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Okzitanien - wandern in einem gesegneten Land

Veröffentlicht: 16.05.2026

Unterkunft
Scheune mit Schlafplatz neben einem kleinen See
Frei­camping
Unterkunft
kommunale Herberge ohne Fenster im Schlafraum
Unterkunft
kleine private Herberge auf Spendenbasis
Ferienwohnung
Unterkunft
Pilgerherberge eines amerikanischen Paares
Attraktion
La Romieu
La Romieu, France
Attraktion
Navarrenx
Navarrenx, France
Attraktion
Aire-sur-l'Adour
Aire-sur-l'Adour, France
Attraktion
Nogaro
Nogaro, France
Attraktion
Eauze
Eauze, France
Attraktion
Montreal
Montréal, France
Attraktion
Condom
Condom, France
Attraktion
Pimbo
Pimbo, France

Bereits wieder zehn Tage und rund 250 km weiter - Zeit für einen neuen kurzen Eindruck aus dem schönen Frankreich; dem sanftwellig hügeligen, grünen Okzitanien mit seinen lieblichen Bach- und Flusstälern, den reifend-wogenden Getreidefeldern, grünen Wäldern und schmucken alten Orten mit großen Kirchen und voller Rosenblüten...

Zunächst erlebte ich ja noch den französischen Teil des baskischen Navarra: Bei den zweisprachigen Ortsschildern waren fast überall die französischen Namen schwarz übersprüht und unkenntlich gemacht. Vor einer guten Woche verließ ich dann ("beim Überschreiten des Flusses Le Saison") das Baskenland; an diesem Tag regnete es auch zum ersten Mal nicht: ein wahrhaft "taufrischer Morgen" und endlich Sicht auf die Schneegipfelkette der Pyrenäen! Auch noch am nächsten Tag durfte ich diese erhabene "Mauer" bewundern, ehe Regenwolken wieder alles verdeckten...

Am 8. Mai ist Feiertag: siegreiches Ende des 2. Weltkrieges: überall frische Blumen vor den Gefallenendenkmälern und viele, die das lange Wochenende nutzen, unterwegs zu sein. Im kleinen Ort Maslacq wird eben die Tricolore gehisst und ein Rednerpult auf dem Dorfplatz aufgebaut, als ich vorbeikomme - in einigen Kirchen stehen dunkelrote Rosen vor der Jeanne d'Arc, die hier eigentlich in jeder Kirche irgendwo zu finden ist, in dieser wunderbaren Mischung aus Weiblichkeit und "gepanzertem Ritter"...

