Wir legen einen Zwischenstopp am Embalse del Ebro ein. Die Zufahrt zum Kiterstrand ist heute durch eine Baustelle versperrt, die Straße wird neu asphaltiert.
Spanische Straßen am Montagvormittag
Vielleicht kommt demnächst die Tour de France durch oder die Vuelta de España. Hier mal ein Reisetipp: zumindest in Frankreich sind die Pisten der Radrennetappen immer spiegelglatt, mit frischer Straßendecke versehen und lassen sich super befahren.
Ebro-Trecker
Der Held entdeckt einen Alternativ-Platz am Stausee, zu dem wir das Gewässer aber wegen besagter Baustelle erst einmal dreißig Kilometer weit umrunden müssen.
Ein ruhiges Plätzchen auf einer Halbinsel mit Blick auf den Embalse, um uns herum das Bimmeln einzelner Kuhglocken und der freundlich schnaubenden und wiehernden Leitstute, der hier halbwild lebenden Pferdeherde. Perfekt für eine erholsame Siesta.
Siesta am Stausee
Doch für die Nacht bleiben wir hier nicht. Denn von unserem Aufenthalt vor ein paar Jahren an eben jenem Kiterstrand wissen wir, dass wir uns in einem Natura-2000-Gebiet befinden und das Übernachten nicht gern gesehen wird.
Und nachdem uns neulich schon Señor Gardia Civil die Mittagspause in den Bardenas Reales mit seiner ausnehmend schlechten Laune vermiest hat, nur weil wir am staubigen Pistenrand standen, wollen wir nicht testen, wie wach das Auge der Ordnungshüter hier in der Nebensaison noch ist.
Halbwilde Pferde am Ebrostausee
Der Weg geht steil und steinig hinunter und schon bei der Herunterfahrt ist uns beiden klar, dass der Kangoo Château Mistral nur mit Ach und Krach, Hängen und Würgen, Herr und Jeeh den Hügel wieder hinauf ziehen wird, denn er erreicht auf einer Strecke von etwa 200 Metern stellenweise über fünfzehn Prozent. Das allein wäre noch nicht das Problem.
Embalse del Ebro
Viele kleine, kugelrunde graue Steinchen pflastern das Sträßchen und die rutschen und schlittern unter den Reifen weg, wodurch sie deren Gripp verhindern.
Ja, das ist schon bei der Anreise offensichtlich, doch an diesem Punkt angekommen, geht es nur noch bergab. Umdrehen ist auch in den kühnsten Wohnwagenlenkerträumen unmöglich.
Kühe am Stausee
Auch die schönste Siesta ist mal vorbei und damit der Zeitpunkt gekommen, an dem es wieder den Hügel hinauf gehen muss.
Der Held nimmt mit Karamba und sogar mit Karacho Anlauf, lässt den Motor voll aufdrehen und rast mit einigen Affenzähnen im ersten Gang die steile Piste hoch.
Steine fliegen, Kühe staunen, dem Angler fällt die Rute aus der Hand. Die erste Hürde ist genommen, doch der zweite Anstieg ist gemeiner und Zappa hält den Fuß fest auf dem Gaspedal.
Pferde am Stausee
Ich beiße die Zähne zusammen und würde am liebsten die Augen vor dem, was da kommt verschließen.
Volle Kanne schießt der Kangoo auf die Erhebung zu.
Die Kiesel spritzen nur so zur Seite, die Hälfte des Hügels ist erklommen. Dann geht dem Antrieb die Kraft aus.
Ich rutsche unwillkürlich in meinem Sitz nach vorn, um unserem Gespann Schwung zu geben. Doch es hilft natürlich nichts. Wir verlieren immer mehr Geschwindigkeit, die Reifen drehen auf dem umherfliegenden Kies durch, der Motor heult, die rote Antischlupfanzeige flackert wild vor sich hin, aus dem Auspuff lodern orange Flammen. Jetzt bloß nicht aufgeben, anhalten, stehen bleiben, bremsen!
Kühe
Ich schließe nun doch die Augen.
Ohnein-ohnein-ohnein! Wir werden diese Erhebung nie und nimmer schaffen, der Wohnwagen wird uns gnadenlos in die Tiefe zurückziehen, wir werden auf der Pferdewiese stranden und nicht einmal die Feigen von dem Bäumchen am Wegesrand bleiben uns zum Überleben. Ohnein-ohnein-ohnein!
