Ciaosescu Bucuresci
"Check in is only after 2 pm", begrüßt mich schroff der kleine um die 60jährige Hostel-Besitzer mit weißem Bart und Halbglatze und blockiert den kleinen Eingangsflur des...


Veröffentlicht: 16.07.2025









Die beiden Backpacker checken aus, ich gerade ein, aber sie laden mich freundlicherweise zu einer kurzen Wanderung ein, bevor sie den Bus zurück in die Stadt nehmen. Selbstverständlich schlage ich das nicht aus. Der langersehnte Schlaf nach der Nachtfahrt kann auch noch warten, schließlich ist das Zimmer auch erst in ein paar Stunden bereit und ich bin nach Frühstück und Tee wieder startklar.Auf der Wanderung stellt sich Ewan als waschechter Outback-Australier heraus. Als wir an einem klaren Bach vorbeikommen, sagt er: "I wonder how cold it is...". "Ich kann's dir auf einem Blick sagen.", denke ich mir, "Arschkalt!". Er testet es trotzdem und zwei Minuten später hockt er in Unterhose mitten im Wasser und hat Spaß am Frieren. Später zeigt mir Sophie Fotos von Ewan, wie er bis auf 5 oder 6 Meter Höhe einen Nadelbaum hochklettert.
Crocodile Dundee erzählt uns von seiner Heimat im Norden Australiens und davon, dass die Strände dort im Wechsel von Wasserschlangen, Krokodilen und giftigen Riesenquallen heimgesucht werden. Choose your Endgegner. Da kann ich also je nach Saison wählen, welchem Tier ich mich am liebsten aussetze.Nach einem Bier in einer Baude oberhalb der Bushaltestelle verabschiede ich mich von den beiden und danke ihnen für die Einladung zum Mitwandern. Es hat mir meinen Bulgarien-Einstieg klar erleichtert, auch wenn ich mich zum Eisbaden und Bäume Hochklettern noch nicht bereit fühle.
Für osteuropäische Verhältnisse sind die Bulgaren relativ freundlich. Aller drei entgegenkommenden Wanderer werde ich zurückgegrüßt, als ich hoch zum Cherni Vrach laufe und so lerne ich - learning by hearing - den Gruß Strawej endlich richtig auszusprechen.Oben am Gipfel ist high life. Partymucke aus einer Bloetooth Box, Typen rauchend am Grill haben einen Barbecue-Stand aufgebaut und verkaufen Kebab, Salate und Plastikflaschen mit abgefülltem Feigensaft. Ich stelle mich an der langen Schlange an und freue mich über das unerwartete Gipfelessen.
Zurück in Sofia wird mein erster Eindruck bestätigt. Bulgaren sind irgendwie individueller gekleidet als Rumänen. Es ist nicht nur eine freundlicher wirkende sondern auch jüngere Stadt. Die Mode ist bei manchen in den 2000ern stehen geblieben. Mich erinnert das an auf der Kiwi in der Innenstadt chillen 2008. Emo Culture never died in Sofia.
Auf meiner Walking Tour erfahre ich einen weiteren Grund, warum mir Bulgarien so viel mehr sympathischer ist als Rumänien. Im 2. Weltkrieg überschritten nie Deportationen von Juden die bulgarische Grenze. Es war vor allem der zivile Widerstand, der die jüdische Bevölkerung vor der Vernichtung bewahrte.
Die Tour endet vor der namensgebenden Hagia Sophia und vor einer Freilichtbühne, auf der Les Miserables geprobt wird. Ein weiterer kostenloses Konzert erwartet mich auf dem Rückweg nahe der Markthallen. Aus einem Eckhaus erklingt eine E-Gitarre. Ich lehne mich an einen Straßenpoller, höre zu und füttere streundende Katzen. Nachdem der / die unbekannte Musiker/in mit Wish you were here von Pink Floyd endet, möchte ich am liebsten "one more song" nach oben rufen, traue mich aber nicht, die abendliche Atmosphäre zu stören.
Im Hostel sitze ich in der Küche auf der Couch während neben mir ein älterer Brite vor sich hin fluchend sein online Spiel kommentiert. Ich komme mit Christian aus Friedrichshain ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass er sich *auch* in einem halbjährigen Sabbatical befindet und *auch* über Istanbul, Türkei nach Georgien reist. Allerdings ist er seit April unterwegs und hat vor Bulgarien den kompletten Balkan bereist. Ich nicke anerkennend während er mir Zugrouten und Städtenamen nennt, von denen mir die meisten unbenannt sind. Auf eine Art ist Christian der Pionier meiner Reise, Entdecker neuer Welten. Er weiß, wie es sich anfühlt, länger als zwei Wochen unterwegs zu sein. Er hat den Zenit überschritten, ab dem man nicht mehr zur gewohnten Zeit eines Werktätigen halb 8 wach wird. Er hat das Ausschlafen wiedererlernt. Er kennt Ruhephasen, plant nicht, bleibt flexibel. Alles Verhaltensweisen, die ich mir erst noch aneignen muss.Am Bahnhof stelle ich fest, dass mein Bus storniert wurde. Ein schnell gelöstes Problem. Ich laufe schnell zu einem Busunternehmen, das Fahrten nach Istanbul bewirbt. Es fährt tatsächlich für den gleichen Preis und zur gleichen Zeit ein weiterer Nachtbus und von Flixbus erhalte ich eine Kostenerstattung.
