"Millions of people living as foes..."
Zwei Stunden braucht es am Ende, bis wir die Grenzkontrolle hinter uns lassen. Von 4:30 bis 6:30 Uhr morgens stop and go mit anschließendem Warten und Gepäckkontrolle auf...


Veröffentlicht: 28.07.2025
Im Istanbuler Abfahrtsbahnhof habe ich für eine knappe Stunde Christian aus dem Hostel in Sofia wiedergetroffen, der noch einige Zeit in Bulgarien verbracht hat. Er landete gerade in Istanbul mit dem Zug, während ich abreiste. Fliegender Wechsel, Staffelstabübergabe. Ich gebe ihm ein paar Tipps, meine Metro-Karte mit Restguthaben und ein paar türkische Vokabelkarten, die mir ein freundlicher Kadiköy-Hipster in seinem Café verkauft hat. Der Name des Cafés "Dino" hatte mich.
Allerdings hatte ich es mir in meinem Istanbuler Prenzlberg Kadiköy ziemlich gemütlich gemacht, alle auf Englisch zugequatscht und mich auf Englisch zuquatschen lassen. Jetzt in Ankara komme ich mit meinem standard Merhaba und dem dahingenuschelten "Teschekülehr" nicht viel weiter. Nach meinem Bummel kehre ich schnell zum Hotel zurück und nehme mir vor, nach ein paar Grundwörtern zu recherchieren. Nein, Max kann heute nicht mit raus spielen, der muss Vokabeln lernen.
Hier und jetzt im Bus scheint das aber keinen meiner Mitreisenden zu kümmern, denn außer mir scheinen in Nevsehir alle aussteigen zu wollen. Ich schaue vor den Bus und mein Rucksack liegt draußen auf dem Boden. Hä? "Göreme?", schaue ich den Busfahrer fragend an, der die letzten Koffer auspackt. "Autobus!", er winkt unpräzise mit der Hand in die Luft. Eine Geste die "Istanbul", "Hamburg" oder auch "Da drüben um die Ecke." bedeuten könnte. Ich bin komplett verwirrt. Soll ich jetzt umsteigen, hab ich den falschen Bus genommen oder mich verbucht? Aber im Ticket steht ganz klar, dass Göreme meine Station ist und nichts mit Umsteigen. Ich frage einen jüngeren Türken, der im gleichen Bus saß. Er versteht nicht viel, aber immerhin so viel, dass er mich zum Infostand bringt und kurz mein Problem beschreibt. Der Servicemitarbeiter sieht sich mein Ticket an und ist ähnlich verwirrt wie ich. Soll mich das jetzt beruhigen oder nervös machen? Er fragt, um welchen Bus es geht und ich deute auf den, der gerade am Abfahren ist. Schnell rennen wir raus und er spricht mit den vier älteren Busfahrern. "Göreme?". "Göreme!". "Göreme.". Ich darf jetzt also doch mitfahren und nehme hinter den vier Herren in landestypischer Busfahreruniform (dunkle Hose, weißes Hemd und Krawatte) Platz. Ich vermute stark, dass sie wegen "dem einen westlichen Touri", der weiter als Nevsehir wollte, nicht ihre Feierabendfahrt verlängern wollten und die Sprachbarriere vorgeschoben haben, um die halbstündige Abzweigung nicht machen zu müssen. Naja, ich gönne ihnen die dreiste Nummer und es ist ja auch dank der beiden hilfsbereiten Türken nochmal gut gegangen. Einer der Fahrer schenkt mir den Rest einer unerträglich süßen, aber dafür eiskalten Orangenlimo. "Orange Juice!", kommentiert er lachend mehr an seine Kollegen gerichtet. Ahja. Im Gegenzug biete ich ihnen meine Ankara-Metro-Karte mit Restguthaben an, einer kann die anscheinend gebrauchen. "Sir, Göreme. Have good trip." "Tesekküler. Iyi aklamsar." Schönen Abend noch, ihr Schlitzohren.
Die nächsten zwei Tage durchqueren wir Täler mit einzigartigen Canyons und Felsformationen, in denen wir nahezu die einzigen Wanderer sind, während die anderen Touris mit Jeep-Safaris, Quadtouren und Rooftop-Parties beschäftigt sind oder für stundenlange Fotosessions in Reih und Glied auf kostenpflichtigen Aussichtsplattformen stehen. Viel eindrucksvollere Aussichtspunkte erlaufen wir uns umsonst und entdecken dabei immer wieder kleine Café Oasen, byzantinische Kirchen und mehrstöckige Felsenwohnungen, durch die wir klettern wie Indiana Jones in Jäger des verlorenen Schatzes.
Ich ziehe mich schnell an und laufe auf einen Hügel. Der Himmel im Sonnenaufgang voller Ballons und auf den Anhöhen von Göreme stehen die Menschen, beobachten und jubeln und winken den Ballonfahrern zu. Kleine Kinder stehen neben ihren Eltern, reiben sich verschlafen die Augen und freuen sich über das bunte Treiben über ihnen. Mein Zynismus der letzten Tage verfliegt und ich versöhne mich innerlich mit meinen Mittouristen. Sollnse machen mit ihren Ballons, den vorgekauten Touren und den seelenlosen überteuerten Restaurants mit Sunset-Dachterassen. Dann kommt sich niemand in die Quere und alle sind in ihrem Habitat glücklich..
