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Zuletzt in Frankreich

Riders on the storm

Veröffentlicht: 24.10.2026

Eben noch saßen wir halbnackt in der spanischen Wüstensonne, jetzt frieren wir dick eingemummelt im französischen Dauerregen.
Tief Adam zieht unerbittlich aus Spanien über das Mittelmeer, saugt sich über dem viel zu warmen Wasser mit Unmengen Feuchtigkeit voll und drückt dann pralle Wolken gegen die Berge des Zentralmassivs, wo sie sich sturzflutartig abregnen. 
Gänseglück
Wir erleben eine sogenannte "Èpisode cévenol" mit erheblichen Regenmengen, bei denen bis zu 500 Liter Niederschlag pro Quadratmeter innerhalb weniger Stunden fallen können.
Unwetterwarnungen gehen über alle Kanäle, Schulbusse fallen aus, Straßen werden gesperrt.
Es regnet und regnet und regnet wie aus Eimern, die üblichen Vergleiche halten nicht stand, der Himmel ist uns auf den Kopf gefallen.
Das pustet der Wind die Mütze in den Kanal!
Wir verschwinden schleunigst aus dem Krisengebiet, denn 2002 erlebten wir hier in kürzester Zeit einen Wolkenbruch mit 635 Litern pro Quadratmeter. Wenn durch das enge Gardon-Tal, einem kleinen Flüsschen plötzlich die dreifache Wassermenge des Rheins herunterrauscht, sind nicht nur die tieferen Straßen weg, auch Brücken verschwinden auf Nimmerwiedersehen und wir wären es ebenso gewesen, hätten wir nicht geistesgegenwärtig einen Platz für die Nacht auf einem Berg gefunden.
Barrage de Grandval
Nach der aufregenden Reise durch die spanische Wildnis, freuen wir uns auf eine Million französischer Käsesorten und ebenso viele Flohmärkte. 
Das sonntägliche okzitanische Wetter empfängt uns jedoch recht unterkühlt und so bleiben viele Standplätze auf den stattfindenden Vide grenier leer. Wir alle frösteln im kalten Wind, aber wenigstens der angekündigte Niederschlag bleibt aus.
Doch nun stehen wir im Dauerregen, finstere Wolken fliegen über uns hinweg und machen den Tag zur Nacht, eisige Böen schütteln den Wohnwagen.
Obacht! Der Amboss fällt uns auf den Kopf!
Wir haben keine Wahl, wir rappeln in unserer letzten Reisewoche ohne Umweg nach Hause. Denn egal in welche Richtung wir auf der Wetterkarte schauen, überall herrscht graues, ungemütliches Herbstwetter. 
Nun, nicht ganz überall. Wie wäre es mit Andalusien?
Da wird der verlockende Gedanke, in der Sonne der Iberischen Halbinsel zu überwintern immer charmanter...
Aber nein, uns ruft die Pflicht an den heimischen Herd.
Viaduc de Millau
Der Held versüßt die Rückreise mit frischen Ideen für reizende Mikroabenteuer am Wegesrand. Und so spazieren wir mit Schirm, Charme und Melone durch kleine Dörfer mit Blick auf das Viadukt von Millau oder mit heißen Quellen, an denen ich mir bei über 80°C fast die Finger verbrühe. 
Heißeste Quelle Europas
Auch die Nacht an der Truyère beginnt für mich etwas mulmig. Der Fluss rauscht, der Regen prasselt mit einer Lautstärke auf das Caravandach, dass wir uns in Zeichensprache verständigen müssen und die Wiese unter unseren Reifen ist quatschnass und mit kleinen Ètangs durchränkt. Erst als sich ein zweiter Camper zu uns gesellt, beruhige ich mich etwas. Der Bulli steht näher am Ufer und schwimmt vor uns los.
Canal du Midi
Der Ausflug zur Madonna am Aussichtspunkt endet mit einer Rückwärtsfahrt aus der Sackgasse. Mal wieder war nicht zu erkennen, dass es hier nicht weitergeht und Wendemanöver auch ohne Wohnwagen fast nicht möglich sind.
Zappa nimmt diese Herausforderung mit der üblichen Gelassenheit, kurbelt das Gespann mit meisterlichem Heldenmut den Hügel hinab und wird von der bäuerlichen Nachbarschaft dabei neugierig beäugt.
Mit einem kurzen Nicken wird der rote Traktor aus dem Weg gefahren und dann ist noch Zeit für einen kleinen Plausch.
Tour-Etappe 2019
Monsieur erzählt mir in ausgezeichnetem Deutsch, dass man hier normalerweise einen fantastischen Blick über die Auvergne, auf den Puy den Dôme und alle Vulkane hat, aber heute ist das Wetter schlecht. Dicke Wolken schieben sich über die Berge und verschlucken die Sicht auf die majestätischen Gipfel.
Le Somail
Monsieur ist in Berlin geboren, sein Vater war beim Militär und das Städtchen im Tal hat eine Partnerschaft mit Hofgeismar. Ich antworte ihm tapfer auf französisch, denn schließlich muss ich üben.
Wir schmieren uns gegenseitig jede Menge polyglotten Honig ums Maul, gratulieren uns zu unserer Eloquenz und Sprachgewalt und verabreden uns für das nächste Jahr bei Sonnenschein zur grandiosen Aussicht bei der Madonna.
Peyre
Jetzt greifen wir zum Regenschirm, denn wir drehen noch eine Runde durch Châteldon, bevor die wilde Fahrt über Hoppelpisten weiter Richtung Nordosten geht. In dem Dörfchen nahe Vichy wird eines der exklusivsten und teuersten Mineralwasser der Welt unter dem Namen "1650" abgefüllt. Der Legende nach soll der Hofarzt dem Sonnenkönig Ludwig XIV. das Wasser aus der Auvergne wegen seiner verdauungsfördernden Wirkung empfohlen haben. Weshalb der es regelmäßig in Ballonflaschen nach Versailles transportieren lassen haben soll, was Châteldon damit zum ersten abgefüllten Premium-Mineralwasser der Welt macht.
"Arbre remarquable de France" 16 Meter hohe Ulme
Allerdings lese ich, dass es sich dabei um eine werbewirksame Geschichte der Marketingabteilung handelt. Denn eigentlich wurde das kostbare Nass erst ab 1777 vom Oberaufseher der benachbarten Quellen in Vichy abgefüllt und konnte somit 1650 noch gar nicht am königlichen Hof aus Ballons getrunken werden.
Verkosten können wir das gute Zeug leider nicht, es wird nur in limitierter Anzahl für die Sterneküche und Staatsempfänge abgefüllt und die Quelle ist für das Fußvolk nicht zugänglich. Nun, online ist die Flasche schon ab zwölf Euro bestellbar.
Überall ein Sonnenkönig in Châteldon - nur kein Wasser...
Doch nun nähern wir uns Kilometer um Kilometer dem heimischen Hof, mit einer einsamen letzten spanischen Fliege an Bord. Die T-Shirts sind längst gegen warme Unterhosen eingetauscht, der Ofen im Mistral bollert leise vor sich hin und Sturmtief Luise schüttelt uns auf den letzten Kilometern gut durch. 
Citroën 2CV Fourgonnette oder Kastenente
42 Tage Abenteuer, 6666 Kilometer, 75 PS, Schweißnaht am Mistral hält - nach der Tour ist vor der Tour!

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