, die grünen Berge "dampfen". Wenn die Sonne mal kurz durchkommt, leuchtet die Landschaft. Auf den Wiesen steht das Gras "schnittreif", blühen Hahnenfuß, Sauerampfer und Glockenblumen; die Wegränder sind rutschig-schmierig von braun gewordenen Akazienbüten. Während eines besonders heftigen Regenschauers finde ich Zuflucht in einer offenen Scheune zwischen Strohballen und Traktoren, jetzt sitze ich (inzwischen fröstelnd) in einem alten Steingemäuer (Stall?) mit neuerem Holzdach am Wegrand (leider nur durch Rad-bzw. Fußweg und Hecke von einer kleineren Straße getrennt), das als eine Art "Notherberge" gedacht scheint; jedenfalls stehen hier zwei einfache Stockbetten, ein langer Tisch mit Bänken, ein Wäscheständer und ein Gästebuch gibt es auch... außerdem einige Heiligenfigürchen in Mauernischen. Da ich sowieso vorhatte, heute mal wieder irgendwo für mich alleine ein Plätzle zu finden, bleibe ich nun einfach hier, auch wenn mir eindeutig gerade der heiße Tee fehlt! Aber im Schlafsack werde ich hoffentlich bald warm werden... Erst trommelte der Regen aufs Dach, jetzt wurde eine Herde Kühe direkt auf die Wiese daneben gebracht, so dass ich nun in einem Dauerglockenspiel liege...

Tja, und so ist nun also unversehens der "spanische Teil" dieses Abenteuer-Weges bereits gegangen! Es kommt mir vor, als sei ich viel länger als nur ungefähr zwei Monate in Spanien gewesen! Neugierig zählte ich nun die allabendlich notierten Kilometer auch mal zusammen:  Durch Spanien wanderte ich demnach 1320 Kilometer; von Andalusien mit seinen Orangenbäumen und Palmen über die Weiten mit Oliven, Wein und Weizen, durch Stein- und Korkeichen-Weidelandschaften, über die kantabrischen Berge bis zur wild zerklüfteten nördlichen Atlantikküste.  Meine Kleidung ist längst von der Sonne verblichen, einige Strümpfe sind durchgelaufen und die Einlagen meiner Wanderstiefel einmal erneuert worden. Ich begegnete vielen freundlichen und hilfreichen Menschen, sowie Pilgernden aus (fast) aller Welt (und auch wenn es für mich einfach viel, viel zu viele sind, hat es offensichtlich trotz dieser Massenerscheinungen nach wie vor für sehr viele Menschen seinen Reiz - und ich wurde mit sehr besonderen, tiefen Begegnungen beschenkt, gerade in der ersten Zeit).  

Mit den Geschenken ist es ja so eine Sache - heute durfte ich einem alten Mann ein Geschenk machen, ohne es zu wissen: In Frankreich treffe ich nun (endlich) auf geöffnete Kirchen. So sang ich heute in einer Kirche mit blauem Gewölbe voll goldener Punkte wie Sterne und mit wunderbarem Klang - ohne zu bemerken, dass ich irgendwann nicht mehr alleine war. Als ich zum Ausgang ging, kam mir dann ein grauhaariger Mann entgegen und sagte irgendwas auf Französisch, als er verstand, dass ich nicht verstand, wiederholte er bedächtig "it was beautiful, merci!"

Auf einen Blick

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Wetter
Frühling
Begleitung
Mit Freunden
AbenteuerlichKulturellEntspannend
  • Fährüberfahrt von Hondarribia nach Hendaye
  • Ankunft in Saint-Jean-Pied-de-Port
  • Wandern auf der Via Podiensis / GR 65
  • Regenreiche Etappe durch grüne Berge
  • Besuch einer Kirche mit blauem Gewölbe und goldenen Punkten
WanderschuheCredencialSchlafsack
TransitNaturKulturGeschichteAbenteuer
  • Herberge Saint-Jean-Pied-de-Port16 €
Antworten (1)

Papavor 7 Tagen
Hallo Dorothea, habe gerade Deine Nr. 11 gelesen. Sehr schön beschrieben, sodass man als Nicht-mehr-Wanderer fast neidisch wird. Wünsche Dir weiterhin freudiges Wandern und gutes Wetter, Papa

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