Nach ich-weiß-nicht-wie-vielen tiefenentspannten Tagen am galicischen Atlantik konsultiere ich mit konzentriertem Blick den Kalender, um überrscht festzustellen, dass uns nur noch etwas mehr als zwei Wochen Reisezeit bleiben.Platz am Meer
Galicien ist eine grüne und fruchtbare Region Spaniens mit steiler Felsküste und langen Sandstränden. Das bergige Hinterland lässt die feuchte Atlantikluft aufsteigen, die bei Abkühlung an den Hängen kondensiert und selbst im Sommer für dichte Nebelbänke sorgen kann.
Nebel an der galicischen Küste
An der Autobahn in den Bergen hat man zum Teil intelligente Balisen installiert. Diese Sensoren registrieren den häufig auftretenden dichten Passatnebel, durch die die Strecke regelmäßig komplett gesperrt werden musste. Die alle fünfzig Meter aufgebauten selbstleuchtenden LED-Pfosten durchdringen selbst die dicksten Schwaden und verwandeln die Straße in eine spacige Flugzeuglandebahn.
Intelligente Balisen
Galicien ist die spanische Region mit der höchsten Anzahl an Ortschaften. Wobei auch ein einzelnes Haus ein Dorf mit einem eigenen Namensschild sein kann, wie zum Beispiel Pescadore, durch das wir neulich gefahren sind. Leider sind die kleinen Weiler oft nicht so malerisch und lassen es manchmal am pittoresken, fotogenen Charme fehlen.
Costa da Morte
Bei einem Strandspaziergang ist uns beinahe ein riesiger Fischotter auf seinem Weg ins Meer auf die Füße getreten. Verwundert schauen wir dem immens großen Tier hinterher, zu perplex, um die Kamera für ein Beweisfoto zücken zu können.
Costa da Morte
Das Internet verrät uns, dass die eigentlich reinen Süßwasserbewohner eine Besonderheit dieser Region sind. Sie haben sich stark angepasst, leben in den tiefen Meeresarmen, den Rias und jagen im Atlantik Krebse und Fische.
Durch das Salzwasser bilden sich Kristalle in ihrem Fell, das dadurch verklebt und die wasserabweisende Luftschicht zerstören würde. Deshalb suchen die Otter nach der Jagd gezielt kleine Bäche oder Flussmündungen an den Stränden oder Klippen auf.
Costa da Morte
Besonders beeindruckend ist uns die Costa da Morte von unserer letzten Tour hierher in Erinnerung.
Der felsige Küstenstreifen zwischen Malpica und Fisterra ist der westlichste Atlantikabschnitt des spanischen Festlands und trägt seinen Namen wegen der schwierigen Bedingungen für die Seefahrt und den daraus resultierenden häufigen Schiffbrüchen.
Costa da Morte
Unzählige spitze Granitfelsen, tückische Klippen und versteckte Riffe werden bei Flut vom Wasser überspült. Raue See und wuchtige Stürme treffen häufig ungebremst auf die gefahrvolle Küste. Schlechte Sichtverhältnisse, häufiger Nebel, tiefhängende Wolken, unberrechenbare Strömungen, alles fordert das ganze Können der Seefahrer. Nicht ohne Grund ist dieses Gebiet mit zahlreichen Schiffswracks einer der größten Meeeresfriedhöfe Europas.
Costa da Morte
Auf einer löchrigen Hoppelpiste können ein paar Kilometer dieses Streifens bewandert, beradelt oder mit dem Auto abgefahren werden.
Hier unser Hinweis: vertraut nicht auf das Navi und startet die Tour am Leuchtturm. Sonst steht ihr wie wir am Cimiterio dos Ingleses und staunt über die Einbahnstraßenschilder.
Costa da Morte
Anders als vor acht Jahren ist die Piste nur noch in einer Richtung befahrbar. Natürlich kann man es dem spanischen Angler gleich tun und die Durchfahrtsverbotsschilder ignorieren.
Wir haben jedoch mit solcherlei, an die Landesverhältnisse angepassten Verhaltensweisen schlechte Erfahrungen gesammelt. Statt die dreißig Kilometer und stundenlange Rundfahrt im spanischen Nationalpark kurz vor dem Abendessen ein zweites Mal zu absolvieren, nahm der Held vor einigen Jahren die Abkürzung über die nur hundert Meter lange zweispurige Einbahnstraße zum ausgewiesenen Parkplatz in falscher Richtung.
Bibernell-Rose
Und zog damit den unbeschreiblichen Unmut der rigorosen Rangerinnen in roten Shirts auf sich, die uns sehr entschieden, unmissverständlich und unzweideutig mit mistigen Blicken und stampfenden Füßen des Platzes verwiesen. Mit gestrengen Oberlehrerinnenmienen beaufsichtigten die Señoras, ungeachtet ihres bereits eingeläuteten, wohlverdienten Feierabends, dass wir das Feld auch wirklich in der exakten Richtung räumen.
Ein sehr einprägsames Erlebnis. Manchmal träume ich noch von den empörten und erbosten Gesichtern!
Felsenkrabbe
Heute machen wir vor den Einbahnstraßenschildern Pause, schauen Löcher in die Luft, zählen Wellen und warten auf Delfine, um morgen die zehn Kilometer auf der noch nicht völlig fertig gestellten Waldpiste über den Hügel bis zum Faro Vilán zu meistern.
Costa da Morte
Plötzlich wird der Held unruhig und auch ich meine, eine Bewegung auf dem Wasser zu entdecken! Hektisch suche ich nach meiner Brille, die ich ja nur fürs Autofahren bei schlechter Sicht brauche. Schließlich habe ich Adleraugen, mir entgeht nullkommanix.
Als ich endlich in den Tiefen des Handschuhfachs fündig werde, hat Zappa schon längst das Fernglas vor dem Gesicht und nimmt mir den Wind aus den Segeln. Nein, wieder kein Meeressäuger. Obwohl die dicken schwarzen Felsen, die unter den Schaumkronen der Wellen hervorblinzeln täuschend echt nach Walrücken aussehen. Beinahe meine ich eine Fontäne hochspritzen zu sehen. Und schließlich haben uns beim letzten Mal an dieser Stelle zwei Delfine vor der untergehenden Sonne mit ihren Sprüngen aus dem Wasser fröhlich gegrüßt.
Costa da Morte
Nun heißt es schweren Herzens dem Atlantik den Rücken zu kehren, den späten farbenprächtigen Sonnenauf- und -untergängen, den spektakulären Stehplätzen in der ersten Reihe mit Blick auf phänomenale Wellen, menschenleeren Sränden und einsamen Buchten adios zu sagen.
¡Buenas noches!
Oder lieber ¡Hasta luego! Es ist bestimmt bald wieder Zeit für eine Reise ans Ende der Welt.
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