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Kulis und Kapitalisten in Medan

Veröffentlicht: 17.07.2026

Attraktion
Tjong A Fie Museum
Medan, Indonesien
Essen
Tip Top
$ · Abendessen
Attraktion
Istana Maimun
Medan, Indonesien
Attraktion
Masjid Raya Al-Mashun
Medan, Indonesien
Sehenswert
Kesawan-Viertel
Medan, Indonesien
Attraktion
Shrine of Graha Maria Annai Velangkanni
Medan, Indonesien
Essen
Healy Mac’s
$ · Snack

Am 28. Mai 2026 kam ich nach einer mehrtägigen Fahrt durch den Norden Sumatras in Medan an. Die Autobahnausfahrt war mit «Helvetia» angeschrieben. Natürlich stellte sich umgehend die Frage, wie sich der lateinische Name der Schweiz hierhin verirrt hatte, und schon steckte ich mitten in der Geschichte Medans, der Millionenstadt auf dieser riesigen indonesischen Insel. Die meisten Touristen verweilen nicht hier, sondern reisen direkt weiter zum Tobasee oder in die Berge von Bukit Lawang, wo sie Urwald-Trekkings buchen, um die letzten Orang-Utans zu sichten.

Wer nicht bleibt, erfährt nicht, was er in Medan verpasst. Das Sultanat Deli, zu dessen Zentrum Medan werden sollte, wurde um 1630/1632 gegründet. Sein Name verweist auf die indische Stadt Delhi, woher die Sul-tansfamilie eingewandert war. Wenige Jahre später eroberten die Nieder-länder die Gegend. Der Sultan schlug sich auf ihre Seite. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen die Kolonisatoren, riesige Plantagen anzulegen, nachdem ein Landsmann namens Jacobus Nienhuys (1836–1928) auf Veranlassung des Sultans ab 1864 erfolgreiche Versuche mit Tabakanbau gemacht hatte.

Mit Tabak stinkreich geworden…

Um 1865 kam auch der Schweizer Albert Breker (gestorben 1884) nach Su-matra und erhielt vom Sultan von Deli eine Konzession für den Tabak-anbau. Breker war zuvor in Britisch-Indien für die Handelsfirma Volkhart aus Winterthur bei Zürich tätig gewesen. Er nannte sein Gut auf Sumatra «Helvetia». Der Plantagenname blieb erhalten, auch als die Stadt Medan zum Verwaltungszentrum der ganzen Gegend wurde. Heute ist Helvetia einer der 21 Stadtbezirke der Millionenstadt, deshalb das Schild an der Autobahnausfahrt.

Breker holte 1869 einen weiteren Schweizer zu Hilfe, einen Mann namens Carl Fürchtegott Grob (1830–1893). Dieser machte sich zusammen mit einem Kollegen aus Lindau später selbständig. Grob wurde in wenigen Jahren unermesslich reich. Er kehrte um 1880 nach Zürich zurück und liess, um seine finanzielle Potenz zu manifestieren, im Zürcher Stadtteil Riesbach 1883 bis 1885 die Villa Patumbah bauen, die heute dem Schwei-zer Heimatschutz als Sitz der Geschäftsstelle dient. Als ich noch in Zürich lebte, fragte ich mich, woher der prachtvolle Palast im Stil der Neu-Renaissance seinen exotischen Namen hatte. Jetzt, hier in Medan, weiss ich es: Patumbak war der Name des Ortes, neben dem Grob seine erste Plan-tage anlegte, die er ebenfalls Patumbak nannte.

Besagter Jacobus Nienhuys gründete 1869 zusammen mit weiteren Hol-ländern die Deli Maatschappij (Deli-Gesellschaft), nachdem er Verträge für Landkonzessionen mit dem Sultan geschlossen hatte. Mit seinem erst-klassigen Tabak wurde das Unternehmen extrem profitabel. Gleichzeitig wurde Medan, wo die Deli-Gesellschaft ihren Hauptsitz errichtete, vom kleinen Dorf innert kürzester Zeit zu einem bedeutenden Zentrum und zeitweise zur wohlhabendsten Stadt Indonesiens. Die Deli-Gesellschaft baute Strassen, Schulen, Krankenhäuser und eine Eisenbahnlinie und rich-tete Telefon- und Telegrafenverbindungen ein.

