S'all Good man (Albuquerque)
Es ist eine Zeitreise, über große Entfernungen in den USA Zug zu fahren. Ein genaues Gegenteil der eng getakteten und überpünktlichen Zugfahrten in China und der futuristischen...


Veröffentlicht: 14.12.2025
Die Serie ist aber auch eine Hommage an Carm's Heimatstadt. The Bear ist Chicago, Chicago ist The Bear. Die Folgen haben Rhythmus. Die schnell geschnittenen Szenen in den engen Küchengängen sind mit schnellen Jazz-Beats unterlegt. Laut und zackig schmeißen die Köche sich gegenseitig den kitchen slang im Chicagoer Akzent zu: "Corner!", "Behind!", "Hands!", "Heard!", "Chef! Yes, Chef!". Jazz, Essen und eine raue Herzlichkeit. Das ist Chicago. Für mich jedenfalls. Wegen The Bear.
Dusty ist sofort interessiert, als ich erkläre, dass ich aus Deutschland bin. Er wäre öfter in Berlin. Techno ist sein Ding. Von seinem Flug aus New Orleans ist er noch völlig fertig. Seine Reisetasche liegt hinter ihm.
Der Chicagoer Will ist Koch und hat zusammen mit Freunden ein Fine Dining Restaurant gegründet. Die Verkörperung von Carm aus The Bear, denke ich. Und je mehr er erzählt, desto mehr Parallelen gibt es zur Hauptperson der Serie. Er meint, die realistischste Szene ist, als der Koch Essensreste, die nach einem Streit auf dem Boden gelandet sind, von den Fliesen isst. Es gab Zeiten, da habe Will täglich hintereinander immer das Gleiche gegessen, weil es einfacher war. Drei Mahlzeiten am Tag wären bei den teilweise 14-Stunden-Schichten sowieso nicht drin, erklärt er.
Unrealistisch an der Serie wäre allerdings, wie viele Köche und Hilfskräfte in der Küche angestellt wären. Für einen einfachen Sandwich-Laden jedenfalls. Ein Restaurantbetreiber will so viel einsparen, wie möglich und da fängt man in der Regel bei den Arbeitskräften an.
Mein Papaya-Salat schmeckt fantastisch. Meinen letzten hatte ich in Vietnam. Das Tolle an Chicago, schwärmt Will, ist, dass durch die Vielfalt der Stadtteile und ihrer migrantische Bevölkerung, die Gerichte wirklich authentisch sind. Die Restaurants würden sich an die eigene Klientel richten. Chinese-American Restaurants werden auch von Chinese-Americans besucht. Thai-American haben Thai-American Kundschaft usw. Es gibt weniger Touristen und Amis, die es gerne weniger scharf mögen, an die es sich anzupassen gilt.
Will hat vor seiner Kochkarriere studiert und versteht etwas Deutsch. Er ist Kafka-Fan und interessiert sich für Philosophie, u. a. Nietzsche und Heidegger. "An und für sich.", er und Dusty kennen ein paar Ausdrücke und Phrasen auf Deutsch. Dusty war nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg und München unterwegs. Ich erfahre, dass die beiden sich auch gerade erst kennengelernt haben, dabei wirken sie wie alte Freunde, Americans halt. Dusty ist ITler, aber, so wie ich es verstehe, gerade auf der Suche nach einem Zweitjob. Will beschafft ihm einen Vorstellungstermin bei einem befreundeten Restaurantchef. Auch das ist the US in a nutshell.
In der zweiten Bar treffen wir Raven. Dusty und er kennen sich anscheinend schon, aber wieder könnte mein Eindruck täuschen. Raven ist Brite bzw. Engländer, wie er sich rücksichtsvoll bezeichnet: "Out of respect for the Scottish, the Irish and the Welsh." Er ist ein aufmerksamer Zuhörer und interessiert sich für meine Reise, vor allem die emotionalen Seiten daran. Seit zwanzig Jahren wohnt er schon in den Staaten. Ich erkenne klar, dass er sich hier in Chicago wohlfühlt, aber auch, dass er Europa vermisst.
Wir bleiben bis zur closing hour der dritten Bar und ich suche mir gegen 4 Uhr früh ein Uber. Die Taxiapp funktioniert nicht und Raven hilft mir, eine andere App zu finden und zu installieren. Geduldig steht er in der Eiseskälte neben mir und wartet, bis das Taxi kommt. Will hatte mir vorher noch seinen Schal geschenkt, als er mich frieren sehen hat. Keine Widerrede. Wie versprochen, bestehen die Chicagoer darauf, dass ich warm und sicher in meinem Hostel ankomme.
Auf dem Weg zu seiner Therapiestunde begleite ich ihn quer durch Chicago und über die an Hamburg erinnernden Brücken. Er erzählt mir vom Straßensystem, was die Nummern und Namen auf den Schildern bedeuten, dass die Brücken zweimal im Jahr aufgehen, um die Boote von und in den Lake Michigan zu lassen. Statt einer Architectural Boat Tour bekomme ich eine Chicago Walking Tour.
"How are you bro?", fragt mich mein Fahrer Marco freundlich, als ich einsteige. Er ist ursprünglich aus Chicago, "born and raised", und habe die Stadt nie länger als einen Monat verlassen. Als ich von der begegnungsreichen Bar Hopping Night in Palmer Square erzähle, erklärt er: "That's Chicago for you. They don't want you to leave their town without having a great time."