In Aquitanien stehen die Bewässerungs- und Düngeanlagen wie rießige Spinnen über den großflächigen Maisäckern (noch erdig braun mit dem zartgrünen Schimmer der jungen Maispflänzchen) und Getreidefeldern. Die Reben sind hier bereits weit ausgetrieben. Über den breiten Fluss Pau (und hier auch einmal die Autobahn " La Pyreneenne) gelangte ich schließlich nach Okzitanien - schöne Landschaften voll üppigem Grün und Blühen; frisch ist es, oft regnet es, meist ist es (dunkel) belwölkt und einige Tage vermeldet der Wetterbericht Gewitterwarnungen, die sich durchaus als begründet erweisen. Um so mehr genieße ich dann zwischendurch die (kurzen) sonnigen Wege, das Licht, die Regenbogen, oder z.B. vor einer Woche in der Früh die Pyrenäen-Schneegipfel in einem hellen Streifen Morgenhimmel, dicht darüber eine Decke von dunklen Gewitterwolken; über dem kleinen Wäldchen, in dem ich geschlafen hatte, ein Stück Regenbogen... In jener Nacht hatte ich großes Glück, dass das Gewitter nur in der Ferne grummelte und wetterleuchtete, über mir zeitenweise sogar die Sterne leuchteten und es nur einige Zeit so leicht regnete, dass meine Poncho-Baumstämme-Holzbretter-Konstruktion als Schutz ausreichte! Am nächsten Tag finde ich genau noch rechtzeitig gegen 16 Uhr eine große offene Scheune, ehe der blauschwarze Himmel sich in einem heftigen Gewitter entlädt, das insgesamt noch zweimal "zurückkommt". Als ich die ältere Frau anspreche, welche gerade bei der Scheune über den Hof geht, stellt sich heraus, dass sie nicht nur Englisch spricht (meine erste Frage in Frankreich lautet stets "do you speak English?", da ich leider gar kein Französisch kann und viel weniger Menschen in Frankreich Englisch sprechen als z.B. in Spanien..), sondern Engländerin ist. Sie und ihr Mann kauften diesen großen alten Hof recht verfallen vor 20 Jahren und verbringen seitdem jedes Frühjahr und jeden Herbst einige Monate hier und schufen einen wunderschönen Ort, fast eine Art Freilichtmuseum. Zunächst laden sie mich zu Tee, später belegten Broten und noch später zu einem Glas Wein am offenen Kamin ein, während draußen die Welt unterzugehen scheint - wir plaudern gemütlich. Rechtzeitig vor dem dritten Wolkenbruch gehe ich dann unters Scheunendach und liege bereits gemütlich in meinem Schlafsack, als Blitz, Donner, Sturm und Regen wieder näherkommen und schließlich über mir sind. Direkt neben der Scheune ist ein kleiner See: Es ist erstaunlich, wie viel Krach Frösche machen können!.. Aber ich schlafe trotzdem gut.  Tagelang quakt und lärmt es an jedem Gewässer...

Andere Nächte verbringe ich wieder in den verschiedensten Herbergen - von einer kommunalen, in der es im Schlafraum noch nichtmal ein Fenster gibt (nur ein Dachfenster hoch oben), das man öffnen könnte (entsprechend ist die Luft dann auch) über verschiedene kleinere private (meist auf Spendenbasis). Es gibt viele ehemalige Pilger, die nun Orte schaffen, an denen sie leben und zugleich für die Pilger etwas Gutes tun können; aber auch z.B. eine Permakultur- und Food-Forest-Initiative in einer ehemaligen Mühle, idyllisch gelegen (einige Kilometer ab vom Weg). Dieser Ort wird von Deutschen belebt und geschaffen, die in Bayern keine solchen Ländereien hätten erwerben können; an einem anderen Ort sind es zwei Kanadier, die ihr Haus und ihren Garten mit bis zu 9 Pilgern teilen; einmal übernachte ich in einem schon etwas muffig-feuchten kleine Zelt (steht halt schon seit 5 Jahren...), das wie drei weitere Gästezelte, ein großes Küchen-Wohnzimmerzelt und eine Jurte auf einer Waldwiese steht, wo ein junges französisches Paar seit 5 Jahren immer von Anfang April bis ca. Ende Oktober lebt (als ich erstaunt meine, in Deutschland sei das nicht erlaubt, so ohne Haus nur mit Jurte und Zelt jahrelang auf einem Grundstück zu wohnen, lachen sie und antworten: in Frankreich auch nicht, aber es kümmert keinen.) In diesem Winter entwurzelten der viele Regen und die heftigen Stürme 15 große Bäume auf ihrem Grundstück. Erst waren sie traurig, jetzt merken sie, dass sie viel mehr Licht und Weite haben und mehr Gemüse anbauen können... Es gibt ein Kompostklo, eine Gartenschlauchdusche hinter Bambus - und ein gutes gemeinsames Abendessen zu dritt, denn ich bin in dieser Nacht der einzige Gast. Anderswo treffe ich auf ein amerikanisches Paar (trinke dort nur einen Tee und unterhalte mich einige Zeit), welches einen großen Hof mit einer Pilgerherberge wiederbelebt: er war erfolgreicher Koch in den USA, bekam Krebs, ging nach Spanien auf den Camino und pilgerte solange, bis er geheilt war - so erzählt er es jedenfalls, lernte seine Frau auf einem der Pilgerwege kennen, und nun sind sie hier, fanden diesen wunderschönen Ort, er kocht für die Gäste (sie nehmen über 40 zahlende Übernachtungsgäste auf) und sagt zu mir, der Krebs sei das beste, was ihm hatte passieren können, sonst hätte er sein Leben nicht geändert... Die Menge der Pilger hält speziell längs eines solchen Weges vieles "am Leben", was in anderen ländlichen Räumen so nicht (mehr) möglich ist. Da ich vor einem Jahr mehrere Wochen mit Fahrrad und Zelt durch Frankreich fuhr, kann ich sehen, dass in den kleinem Orten längs des Weges sich mehr Bäckereien, kleine Läden, Restaurants u.ä. halten können als in vergleichbaren Gegenden ohne solch stark frequentierten Wanderweg. Es gibt Orte, da wird an jedem dritten Haus um Übernachtungsgäste geworben; ich sprach mit einem Mann, der sein Haupteinkommen damit bestreitet, über ein größeres Gebiet hinweg das Pilgergepäck zu transportieren - viele lassen ihr Gepäck täglich zur nächsten (lange vorgebuchten) Unterkunft fahren: Pilgern weniger beschwerlich und abenteuerlich... Ein andermal unterhalte ich mich mit einer Frau aus Nordfrankreich, die erklärt " I'm going to live on the camino." Ich verstehe nicht gleich, so erklärt sie, sie werde ihre eigene Herberge aufmachen... 

