"Macksamillion?", ein langer Kerl ruft mir vom Bahnsteig aus zu, während ich schnell Richtung Busstation laufe. Dave, mein Fahrer, hat mich in der Dunkelheit von allen Fahrgästen als den ausgemacht, den er von Flagstaff nach Williams fahren soll. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, dass ich wegen der 90 minütigen Verspätung meinen Anschluss verpasse und dann den Zug, der ab Williams zum Grand Canyon fährt. Dave ist Anfang 70, ein Alt-Hippie mit grauem Ponytail. Sein Look: Jeff Bridges aus The Big Lebowski meets Jeff Bridges aus True Grit. Er vermutet, dass er aufgrund seines Aussehens öfter von den Abhängigen am Bahnhof nach Drogen gefragt wird. Auch in einer Kleinstadt wie Flagstaff scheint das ein Problem zu sein.
"Thank you.", bedanke ich mich, nachdem ich als einziger Passagier im warmen Van sitze und Dave die Tür schließt. "You betcha!", sagt er im typischen Südstaaten-Akzent. Während der 40-minütigen Fahrt erklärt er mir, dass er seine Swimmingpool-Company seinem Sohn vermacht hat, aber nicht einfach in den Ruhestand wechseln möchte und deshalb für Amtrak die Transferstrecke Flagstaff - Williams fährt. Wir sind auf einem Teilabschnitt der berühmten Route 66 unterwegs.
Dave sei fast in
Vietnam gewesen, Spezialeinheit, aber kurz vor seinem Einsatz sei der Krieg zu Ende gegangen. In
Deutschland wäre er auch Mal stationiert gewesen: "But I don't remember which military base."Auf seiner Ranch hatte er schon mit einigen wilden Tieren zu tun gehabt. Einen Berglöwen musste er leider mit seinem Revolver niederschießen. Als er nach Hause kam, fand er das Tier im Hühnerstall. Erst nachdem der Löwe erschossen dalag, erkannte Dave, dass er eigentlich nur über den Zaun springen wollte und nicht zum Angriffssprung angesetzt hatte. "I was very sorry to shoot it."
Er erzählt von Klapperschlangen, die er früher zu Hauf erledigt hatte. Einmal, auf LSD, sei eine der Schlangen mitten in ihrem Lager gewesen. Im Trip auf die rattle snake zielend konnte er sie nicht zwischen den vielen Stöcken auf dem Boden erkennen. Aber dann kickte seine erweiterte Wahrnehmung und er traf sie mitten in den Kopf. Naja, eigentlich keine Heldentat, denn er hätte eine Schrotpatrone benutzt, also Streumunition. Ich erkenne, wie Dave diese Anekdoten schon dutzende Male zum Besten gegeben hat. Jede Pause sitzt. Wie er so in seinem southerner slang eine Geschichte nach der anderen erzählt und dabei durch die schneebedeckten Berge Arizonas im Morgengrauen fährt, komme ich mir vor wie in einer Szene eines Coen Brother Films.
Er setzt mich direkt vor dem Grand Canyon Railway Hotel ab. "You betcha!", er reicht mir meinen Rucksack aus dem Kofferraum. "Enjoy the United States!"
