Big Waves - Short Boards
Wir reisen entlang der asturischen Atlantikküste. Noch etwa tausend Kilometer trennen uns von Andalusien und die Zeit läuft schnell davon. Also haben wir entschieden, dass die...


Veröffentlicht: 10.10.2026




















Es ist Sonntagmorgen, es ist Flohmarktzeit.
Leider können die spanischen Rastros, auf denen sich vorwiegend professionelle Händler tummeln, nicht mit französischen Vide greniers mithalten. Aber heute Vormittag gibt es einen großen Mercadillo in einem Vorort von A Coruña.
Das schaffen wir noch, in Spanien ticken die Uhren langsamer und die Märkte beginnen auch nicht in den frühen Morgenstunden.
Wir haben am gestrigen Samstag unsere Vorräte bei einem Megashoppingerlebnis im Carrefour aufgefüllt, immer auf der Suche nach dem sagenhaften Pimenton de la Vera. Und zwar brauchen wir das Pikante. Das scharfe Gewürz aus sonnengereiften gerösteten Paprika, das nur in der Provinz Cáceres in der Extremadura hergestellt wird, schmeckt unübertroffen und wir haben zu Hause einen immensen Verbrauch.
Es hat sich schon herumgesprochen, dass es in den herkömmlichen Supermärkten neuerdings nur noch das Pimenton de la Vera dulce gibt, also die edelsüße Variante. Die ist auch sehr würzig, aber wir brauchen für den Kick im Essen das scharfe Pulver.
Alle Spanien-Reisenden werden mit dem Import dieses Gewürzes beauftragt, kehren aber immer mit enttäuschend leeren Händen zurück.
Nur mein kleiner Bruder wird, nach wochenlangem, aufreibendem Durchkämmen aller vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten in einem extrateuren Tourishop in Granada fündig und erwirbt für eine Million Pesetas ein Tütchen des edlen Stoffs.
Wir wissen aber, dass wir vor Jahren das Zeug beim Lidl gekauft haben und wundern uns, dass es wirklich Ü-BER-ALL nur Dulce gibt. Also durchkämmen wir den Giga-Carrefour in Ferrol Stunde für Stunde und finden sogar scharfes geräuchertes Paprikapulver. Aber kein Pimenton de la Vera. Wir kaufen ein Döschen zur Probe und zum Trost, doch nein, es ist nicht das gleiche Geschmackserlebnis.
Ich will in die Extremadura. Scheiß auf die siebenhundert Kilometer.
Bis der Held bei der Ausfahrt aus Ferrol ein riesiges, aber eigentlich nichtssagendes Gadis-Schild entdeckt, auf die Bremse latscht und ruft, dass es hier laut seiner stundenlangen intensivsten Internetrecherchen möglicherweise das gesuchte Pülverchen geben soll. Ich bin überrascht und skeptisch, waren diese Infos doch bisher alle falsch.
Vor allem in Nordspanien ist die Supermarktkette vertreten und ich muss auch hier einige Zeit nach den Especias suchen.
Und werde fündig! Pimenton de la Vera in Picante! ¡Es para flipar, cojonudo! Ich kaufe gleich fünf Dosen, damit dürften wir wenigstens bis zu den nächsten Spanienreisen des kompletten Freundes- und Bekanntenkreises hinkommen.
Jetzt sind wir vor den Toren des Örtchens A Laracha angekommen. Es herrscht ein ansehnliches Verkehrschaos und wir nutzen die Gunst des freien Straßenrands, um unser Reisegespann abzustellen. Ein weiser Entschluß, wie sich sogleich zeigt, denn der Ort ist komplett zugeparkt. Jede nur erdenkliche Lücke wird genutzt, egal ob Garagentor, Grundstückseinfahrt oder Spielplatz, alles ist wild und quer vollgestellt mit Fahrzeugen jeglicher Couleur.
Die Straße ist komplett verstopft, es geht nicht mal im Schritttempo voran. Vier Herren von der Policia municipal stehen an neuralgischen Punkten und regeln mit schrillen Pfeifen und ausladenden Gesten den embotellamiento, den echt spanischen Bouchon. Scheinbar geht gar nichts mehr, doch der Eindruck täuscht. Irgendwie kommen alle an ein Ziel.
