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Thank you, chef! (Chicago)

Veröffentlicht: 14.12.2025

Essen
Mr. Beef
$ · Mittagessen
Essen
Thai Place
$ · Abendessen
Essen
Cole's Bar
$ · Snack
Unterkunft
Hostel
Hostel · Chicago
Tour
Architectural Boat Tour
Tour
Sehenswert
Palmer Square
Chicago, USA
Spaziergang
Palmer Square → Chicago
Chicago, USA
In der fiktionalen US-Serie The Bear kehrt der Fünf-Sterne-Koch Carmen Berzatto in seine Heimat Chicago zurück, um den Sandwich-Laden seines verstorbenen Bruders vor dem Bankrott zu retten. Die Serie ist eine Liebeserklärung an alle Köche und Küchenkräfte, die in den Hinterräumen von Restaurants Tage und Nächte hindurch teilweise bis zur Selbstaufopferung für gutes Essen arbeiten. Ob es nun ein Sandwich in den Händen eines Bauarbeiters um die Ecke geht oder um das Kobe-Steak auf den Tellern in einem hochklassigen Restaurant mit Michelin-Stern. Carm und seine Kollegen kämpfen mit Doppel- und Dreifachschichten, Übermüdung und einem eng getaktetem Arbeitsalltag, der nicht mal Pausen für die eigenen Mahlzeiten zulässt. Seinen Ofen nutzt Carm für Marken-Jeans, die er für extra Einnahmen schwarz verkauft. Nach seiner Schicht zieht er sich Fast Food rein, nur um fünf Stunden später wieder von seinem Wecker aus dem Schlaf geklingelt zu werden.

Die Serie ist aber auch eine Hommage an Carm's Heimatstadt. The Bear ist Chicago, Chicago ist The Bear. Die Folgen haben Rhythmus. Die schnell geschnittenen Szenen in den engen Küchengängen sind mit schnellen Jazz-Beats unterlegt. Laut und zackig schmeißen die Köche sich gegenseitig den kitchen slang im Chicagoer Akzent zu: "Corner!", "Behind!", "Hands!", "Heard!", "Chef! Yes, Chef!". Jazz, Essen und eine raue Herzlichkeit. Das ist Chicago. Für mich jedenfalls. Wegen The Bear.


Keine Frage also, dass ich ein paar Tage in der Endstation des Southwest Chief verbringe. Im Sandwich-Shop Mr. Beef hole ich mir eines der triefenden belegten Brote. Das Schnellrestaurant im einstöckigen Klinkerbau war nicht nur Inspiration für The Original Beef, der fiktive Laden von Carmen Berzatto. Es diente in der Pilotfolge von The Bear auch als Drehort, bevor ein Studiobau errichtet wurde. Vom Sitzbereich aus bekomme ich mit, wie es am Tresen politisch wird: "I'm not into politics but if you ask me... Both sides are robbing everyone..." "No man, the Republicans..." Die Atmosphäre ist ähnlich am Kochen wie in L.A. und Albuquerque, aber ich fühle mich in Chicago wesentlich sicherer und das, obwohl die drittgrößte Stadt der USA als eine der gefährlichsten gilt.


In "Cole's Bar" läuft heute eine kostenlose Comedy-Show, Open Mic - jeder, der sich für einen Comedian hält, darf auf die Bühne im im großen Hinterraum der Kneipe und versuchen, die Menge zum Lachen zu bringen. In Berlin funktioniert das mal mehr, mal weniger. Im Mutterland der Comedy erwarte ich mehr.Ich sitze an der Theke und warte, bis die Show anfängt. An der Ecke neben mir sitzen zwei Typen, die sich übers Kino unterhalten. "One battle after another.. I'm still processing that movie" Als ich den Filmtitel höre, schaue ich kurz rüber. "Did you saw that one?", fragt mich der eine. "Yes, but I watched it about two months ago in Hong Kong." Direkt bin ich Teil des Gesprächs.

Dusty ist sofort interessiert, als ich erkläre, dass ich aus Deutschland bin. Er wäre öfter in Berlin. Techno ist sein Ding. Von seinem Flug aus New Orleans ist er noch völlig fertig. Seine Reisetasche liegt hinter ihm.

Der Chicagoer Will ist Koch und hat zusammen mit Freunden ein Fine Dining Restaurant gegründet. Die Verkörperung von Carm aus The Bear, denke ich. Und je mehr er erzählt, desto mehr Parallelen gibt es zur Hauptperson der Serie. Er meint, die realistischste Szene ist, als der Koch Essensreste, die nach einem Streit auf dem Boden gelandet sind, von den Fliesen isst. Es gab Zeiten, da habe Will täglich hintereinander immer das Gleiche gegessen, weil es einfacher war. Drei Mahlzeiten am Tag wären bei den teilweise 14-Stunden-Schichten sowieso nicht drin, erklärt er.

Unrealistisch an der Serie wäre allerdings, wie viele Köche und Hilfskräfte in der Küche angestellt wären. Für einen einfachen Sandwich-Laden jedenfalls. Ein Restaurantbetreiber will so viel einsparen, wie möglich und da fängt man in der Regel bei den Arbeitskräften an.


Von wegen Essen - Dusty und Will hatten noch kein Abendessen und ich werde bei dem ganzen Restaurant-Talk auch hungrig. Wir laufen rüber zum Thai Place, der Will empfohlen wurde. Den Plan, die Comedy-Show zu sehen, habe ich inzwischen verworfen. Wir drei sind auch so witzig genug, um uns gegenseitig zum Lachen zu bringen.

