Nachts am Bahnhofscafé in Kayseri bereite ich mich innerlich auf meine Odyssee vor, indem ich im Wechsel Tee und Ayran bestelle und der plaudernden Männergesellschaft lausche.
Die nächsten Tage werde ich täglich im Zug, Bus oder Minibus sitzen. Kayseri - Erzincan - Trabzon - Batumi - Mestia. Bevor ich das Wanderparadies Georgien erreiche, muss ich einige Zwischenstationen mitnehmen und das innerhalb von 5 Tagen. Erst die Pflicht, dann die Kür.
Auf dem Rasen hinter mir werden wohl regelmäßig Tiere gefüttert. An Fleischresten nagt eine Katze. Ein zahmer Fuchs schleicht sich ängstlich an und möchte seinen Anteil, aber als die Katze einen Buckel macht, ergreift der dreimal größere Fuchs die Flucht. Ich mache eine anthropologische Beobachtung: Mir fällt auf, dass Katzen hier anders angelockt werden als in Deutschland. Anstatt des eher quietschenden Tons, machen die Katzenliebhaber in der Türkei ein "Ssss" wie eine Schlange. Interessant.
Der Eastern Express planmäßig um 1.15 Uhr hat in Kayseri 45 Minuten Verspätung und kommt in Erzincan über 2 1/2 Stunden zu spät an. Die Klimaanlage im Abteil ist über Nacht so kalt, dass ich mir Pullover und Jacke anziehe und fällt am Morgen ganz aus, so dass binnen Sekunden der Zug vom Kühlschrank zur Sauna wird. Dem nächsten Alman, der sich über die deutsche Bahn beschwert, erzähle ich, was Zugfahren in der Türkei bedeuten kann. Aber ich hab ja keine Termine und trinke im Bordrestaurant weiter mein türkisches Herrengedeck Tee und Ayran.
In Erzincan angekommen wird es Zeit für einen Haarschnitt. Seiten auf Null. Neben Trinkwasser aus Joghurtbechern, gibt es in der Türkei eine weitere seltsame Eigenart: Die gleichen Geschäfte befinden sich immer in einer Gegend. Das heißt, Fleischerei reiht sich an Fleischerei, Bäcker an Bäcker, Handyhüllenladen an Handyhüllenladen. So muss ich nicht lange schauen, da sich mein Hotel im Friseur-Distrikt befindet und laufe in den erstbesten Salon. Umständlich wird mir der Preis genannt - im Nordosten der Türkei sprechen die Menschen noch seltener Englisch als in Ankara. Der Laden gehört Mahmut, der lauter junge Azubis um die 16 Jahre um sich geschart hat und die ihn immer wieder um Ratschlag bitten. Sobald ein neuer Kunde Platz nimmt, bildet sich eine Traube von drei bis vier Friseurjungs darum und schaut ihrem Kollegen beim Schneiden zu. Neugierig und schüchtern üben sie mit mir ihre Englischkenntnisse: "What's your name?" oder "How old are you?" Per Übersetzungsapp werde ich gefragt, ob mir Erzincan gefällt und ich kann ganz ehrlich sagen: "Evet! Yes, very much!" Trotz Verständigungsschwierigkeiten bin ich ganz zufrieden mit meiner 8-Euro-Frisur. Wenn ich in Berlin oder Leipzig beim Friseur bin, ist das meistens umgekehrt.
Von Erzincan nach Trabzon fährt zwar ein Bus, aber ich versuche mich im Trampen. Ich habe mal gehört, dass das in der Türkei sehr leicht sein soll und die Türken, gastfreundlich wie sie sind, gerne Tramper mitnehmen. Nach 30 Minuten in der prallen Sonne gebe ich auf. Vielleicht stand ich an der falschen Stelle oder hatte doch zu wenig Geduld. Am nächsten Taxistand lasse ich mich unverrichteter Dinge zum Busbahnhof bringen..
Ich bin wieder moderner Kreuzfahrer und habe eine Tour ab Trabzon gebucht. Die einzige Möglichkeit, zum bedeutenden Felsenkloster Süleme zu kommen, ist über eine geführte Tour oder ein gemietetes Auto. Beides ist stressig auf seine Weise. Also lasse ich mich im Minibus durch die Pontischen Alpen kutschieren. Wenn nicht ab und an ein Minarett aus dem Nadelwald herausschauen würde, könnte man denken, man wäre in Bozen.
Nach der Ankunft am Kloster laufe ich Slalom zwischen Selfies und Instagirls und ihren Boyfriends. Für sie gilt kein zweckloses Aussicht Genießen oder pures Betrachten der 1500 Jahre alten byzantinischen Fresken. Alles muss sich den Fotosessions unterordnen: Background finden, Posen, Fotos machen, kritisch Bildschirm prüfen, repeat.
Meine Devise ist hingegen Fotobombing, wo auch immer sich die Gelegenheit bietet. Ich stilisiere mich selbst zum Massentourismus-Guerilla-Kämpfer. Wäre ich eine christliche Ikone, wäre ich Sankt Maximus, Schutzheiliger aller Ins-Bild-Läufer. Was für'n Stuss.
Nächster Stop: Hamsiköy - Reispuddingverkostung mit Aussicht. Eine US-Koreanerin schießt mit ihrer Digitalkamera Fotos im Panoramamodus wie Maschinengewehrsalven. Eine andere Frau hält ihre Puddingschale vor die Bergszenerie als wäre es eine Opfergabe für die Götter und macht ein Video davon.
Auf dem Rückweg halten wir abrupt vor einem Tunnel an, während draußen das Tal im Nebel liegt. Zwei arabische Frauen steigen aus und filmen. Vielleicht haben sie noch nie Nebel gesehen?
Ich frage mich, ob es das Geld und die vielen Zwischenstationen wert war, um das Kloster zu sehen. Man wurde erwartbar durch die Stationen gepeitscht, 50 Minuten Kloster, 45 Minuten Mittagspause, 30 Minuten Tropfsteinhöhle, 20 Minuten picture stop, 15 Minuten im Süßigkeiten-Shop. Kaum Hintergrundinformationen, die über ein Wikipedia-Intro hinausgehen. Aber wie ein frühchristlicher Einsiedler übe ich mich in Gelassenheit und sammle meine Gedanken. Genügend Gelegenheiten dazu habe ich. Auf solchen Touren verbringt man schließlich die meiste Zeit im Minibus. Ich freue mich umso mehr auf Georgien und darauf, mir meine Aussichten selbst zu erwandern.
Auf der Tour in Göreme meinte ein Ami auf Darryn's Kommentar hin, dass ihm die kleinen Kapellen zu überlaufen seien: "That's the whole world, buddy!" Das wurde zu unserem Running Gag auf unseren beiden Wanderungen in Kappadokien. Anscheinend bewegt sich unser amerikanischer Mitreisender selten außerhalb der comfort zone und kennt nur überlaufene Hotspots. Es geht aber eben noch abgeschieden und menschenleer, genau das erhoffe ich mir zumindest von Georgien.