wildgansanna
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und immer weiter auf der Via de la Plata...

Veröffentlicht: 30.03.2026

...und schon wieder rund 200 km weiter nördlich in Spanien: Die Tage fließen bunt ineinander voll Sonne und Wind... kaum weiß ich, wie ich euch einen Eindruck vermitteln kann von all den meist einsamen Wegen und Schritten durch weites Land. 

Bis Merida blieb die Landschaft ähnlich wie zuletzt beschrieben: Oliven, Wein und Weizen vor allem. Die dunkelrote Erde oft in sehr verschiedenen Färbungen, vor allem bei Bewölkung und Sonne im Wechsel, dann leuchtet all das Grün und Rot und verwandelt die eigentlich eher eintönig flache Landschaft in einen Teppich aus intensiven Farbspielen. Insgesamt eine flache Agrarlandschaft, immer so auf Höhen zwischen 400 und 500; Merida liegt dann auf 200m Höhe. Stunde um Stunde auf meist breiteren Schotterwegen, Pause, wenn es mal einen Schattenbaum gibt, (oft verlaufen Zäune längs des Weges) oder bei einer Bar in einem der Orte, durch die der Weg führt; später den Schlafsack zwischen jungen Olivenbäumchen auf die rote Erde legen, während die Sonne rot glühend untergeht. Mond (hier liegt die zunehmende Sichel!) und Sterne (der Orion gerade noch überm Horizont zu sehen beim Dunkelwerden, verschwindet dann bald) - und früh alles nass vom Tau. Bei nur 6 oder 7° C mit klammen Fingern zusammenpacken und in den Sonnenaufgang hinein weiterwandern, bis einem wieder warm ist und nach vielleicht 15 km ein Ort erreicht wird, in dem es heißen Tee gibt...

Da es sehr kalt geworden ist (inzwischen Nachttemperaturen bis auf 4°C) schlafe ich allerdings nach wie vor meist in Pilgerherbergen. 

In Merida sind es wieder vor allem die Spuren der Römer, welche beeindruckend mitten in der heutigen Stadt "herumstehen". Als Fußgängerin betrete ich die Stadt bereits malerisch über die altehrwürdige römische Brücke, eine Steinbogenbrücke über den Rio Guadiana; die Pilgerherberge liegt unten am Flußufer. Insgesamt strengt es mich an, durch die Stadt zu streifen (und die eigentlich berühmten großen Ausgrabungen darf man sowieso nur gegen Eintritt besichtigen), aber dann erhebt sich unvermittelt zwischen den Häusern der Tempel der Diana. Oder beim Verlassen der Stadt am nächsten Morgen komme ich kurz nach Sonnenaufgang an den beeindruckenden Ruinen des Aquädukts vorbei, Teile der Wasserleitung, welche einst Emerita Augusta (heute Merida) mit Trinkwasser versorgte. Später wandere ich an einem wunderschönen Stausee entlang, der (soweit ich es verstehe) schon von den Römern gestaut wurde, Teile der alten Steinmauern und Leitungssysteme sind noch zu sehen. Unglaublich jedenfalls die riesigen Aquäduktbögen - auf mehreren nisten Störche - ebenso wie der Tempel und andere Reste gewaltiger Bauwerke, heute mitten zwischen der Bahn, Straßen und Wohnhäusern der heutigen Stadt. Zeugen einer Zeit, in welcher Bauwerke Funktionalität mit Stil, Formschönheit und Harmonie verbinden konnten, von den rein natürlichen Baustoffen wie Stein und gebrannten Ziegeln mal ganz abgesehen. Vor diesem Können empfinde ich Achtung und etwas wie Ehrfurcht... Oft folgt der Wanderwegverlauf dieser Tage auch offensichtlich tatsächlich dem alten Römerstraßenverlauf, davon zeugen z.B. alte Brücken und immer wieder Meilensteine: hohe, runde "Säulen" in unterschiedlichen Verwitterungsstadien.

