«Bulgariens Toskana» will entdeckt werden
Antike Stätten, alte Dörfer, Weinbaugebiete – der Südwesten Bulgariens ist noch nicht bekannt. Vom 22. bis 25, Oktober war ich in der «Bulgarischen Toskana»..

Veröffentlicht: 10.06.2026
Die Provinzstadt Petrich im äussersten Südwesten Bulgariens ist für viele eine Art Wallfahrtsort. Die Stadt lag bis 1990 in einem militärischen Sperrgebiet, weil hier das kommunistische Bulgarien an das NATO-Mitglied Griechenland angrenzte. Petrich durfte nur mit einer Sonderbewilligung besucht werden. Das hinderte zahllose Bulgarinnen und Bulgaren und auch Besucher aus dem Ausland nicht daran, hierher zu pilgern, um Baba Wanga (1911 bis 1996) nahe zu sein.
Wir haben am 23. Oktober 2025 ihr Wohnhaus in Petrich besucht, in dessen lauschigem Garten auf einem Steinsockel zwischen Zitronenbäumen eine Büste der Seherin thront.
Wangelija Pandewa Dimitrowa, verheiratete Gutschterowa, wurde 1911 in Strumica geboren. Die Region spiegelt die wechselvolle Geschichte des Balkans besonders eindrücklich wider: Strumica gehörte zu Bulgarien, zu Byzanz, dann wieder zu Bulgarien, dann 500 Jahre lang zum Osmanischen Reich, nach dessen Zerfall wieder zu Bulgarien, nach dem Ersten Weltkrieg zum neu gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (dem späteren Jugoslawien), im Zweiten Weltkrieg wieder zu Bulgarien, nach Kriegsende wieder zu Jugoslawien und schliesslich, mit dessen Aufsplitterung, seit 1991 zur Republik Nordmazedonien.
Wie Wanga erblindete
Wangas Kindheit war von Armut geprägt. Während dem Ersten Weltkrieg kämpfte ihr Vater in der bulgarischen Armee, welche an der Seite der späteren Verlierer, der Deutschen und Österreicher, in den Krieg eingetreten war. Ihre Mutter starb früh. Das Ereignis, das ihr ganzes Leben prägen sollte, fand laut Überlieferung statt, als sie zwölf Jahre alt war. Sie wurde bei einem Sturm von einem Wirbel erfasst und weggeschleudert. Erst Tage später fand man sie schwer verletzt und mit Sand in den Augen. Da die Familie die Mittel für eine medizinische Behandlung nicht aufbringen konnte, erblindete sie in der Folge vollständig.
Zwischen 1925 und 1928 besuchte Wanga eine Blindenschule in Zemun, Serbien, wo sie Stricken, Kochen und die Brailleschrift erlernte. Nach dem Tod ihrer Stiefmutter kehrte sie nach Hause zurück, um sich um ihre jüngeren Geschwister zu kümmern. 1942 heiratete sie und kam nach Petrich. Ab 1947 lebte sie während fast 50 Jahren in dem kleinen Stadthaus, das ihr Mann Dimitar Gutschterow für sie gebaut hatte. Dieser starb bereits 1962.
Baba Wangas Karriere als Heilerin und Seherin begann während des Zweiten Weltkriegs. Besucher suchten sie auf, um Informationen über den Verbleib von vermissten Soldaten und Angehörigen zu erhalten oder um Krankheiten behandeln zu lassen. Bald kamen auch Politiker und Staatsoberhäupter: Im April 1942 besuchte sie der bulgarische König Boris III., und bald genoss Wanga auch in der sowjetischen Elite enorme Popularität. So suchte Leonid Breschnew, der sowjetische Staats- und Parteichef, Rat bei ihr.
Ljudmila Schiwkowa, die Tochter des langjährigen bulgarischen kommunistischen Diktators Todor Schiwkow, war Kulturministerin und hatte einen Hang zur Esoterik. Sie wurde zu Wangas enger Freundin und Beschützerin Wangas und sorgte dafür, dass die Seherin staatlich legitimiert und finanziert wurde.
Der offiziell vom Regime anerkannte sowjetische Schriftsteller, Dichter und Mystiker Walentin Mitrofanowitsch Sidorow, der eine spirituell-esoterische Weltanschauung entwickelte, besuchte Wanga in den 1970er- und 1980er-Jahren mehrmals. Seine späteren Bücher und Berichte über diese Treffen steigerten Wangas Kultstatus in Russland extrem. Leonid Maximowitsch Leonow, ein weiterer hochdekorierter sowjetischer Schriftsteller, besuchte Wanga ebenfalls mehrmals in Petrich.
Kraftort im Vulkankrater
Ausserhalb von Petrich, in Rupite im Krater des erloschenen Vulkans Kozhuh, bezog Baba Wanga etwa 1970 ein weiteres Haus, vor dem die Menschen bis zu ihrem Tod 1996 tagtäglich Schlange standen in der Hoffnung, von ihr angesprochen zu werden. Das Haus wurde später als Museum eingerichtet. Rupite war für Wanga weit mehr als ein Wohnsitz; sie bezeichnete ihn als Kraftort, liess dort die Kirche der Heiligen Petka errichten, und auch ihr Grab befindet sich in Rupite.
Dass der Bürgermeister von Petrich, Dimitar Brachkov, Rupite aussuchte, um zu unserer Journalistengruppe zu reden, ist wohl kein Zufall: Neben dem Wein aus dem «Sonnental» im Umland von Petrich ist Baba Wanga – «Baba» heisst ganz einfach «Grossmutter» – das Bekannteste, was die Region zu bieten hat. Im Krater befinden sich übrigens auch heisse Quellen, in deren sumpfigem Wasser sich Menschen in Badekleidern suhlen.
Baba Wanga, erzählt man sich, sei eine Art neuzeitlicher Nostradamus gewesen sein. In ihrem Haus in Petrich hören wir, dass sie den Super-GAU von Tschernobyl 1986, den Untergang der Sowjetunion 1991, den Tod von Prinzessin Diana 1997, das Attentat vom 11. September 2001 in den USA und den Krieg Russlands gegen die Ukraine vorausgesagt habe. Allerdings soll sie für 2010 auch den Ausbruch des Dritten Weltkriegs prophezeit haben, der bekanntlich damals nicht stattfand.
Wie viel von diesen Erzählungen Tatsache ist und wie viel Legende, weiss ich natürlich nicht, wobei ich zugebe, dass ich von Natur aus und wegen meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Journalist eindeutig zu den Skeptikern gehöre. Kritische Beobachter weisen darauf hin, dass viele der ihr zugeschriebenen Vorhersagen erst nach den tatsächlichen Ereignissen veröffentlicht wurden oder so vage formuliert waren, dass sie nachträglich interpretiert werden konnten. Zudem existieren zahlreiche Listen mit angeblichen Prophezeiungen im Internet, die nachweislich gefälscht sind.
So oder so wird Wanga bis heute wie eine Heilige verehrt. Ihr Haus in Petrich und ihre Wirkungsstätte im Kozhuh-Krater erhalten ihr Andenken lebendig und sind beliebte Ausflugsziele vor allem für Bulgaren und Russen.
