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Buy Me A Star On The Boulevard (Auckland / Los Angeles)

Veröffentlicht: 09.12.2025

"All we have to decide is what to do with the time that is given us." Gandalfs Weisheit befolgend überlege ich, was ich mit meinem letzten Monat verbleibender Reisezeit anfangen will. Ich bin an einem Punkt meiner Reise, an dem es kein richtig und falsch mehr gibt. Es fühlt sich gerade richtig an, den Dezember bis Weihnachten in den USA zu verbringen und mit dem Zug von Los Angeles nach New York zu fahren. Da ich von Fidschi aus ohnehin schon in der Nähe bin und die meisten Transatlantikflüge über Australien und Neuseeland gehen, lege ich einen Zwei-Tages-Stop in Auckland ein, um mein Herr-der-Ringe-Nerd-Herz glücklich zu stimmen und mir den Drehort Hobbiton aus den Filmen anzusehen.


Dean heißt der Fahrer auf unserer Tour ins Auenland, zwei Stunden südlich von Auckland. Er war bis vor kurzem Stunt-Fahrer und -Koordinator in der Filmbranche Neuseelands und erzählt mir vor dem Beginn des geführten Rundgangs von seiner Zeit "in the industry". Er sehe eine zunehmende Entwicklung dahingehend, dass sich einzelne Regisseure, Schauspieler und Produktionsleiter wider besseren Wissens immer mehr gegen die einzelnen Filmsparten durchsetzen und sich autoritär über deren Expertisen hinwegsetzen. Er erzählt eine Anekdote zu den Dreharbeiten bei "The Last Samurai", der, wie ich erfahre, nicht in Japan sondern in Neuseeland gedreht wurde. In einer Klausel im Vertrag, den Dean unterschreiben musste, hieß es, dass sie Hauptdarsteller Tom Cruise auf keinem Fall hätten anzusprechen oder selbst anzuschauen dürfen. Cruise stellte sich dann aber ganz bodenständig während einer Drehpause zu den Setmitarbeitern am Catering, um sich locker mit ihnen zu unterhalten. Darauf angesprochen, meinte Cruise beschämt, dass diese Vorgabe, ihn möglichst abgeschirmt zu lassen, ein alberner Standardtext sei, den seine Agentur vorgebe.


Unsere Tourguide durch Hobbiton ist ein klassisches Nerd-Mädel mit blauen Haaren und einem Tamagotchi am Gürtel. Perfekt für eine Tour durch das mit Liebe nachgebaute Hobbiton. Das Originalset für die Trilogie aus dem 2000ern bestand mehr oder weniger aus Styropor und Plastik und wurde wieder abgerissen. Das Gelände ist schließlich auf einer Farm in Privatbesitz. Für die Hobbittriologie wurde beschlossen, die Filmkulisse mit den Hügeln und Wohnhöhlen mit Stein und Holz aufzubauen, um sie dann anschließend für den Tourismus zu nutzen. Ganze Bäume wurden entwurzelt und neu angepflanzt, so wie die riesige Weide neben dem fiktiven Wirtshaus "Green Dragon". Der Baum über Bilbos Höhle ist dagegen komplett aus Beton und Metall. Als Peter Jackson beim Rundgang übers Set die Farbe der Blätter nicht gefielen, mussten über Nacht alle neu angepinselt werden. Die Illusion wirkt auch noch zehn Jahre später. Ohne den Hinweis unserer Guide wäre es mir nicht aufgefallen, dass sich die Blätter und Zweige nicht im Wind bewegen.


Es ist seltsam, wieder in einem westlichen Land zu sein. Die Unwägbarkeiten liegen nicht mehr in der Kommunikation und darin, wie ich bezahlen und von A nach B kommen kann, sondern in den modernen Krisen freier Gesellschaften. Im Hostelbett höre ich, wie draußen entfernt Schüsse fallen. Ein deutsches Pärchen in Jolames Homestay auf Fidschi hatte mir erzählt, dass verfeindete Gangs in Neuseeland und speziell Auckland ein großes Problem sind. Obdachlose und Alkoholabhängige sind an vielen Straßenecken sichtbar. Ich wurde vorgewarnt, Auckland sei keine schöne Stadt. Dabei wirkt es ansonsten ziemlich verschlafen für eine Hauptstadt.

