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It's beginning to look a lot like Christmas (Champaign Urbana / Washington D.C.)

Veröffentlicht: 17.12.2025

Robert und ich saßen Bio letzte Reihe. Es war einer der Grundkurse, die immer schnell verflogen, weil wir uns mit schlechten Witzen und Kommentaren die Zeit vertreiben konnten. Auch einer der Kurse, dessen Endnote ich deshalb nicht mit in mein Abizeugnis einfließen lassen habe.

Das war vor 17 Jahren. Jetzt lehrt Robert an der Universität in Champaign Urbana Philosophie. Die Kleinstadt mit dem umständlichen Doppelnamen liegt drei Stunden südlich von Chicago.


Mein alter Schulfreund holt mich mit dem Bus ab. Die Station liegt im westlichen Champaign, seine Wohnung, die er sich mit seiner Freundin Ana teilt, liegt im östlichen Urbana. Ana ist eine herzliche Mexikanerin Ende 20, die wie Robert an der philosophischen Fakultät lehrt. Dort haben sich die beiden kennengelernt.Mit dem kleine weißen Plastikweihnachtsbaum und den Socken für Geschenke an der Wand haben sie sich amerikanisch weihnachtlich eingerichtet und auch bei mir stellt sich langsam christmas mood ein. Wir essen Pizza und spielen ein Brettspiel, bei dem sie mich sogar gewinnen lassen. Ich fühle mich ein wenig wie auf einer gemütlichen Leipziger WG-Party, auf der wir die ersten oder letzten Gäste sind.


Am nächsten Tag hat ihr Freund Dan seine Dissertationsverteidigung und sie laden mich kurzerhand zu der Veranstaltung ein, denn sie ist öffentlich. Dan schreibt seine Doktorarbeit über AI und darüber, wie sie sich von Menschen über Emotionen unterscheidet. Zumindest ist das meine laienhafte Interpretation des Themas. Er benutzt Begriffe und Theoreme, die ich ohne Basiswissen in Neurowissenschaften und Philosophie nicht durchsteige. Eine Analogie hilft mir dann allerdings dennoch, die Grundthese zu kapieren: Wenn AI und chatgpt ohne Einordnung von Erwachsenen auf Minderjährige trifft, ist es ein wenig, als würde man seine Kinder von einem Psychopathen babysitten lassen.


Nachdem Dan seine Verteidigung bestanden hat, führen mich Robert und Ana über den Campus. Zwischen dem Belltower hüpfen auf dem Schnee die grauen Eichhörnchen, die viel größer und weniger scheu sind als unsere europäischen. In der Universitätsbibliothek gibt es alte Zeitungen aus den 50er Jahren. In den Magazinräumen blättern wir in verstaubten deutsche Ausgaben aus dem 19. Jahrhundert mit Architekturzeichnungen. Der Archivar in mir kommt ganz auf seine Kosten. Die Uni von Champaign Urbana ist für amerikanische Verhältnisse historisch und die Räume und Hallen versprühen College-Atmosphäre.


Robert hat sich trotz seiner Studienjahre in Berkeley und seinem Leben in Urbana immer noch einige deutsche Angewohnheiten beibehalten: Mülltrennung kann er sich nicht abgewöhnen. Er sammelt die vielen Plastiktüten, die einem hier bei jedem Einkauf aufgedrängt werden. Als ich eine Glasflasche in den Mülleimer werfe, entschuldige ich mich, denn Robert sammelt sie eigentlich für den unwahrscheinlichen Fall, dass Illinois irgendwann in entfernter Zukunft separate Flaschencontainer einführt. "Ist okay. Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Da spricht der Philosoph.


Abends besuchen wir den Laden "Christmas Mart", der Weihnachtskram verkauft. Ana macht sich liebevoll über eine von Roberts deutschen Eigenschaften lustig, die ich mit ihm gemeinsam habe: Ständiges Beschweren über Dinge, auf die man keinen Einfluss hat. Jetzt auf dem Weihnachtsmarkt, der keiner ist, haben Robert und ich jeweils "two complaints" frei. In den ersten paar Minuten überschreiten wir bei jedem Blick aufs Preisschild sowohl unser Limit an Beschwerden als auch an unserem gesetzten Budget. 10 Dollar für einen Schokoladenweihnachtsmann - "This is ridiculous." Wir greifen natürlich dennoch zu und laden den Einkaufswagen voll mit deutschem Weihnachtsgebäck wie Dominosteinen und Dresdner Stollen.Die beiden lassen sich gerne überreden, meinen Lieblingsweihnachtsfilm "Muppets Christmas Carol" zu schauen, während wir unsere deutschen Schoko-Katzenzungen essen. Ein Stück Heimat. Manchmal gibt es das doch, das richtige Leben im falschen.


In der US-amerikanischen Hauptstadt laufe ich von einem Punkt zum nächsten. Es ist Minus 5 Grad. Also muss ich mich durch Bewegung warmhalten. Da wohnt der Orangene, da haben Irre am 6. Januar Bürgerkrieg gespielt, hier sitzt der marmorne Lincoln, meine Zehen frieren, weiter, weiter, weiter.. zum Glück gibt es an jedem zweiten Memorial und Statue ein paar Infohütten mit Buchläden, in denen man sich aufwärmen kann.


