Zwei Stunden braucht es am Ende, bis wir die Grenzkontrolle hinter uns lassen. Von 4:30 bis 6:30 Uhr morgens stop and go mit anschließendem Warten und Gepäckkontrolle auf bulgarischer und türkischer Seite. Nachtfahrten sind eine Zumutung, dessen bin ich mir mittlerweile bewusst, aber mein innerer Sparfuchs wahrt beim Abwegen immer wieder die Oberhand. Denn: Ich spare wertvolle Unterkunftskosten. Eigentlich hatte ich einen Gangplatz erwischt, bin aber am Fenster sitzen geblieben, als sich in einer bulgarischen Zwischenstation jemand neben mich gesetzt hatte. Jetzt nach dem Grenzstopp bittet mich mein Sitznachbar, freundlich aber bestimmt, zu tauschen. "You have sleep, now I sleep" - "That's only fair". Ich lerne eine Regel der Fernbusreisenden: Der Fensterplatz ist der Schlafplatz.
Trotz Gangplatz schlafe ich verhältnismäßig gut weiter und werde erst wach, als der Bus durch hügelige Weizenfelder fährt, die sich links und rechts wie Wellen im Meer erheben, im Hintergrund hohe Wolkenkratzer. Das muss der Moloch Istanbul sein. Als wir durch die ersten Stadtteile der 20-Millionen-Metropole fahren, stockt der Verkehr irgendwann. Großstadt-Stau. Der Busfahrer rollt erstmal die Scheibe runter und zündet sich ne Kippe an. "Er macht was?!", mein innerer Rauchmelder schlägt Alarm als mir der Geruch in die Nase dringt, "Das würd's in Deutschland nicht geben." Du Alman, Digga. Welcome to Türkiye!
Als wir in den ZOB einfahren, durchqueren wir zunächst ein riesiges undurchschaubares Labyrinth von unterirdischen Gängen und verschiedenen Ebenen, der wahrscheinlich größten Busstation von Istanbul. Ein Bus-Moria, endloser Minenschacht. Hier finde ich doch niemals raus. Der Bus hält dann aber zum Glück oberhalb an der nummerierten Plattform. Der Busbahnhof ist gleichzeitig eine Metro-Haltestelle. Ratlos laufe ich durch mehrere basargleiche Eingangshallen. Aber wo ist der Eingang zur U-Bahn? Ich hebe erstmal Geld ab - verschlafen wähle ich die teurere Umrechnungsoption - und kaufe mir eine Flasche Wasser in einem der hundert kleinen Geschäfte. Wo denn der Eingang zur Metro sei, frage ich den Verkäufer. Der zeigt lässig mit dem Daumen hinter sich: "In the back." Ahh.. "Das hätte man ja mal vernünftig ausschildern können.", denke ich. Noch so'n Alman-Moment. Naja, irgendwann werden die seltener.
Abends gehe ich ins Hammam. Was ich mit der Busfahrt an Geld und Komfort gespart habe, gleicht sich jetzt wieder aus. Teil des Waschrituals ist unter anderem, dass man mit einem riesigen eingeseiften Stoffbeutel über und über mir kleinen Seifenblasen zugedeckt wird. In Millionen kleiner bubbles schwimme ich in einem Kokon aus Schaum. Als wir als Kinder früher Baden waren, hatten mein Bruder und ich immer "Schaumkönig" gespielt. Wer am meisten Schaum aufschlägt und auf seiner Seite der Wanne auftürmt war Schaumkönig. Jetzt in meinem Seifenkokon bin ich wieder Schaumkönig, der Schaumsultan von Istanbul.
Meine erste Walking Tour durch die abendliche Altstadt findet nur zu Dritt statt. Ein Pärchen im Rentenalter läuft aufgescheucht am Treffpunkt umher. Die müssen auch auf der Suche nach dem Guide sein. Bingo. Der Tourguide erscheint wenig später und die beiden Amis stellen sich vor: "We're actually on a cruise." Ihr Schiff legt 22.30 Uhr ab und sie bitten daher um eine kürzere Version der Tour. Soll mir Recht sein. Soso, die beiden sind also auf Kreuzfahrt. "Das macht Sinn.", denke ich, als ich die beiden genauer betrachte.
In der Hagia Sofia lerne ich, dass die früheren Kreuzfahrer Konstantinopel für eine Zeit lang erobert und die Kirche katholisch umgewidmet hatten. Die beiden Amis sind mit weniger missionarischen Absichten unterwegs, reisen leichter bewaffnet an und auch nach drei Tagen wieder ab. Ich schätze, das ist Fortschritt verglichen zum Jahr 1204. Die Frau erzählt mir, was sie alles für Museen "gemacht" haben, rechnet mir vor, mit welchen inclusives, deals und cruise bonuses sie alles gespart haben und wie viele Schritte sie gelaufen sind. Kreuzfahren ist ein 9 to 5 Job.
