Der Amtrak Zug spukt mich an der Penn Station aus. Ich bin am Ziel meiner Weltreise angekommen. Wenig war konkret, aber Weihnachten in New York, the Big Apple, das hatte ich mir von Anfang in den Kopf gesetzt. Hier stehe ich also - gut in der Zeit - an meiner letzten Station am Gleis. Keine Parade für mich, keiner klatscht Applaus. Statt Zielgerade und Einlaufjubel gehen die New Yorker Pendler nur stur an mir vorüber zu ihrer Subway, die sie in den Feierabend fährt. Typisch New York eben.Ich lasse mich mitreißen im Strom der commuter. I know the drill. 2019 war ich schon einmal hier und ich folge den vertrauten Metro-Ausschilderungen zur E Line.
Die USA befinden sich in der Inflation und New York ist noch teurer geworden als ohnehin schon. Das Airbnb von vor knapp sieben Jahren bei einem jüdischen Zirkuspaar in Brooklyn gibt es nicht mehr. Für zehn Tage hatte ich damals 200 € für mein Zimmer bezahlt. Mein Hostelbett in Queens kostet mich jetzt fast 100 $ die Nacht.
Zumindest muss ich kein Geld für die üblichen Touristenattraktionen ausgeben. Ellis Island, Rockefeller Center, durchgespielt. Ich habe Freigang und bin nicht an die bucketlist items gekettet, die den Reisenden bei einem ersten New York Trip üblicherweise beschäftigen würden. Tagsüber laufe ich durch Manhattan und abends gehe ich in einen der vielen Comedy-Clubs in Brooklyn oder im East Village.
Ein Comedy Grundwortschatz:
Comedian - Clown auf der Bühne, der einem im besten Fall zum Lachen bringt
Host - ein Comedian, der als Moderator fungiert, durchs Programm führt und seine Kollegen ansagt
Open Mic - Shows, bei denen jeder, der sich zutraut, das kritische Publikum zum Lachen zu bringen, auf die Bühne darf; manche sind komplette Anfänger, manche Newcomer
Bit - eine Reihe aus sinnzusammenhängenden
Jokes = Witzen; mehrere bits ergeben ein
Set - der "Bausatz" aus verschiedenen bits wird zum
Act - der Auftritt vor Live-Publikum
Material - die jokes können alt sein oder gerade neu getestet werden; dementsprechend spricht man von old material oder new material, die Comedians testen also neue Witze, mal wir mehr, mal weniger gelacht; bleibt das Publikum stumm, müssen die Comedians entweder den joke ganz aus dem set streichen oder sie überarbeiten ggf. das
Wording - die genaue Satzstruktur, Pausen (Breaks), Gesten, Mimik können oft entscheidend sein
Heckler - nennt man im Comedy Slang Leute, die die Show absichtlich oder unabsichtlich durch Zwischenrufe und Reden stören; ein Comedian, der einen Heckler einmal ins Visier genommen hat, kennt oft kein Mitleid; er / sie hat das Mikrofon, den Humor und die Eloquenz, um einem Heckler das Leben für den Rest der Show zur Hölle zu machen und ihn bloßzustellen
Crowdwork - manche Comedians machen das Publikum bewusst zum Teil des Programms, nutzen es als Stichwortgeber und zum Improvisieren
Der Comedy Cellar ist der legendärste Comedy Club der Welt. Im Cellar gibt es drei verschiedene Räume, in denen teilweise gleichzeitig Shows stattfinden. Wer es nicht geschafft hat, eine Reservierung zu bekommen, kann sich am gleichen Abend vor Ort auf die "stand by" Liste setzen lassen und mit Glück noch einen Platz zu ergattern. Es herrscht strenge Türpolitik. Ein paar Mädels werden mit falschen IDs abgewiesen. Mein Telefon muss ich in eine Luftpolstertasche stecken und darf es bis zum Ende der Show nicht in die Hand nehmen. Alle Gäste sitzen also da, ohne dass sie soziale Awkwardness mit dem Handy überbrücken können. Zum Glück laufen auf den Flatscreens vor Beginn der Show ein paar Fail Videos aus den 90ern, sodass man nicht leer in die Gegend starren muss. Mit ein paar Leuten, die auch einzeln da sind, komme ich aber vor und nach der Show ins Gespräch. Matt ist extra aus Connecticut angereist.
