Sevilla - einige Tage Pause
Ehe ich mich morgen von Sevilla verabschiede, hier einige Eindrücke aus dieser besonderen Stadt, in welcher ich allerdings vor allem und fast ausschließlich auf der Dachterrasse...
Veröffentlicht: 23.03.2026


































Sonntag; ich sitze in einer Albergue Municipal, einer öffentlichen Pilgerherberge, heiß geduscht, trocken angezogen, trotzdem fröstelig - und all meine restliche Kleidung hängt auf der Leine im Wind, um möglichst wieder trocken zu werden: auf den letzten anderthalb Kilometer hierher geriet ich unvermittelt in heftigen Regen und kam klatschnass und kalt hier an. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich der Weg in braune Bäche und die steilen Kopfsteinpflastersträßle des Ortes in nasse Rutachbahnen. Im Nachhinein wurde ich als einzige kalt geduscht: D., den letzten Ort verlassend, während ich dort Pause machte und auch die Kirche nach Ende der Messe noch besah, kam noch trocken hier an, die später nach und nach eintrudelten gerieten nicht mehr in den Wolkenbruch; so erlebt jeder den Weg anders...
Seit 6 (inzwischen schon wieder 7...) Tagen pilgere ich nun auf der "Via de la Plata" (ein Camino de Santiago bzw. der GR100), von Sevilla aus zunächst immer Richtung Norden. "Via", da es sich um den Verlauf einer alten Römerstraße handelt, welche Sevilla im Süden mit Astorga im Norden verband; "de la Plata" hat nichts mit Silber zu tun, sondern geht wohl auf das maurische "Bal'latta" zurück, was "breiter, gepflasterter Weg" bedeutete, daraus soll dann Via de la Plata geworden sein.
Beim Verlassen des Stadtgebiets von Sevilla überquerte der Weg den eigentlichen Fluss Guadalquivir (der schöne, saubere im Stadtinneren ist eine Art abgeleiteter Kanal): schlammbraune Fluten. In Santiponce dann überdeutlich die Spuren der Römerzeit, da hieß der damals große Ort "Italica" und wenn ich es richtig verstand, war nur das Kolosseum in Rom größer als das Amphitheater hier. Es ist beeindruckend, was alles noch erhalten ist bzw. freigelegt wurde, bis hin zu Bodenmosaiken und einem Gemeinschaftsklo, sogar schon WC: eine Steinbank mit mehreren runden Löchern nebeneinander, darunter ein Wassergraben, davor ein stilvolles Mosaik - ich frage mich, weshalb es dann "bei uns" im Mittelalter solch unhygienische Zustände gab? hätte man sich da nicht was von den Römern abgucken können? Darüber hinaus ist es eher beklemmend in den Gängen "hinter" der Arena zu gehen, erahnend, welche Dramen sich hier einstmals abgespielt haben mögen...
Die ersten Tage wanderte ich meist in Sonnenschein und tags hatte es auch schonmal 20, 22°C, aber da die Nächte noch kalt sind und es seitdem auch immer wieder regnet, außerdem die Landschaft nach wie vor eher zu nass ist, um trockene Schlafplätze zu finden, nutze ich dankbar das Netz der günstigen Pilgerherbergen, welche es an der Via de la Plata in vielen Orten gibt. Inzwischen so spät im März, sind doch schon einige Peregrinos unterwegs (aus Spanien, Italien, Deutschland, Irland, Russland, Frankreich und der Schweiz...) und es ist auch nett, den ein und anderen mehrmals zur Nacht zu treffen und so dann mit der Zeit auch in tiefere Gespräche zu kommen - ohnehin verliert man sich auch wieder. Gleich am ersten Abend trudele ich recht spät in Guillema an der Herberge ein und bin doch sehr erstaunt, bereits 20 weitere Pilger anzutreffen! Der Herbergsvater (ein deutscher Rentner, der seit Jahren immer wieder für einige Zeit hier diesen Dienst versieht) versichert, es sei nun die erste Nacht mit diesem Andrang, bisher seien es mal 5, mal 3, mal 10 Pilger gewesen... Nun, abgesehen vom ein oder anderen heftigen Schnarcher und vom Schlafen in Stockbetten mit vielen anderen... sind die Pilgerherbergen für meist 10,- bis 15,- eine gute Möglichkeit nach einer langen Wanderung anzukommen (vor allem natürlich, wenn man durchweicht daherkommt!)
Andalusien ließ ich inzwischen hinter mir und wechselte in die Provinz Extremadura. Insgesamt steigt der Weg am zweiten Tag nach Sevilla auf mindestens 300 m Höhe an und seitdem bewege ich mich auf um die 500, bzw. Monesterio liegt auf gut 700m Höhe. Es ging, noch in Andalusien, durch den Naturpark Sierra Norte: vor allem Korkeichen und Pinien; Steineichen und Korkeichen wachsen eher wie unsere Hochstammwiesen in parkähnlich offener Landschaft, während die Pinien wirklich als Wald erscheinen: lauter dunkelgrüne Bälle und offensichtlich auf Terrassenstufen gepflanzt (um das Wasser zurückzuhalten?)