Der Grand Canyon Express ist zweieinhalb Stunden zur berühmten Schlucht unterwegs. Er fährt nicht ab, bevor am Bahnsteig eine viertelstündige Wild West Show gezeigt wird. Ein paar billige Witze und Knallpatronen. Ich steige lieber in den warmen Zug. Wieder einmal bin ich der einzige Solo-Reisende, aber ich falle noch mehr aus dem Raster der üblichen Kundschaft, denn es sind entweder nur Familien oder ältere Paare im Abteil. Ich schätze, Leute in meinem Alter, fahren mit dem Auto zum Canyon, wie generell die meisten. Wie mir auch bald klar wird, ist der Grand Canyon Express in erster Linie dazu da, den Ausflug zum Naturphänomen mit einem Unterhaltungsprogramm zu verbinden. Ein Schaffner im Rentenalter stellt sich aller paar Minuten vor ans Mikrofon, um einen Programmpunkt nach dem anderen anzukündigen oder Handouts auszugeben mit ein paar Fakten zum Canyon und zur Bahnstrecke. Nachdem ich im Zug von L.A. nach Flagstaff kaum Schlaf gefunden habe, versuche ich kurze Powernaps zu halten, aber da habe ich die Rechnung ohne die vielen Unterhaltungskünstler gemacht, die volle Aufmerksamkeit fordern. Ein Gitarrist singt Evergreens und Weihnachtslieder. Einer der Sheriffs aus dem Vorprogramm am Bahnsteig läuft durch den Gang Patrouille. Ich werde wieder aus dem Sekundenschlaf gerissen, als eine junge Fotografin Bilder von den Fahrgästen macht und zur Auflockerung Scherze macht. Als sie zu mir kommt, fragt sie mich: "It's just you? I mean the two of you?" Sie deutet auf mich und meinen Rucksack, der direkt neben mir auf dem Sitz steht. Ich posiere und sie drückt ein paar Mal auf den Auslöser während ich meinen Arm um meinen Rucksack lege. Sie gibt ihm den Namen "Charlene". "Are you sure it's a her?", frage ich sie. Sie schaut einmal prüfend von oben bis unten am Rucksack entlang und meint: "It's definitely a her!" Okay, sie ist tatsächlich ganz witzig.
Als wir im Grand Canyon Village ankommen, hat sich der Schneeschauer verdichtet. "...and there.. is the Grand Canyon.", der Schaffner deutet auf ein Nebelfeld. Er beruhigt uns mit Blick auf das Wetter. Es würde am Nachmittag aufklaren.
Ich mache mich nicht verrückt, denn anders als die Tagesausflügler bleibe ich über Nacht. Ich kann zum Glück vorzeitig Einchecken und hole den Schlaf nach, der mir im Unterhaltungszug verwehrt blieb.
Auf dem Angel Trailhead, der vom Grand Canyon Village hinunter ins Tal fühlt, treffe ich eines der Amish-Paare wieder, die mit mir in Los Angeles in den Zug gestiegen sind. Die beiden hätten zehn Kinder, die allesamt auf ihrer Farm in Wisconsin sind. Für einen Business-Trip sind sie an die Westküste gereist. Er erklärt mir, dass sie sich in bestimmten Situationen Ausnahmen genehmigen, um ansonsten unerlaubte Technik zu benutzen. Zum Beispiel würden sie sich von Nicht-Amish aus benachbarten Dörfern in Autos fahren lassen. Flugzeuge sind allerdings tabu. Anders als ich bisher dachte, sind die Amish People alles andere als ignorant. Er weiß über den Verlauf des Ukrainekriegs bestens Bescheid. Sie erfahren die Nachrichten eben nur aus der Zeitung, nicht blitzaktuell aus dem Fernsehen oder Internet.
Vieles in ihrem Leben sei derzeit im Umbruch. Ihre Farmen wären nicht mehr konkurrenzfähig. Daher verpachten sie ihr Land und machen dadurch mehr Profit als vorher. Eigentlich gut, denn so könnten sie sich auf andere Geschäfte konzentrieren. Er würde jetzt Küchenmöbel handanfertigen, erzählt mir der Amish. Ob er die Entwicklung langfristig für gut halte, möchte ich von ihm wissen. Da ist er skeptisch. Es würde eher dazu führen, dass mehr und mehr Amish ihre traditionelle Lebensweise hinterfragen. Diese führt jetzt konkret dazu, dass seine Frau mit ihren Schuhen nur langsam vorankommt. Die sind eher für den Haushalt und nicht für einen steilen Abstieg im Schnee gedacht. Ich wünsche den beiden noch eine gute Wanderung und laufe zügig hinunter, während die Wolken sich langsam verziehen und den Blick auf mächtige Felsenwände und den weiten Canyon freigeben.
