Is This Thing On (New York / Philadelphia)
Der Amtrak Zug spukt mich an der Penn Station aus. Ich bin am Ziel meiner Weltreise angekommen. Wenig war konkret, aber Weihnachten in New York, the Big Apple, das hatte ich mir...


Veröffentlicht: 28.12.2025
Während des Fluges von New York nach Berlin zeigt mir der Bildschirm die Flugroute an. Ich zoome mit den Fingern über meine bereisten Länder und muss an das Rainald Grebe Lied Lonely Planet denken:
"Jetzt steh ich hier auf dem Dach
der Welt mit meiner Mastercard
Es ist in Ordnung"
177 Tage, vier Kontinente
und zwei Ozeane später bin ich wieder in Leipzig.
Anfangs hatte ich nicht mal vor, einen
Blog zu schreiben. Am Ende habe ich es vielleicht sogar etwas zu
ernst genommen. Aber es war hilfreich, meine Gedanken festzuhalten.
Zusätzlich zu meinen Notizen und den Einträgen habe ich im Handy eine Liste, nach Datum sortiert, mit
den Menschen, denen ich auf meiner Reise begegnet bin. Eine "human
library", wie es Tania aus Australien, die ich im Hostel in Gifu
getroffen habe, passenderweise genannt hat.
Im Onsen-Hotel in den japanischen Alpen
bin ich diese Liste zum ersten Mal von Anfang an durchgegangen. Das
hat eine Gedankenspirale ausgelöst und mich die halbe Nacht
wachgehalten. Vor meinem inneren Auge habe ich meine Reise an mir
vorbeiziehen sehen. In dem Moment wurde mir klar: Ich hätte viel
früher mal Bilanz ziehen müssen, innehalten und reflektieren
sollen. Meine Erinnerungen hier aufzuschreiben, war das mindeste, um
das Erlebte zu verarbeiten.
Bevor ich aufgebrochen bin, haben mich
Freunde und Kollegen gefragt, ob ich nicht einsam sein würde. Und
obwohl es diese Momente auch gab, bin ich selten so sozial wie auf
Soloreise. Meine "human library" habe ich bis zuletzt
gepflegt. Sie ist der Beweis, dass es leicht ist, überall Kontakte
zu knüpfen, wenn man nur mal den Kopf hebt und den anderen Blick
sucht.
Es klingt etwas abgedroschen, aber das, was am Ende am meisten in Erinnerung bleiben wird, sind nicht nur die
Landschaften und Orte, die ich besucht habe, sondern in erster Linie
die Begegnungen.
Einige davon waren flüchtige, aber
erinnerungswürdige Gespräche. Mit anderen Mitreisenden und Locals
habe ich Namen und Kontakte ausgetauscht. Manche haben mich ein Stück
des Weges begleitet. Aus ein paar der Begegnungen sind potentielle
Freundschaften entstanden. Und um vollends sentimental zu werden,
möchte ich zumindest einen Teil von ihnen hier chronologisch nennen:
Ayoub im Bunker von Brünn; Danna und Owen auf der Walking Tour durch Budapest; Silje und Jitse in Bukarest; Ewan und Sophie im Vitosha-Gebirge; Christian im Hostel in Sofia, den ich später nochmal in Istanbul und Tiflis wiedergetroffen habe; João und Zeynep in Istanbul; Darryn, der mit mir durch Kappadokien und Swanetien gewandert ist; Danni und Glyn in Mestia; Victor, dem ich beim Wandern unterhalb des Koruldi-Passes begegnet bin; Erakle im Dorf Lakhiri; der Barbetreiber in Adishi; der alte Mann, der im Tal von Ushguli mit Darryn und mir Wein geteilt hat; Nana und Leva in Tiflis; Bea in Bangkok; Daniel und Saranna in Chiang Mai; Cat und Gary auf der Gibbon-Tour; Roshni in den Ruinen von Angkor; die Mongolin im Hostel in Siem Reap; Leo, den ich in Hoi An kennengelernt und in Ninh Binh, Hanoi und Ha Giang wiedergetroffen habe; das niederländischen Paar auf der Brücke beim Sonnenuntergang in Ninh Binh; Hau und Kirks in Hanoi; mein Easy Rider Leo in Ha Giang; der nette Cafébesitzer auf Lantau; die ältere Frau, die in Shenzhen mit mir eine Mandarine geteilt hat; die zutrauliche