Gestern Abend suchte ich nach zwar erst 16 km vor dem ich weiß nicht wievielten Regen des Tages  Zuflucht unter dem Vordach des "Bürgerhauses", nicht recht einsichtig und so, dass ich dachte, da einfach zu bleiben. Tags hatte ich Regengüsse an den verschiedensten Plätzen abgewartet: In der gewaltigen Klosterkirche von La Romieu, in einem Cafe, in einem großen Gewächshaus voller Blumen, in einer kleinen Kapelle mitten im Wald, unter einem hohen offenen Scheunendach; und mehrmals war ich einfach richtig nass geworden, so z.B. als ein steiler Waldweg sich in einen schlüpfrigen braunen Bach verwandelte, während der Donner direkt in meinen Ohren dröhnte... Jetzt hatte ich, obwohl erst 17 Uhr, keine Lust mehr auf weiteren Regen. Gegen sechs kam eine Handvoll Frauen mit Gymnastikmatten zum Pilates. Sie hatten keinerlei Problem mit mir, ließen mich mitturnen und anschließend im Dorfgemeinschaftshaus schlafen (eine Tür lässt sich von innen immer öffnen, die sollte ich morgens einfach nutzen und hinter mir zufallen lassen...) - so bin ich dankbar im Trockenen und nicht ganz so Kalten (7°C Nachts), habe ein Klo, Wasser, Ladestrom - ein Wasserkocher für Tee würde mein Glück vollkommen machen, aber man muss es schließlich auch nicht übertreiben mit den Wünschen!). Immer wieder ist es eine nicht immer einfache aber gute Übung in Vertrauen: dieses Nichtwissen, wo und wie der Schlafplatz sein wird...