Das Publikum soll sich und die Comedians nicht ablenken oder mit den Bildschirmen vor dem Gesicht filmen. Sie proben neue bits, bei denen sie noch am wording arbeiten und wollen nicht, dass die Witze vorschnell im Internet landen.
"I'm so sad that I can't record it.", beschwert sich eine Frau neben mir. Der schwach beleuchtete Kellerraum ist dicht mit Tischen und Stühlen zugestellt. Je mehr Zuschauer, desto mehr Profit. Zusätzlich herrscht eine "2 items minimum policy". Das heißt, dass jeder Gast zusätzlich zum Ticketpreis mindestens zwei Bestellungen aufgeben muss und am Ende nur mit dem abgestempelten Kassenbon rausgelassen wird.
Der Tisch mit der Vierergruppe neben mir ist am Quatschen. Das rächt sich schnell in einer Comedy Show. Eine der Frauen in der Gruppe will es anscheinend wissen und kommentiert laut jeden zweiten Witz: "Oh man." "Oh no." "Damn." Die Bedienung weist sie zweimal darauf hin, bitte ruhig zu sein. Als sie es dennoch nicht lassen kann, ist der Comedian genervt: "Girl, have you been to a comedy show before? Apparently not.. You really are the worst person... I wish that you never find true love." Der Saal lacht. Sie ist still für den Rest der Show. Comedy ist eine ernste Angelegenheit.
Judah Friedlander ist ein politischer Comedian, den ich 2019 schon im Cellar gesehen habe. Heute ist er special guest im Club Tiny Cupboard in Brooklyn. Er baut jeweils eine Kamera auf beiden Seiten auf. "This is just so my mum can watch me... and this is so my dad can watch me."
An diesem Abend macht er ausschließlich Crowdwork. Es sind meistens Komplimente, die in der Absurdität dann doch ziemlich komisch sind. Einen Mann beglückwünscht er zu einem "exceptional clap" und bittet ihn, sein Klatschen einzeln für den ganzen Raum zu wiederholen. "This is an A class clap you all. Beautiful." Er geht die Reihen durch: "Where are you from?" "What do you do?" "Long Island - that's in the top five of my New York islands." Mit mir kann er nicht viel anfangen. Ein Archivar aus Deutschland - als ich kurz beschreibe, was ich mache und das Publikum still bleibt, zeigt er sich milde: "I'm impressed, but the rest of the crowd doesn't seem to be. I'm sorry."
Nach dem Ende der Show erzählt er mir, dass er schon Auftritte in Berlin hatte. Jetzt müsse er schnell zur nächsten Show in Bushwick. Mit seinem Einkaufstrolley und den beiden Kameras watschelt er durch die Kälte dem Bus hinterher.
Wenn er keine Stadien füllt, muss ein Comedian ziemlich ackern, um sich in New York die Miete für seinen Schuhkarton zu leisten. Teilweise bis zu vier Bühnen an einem Abend bespielen manche, zusätzlich zu ihrem normalen day time Job. Das lerne ich im Film "Is this thing on". Die gerade erschienene Dramedy gucke ich tagsüber im Kino. Der Comedy Cellar ist echter Drehort für viele Szenen des Films, denn es geht um einen Mann, der sich spontan für ein Open Mic einträgt, weil er den Eintritt für den Club nicht zahlen möchte und mit Geschichten über seine Beziehungsprobleme die Menschen zum Lachen bringt. Die Geschichte ist von einem britischen Comedian inspiriert.