Über nomadtable treffe ich mich abends mit Lili aus London. Eigentlich wollen wir einen Club mit Live-Musik finden, aber alles hat dicht am Sonntag und wir kehren stattdessen in eine Bar ein.

Am Morgen laufe ich durch leere Straßen hinauf auf einen Hügel, der früher ein Vulkan war und dessen Gras überwachsender Krater heilige Stätte der Maori war.

Die indigene Bevölkerung macht einen großen Teil der Obdachlosen und Alkoholabhängigen aus, die vor einem Community Center mit einem Kino für Retro-Filme campen. "Live and Die in L.A." heißt der 80er Film Noir, den ich mir dort in Vorbereitung auf noch mehr crime and drugs in den USA gebe.


Für meine weitere filmische Einstimmung auf meine Zugfahrt quer durch die Staaten entscheide ich mich im Flug nach Los Angeles für "Nebraska" und "Der Teufel trägt Prada". "Nebraska" habe ich zuletzt 2013 mit Elli in Kanada gesehen. In dem Roadmovie versucht ein Sohn zu seinem altersverwirrten Vater emotional durchzudringen, indem er ihn auf eine planlose Fahrt in die Vergangenheit durch den mittleren Westen nimmt. Der ganze Gegensatz zur glamourösen Liebeserklärung an New Yorks Modeszene mit Anne Hathaway und Meryl Streep. Aber so habe ich in meiner cineastischen Blitzvorbereitung zumindest West- / Ostküste und die Fly Over States abgedeckt.



Mein schnieckes Hostel im Western Design in Downtown hat keinen Wäscheservice. Also laufe ich mit meinem Wäschebeutel durch L.A. zum nächstgelegenen laundromat. Die Obdachlosigkeitskrise ist allgegenwärtig. Unter einer Brücke steht eine Reihe von Zelten. Ein Mann läuft aus dem Supermarkt einem Obdachlosen hinterher und bietet ihm ein verpacktes Sandwich an. "Thank you brother, I appreciate it."


Drogenabhängige stehen an grünen Ampeln orientierungslos rum und rufen "fuck" und "fuck yourself" ins Nichts oder brabbeln unzusammenhängende Wahnvorstellungen halb in Richtung anderer Passanten. Es liegt eine postapokalyptische Stimmung über der Stadt der Engel.

Food shelters, Stände mit kostenlosen Lebensmitteln, bekämpfen die Symptome an mancher Straßenecke. Ein Tropfen auf dem heißen Stein mit dem Label "Land of the free".

Mit meinem Zimmergenossen aus Neuseeland bin ich einer Meinung, dass das Problem ziemlich offensichtlich ist. Er wäre schon ein paar Tage in L.A. und selbst in den schickeren und touristischeren Ecken wie Venice Beach sind verwahrloste und psychisch verwirrte Menschen Teil des Straßenbildes.

Man muss hier nicht gewesen zu sein, um zu kapieren, dass die USA am Abgrund wandeln, denke ich. Es reicht, wenn man GTA V gespielt hat.


Im Späti gegenüber vom Hostel schaue ich durch das Süßigkeitenregal auf der Suche nach dem zuckrigsten Zeug, das die Amis zu bieten haben. "We are a little short. We got a robbery.", meint der Besitzer des schmalen Ladens hinter seinem Tresen zu mir. "Oh, when was that?", frage ich ihn. Vor drei Tagen hätten die bei ihm mitten in der Nacht eingebrochen. Seit 2013 hätte er den Laden und er habe viele Veränderungen gesehen, aber in letzter Zeit ist es immer angespannter geworden. "I have never been robbed before but since last year I got robbed twice. The one time they took an atm out, with a truck and ropes and shit."

"Overseas we watch it and we're like, good that it's not us.", gebe ich zu. "Yeah man I'm originally from Egypt and everyone there has been warning me", meint der Ladenbesitzer.

"Everything's so political, everyone wants to make their point so nothing is actually done.", beschreibt er die Zwei-Lager-Gesellschaft. Ein wenig wie Scheidungskinder im Rosenkrieg. Amis wie er müssen die Launen der beiden politischen Lager ertragen und konkrete Lösungen und Kompromisse werden nicht gefunden.