schwarze Katze, die mir in Hongkong über den Weg lief; die taiwanesischen Fluthelfer im Hostel von Hualien; Blacky, der Kayakguide; in Taipeh die Franzosen Theo sowie Axel, den ich einen Monat später bei seiner Familie in Fukuoka besuchen konnte; Silvia mit ihrer Freundin, die Axel und ich im Ausgehviertel von Taipeh kennengelernt haben; die Leute beim Karaoke auf dem Dadaocheng-Nightmarket; die Homestay-Betreiberin Lilly; Xiawei, die mir Hangzhou gezeigt hat; die Chinesin in der Metro zum Flughafen von Peking; Leonhard in Seoul; Tim auf der DMZ-Tour in Korea; Ale und Tran im Hostel in Busan; Aleksander und Constanze auf dem Igidae Coastel Trail; Sel, der spanische Fahrradfahrer auf Weltreise; Alex auf der Fähre nach Japan, mit dem ich Fukuoka erkundet habe; der Australier auf der Walking Tour durch Hiroshima; die Geschwister Claire und Emily in Kyoto; der Belgier auf dem Nakosendo Trail; Plamen, Alexa und Tania mit ihrem Sohn im Hostel in Gifu; Wati auf dem Flug von Sydney nach Nadi; Kyle und Scarlett auf der Fähre in Fidschi; Tailo, die Resortleiterin und Michael und Nicolas in Waya Lailai; Lili in Auckland; Ed und Jil im Zug von LA nach Flagstaff; die beiden Amish auf der Wanderung am Grand Canyon; der Besitzer des Antiquitätenladens in Albuquerque; Will, Dusty und Raven, die mit mir auf Kneipentour in Chicago gegangen sind; mein Freund Robert und seine Freundin Ana in Urbana; mein Cousin Emauel, seine Frau Brittney und ihre Katze Millie in Philadelphia; Alain im Hostel in Brooklyn...
Und das ist nur ein Ausschnitt aus meiner Liste, insgesamt komme ich auf über 200 Menschen aus den verschiedensten Ländern, die ich auf meiner Reise getroffen habe. Kaum ein Tag ist vergangen, an dem ich keine mal mehr und mal weniger zufälligen Begegnungen hatte, an dem ich sympatische Mitreisende oder hilfsbereite Einheimische getroffen habe.
Weil viele nur noch über Instagram
kommunizieren, habe ich mir die App ab der Türkei auch installiert.
Einmal wird mir ein Reel von Kai Pflaume in die Timeline gespült. Er
lässt sich bei einem Lauf durch irgendeine Stadt in Indien filmen.
Als er seine Joggingrunde durch die vollen staubigen Straßen
beendet, meldet er in die Kamera: "So, das Abenteuer haben wir
auch abgehakt." Kai Pflaume geht eben mit der Zeit. Fast Travel,
Bucketlisten, Abenteuer zum Abhaken und Posten.
Es ist gerade trendy, zu reisen und
Länder wie Pokémon zu sammeln. Viele Mitreisende geben einem das
Gefühl, alles mitnehmen zu müssen. Go there, do this, don't miss
out on that. Denn hat man einmal ein Land "gemacht", dann
kehrt man nie mehr zurück. Man muss ja ein anderes neues stattdessen
bereisen. "I did country x already, I wanna do country y now."
Also sieht man sich alle Highlights an, die einem als "must do"
angepriesen werden. Hat man ein oder zwei Leerstellen auf der Liste,
steht man blöd da. In der kompetitiven Welt des Reisquartetts landet
man dann schnell auf der Verliererseite. Wie, du warst einen Monat
lang in Vietnam und hast die Ha Long Bucht nicht gesehen?
In der postmaterialistischen Zeit geht
es nicht mehr wie in der 90er Jahre Sparkassen-Werbung um "Mein
Haus, mein Auto, meine Frau", sondern um die Anzahl an bereisten
Ländern. "50 Countries and counting *Flugzeug emoji*". Dem
Hamsterrads eines klassischen 9 to 5 Jobs entfliehen, indem man in
ein anderes steigt? Man rennt seiner eigenen Fear of Missing Out
hinterher, ohne jemals am Ende anzukommen und verkauft seinen
Hedonismus bescheiden im Gewand der Selbstfindung. Und inwieweit bin
ich nicht sogar Teil davon..?