Wer in Manhattan umherläuft, braucht nicht lange warten, bis er auf das Klischee des barschen New Yorkers trifft. "Fuckers, they don't know what a fucking bike lane is man!", schreit ein Radfahrer zum anderen, als ihn ein Truck den Weg abschneidet. In Little Italy schlägt ein Radfahrer dem Auto, das den Radweg blockiert, wütend und mit voller Wucht auf die Scheibe.
Ich selbst lasse mich von der Atmosphäre anstecken. Als ich bei "Go" über die Ampel laufe, ignoriert mich ein Linksabbieger und ich bin gezwungen, anzuhalten, um mich nicht umfahren zu lassen. Ich reiße die Arme hoch und mache eine "Was zur Hölle?"-Geste in Richtung des f*****g Vans.
Selbst der Straßenmusiker am Strawberry Field Mosaic regt sich auf. Ein Inder hatte sich "Imagine" gewünscht, ein Video gemacht und ist dann ohne Applaus vor Ende des Liedes einfach gegangen. "Some people don't appreciate music. Well the show is over now.. because of this guy.", beleidigt richtet er seinen Finger in die Richtung des Angeklagten.
Eine Pause von NYC ist angebracht und ich besuche Familie. Mein Cousin Emanuel und seine Frau Brittney wohnen in Philadelphia, zwei Bus-Stunden entfernt. Zuletzt habe ich die beiden 2017 bei einem ihrer Besuche in Deutschland gesehen.
Ihre einjährige schwarze Katze Millie ist supersüß und führt kleine Tricks vor. Von ihrer zentral gelegenen Wohnung haben Emanuel und Brittney eine tolle Sicht auf die Skyline von Philadelphia. Wir können sogar in die Innenstadt laufen - für amerikanische Verhältnisse eine Seltenheit. Über den Weihnachtsmarkt am historischen Rathaus geschlendert führen die beiden mich in die Altstadt, wo wir die Liberty Bell betrachten können. Philadelphia war Mittelpunkt des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und für die ersten Jahre der jungen Republik Hauptstadt.
Meine beiden Stadtführer zeigen mir auch einen Drehort des Rocky-Klassikers. Die Szene mit der berühmten Trompetenmusik, in der Sylvester Stallone die ikonischen Straßen der Stadt durchjoggt, endet an den Treppen des Kunstmuseums von Philadelphia. Wenigstens hier kann ich meinen Zieleinlauf imitieren.
"Are my eyes deceiving me or is that a miniature boat there?", am Hunter's Point South Park, einem Aussichtspunkt am Hudson River in Brooklyn, spricht mich ein älterer Herr an. Er deutet auf eine weiße Boje, die mit ihrer Form tatsächlich etwas an ein winziges Boot erinnert. Es könne eine Boje sein, meine ich oder jemand steuere das vermeintliche Boot fern und halte es immer an der gleichen Stelle in der Strömung auf Kurs. Der Mann lacht und läuft weiter: "Have a good one." "You too." Aced it. Als jemand, der sich typisch deutsch sonst nicht besonders gut in Smalltalk Situationen mit den Amerikanern schlägt, bin ich unverhältnismäßig stolz auf meine neu erworbenen chit chat skills.
In Flushing, Queens bin ich auf den Spuren meiner Lieblingsserie "King of Queens". Der Eisladen "The Lemon Ice King", bei dem die Hauptfigur Doug im Vorspann seine Eiswaffel fallen lässt, hat auch wie schon bei meinem Besuch 2019 geschlossen. Also laufe ich zum südamerikanischen Milkshake Store an der Kreuzung gegenüber. Die Bedienung begrüßt mich lächelnd mit einem "Buenos Dias". Ich höre "Feliz Navidad" und "Rudolph The Red Nose Reindeer" auf Spanisch, während ich meine Erdbeeren esse. Flushing ist ein durchmischter Stadtteil und hat einen hohen Anteil an lateinamerikanischer und asiatischer Community. Mir fällt erst jetzt auf, dass der melting pot New York für meine Reise einmal im die Welt den perfekten Endpunkt darstellt.