Es fühlt sich tatsächlich alles sehr angespannt an. In der U-Bahn hört sich jemand laut ein YouTube-Video an, bei dem es um Trump und Investment in AI geht. Es klingt verschwörungstheoretisch. Im Hipster-T-Shirt-Laden läuft ein linker Podcast. Selbst auf der Straße laufen Leute, die ihre Handys auf Speaker schalten. Manchmal vermute ich sogar, dass sie damit ein politisches Statement setzen wollen. Mit nervt das schon nach Tag 1. Dann geht halt demonstrieren...

Der Hollywood Boulevard ist leer. Ich bin der einzige Tourist und studiere eifrig jeden Stern auf dem legendären Gehweg.

An der Bushaltestelle wünscht eine ältere Frau mit Akzent allen Vorbeilaufenden "Merry Christmas". Als wir einsteigen, erzählt sie mir ungefragt in Kurzversion wie sie zum Glauben gefunden hat: "Shalom, Jesus cured my cancer, I'm from Israel, shalom."

In Downtown steht neben mir an der Ampel ein Typ Mitte 30 im bunten Karohemd mit John Lennon-Brille und -Bart wie auf dem Sgt. Pepper-Album und trägt in der linken Hand ein Keyboard durch die Gegend.

Man kann L.A. vieles vorwerfen, aber nicht, dass es keine schillernden Gestalten hervorbringen würde.


Aber auch das freundliche "How are you?"-Amerika zeigt sich mir. Ob im Supermarkt oder im Bus, die Menschen sind zuvorkommend. Nette Gesten und kleine Smalltalk-Angebote, "Please, go ahead".

Viele der öffentlichen Hinweise sind in Rücksicht auf die lateinamerikanische Community in Englisch und Spanisch. Ein doppelsprachiges Video im Bus zur Union Station zählt Migranten die Rechte auf, die sie im Falle einer der berüchtigten "ICE-Raids" haben.


Im Wartebereich des Bahnhofs sitzt mir ein älteres Ehepaar gegenüber. "That's a big backpack. Where did you hike?", fragt mich der Mann und verwickelt mich in ein Gespräch über meine Reise. Ed und Jil aus Albuquerque, New Mexico, wären selber vor vielen Jahren in China und Tibet gewesen und planen eine Kreuzfahrt für 2026. Früher müssten sie sich nie um Visa kümmern. Dass sie jetzt für fast jedes Land eines beantragen müssten, sei bestimmt Folge des trumpschen tariff wars, vermutet Ed.

"How many pounds?", werde ich wieder mit Blick auf meine Rucksack gefragt. Ich muss den Umrechnungsfaktor von Kilo in Pfund nachgoogeln. "Around 30 pounds."

Warum sie den Zug nehmen und nicht wie in den USA üblich das Flugzeug. "Ask him.", Jil schaut ihren Mann spöttisch an. "Cause they treat you like a criminal!", ruft Ed in Anspielung auf die Sicherheitskontrollen.


Am Bahnsteig steht eine Gruppe von Amish People. Die Frauen in ihren langen dunklen Röcken und mit weißen Hauben. Die Männer in hellblauen Hemden, schwarzen Wolljacken und Strohhüten. Ed und Jil stehen weiter vorne, wo der Schlafwagen-Wagon hält, ich bei den Amish am Abschnitt für die regulären Abteile. Ed läuft nochmal zu mir und wir werden kurz politisch. "But you also have problems with the far right at the moment?", meint er zu mir. Er weiß Bescheid. Zum Schluss fragt er mich mit Blick zu den traditionell gekleideten Wartenden: "Do you know about Amish?" "I know a little bit." "Then you know as much as I do." Ein wenig mehr erklärt er mit dann doch. Für bestimmte Ausnahmen wie für "medical reasons" ist es den Amish erlaubt, Strecken mit dem Zug zurückzulegen. Er vermutet, dass die Gruppe deshalb in Los Angeles war.


Der Zug hat über eine Stunde Verspätung, was ich nur meiner Amtrack-App entnehmen kann und nicht der spärlichen Anzeigetafel am Gleis. Das amerikanische Zugsystem macht keine Anstalten meine sehr niedrig gesteckten Erwartungen zu übertreffen. Genau richtig für mein neues entschleunigtes Reisetempo. Zurück im ersten Gang.

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