Nun besteht die Wanderzeit ja aber natürlich nicht nur aus Nächten und Schlafplätzen, sondern aus Tagen: ein jeder voll schöner Landschaft, Stille, Vogelsang, Blühen und Reifen, dazwischen Weiler, Orte und  einzelne Gehöfte: Eine Gegend, in der im Krieg offensichtlich keine Bombenzerstörung stattfand. Chateaus, Burgen, herrschaftliche Anwesen, mittelalterliche Bilderbuchorte mit Stadtmauer, alten Toren und Brücken und natürlich Kirchen, Kapellen und Kathedralen. Navarrenx, Air sur l'Adour, Nogaro, Eauze, Montreal, Condom, wo vor der Kathedrale die überlebensgroßen Musketiere stehen, La Romieu und Lectoure - um nur einige der Orte zu nennen, in welchen ich durch alte Gassen streife und berühmte sakrale Bauwerke besichtige. Daneben sind es kleine Orte wie Pimbo, die in Erinnerung bleiben: eine große alte Kirche, in welcher die Buntglasfenster nicht mehr vollständig sind und die Schwalben Nester direkt neben dem Altar in den Nischen der Säulen gebaut haben, ständig ein und ausfliegend, und wo es einen blühenden Garten und ein nettes "Pilgercafe" gibt, sonst höchstens noch eine Handvoll Häuser; auf einem Hügel gelegen (na ja, das ist auch keine Ausnahme, meistens muss ich ordentlich rauf und wieder runter zu den Orten), schon von weitem sichtbar der große romanische Bau. Oder Larresingle, wo zwischen Burg- und Kirchenmauer, beide überhoch und gleich mächtig, trutzig und dunkel, nur ein ganz schmaler Durchgang bleibt, in welchem man den Kopf weit in den Nacken legen muss, um überhaupt noch etwas Himmel sehen zu können... Dann die kleinen Kapellen, oft sehr einsam gelegen, meist mit einem Friedhof dabei, besonderen Bäumen - sehr verwunschene Orte mit besonderer Stimmung und mit gutem Klang beim Singen; vor den verschiedenen Heiligen sind oftmals keine Gaben, Zettel, Fotos, Blumen abgelegt. 

Insgesamt ein gesegneter Landstrich voll sanfter Schönheit. Vor zwei Tagen fand ich die ersten reifen Kirsche unter einem Baum, erste Wiesen sind abgemäht, Mohnblumen leuchten rot im noch grünen Getreide. Heckenrosen blühen an den Wegrainen und üppige Rosen in den Gärten und an den hellen Naturstein-Hausmauern.  Auch hier gibt es viele Häuser zum Verkauf, auch hier gibt es Zerfallendes und Halbzerfallenes, auch hier gibt es Kirchen, in denen dringend etwas getan werden müsste, um dem Eindringen von Wasser v.a. Einhalt zu gebieten... aber insgesamt macht doch alles einen irgendwie "gepflegteren" Eindruck als in weiten Teilen Spaniens. Die Preise sind spürbar höher, so kostete in Spanien eine Tasse Tee zwischen 1,20 und 1,80, ganz teuer mal 2,-€. In Frankreich fängt es günstig bei 2,-€ an und geht bis 3,80 € (aber das ist mir für eine Tasse Tee doch einfach zu viel...). Die Wege sind rutschig-eingeweicht und die Stiefel dick lehmverkrustet, und jeder Tag, an dem es trocken genug ist, einfach im Gras zu sitzen, den Rücken an den Stamm einer dicken Linde, Kiefer oder Eiche gelehnt und die Ruhe und Stille genießen zu können, ist ein echtes Geschenk. Entgegenkommende Pilger bieten dieser Tage oft ein fast historisch anmutendes Bild, wenn sie in der Ferne mit wehenden Regenumhängen über einem Getreidefeld oder einem Hügel auftauchen...

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Wetter
Frühling · 7°C
Begleitung
Allein
AbenteuerlichKulturellEntspannend
  • Gewitter und Regenpausen an ungewöhnlichen Zufluchtsorten
  • Übernachtung unter einem Scheunendach neben einem kleinen See
  • Begegnungen mit Pilgern und Gastgebern auf dem Weg
  • Besuch von Orten wie Navarrenx, La Romieu und Lectoure
  • Rutschige Wege, blühende Landschaft und viele romanische Kirchen
SchlafsackStiefel
NaturKulturEssenTransitGeschichteArchitekturAbenteuer
  • Tee in Frankreich2 €
  • Tee in Frankreich4 €
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