Weiter unten im Canyon liegt kein Schnee mehr, dafür ist der Weg voller Haufen der Maultiere, die für Wandertouren genutzt werden.
Runter ist immer schneller als hoch. Als ich gerade überlege, wie weit ich noch gehen kann, um noch vor Sonnenuntergang wieder oben zu sein, höre ich an einer Serpentinenkurve ein Geräusch. Hinter einem Hügel, keine fünf Meter von mir entfernt, tritt ein Hirsch hervor. Er läuft in meine Richtung und ich trete ein paar Schritte zurück. Meine Anwesenheit scheint ihn nicht weiter zu interessieren. Er läuft im gleichen gemächlichen Tempo den Abhang hinunter, lässt sich für ein paar Minuten von mir betrachten und klettert dann weiter runter. Ich schaue ihm nach und entdecke unten in der Schlucht ein Reh. Die beiden sind wohl zum Date verabredet.
Besser kann es nicht werden, also laufe ich wieder bergauf. Auf halben Weg zieht es sich wieder zu. "It's playing hide and seek.", hatte die Amish-Frau noch das wechselnde Wetter kommentiert. Jetzt schneit es auf einmal kräftig. Zugegebenermaßen wusste ich bis vor ein paar Stunden nicht einmal, dass es im Grand Canyon Schnee geben kann. Der Schneeschauer hält nicht lange an und weiter oben habe ich einen Blick kilometerweit zur nördlichen Seite des Canyons. Er liegt im violett-orangem Dämmerlicht.
Am Abend in der Kantine des Hotels stelle ich aufs Tablet zum Burger eine Büchse Bier. Der Mann an der Kasse macht mich auf die Regeln für Alkoholkonsum aufmerksam. Ich müsse die Büchse vor seinen Augen öffnen und dann innerhalb des Speisesaals trinken. Die Arizonaer dürfen also die einmal gekaufte beer can nicht mit nach draußen nehmen, um unterm klaren Sternenhimmel ein Bier zu trinken. Strenge Regeln im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Nachdem ich Folge geleistet habe, lässt mich der freundlich lächelnde Kassierer passieren. "Now you can start your planning for the hike tomorrow." Er kann Gedanken lesen.
Meine geplante Wanderung führt mich am nächsten Morgen bei Dunkelheit am Rand der Canyonschlucht auf vereisten Wegen Richtung Aussichtspunkt. Ich muss meine Taschenlampe am Handy einschalten, um nicht auf den glatten Pfaden auszurutschen.
Von einem Felsvorsprung, der ca. fünfzig Meter in die Schlucht reicht, habe ich eine grandiose Rundumsicht. Links im Westen geht der Vollmond unter und rechts im Osten die Sonne auf. Wie so die Wolken den Canyon entlanggleiten und sich auflösen und das Sonnenlicht die Felsen lange Schatten schlagen lässt, ist das Bild jede Minute ein anderes. Ein paar hundert Meter weiter liegt ein anderer Aussichtspunkt, zu dem ein paar Amis mit dem Auto gefahren sind. Die Luft ist klar und ich höre trotz der Entfernung ein paar Stimmen und das Zuschlagen von Autotüren. Als die Szenerie aber immer beeindruckender wird, hören auch die letzten auf zu sprechen. So ein Sonnenaufgang über dem Grand Canyon bringt selbst einen Haufen Amis zum Schweigen.