Ich verstehe jetzt, was es in vielen Beschreibungen heißt "die Zistrosen blühen" - weiße und rosa Blüten wie Heckenrosen, nur dass die Blätter und Sträucher ganz anders sind und die Dornen fehlen. So viel Blühen bereits (dass ich mich bei all diesen "Sommerblumen" frage, was dann im Sommer eigentlich noch blüht, oder ob dann alles vertrocknet?), auch immer wieder verschiedene faszinierend-schöne Orchideen.
Rote Erde, riesige Kakteen am Wegrand, Oliven- oder Orangen- oder Solarplantagen, seit heute auch Reben; ein Hase hoppelt über den Weg, Vögel singen (einige Zeit begleiten hohe trockene Disteln den Weg und viele Distelfinken sind farbenfroh "in ihnen" zu gange - wie lange schon sah ich keine Distelfinken mehr!), stellenweise ist der Weg überweht von weißen Kirschblütenblättern, einmal die Haut einer größeren Schlange am Straßenrand... Es geht gut bergauf und dann öffnet sich der Blick weit ins grüne, hügelige Land, dazwischen flammt gelb der Ginster und rosa wölkt etwas wie riesiges Heidekraut, verdeckter und leiser das blasse Lila von wildem Rosmarin - es geht ein eisiger Wind und ist inzwischen dunkel-dunstig, als ich nach bald 28 km an den höchsten Punkt auf gut 550m komme, weit unten liegt das weiße Dorf Almadén de la Plata mit einem weißen und einem roten Kirchturm (wobei der rote sich später als Rathausturm entpuppt); steil und ohne Serpentinen geht es abwärts.
Auf allen Kirchtürmen gibt es Storchennester, über den Kirchenportalen und anderswo kleben Schwalbennester (von der roten Erde sind sie hier oft sehr rötlich). Außerhalb des Naturparks ist natürlich rechts und links der Wege meist engezäuntes Privatland, bzw. eingemauertes: oft sind es dieser Tage hübsche Natursteinmauern. Wenn es dann, wie in den letzten drei Tagen, regnerisch, düster-wolkig, nebelverhangen und nass ist, wirkt die Landschaft mit diesen Steinmauern eher englisch oder schottisch...
Viele Rinder, Schafe (mit herzigen Lämmle), Ziegen, Pferde, Esel und hier nun vor allem die berühmten iberischen schwarzen Schweine (mit herzigen Ferkeln), deren geräucherte Keulen in jedem Laden von der Decke hängen - in Monesterio vorgestern gab es sogar ein großes Museum dazu sowie viele Läden mit nichts anderem als den Erzeugnissen dieser Schweine; ich muss gestehen, bereits von ihrem Schinken gekostet zu haben und er ist wirklich zart und köstlich...); die Schafe haben oft Glocken umgehängt, was dann einen lauten, aber nicht unangenehmen Klangteppich erzeugt.
Früh vor Tag in den Sonnenaufgang hinein zu wandern, während die Vögel rundherum zwitschern und es entweder Farben am Horizont gibt oder (wie die letzten Tage) im Nieselregen nur unmerklich nach und nach hell wird; die ersten 4 Stunden des Tages keinem Menschen zu begegnen, einfach still und meditativ für sich Kilometer um Kilometer dahinwandern, dabei einige Morgenlieder singen - da wird dann auch unwesentlich, dass die Schultern vom schweren Rucksack schmerzen oder sonst nicht immer alles ganz schmerzfrei und bequem ist...
Inzwischen ist es offenes Agrarland, hier neben Oliven vor allem Weizen und Wein. Es schmerzt zu sehen, wie oft die weitflächig zwischen Reben oder Olivenbäumchen unbedeckte Erde erodiert! Die ersten 10 km des heutigen Weges schallte leider immer die nahe Autobahn herüber, später wurde es still.
Da die Nationalstraße und die Autobahn "Autovia Ruta de la Plata" letztlich ebenfalls dem alten römischen Streckenverlauf folgen, bleibt es nicht aus, dass die Autobahn immer wieder mal gehört wird, bzw. unter- oder überschritten werden muss. Jedesmal ist dies wie die Begegnung mit einer anderen Kultur oder Zeit... ...besonders wenn nach 15 oder 20 km in Ruhe durch einsame Felder eine Autobahnraststätte mit Omnibusreisenden, Autofahrern und Fastfoodtheke der Ort ist, um die Wasserflasche nachgefüllt zu bekommen...
Einige Zeit durchstreifte ich mittags das hübsche noch recht mittelalterlich erhaltene Zafra, während mein Rucksack in der Herberge stehen konnte, in welcher "die anderen" zur Nacht blieben. Ich wanderte noch weiter und bin nun heute alleine in einer kleinen, günstigeren Herberge im nächsten Ort nach Zafra; den "Schlüssel" (Zahlencode) erhielt ich beim Touristenbüro...