Mein Papaya-Salat schmeckt fantastisch. Meinen letzten hatte ich in Vietnam. Das Tolle an Chicago, schwärmt Will, ist, dass durch die Vielfalt der Stadtteile und ihrer migrantische Bevölkerung, die Gerichte wirklich authentisch sind. Die Restaurants würden sich an die eigene Klientel richten. Chinese-American Restaurants werden auch von Chinese-Americans besucht. Thai-American haben Thai-American Kundschaft usw. Es gibt weniger Touristen und Amis, die es gerne weniger scharf mögen, an die es sich anzupassen gilt.

Will hat vor seiner Kochkarriere studiert und versteht etwas Deutsch. Er ist Kafka-Fan und interessiert sich für Philosophie, u. a. Nietzsche und Heidegger. "An und für sich.", er und Dusty kennen ein paar Ausdrücke und Phrasen auf Deutsch. Dusty war nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg und München unterwegs. Ich erfahre, dass die beiden sich auch gerade erst kennengelernt haben, dabei wirken sie wie alte Freunde, Americans halt. Dusty ist ITler, aber, so wie ich es verstehe, gerade auf der Suche nach einem Zweitjob. Will beschafft ihm einen Vorstellungstermin bei einem befreundeten Restaurantchef. Auch das ist the US in a nutshell.


Ob ich in eine zweite Bar mitkommen möchte?, fragen sich mich. Sie würden schon dafür sorgen, dass ich sicher nach Hause komme. Will erzählt mir eine Geschichte, wie er in der Metro einmal ausgeraubt wurde. "But that only happened cause I was drunk and I fell asleep. I made myself an easy target.", seine Versuche mich zu beruhigen, bewirken eher das Gegenteil, aber ich bewahre mein Gottvertrauen. 

In der zweiten Bar treffen wir Raven. Dusty und er kennen sich anscheinend schon, aber wieder könnte mein Eindruck täuschen. Raven ist Brite bzw. Engländer, wie er sich rücksichtsvoll bezeichnet: "Out of respect for the Scottish, the Irish and the Welsh." Er ist ein aufmerksamer Zuhörer und interessiert sich für meine Reise, vor allem die emotionalen Seiten daran. Seit zwanzig Jahren wohnt er schon in den Staaten. Ich erkenne klar, dass er sich hier in Chicago wohlfühlt, aber auch, dass er Europa vermisst.


Auf dem Weg zur dritten Bar verabschieden wir Dusty, der nach seiner langen Reise von New Orleans und vor seinem Bewerbungstag nun wirklich besser nach Hause fährt. Sie deuten auf eine Brücke und erzählen, dass diese Teil eines ehemaligen Highways ist, der zu einer reinen Fahrradstraße umgebaut wurde und bis nach Downtown führt. Nur nachts dürfe man sie nicht benutzen. Die Chicago Police patroulliert. Das ist vor allem für Leute wie Will, die zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Service Industry arbeiten und das Rad nutzen, bescheuert.

Wir bleiben bis zur closing hour der dritten Bar und ich suche mir gegen 4 Uhr früh ein Uber. Die Taxiapp funktioniert nicht und Raven hilft mir, eine andere App zu finden und zu installieren. Geduldig steht er in der Eiseskälte neben mir und wartet, bis das Taxi kommt. Will hatte mir vorher noch seinen Schal geschenkt, als er mich frieren sehen hat. Keine Widerrede. Wie versprochen, bestehen die Chicagoer darauf, dass ich warm und sicher in meinem Hostel ankomme.


Nach der kurzen Nacht checke ich aus und mache mich auf dem Weg zum Pier. Will hatte im Thai- Restaurant von der Architektur-Bootstour in Chicago geschwärmt. Selbst oder besser gerade als Einheimischer wäre es eine tolle Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen. Fünfzehn Mal habe er die Tour schon gemacht und er hatte mir angeboten, am nächsten Tag zusammen auf dem Boot über den sogenannten Loop zu fahren. Gesagt, gebucht. Wie ausgemacht, treffen wir uns beim Anlegepunkt. Sein Taxi ist nur leider fünf Minuten zu spät und wir verpassen die Abfahrt. Macht nichts. Will hat vietnamesische Banh Mi Sandwiches und Kaffee dabei, was über das abgefahrene Boot hinwegtröstet. Wir reden über Gott und die Welt und über Will's Klavierlehrerin, die aus Ostdeutschland gewesen ist. Sie war eine strenge alte Frau, "a war bride", die nach dem Krieg mit einem GI nach Chicago kam. Bei Leipzig denke er direkt an Bach, meint Will.

Auf dem Weg zu seiner Therapiestunde begleite ich ihn quer durch Chicago und über die an Hamburg erinnernden Brücken. Er erzählt mir vom Straßensystem, was die Nummern und Namen auf den Schildern bedeuten, dass die Brücken zweimal im Jahr aufgehen, um die Boote von und in den Lake Michigan zu lassen. Statt einer Architectural Boat Tour bekomme ich eine Chicago Walking Tour.


Ich warte auf mein Taxi zum Bahnhof mit meinem neuen Schal und einer Wollmütze, die mir jetzt noch Will geschenkt hat und die seine Frau gestrickt hat - auch diese gastfreundliche Geste kann ich nicht abwenden. "She can make me a new one."

"How are you bro?", fragt mich mein Fahrer Marco freundlich, als ich einsteige. Er ist ursprünglich aus Chicago, "born and raised", und habe die Stadt nie länger als einen Monat verlassen. Als ich von der begegnungsreichen Bar Hopping Night in Palmer Square erzähle, erklärt er: "That's Chicago for you. They don't want you to leave their town without having a great time."

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