Der Mercado ist ein buntes Gemisch aus altem Secondhandplunder und allerlei Neuwaren.
Zappa findet bei einem Trödler eine Minispitzhacke, die beinahe in die Hosentasche passt und von der er seit Anbeginn der Zeiten träumte. Ich handle hammerhart mit dem Hombre und: "¡Vale, vale, vale!", gibt der das gute Stück zähneknirschend für schlappe zwei Euro her.
Man kann hier wirklich alles kaufen! Bunte Damenblusen, dicke Puschen mit Kunstfellbesatz, farbenfrohe Unterwäsche in allen unvorstellbaren Größen, Fußballshirts von Atlético Madrid, Arbeitsbekleidung für den Herren, Uhren, Messer, Kettensägen und noch viel mehr.
Doch das echte Gedränge herrscht an den Lebensmittelständen. Man bleibt stehen und schwatzt, freut sich, Cousine Rosa endlich mal wieder zu sehen, begutachtet den Nachwuchs der Nachbarin und tauscht die Neuigkeiten der letzten zwei Wochen aus. Denn dieses Ereignis findet nur am ersten und dritten Sonntag im Monat statt.
Wir schlängeln uns durch die Obst- und Gemüsestände, an denen vor allem ältere Damen die Ernte aus ihren Gärten feilbieten. Auf rostigen Klappstühlen sitzen unzählige Abuelas und verkaufen Tomaten, Feigen, Pimentos de padron und Couve galega, den sagenhaften galizischen Stammkohl, während ihre flinken, faltigen Finger dicke weiße Bohnen aus den Schalen pulen.
An einem Stand entdeckt der Held ein paar Gläschen Safran und wir kaufen bei Señora etwa fünf Gramm der kostbaren roten Krokusfäden für einen unglaublich günstigen Preis. Schließlich ist Zappa seit gestern der ungeschlagene Maître der Paella de marisco. Wie lange sie wohl das Safran aus den schätzungsweise zweitausend Blüten zupfen musste, um ihre Ernte hier heute anbieten zu können?
Wir kämpfen uns weiter durch die Menschenmenge und ulkigerweise macht mir das gar nichts aus. Normalerweise bekomme ich bei so viel engem Körperkontakt ganz schnell Schweißausbrüche. Hier herrscht jedoch eine exrem entspannte Atmosphäre, niemand drängelt oder nörgelt.
Am Käsestand ist die Schlange mindestens fünfzig Meter lang. Der Held zählt dreiundsechzig Personen, einen Kinderwagen und zwei Hunde und findet heraus, dass es den besten Queso der Region direkt vom Hänger gibt.
Die riesigen weißen Laiber des Arzúa-Ulloa sind mit beschichtetem Einschlagpapier umhüllt, um die dünne Rinde zu schützen und den typisch galizischen Kuhkäse in Form zu halten.
Für uns beide ist diese Portion allerdings zu viel des Guten.
Deshalb greifen wir zum über Birkenholz geräucherten Simón da Costa, dessen wohlgerundete Form vor allem den Helden anspricht.
Wie es scheint, sind die spanischen Orangen doch schon reif, wir kaufen eine Chorízo für die Tapasplatte und kommen für die köstlich duftenden, enormen Feigenbrote zu meinem großen Leidwesen zu spät. Alles ausverkauft.
Völlig erschöpft kämpfen wir uns nach zwei Stunden durch den immernoch vorhandenen Stau, vorbei an den vier pfeifenden Polizisten in Richtung Costa do Morte.
Hier gucken wir von einem einsamen Felsen auf den tosenden Atlantik, schauen den Möwen hinterher und warten auf Delfine. Andalusien? Wird überbewertet...
Heute gibt es echte spanische Küche: Paellakochen mit Zappa!
Meeresfrüchte, Rundkornreis, Paprika, Zwiebel, Tomate, Fischfond, Paprikapulver, Salz, Pfeffer, Saffran, Olivenöl....
¡Que aproveche!