…dank moderner Sklaverei

Allerdings hatte der enorme Reichtum der Europäer seine Schattenseiten: Die Pflanzer rekrutierten Zehntausende Arbeiter, so genannte Kulis, vor allem in China und auf Java. Man kann deren Situation als moderne Sklaverei betrachten. Um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es deswegen internationale Proteste. Nienhuys selber musste Sumatra schon früh ver-lassen, weil er einer Anklage entgehen wollte. Man warf ihm vor, 1867 oder 1868 für den Tod von sieben Kulis verantwortlich gewesen zu sein, die zu Tode geprügelt worden waren.

Nicht alle Chinesen allerdings schufteten für Hungerlöhne und unter kras-sen Bedingungen auf den Feldern. Es gab auch einige stinkreiche chine-sische Geschäftsleute und indische Unternehmer. Der bekannteste war Tjong A Fie (1860–1921), ursprünglich aus der chinesischen Provinz Gu-angdong, der mit Opiumhandel, Tabak, Kautschuk, Zucker, Banken, Trans-portunternehmen und Immobilien ein riesiges Vermögen scheffelte und ge-schickt zwischen den holländischen Kolonialisten, den Chinesen und dem Hof des Sultans lavierte. 

Tjong A Fies prachtvolle Stadtresidenz ist heute als Museum zugänglich. 35 Zimmer und Repräsentationsräume, erbaut in einer Mischung aus tradi-tionellem chinesischem und viktorianischem Stil, zeugen von enormem Reichtum.

Das Stadtpalais steht im historisches Viertel Kesawan, einst dem pu-lsierenden Zentrum der Stadt. Auf alten Fotografien, die im Fie-Museum an den Wänden hängen, kann man erahnen, wie elegant dieses Viertel einst war, die Strassen gesäumt von gepflegten Gebäuden im Stil des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Erste Automobile verstopften und ver-pesteten die Stadt noch nicht, anders als heute, wo Medan wie die meisten anderen Millionenmetropolen einen fast permanenten Verkehrsinfarkt er-leidet. Tjong A Fie war übrigens an einer Firma beteiligt, die Autos der Marke Studebaker aus den USA importierte, die er selber schon in den 1910er-Jahren fuhr.

Nostalgischer Charme

Heute lässt sich die einstige Noblesse des Kesawan-Viertels noch erahnen, wenngleich sich auch hier stillose, moderne Bauten in die Häuserzeilen gezwängt haben und ein Teil der alten Bausubstanz am Zerfallen ist. Sehr gut erhalten ist der ehemalige Sitz der Pflanzer-Vereinigung, ein auffälliges weisses Gebäude mit Turm, das 1918/19 von einem holländischen Archi-tekten mit starker Anlehnung an den Jugendstil erbaut wurde. Es beher-bergt das Indonesische Plantagenmuseum. 

Auch weitere historische Gebäude an der Kesawan-Strasse fallen auf. Und wenn ich schon hier bin, muss ich mich natürlich im «Tip Top» verkö-stigen, einem Restaurant, das 1934 eröffnet wurde und seither seinen no-stalgischen Charme mit Vintage-Möbeln, Rattan-Stühlen und Decken-ventilatoren bewahrt hat. Auch viele Rezepte, sowohl für indonesische wie auch europäische Speisen und niederländische Backwaren, stammen aus den 1930er-Jahren.