Natürlich wandere ich insgesamt auch viele Straßenkilometer, entweder direkt an Straßen oder recht nahe dazu. In Sonne und Autolärm nicht immer angenehm und oft ermüdend, aber da es einfach dazugehört, nehme ich es nicht weiter schlimm, singe dann oft oder bin so in Gedanken versunken, dass ich kaum merke, wie die Kilometer vergehen... Um so schöner sind dann wieder die einsamen Wege in der Natur (dass die Autobahn oft weithin in die umgebende Landschaft schallt, erwähnte ich schon), oft in einer fast unglaublichen Stille - nur Vögel sind dann zu hören oder (mittags) nicht mal diese, nur der Wind und die eigenen Schritte...

So ist es ja mit Vielem: meine Fotos zeigen auch nicht den vielen Müll, immer da, wo ein Stadtbereich beginnt oder Straßen sind, zeigen nicht die vielen "aufgelassenen" Läden, Restaurants, Tankstellen (oftmals ein eigentlich "sicherer" Ort, um Wasser zu bitten, aber in der Karte ist nicht ersichtlich, ob etwas bereits längst wieder geschlossen ist, oder nicht...), Bäckereien... gerade im "ländlichen Raum". Sie zeigen auch nicht die unschönen, flächenfressenden Auswüchse rund um die Altstädte und -Dörfer, mit welchen die unglaubliche Immobilienspekulation und Bauwut der letzten Jahrzehnte und heute immer noch sich in die Landschaft frisst. Oft sind ganze riesige Komplexe gar nicht fertig gestellt oder offensichtlich nicht bewohnt - und daneben sind bereits die nächsten Flächen erschlossen, werden die Kräne aufgestellt... ...sie zeigen auch nicht, dass wohl sehr viele Menschen in den kleineren Orten von Sozialhilfe leben, da es sich bei den teuer gewordenen Spritpreisen nicht mehr lohnt, in die jeweils nächste Stadt zur Arbeit zu fahren (das erzählte jedenfalls ein Pilger, der spanisch kann und somit auch die Menschen vor Ort befragen, was mir leider weniger möglich ist...).

Nach Merida geht es wieder auf 450 - 500 m Höhe. Oft gibt es nun schöne Wegabschnitte durch bewegte Landschaft,beweidete Eichenhaine (hier immer Kork- oder Steineichen), oft auch mit großen Felsen zwischen all dem Grün und Blühen; all die Kälber, Fohlen und Lämmer sind in dieser Jahreszeit natürlich immer wieder wonnig zu beobachten. Schwarzstörche und überhaupt so viele Vögel immer wieder! Viele Steinmauern, dann wieder Olivenbäume, Eukalyptus und Kiefern. Dazwischen Ginster im flammenden Gelb, eine Art weißblühender kleinblütiger Ginster(?), Lavendel (mit größeren und viel dunkleren Blüten als der bekannte "Provence-Lavendel); dann immer wieder ganze Teppiche aus Gänseblümchen oder kleineren gelben Blumen, roten Gräsern, Orchideen - bei uns kenne ich eigentlich nur noch Löwenzahnwiesen, hier ist es, als hätte jede Wiese ihren eigenen Farbteppich... ...und die kleineren Wasserläufe Seen, Pfützen sind bedeckt mit einem Schleier von sehr weißen, zarten "Mini-Seeröschen" - wunderschön. Vor zwei Tagen bühten auf dem steinigen Weg so viele extrem kleine lila Sternchen (keinen halben cm im Durchmesser, aber jedes mit exakt 5 Blütenblättern um eine gelbe Mitte), dass die Wege einfach lila schimmerten (da die Blümle so klein waren, dass sie aus der Entfernung gar nicht als solche wahrgenommen werden konnten). 

Am Horizont oft Berge (Ausläufer der Sierra Morena u.a.) - als sich (vor zwei Tagen) hinter Caceres der Blick auf eine unendlich weite, dunstige Fläche öffnete, waren im Norden in der Ferne schneebedeckte Gipfel zu erkennen. Heute durchwanderte ich einige Zeit eine Landschaft voller Zistrosenbüsche, allerdings erst einige Blüten geöffnet, die meisten noch voller fest geschlossener Knospen - ich versuche mir vorzustellen, wie das aussieht, wenn sie alle blühen!