Spanische Türen
Doch plötzlich findet der Kangoo mit einem letzten Aufbäumen den finalen Schwung und erreicht unter dröhnendem Brummen und tiefen Schnaufen den Gipfel.
Wir atmen synchron mit einem erleichterten Seufzen aus.
Puh! Gerade noch mal geschafft.
Embalse del Ebro
Glücklich erreichen wir das nächste Dorf, in dem auf einem verlassenen Grundstück besagter Feigenbaum voller praller, reifer Früchte steht, die mich anlachen und geerntet werden wollen.
Doch gerade schaut Señor Vecino nach dem Rechten und ich will mich nicht des Mundraubs beschuldigen lassen. Deshalb krame ich unsere Mülltüte hervor, um sie ordnungsgemäß in den nahen Containern zu entsorgen und dadurch etwas Zeit zu schinden.
Spanische Türen
Der aufmerksame Nachbar scharwenzelt um den Obstbaum auf dem Hof herum. Ich habe den dringenden Verdacht, Señor hat es auf die leuchtenden Birnen abgesehen. Er wirft uns verstolene Blicke zu und trollt sich dann, mit den Händen in den Taschen, eine fröhliche spanische Melodie pfeifend in sein eigenes Heim.
Spanische Fenster
Jetzt ist die Luft rein! Ich brauche diese Feigen! Ich muss wenigstens zwei oder drei der Köstlichkeiten an mich bringen! Ich werde keinen Kilometer mehr zurücklegen können, wenn ich nicht wenigstens eine einzige süße, klebrige, weiche Feige essen kann!
Auf leisen Sohlen schleiche ich an den Busch.
Kurz vor uns muss jemand seinen kompletten Hausmüll entsorgt haben, denn alle herabgefallenen Früchte liegen von Autoreifen total zermatscht auf dem Boden.
Es hilft nichts, irgendwie muss ich an diese Objekte meiner grenzenlosen Begierde kommen.
Spanischer Dieselpreis
Ich recke und strecke mich, stelle mich auf Zehenspitzen und mache meinen Arm so lang ich nur kann. Als sich meine Finger um die erste reife Feige schließen, bellt ein Hund.
Das klingt nicht nett.
Ich greife zur zweiten Frucht, das Bellen wird lauter.
Schnell pflücke ich zwei weitere als ein grimmiges, lautes Knurren immer näher kommt.
Jetzt nehme ich zusätzlich zu den feinen, gelben Feigen meine Beine in die Hand und wetze so schnell ich kann zum Auto. Atemlos kann ich die Tür gerade noch zuschlagen, als el Perro diese auch schon erreicht und geifernd, sabbernd und bestialisch bellend die Zähne fletscht. Ich stecke ihm die Zunge raus und der Held braust mit quietschenden Reifen auf und davon!
Puh! Gerade noch mal geschafft.
Beutegut
Für die Nacht erspäht Zappa einen Platz nahe der Staumauer und zirkuliert unser Reisegespann auf den Pfad, der dorthin führt.
Es handelt sich erneut um einen sehr schmalen Stieg, dieses Mal aber gut asphaltiert. Rechts und links begrenzt eine tiefe Rinne die Spur und ich bin sehr erleichtert, dass wir keinen Gegenverkehr haben. Zwei Fahrzeuge passen hier nie im Leben aneinander vorbei.
Ebro
Am Ziel angekommen, ist auch der Weg zu Ende. Doch leider reicht der Platz um Haaresbreite nicht für ein Wendemanöver von Kangoo und Wohnwagen. Da hilft alles Fingerspitzengefühl nichts, wir müssen abkoppeln. Zum Glück geht das. Und zum Glück ist Château Mistral ein Leichtgewicht, das wir zu zweit gut bewegen können.
Abgekoppelt
Wenn es hier auch ein sanftes Gefälle gibt und ich den Wohnwagen mal wieder in einem reißenden Fluss davon schwimmen sehe. Und dieses Mal ist der Fluss wirklich reißend!
Alles klappt und wir haben eine erholsame Nacht am Ufer des rauschenden Ebro.
Reißender Fluss
Wieso wir auf dem Weg nach Andalusien einen Abstecher ins tiefste Kantabrien im spanischen Norden machen?
Mañana, für heute waren das genug Abenteuer.
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