Dabei muss man heute nicht mehr reisen, um weltgewandt sein. Will aus Chicago ist in seinem Leben nur einmal in Japan und in Puerto Rico gewesen. Er versteht dennoch zwei Fremdsprachen und kennt sich neben seinem Restaurantbetrieb in Philosophie und Geschichte aus. Es macht einen gleichzeitig auch nicht unbedingt spannender oder toleranter, wenn man ins Ausland geht. Der Russe, der auf Cham Island Hitler zitiert und von der Überlegenheit der weißen Rasse schwafelt, war in Russland ein Rassist und bleibt auch einer in Vietnam.
In Nadi, am letzten Abend vor meinem Abflug aus Fidschi, gehe ich kurzentschlossen in ein Friseursalon. In der winzigen Kammer mit gerade mal vier Sesseln vor einem langen Spiegel schneidet Joe seinem Stammkunden Will die Haare. Wo ich herkomme und wo ich demnächst hinfliege, wollen sie wissen. Auckland und im Anschluss Los Angeles. Will erzählt, dass er einmal in den Staaten gewesen ist und erinnert sich an seinen langen Flug nach Los Angeles. Als Mormone habe er in Utah seinen Glaubensbrüdern beim Wiederaufbau einer Siedlung geholfen. Nachdem Will mit seinem Kurzhaarschnitt zufrieden ist, schüttel ich zum Abschied seine Hand und setze mich auf seinen Sessel. Der jüngere Joe führt den üblichen Friseur-Smalltalk. Das Englisch des Friseurs ist etwas einfacher als das des Mormonen Will. Aber dennoch plaudere ich im gleichen Ton weiter. Genau, Auckland als nächstes. "Have you been there?", frage ich ihn locker und bereue es sofort. Joes Augen werden schmal, seine Stimme hebt sich und er hält kurz beim Schneiden inne. "Brother, you come here and fly to my country for your vacation... I have a simple life, very different from yours. I am a simple man. I have a wife and kids and I need to take care of them. I have a simple life. A good life.", im Spiegel sieht er mir in die Augen. "I am sorry, I didn't mean to offend you.", versuche ich mich für die naive Frage zu entschuldigen. Nach einer Minute ist es vergessen und Joe erzählt mir von seinen vier Kindern, von seiner Frau, die im Supermarkt nebenan arbeitet und dass sie beide gleich nach Feierabend den Bus nach Hause nehmen würden. Joe schneidet meine Haare tadellos. Ich hätte es dennoch besser wissen können. In seiner Lebensrealität ist selbst eine Reise ins zwei Flugstunden entfernte Auckland, die Zeit und Geld kostet, völlig absurd.
Als ich in Hanoi in den Flieger steige,
kämpft die Stadt mit den Auswirkungen des Hochwassers. Ein paar
Wochen später lese ich, dass Hoi An wieder unter Wasser steht, in
Hue gab es rekordhohe Niederschläge. Der Klimawandel ist nicht mehr
zu leugnen. Aber Flugscham war mal vor Corona ein Trend, heute
spricht niemand mehr davon. Wenn ich in Asien versuche, das Konzept
von Selbstverantwortung und Auswirkungen auf das Klima zu erklären,
schüttelt man nur verständnislos mit dem Kopf. Hier können die
meisten sowieso nur davon träumen, ein halbes Jahr freizunehmen und
durch die Welt zu gurken. Explain to me, what's a sabbatical?!
Es ist ein Privileg, für das ich
dankbar bin.
"Und jetzt
was soll ich sagen
Ich hab mich gut erholt
Der Urlaub war so toll
Mein Tank war leer
Jetzt ist der Tank wieder voll",
singt Rainald weiter.
Was habe ich gelernt über die Welt oder über mich? Bestimmt einiges. Auf jeden Fall habe ich Frieden geschlossen mit all dem Druck und den Erwartungen, die ich vor sechs Monaten auf der Busfahrt nach Brünn noch gespürt habe. Manchmal hilft es, erstmal Kaffee zu trinken, durchzuatmen und seine Gedanken zu sortieren. Das ist ja auch schon mal eine Erkenntnis.