Auch die Sultane von Deli profitierten als Landbesitzer von der Plan-tagenwirtschaft. Die Herrscherfamilie liess Ende des 19. Jahrhunderts den Maimun-Palast erbauen. Der Palast ist eine farbenprächtige architek-tonische Melange: Die markanten Dachkuppeln sind von der arabischen Architektur beeinflusst, die Hufeisenbögen vom islamisch-maurischen Stil in Nordafrika und Andalusien. Im Inneren wurden spanische Fliesen verlegt, Fenster und Möbel vereinen europäische, vor allem italienische, und malaiische Kultur. Im Innern des Palastes geht es profan zu: Hier hat sich ein Touristenbasar eingenistet

Die niederländische Herrschaft ging 1942 durch die japanische Eroberung Sumatras jäh zu Ende. Die Japaner beliessen den Sultan aber formal im Amt, um die Verwaltung der kriegswichtigen Plantagen (Kautschuk und Palmöl) zu gewährleisten und Unruhen unter den Einheimischen zu ver-hindern. Nach der japanischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg gab es in Teilen des heutigen Indonesiens, auch auf Sumatra, einen Krieg einerseits gegen die Holländer, die «ihre» Kolonie zurückwollten, und anderseits zwischen unterschiedlichen indonesischen Bewegungen: konservative, re-volutionäre, kommunistische. 

Viele alte Herrscherfamilien wurden ermordet, nicht aber der Sultan von Deli. Mit der Gründung der Republik Indonesien verlor er zwar jede poli-tische Bedeutung, durfte aber den Titel behalten und vererben. Der 14. Sul-tan aus der Deli-Dynastie ist Mahmud Lamanjiji Perkasa Alam. Er war bei seiner Inthroinsdation 2055 nach dem Tod seines Vaters acht Jahre alt.

Muslime, Christen, Buddhisten, Hindus

In der Nähe des Sultanpalastes besuche ich die Masjid Raya Al-Mashun, die Grosse Moschee. Auch dieser imposante Sakralbau, 1909 eröffnet, vereint Elemente aus verschiedenen Kulturkreisen harmonisch mit-einander: Das Gebäude hat einen kreuzförmigen Grundriss, was euro-päischen Bauprinzipien entspricht. Die fünf schwarzen, achteckigen Kup-peln erinnern an den traditionellen indisch-islamischen Baustil der Mogul-zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts. Die Haupteingänge und Fensteröffnungen sind als Hufeisen- und Spitzbögen gestaltet, typisch für die maurische Architektur. Die Innenausstattung hingegen, Marmor, Buntglasfenster und Kronleuchter, wurde aus Italien und Frankreich importiert.

Medan ist eine religiös durchmischte Stadt, in der Muslime etwa zwei Drittel, Christen ein Viertel der Bevölkerung ausmachen und es budd-histische und hinduistische Minderheiten gibt. Manchmal geraten ihre Symbole durcheinander. So erinnert der Shrine of Graha Maria Annai Velangkanni an einen hinduistischen Tempel. Tatsächlich ist es eine katho-lische, der Jungfrau Maria geweihte Wallfahrtskirche, die ein indischer Je-suit vor rund 20 Jahren errichten liess. 

Eine Nonne aus Bali, die mich in einem Nebenraum anspricht, erklärt mir den Namen dieses skurrilen Gebildes. Er bedeutet «Heiligtum von Marias Haus, der Mutter von Velangkanni», und ist aus mehreren Sprachen zusammengewürfelt: Shrine (Englisch): Heiligtum oder Wallfahrtsort. Graha (Sanskrit/Indonesisch): Haus, Tempel oder Palast. Annai (Tamil): Mutter. Velangkanni bezieht sich auf einen Küstenort im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, dem «indischen Lourdes». Dort soll Maria im 16. und 17. Jahrhundert armen tamilischen Kindern mehrmals erschienen sein und Wunder gewirkt haben.

Nein, an Wunder glaube ich nicht. Aber dass ich ein paar Tage in Medan geblieben bin und mich intensiv mit seiner Geschichte befasst habe, war, intuitiv, eine gute Entscheidung. Ich stiess darauf in meinem Lieblingspub in Medan, dem «Healy Mac’s», mit einem Gin Tonic auf mich selber an.

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