Und wieder bin ich im Höllenzug der Unterhaltung, diesmal zurück nach Williams. Der Schaffner teilt noch mehr Handouts aus: "13 reasons why you are great grandparents", "5 reasons why you are as grand as the Grand Canyon" usw. Ein Countrymusiker im Cowboykostüm singt Johnny Cash Lieder. Mein Foto mit meinem Rucksack "Charlene" wird mir für 40 Dollar und aufwärts angeboten. Nein, danke. Der kleinwüchsige Deputy warnt uns vor einem Überfall und tatsächlich wird der Zug durch zwei schwarz gekleidete Bahnräuber gestoppt. Sie laufen stumm durch den Gang und ich lasse mich um einen Dollar "berauben". Ich würde auch fünf geben, wenn sie bald mal weiterziehen und mich die Landschaft genießen lassen. The cherry on top sind billige Kuhwitze des Schaffners: "How do you call a cow that is running after a train? Fast food." Ohje. Und tatsächlich rennt kurz vor Ankunft am Bahnhof eine Frau im pinken Kuhoverall winkend neben dem Zug hinterher. Ach Gott, wie soll man die Berufsphase denn im Lebenslauf umschreiben?
In der Kleinstadt Williams bleibt noch Zeit vor dem Amtrak-Transfer mit dem Van und ich gehe in ein Diner. Ein paar Pick Up Trucks stehen auf dem übergroßen Parkplatz. Am Tresen sitzen Typen mit Baseball Cap und Jacken in Military Green. Neben dem Eingang ist eine "Shooting Range" mit Plastikgewehren für Kinder aufgebaut. Im Fernsehen laufen lokale Nachrichten: "Fight turns into shooting in Phoenix." Auf dem Bildschirm über dem Tresen dagegen Football und die Hillbilly Reality Show "Duck Dynasty". Eine Serie die einer Redneck-Familie von Entenjägern folgt, die zu Geld gekommen sind. Die amerikanischen Geissens.
Das BBQ-Restaurant mit all den Klischees ist eine Kulisse der Staaten im Kleinformat. Small Town America in a nutshell.
In der kleinen Bahnhofshalle von Flagstaff um 5 Uhr morgens treffe ich die beiden Amish wieder, mit denen ich am ersten Tag ein Stück den Grand Canyon hinabgestiegen bin. Sie hätten es am nächsten Tag bei besserem Wetter bis nach unten zu dem kleinen Waldstück geschafft, das man von oben erkannt hat. Mein Rucksack sorgt wieder für Gesprächsstoff und sie fragen mich nach den Ländern, in denen ich war. "Cambodia, is that like a developing country?", fragt mich der Amish. Der zehnfache Familienvater sei 47, aber das Interesse in seinen Augen und das jungenhafte Lächeln könnten das eines Mitte 20-Jährigen sein. Er ist voller Fragen über die Welt da draußen. Auf eine Art typisch und untypisch amerikanisch zugleich. Gerade wegen des minimalistischen Lebensstils sind mir die Amish auf den ersten Eindruck sehr sympathisch. Sie haben irgendwann im 19. Jahrhundert entschieden: Es ist genug Fortschritt, das reicht uns fürs Erste.
Die anderen Amish Männer mit ihren langen grauen Bärten beugen sich interessiert vor. Einer versucht es mit Pennsylvanian Dutch, das dem Deutschen ähnlich ist: "Wie bist du?", eine Mischung aus dem deutschen "Wie geht's dir?" und dem englischen "How are you?". "Mir geht's gut, etwas müde.", antworte ich. "Mied", würden sie in ihrer abgewandelten Sprache sagen. Es erinnert fast ein wenig an Jiddisch.
Als wir draußen in der Kälte am Gleis stehen, starre ich in den klaren Sternenhimmel und entdecke für den Bruchteil einer Sekunde eine Sternschnuppe. Ich drehe mich zu einem der jüngeren Amish um: "Did you see this? A shooting star!" Er lächelt, aber sieht nicht ganz so begeistert aus wie ich in dem Moment. Auf ihrer Ranch in Wisconsin ohne elektrisches Licht und Ablenkung, sehen sie solche Naturereignisse bestimmt öfter.