Das Klischee des ignoranten Amis wird mir die Tage entgültig genommen. In dem Infocenter am Franklin D. Roosevelt Denkmal steht gleich am Eingang ein Herr Anfang 70, der mir nach der Eingangsfrage "Where are you visiting from?" eine ausgebreitete Europakarte zeigt und mir von Woodrow Wilson und den ersten League of Nations erzählt. "Joseph Mohr" weißt ihn sein Namensschild auf seiner Visitor Guide Jacke aus. Er hat German heritage und wurde nach dem Priester benannt "who wrote the Christmas song Stille Nacht". Ich muss nur ein paar Stichworte geben und er verliert sich in historischen Ausführungen zu den Rechten ethnischer Minderheiten in Ungarn, diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei nach dem 1. Weltkrieg, dem Isolationismus der USA im 19. Jahrhundert und dem Wandel der Demokratischen Partei hin zu einer anti segregation party unter FDR. Er steckt sehr viel mehr in der Materie als ich, kennt sich darüber hinaus auch mit deutscher Kultur aus. Das Goethe-Institut hier in Washington DC zeige regelmäßig Filme. Als er "Go Trabi Go" erwähnt, wärmt sich mein Herz und ich werde typisch amerikanisch abgewickelt und wieder aufgetaut ins Kalte entlassen: "Well nice talking to you. Have a good one!"


Ich frage mich, ob es im Englischen einen Unterschied zwischen Mahnmal und Denkmal gibt. Am Memorial zum Vietnamkrieg stelle ich mich zu einer Tour und schnorre gratis Fakten zu der Gedenktafel mit den Namen der getöteten Soldaten und Beteiligten. Nur ein Drittel von ihnen "...finished high school". Überproportional viele waren African American, darunter teilweise Minderjährige, die - wie auch mancher Gefreiter im Ersten Weltkrieg - ihre Geburtsurkunden fälschten. Der Tourguide erzählt den britischen Teilnehmern, dass es den schwarzen Teenagern darum ging, etwas für ihr Land zu leisten. Inwieweit Armut und Chancenlosigkeit eine Rolle gespielt haben könnten - darauf geht er nicht ein.


Ein African American Veteran marschiert und salutiert filmreif für die Tourgruppe. Als sie weiterlaufen, frage ich ihn über seine Kameraden, die nach Ende des Krieges nach Vietnam zurückkehrten und was sie dazu motivierte. "You have to ask them why they went there." Ich taste mich langsam an die Frage heran, die mich wirklich interessiert. Was er über den Sinn des ganzen Krieges letztendlich denke. Er schlägt die Stiefel zusammen und steht kerzengerade vor mir: "Sir, this is above my pay grade. I was there to serve. We had one job and that was to watch each other's asses." Oliver Stone hätte es nicht besser auf Kamera einfangen können.

"Merry Christmas. How do you say it in German?" Ich wünsche Hamilton, dem Vietnamveteranen frohe Weihnachten. Davor fragt er noch nach einer kleinen Spende. Er sei nirgendwo angestellt. "Thank you for your service" bleibt in den USA eine symbolische Phrase. Soziale Sicherheit wird niemandem wirklich gewährt - all men are created equal. So steht es schließlich als Teil der Gettysburg Address neben dem weißen Mamor-Lincoln, dessen Memorial vor den Mahn- oder -Denkmälern des Korea- und Vietnamkriegs steht.


Das Kapitol liegt im Abendlicht. Mein USA-Bild mag genauso gespalten sein wie das Land selbst. Aber es ist ein erfurchtgebietender Anblick. Ich frage mich, wie tief man im Algorithmus von Verschwörungsmärchen versinken kann, um die vielen Treppen hochzumarschieren und auf eine Handvoll sich verteidigende Polizisten einzuschlagen.


Washington DC - das sind die gewaltigen Gebäude der politischen Macht. Es ist aber auch die Fülle an kostenlosen Museen. Eines davon möchte ich am letzten Tag besuchen - das National Archives Museum. Es gebe aber auch die National Library, meint ein Stammgast im Sweet Lemon Café, wo ich meinen Rucksack zwischenparke. "Seems like I have to come back.", versichere ich ihm. Er erklärt mir, dass diese Gegend hier westlich vom Capitol ursprünglich vor allem von deutschen Immigranten bewohnt wurde. Insbesondere die Kirchen seien von den Einwanderern geprägt. Ob nun deutsch oder nicht, als ich in eines der Gotteshäuser trete, probt ein Organist und ich bleibe für ein paar Minuten, um zuzuhören.


In der Rotunde des National Archives Museum frage ich einen Archivar am Infostand, ob die Constitution denn nicht eine Kopie sei. Schwer zu glauben, dass es sich um das Original handelt. Aber es ist das tatsächliche Dokument, mit dem sich die USA vor fast 250 Jahren gegründet hat. Wir fachsimpeln. Ein besonderes genau angepasstes Mikroklima herrscht in dem Glaskasten, der nicht ohne Grund auf beiden Seiten von jeweils einer Wache flankiert ist. Aller paar Jahrzehnte würde die Technik aktualisiert, die Tinte unterm Mikroskop von Konservatoren erneuert.


Die USA wissen sich zu inszenieren und auch von dem Nationalarchiv können wir uns einiges anschauen, denke ich. In einer der vier Austellungen des Archivs erzählen Nutzer mit Originaldokumenten und Videos untermalt kurz und prägnan, für welches Projekt sie die Bestände genutzt haben. "Killers of the Flower Moon" ist Martin Scorsese's letzter Film, der wiederum auf dem gleichnamigen Buch von David Grann basiert. Der Journalist recherchierte in den Archiven und fand manipulierte Dokumente, die ihm bei der Recherche zu den Osage Morden halfen.


"And half a year out of this backpack?", fragt mich die Weißrussin, die das Café betreibt, in dem ich meinen Rucksack verstaut haben. "Yes, half a year.", antworte ich, als ob ich es selbst gerade in dem Moment realisiere. Meine Reise neigt sich dem Ende zu, aber wenigstens bin ich in Weihnachtsstimmung.
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