Es sind bereits recht viele Pilger unterwegs. Da ich mich eher nicht an die "normalen" Etappen halte, treffe ich immer wieder auf neue Zusammensetzungen in den Herbergen (oder habe auch mal eine für mich alleine). Ein weit über 70 jähriger Japaner pilgert in einer Gruppe mit einem deutschen Rentner, einem Spanier, einem Australier und einem jungen Italiener, die sich hier auf dem Weg fanden und nun zusammenbleiben; in Casar de Caceres traf ich zusätzlich zu H. aus Deutschland, die ich davor bereits kennengelernt hatte, auf eine lustige Amerikanerin, einen jungen Österreicher, Frauen aus Belgien und Holland, und natürlich weitere Spanier. Einer Vierergruppe aus Colorado, USA und der Schweiz war ich auch schon begegnet - international also... Wenn 10, 12 oder mehr Peregrinos in einer Herberge schlafen, begegnet man sich auch tags hin und wieder, wünscht sich "buen camino!" oder geht ein Stück gemeinsam; insgesamt aber verteilt es sich gut; ich gehe oft schon sehr früh los oder schlafe , wie letzte Nacht wieder, draußen, oder laufe auch mal über 30 km, so dass ich dann oft auch "versetzt" zu den meisten anderen bin, auch suche ich bewusst eher die kleineren (günstigeren) Herbergen auf, die eben "versetzt" zu den meist gewählten Etappen liegen. Es ist nett, Abends gemeinsam mit anderen in einer Mischung aus Englisch und anderen Sprachen sich zu unterhalten; es tut gut, sich mehrfach zu treffen und mehr von einander zu erfahren als nur, wer aus welchem Land kommt... ...es ist schön, an der Kathedrale in Caceres unverhofft noch einmal A. zu treffen, eine Pilgerin aus Irland, welcher ich in den ersten Nächten nach Sevilla begegnete, die dann aber schneller weiterging (und sich von Caceres aus wieder auf den Heimweg macht) - aber es ist auch gut, alleine zu sein... Nur der Weg, der Wind, der Himmel und ich - so wird das Wandern immer mehr wieder zu einer "meditativen Selbstverständlichkeit". Aufstehen, Gehen, Schlafen, Aufstehen, Gehen, Schlafen... das ist inzwischen längst wieder das normale Leben geworden - und die vielen Sinneseindrücke, Sonne und Wind, die körperliche Bewegung, das dauernde Draußensein machen so müde, dass ich kein Problem habe, wie heute Nacht z.B. 12 Stunden in meinem Schlafsack zu liegen. Die gestrige Wegstrecke führte an den großen Tajo-Stausee. Landschaftlich wunderschön; ich blieb einfach doch draußen, obwohl ich wusste, es würde kalt sein. Der stetige starke Wind vor allem kühlt aus und es war 4°C in den frühen Morgenstunden vorhergesagt. Aber ich bereute es nicht; Sonnenuntergang überm See, Stille, Sterne und der inzwischen schon wieder recht volle Mond - so schön!! Es war nicht gerade warm, aber ich fror nicht und schlief tatsächlich bis die Sonne bereits wieder aufgegangen war.  Heute, am Montagmorgen, war dann allerdings auch Verkehr auf der nahen Straße zu hören, trotzdem war der weitere Weg einsam-schön, sonnig, aber kalt-windig. Grimalda, eine Handvoll Häuser mit einer Bar und einer kleinen Herberge, etwas ab vom eigentlichen Weg, liegt wieder auf gut 500m.

Den ganzen Tag traf ich niemanden, kam durch keinen Ort, fand glücklicherweise diesmal beide in der Karte eingezeichneten Trinkwasserstellen; sprach die einzigen Worte mit dem Mann in der Bar hier, um den Schlüssel zur Herberge zu bekommen... ...und war zum Glück gegen halb vier hier, so bekam ich vor der Siesta eben noch eine Tortilla (Kartoffelomlett), denn in den vergangenen zwei Tagen gab es keine Einkaufsmöglichkeit... (...den "Salat" dazu hatte ich mir von den Wegrändern schon mitgebracht: Vogelmiere, Spitzwegerich und Borretschblüten...)

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