Als ich durch den Stadtteil Fener laufe, bleibe ich an einem Laden mit selbstgemachten Kunstschnickschnack stehen. Homemade Kichererbsenbrot für 70, Limonade im Keks serviert für 50 Lira. Mein Mittagessen steht. Die Ladenbesitzerin Berivan bietet mir den einzigen Hocker in ihrem winzigen Atelier an und setzt sich selbst auf die Sprosse einer Leiter. Sie wäre die ersten vier Jahre ihres Lebens in Deutschland aufgewachsen, da ihr Vater, ein linker Regisseur, während der Militärdiktatur in den 80ern ins Exil gehen musste. Zu ihrem Laden im muslimisch geprägten Fener muss sie pendeln, da sie es mit den sehr neugierigen und konservativen Nachbarn nicht mehr ausgehalten hat und weggezogen ist. Wenn Berivan im Zug Kommentare über ihr Aussehen bekommt, seien die Männer oft sofort kleinlaut, sobald sie Widerworte gibt. Das seien die nicht gewohnt, erzählt sie. In Istanbul lebt man scheinbar im ständigen Widerspruch zwischen Konflikt und Toleranz der Gegensätze aus streng muslimischer und westlich-liberaler Türkei.
Nachdem ich die Seiten - von der europäischen auf die anatolische - gewechselt habe, befinde ich mich im Stadtteil Kadiköy. Südlich des muslimisch dominierten Teils Üsküdar sind Moda und Kadiköy das Kreuzberg und Prenzlauer Berg Istanbuls. Linkspolitische Plakate, Wandgemälde und vegane Läden. Weniger Kopftücher, mehr Man Buns.
Im Hinterhof des Hostels versuche ich über meine "Is the water here drinkable?"-Frage abseits des üblichen Hostel-ABCs ("How are you doing, mate?", "Where are you from?" / "How long are you staying in xyz?") mit zwei Typen ins Gespräch zu kommen. Vergeblich - "No Idea.", erhalte ich als Antwort. Ein Kalifornier schlendert zu uns rüber, improvisiert zwei Stühle zum Sessel und zeigt wie man es macht: "So where you all guys are from?". Dafür muss man die Amis einfach liebhaben.
Die beiden anderen Reisenden sind Österreicher, die in Georgien für ein Jahr Freiwilligenarbeit geleistet haben. Dankbar hole ich mir sofort Tipps für mein nächstes Zielland. Der Kalifornier stellt sich als Höhlenforscher heraus und ist sichtlich stolz auf sein extravagantes Hobby.
Ich liege im Bett meines Hostelzimmers und habe "stomach issues". Die Impfärztin hatte mich schon vorgewarnt, dass ich mindestens 2-3 mal auf der Reise damit zu kämpfen haben werde. Dass es mich allerdings schon in Istanbul erwischt, hätte ich nicht erwartet. Ich vermute, dass die Hitze gemischt mit Schlafentzug (das Zimmer hat keine Klimaanlage) auf der morgendlichen zweiten Walking Tour damit zu tun hatte. Nun drehe und wende ich mich und versuche eine zweite Hitzenacht durchzustehen. Von draußen dringt ein unharmonischer Chor aus Gitarrenballaden, türkischem Talkshowfernsehen, "Simiiiiit"-Rufen der rollenden Backwaren-Händler und dem gelegentlichen Muezzingesang.
Wie ein Versehter wandel ich durch die Straßen Kadiköys auf der Suche nach Wasser und Bananen. Überall kleine Gruppen von Polizisten mit Schutzschildern. Ich vermute eine politische Kundgebung?
Hostel Activity heute ist Filmnacht im Hinterhof. Es läuft The Craft, ein 90er Jahre Coming Of Age Hexen-Film, der eigentlich genau das richtige wäre. Ich versuche es für 20 Minuten, kann mich aber kaum auf dem Stuhl halten und das türkische Hostelpersonal bläst mir abwechselnd Rauch ins Gesicht. Ich gebe auf. Im letzten Hostel meinte ein Iraner zu mir: "Turkish people don't smoke cigarettes, they eat them."
"Istanbul gefällt mir so gut, ich verlängere meinen Aufenthalt um zwei Nächte", hatte ich vorgestern noch gedacht. Jetzt liege ich stationär im Einzelzimmer.
Wieder genesen knüpfe ich Kontakte über eine App für Solo-Reisende (danke, Bruder!). Einmal erkunde ich mit João, einem Remote-Worker aus Brasilien, mehrere Moscheen und einen Friedhofshügel mit Aussicht. Ein anderes Mal treffe ich Zeynep, eine Türkin, die in der Hagia Sophia arbeitet und mir netterweise meine Zugkarte nach Ankara organisiert. Mit der Fähre fahren wir zur Insel Büyükada, auf der unter anderem als Lost Place eine Ruine eines Waisenhauses der griechischen Minderheit steht. Sowohl João als auch Zeynep erzählen mir, dass die linksgerichteten Gruppen in Istanbul die Einwanderung der vor allem syrischen Flüchtlinge in die
Türkei stark kritisieren, da sie in den meisten Fällen die streng gläubigen Gemeinschaften stärken und die liberaleren Türken verdrängen. "The more you learn the less you know.", sage ich im Gespräch mit João. Ergibt das Sinn? Er weiß zumindest, was ich meine.
Am letzten Abend zeigt er mir einen guten Aussichtspunkt im Stadtteil Moda mit Blick auf den europäischen Teil. Mir wird auf einmal klar, dass ich meinen Heimatkontinent wohl erstmal für die nächsten fünf Monate nicht mehr zu Gesicht bekomme und werde etwas wehmütig. Brexit auf Zeit. Naja, dafür bleiben mir in dem halben Jahr nervige Deckel an Plastikflaschen erspart.