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Georgia on my mind

Veröffentlicht: 05.08.2025

Bus
Batumi → Mestia
Georgia
Spaziergang
Mestia → Mestia Ortskern
3.0 km
Tour
Wanderung im Mestia-Tal
Wanderung
Tour
Kinobesuch von „Dede“ in Mestia
Show
Attraktion
Wehrtürme von Mestia
Mestia, Georgia
Tour
Besteigung von drei Wehrtürmen in Mestia
Tour

Die Reise-Community ist gespalten, wie sie am liebsten leidet: Heiß und trocken wie in Kappadokien oder doch lieber heiß und feucht wie am Schwarzen Meer. Ich bin noch nicht entschieden, welchem Team ich mich anschließe und verschiebe die Wahl bis zu meiner Ankunft in Thailand.. Batumi jedenfalls gehört zur zweiteren Hitzeform und fällt auch sonst als Las Vegas der Schwarzmeerküste ganz schön aus dem Rahmen meiner bisher durchquerten Städte. Europäische Architektur des 19. Jahrhunderts, zwischendrin Plattenbauten aus Sovietzeiten und moderne Wolkenkratzer, die sich im Bau und teils gleichzeitig in Betrieb befinden. Ein paar Mitreisende, die im Minibus nach Mestia mitfahren, berichten mir von ihrem Hotel in einem gigantischen Glasneubau und dem Fahrstuhl darin, der auch einfach so auf einer von über zwanzig Etage anhält, die noch Baustelle ist - komplett im Rohbau und ohne Fenster.

Der Transfer von Batumi und Mestia ist ähnlich wild organisiert. Ich bin anscheinend der einzige, der den korrekten Treffpunkt genannt bekommen hat. Ein britisches Pärchen wartet mit ihrer falschen Info einige Blocks weiter. Zwei Deutschen wurde gar versprochen, dass sie vom Hotel abgeholt werden. Sie telefonieren mit dem sichtlich genervten Fahrer, der kein Wort Englisch spricht und mir das Handy zum Vermitteln reicht. Nachdem alle vollzählig sind, fahren wir mit 45 Minuten Verspätung in Batumi los.

Die beiden sympathischen Briten Danny und Glyn sind im 11. Monat ihres Gap Years unterwegs, sie gratulieren mir zum Einmonatigen. Heute ist der 1. August und Zeit ist für mich schwer zu fassen. Ich weiß nicht mal mehr welcher Wochentag es ist und das ist Premiere, bin ich doch sonst absolut auf Monatsdaten und Uhrzeiten fixiert.

Nachdem wir Fahrer und Fahrzeug an einer Zwischenstation gewechselt haben, werden die Straßen schmaler, steiler und zu Serpentinen, die Landschaft grüner und die Schluchten tiefer. Langsam erreichen wir den Kaukasus und der standardmäßig nicht angeschnallte Fahrer (seit Rumänien habe ich keine Gurte bei Taxi- oder Busfahrern mehr gesehen) lässt im Wechsel Buena Vista Social Club und georgischen Schlager durchs Auto plärren...


In Swanetien sind sogenannte Homestays weit verbreitet, privat betriebene Pensionen für die abenteuerlichen Wandertouris, die es herzlich, aber spartanisch mögen. Oft muss man sich das Bad mit der Familie teilen, eine angeleinte Kuh grast im Vorgarten und das WLAN-Passwort lautet "1234567890". Meine Gastgeber sind ein älteres Ehepaar, die mich gleich bei meiner Ankunft mit Kartoffelsalat und Kaffee willkommen heißen. Mit einer Mischung aus Zeichensprache, georgischem und englischem Kauderwelsch, versichern sie mir, dass die Tür zur Wohnküche immer offen steht und der kleine Mischlingshund Micky nur gestreichelt werden will, wenn er mich anklefft.

Ich scheine beim Buchen also mal alles richtig gemacht zu haben. Das einzige Manko ist nur, dass ich bis in den eigentlichen Ortskern von Mestia jedesmal ca. 3 Kilometer reinlaufen muss. Deswegen versuche ich es einmal auch mit Trampen und das funktioniert zumindest auf diese kurze Distanz besser als noch in der Türkei. Beim Einsteigen deutet der Fahrer auf den Gurt: "Police!". Ich hätte mich ohnehin angeschnallt, aber hier ist die Motivation, vielmehr nicht mit dem Gesetz konfrontiert werden zu wollen als mit dem Tod.

Während ich Bram Strokers "Draculas Kinder" lese - ein kleines Taschenbuch, das ich passenderweise in Rumänien gekauft habe - bricht mitten im Tal von Mestia ein kräftiges Gewitter los. Gruselwetter wie bestellt. Wann hab ich zuletzt richtigen Regen gesehen? Es wird wahrscheinlich in Deutschland gewesen sein. Auch die Temperaturen sind wieder wie gewohnt und ich genieße den prasselnden Schauer... Bis mir einfällt, dass ich jetzt fürs Bad außen ums Haus rum laufen muss.

Auf einer Wanderung, die aufgrund einer nicht eingeplanten Abzweigung von ursprünglich 15 zu 30 Kilometern ausartet, kommt mir Viktor aus NRW entgegen, der sich ähnlich wie ich übernommen hat. Wir pausieren und tauschen uns über unsere jeweils fehlkalkulierten Wanderungen, aber auch atemberaubenden Aussichten aus. Mit Blick auf den Ushba, der höchste Berg der Region, reicht meine Sicht teilweise bis nach Russland.

Unsere Zwei-Mann-Selbsthilfegruppe für Selbstüberschätzung trifft sich am Abend wieder und Viktor stellt sich als absoluter Georgien-Fan raus, der aber mindestens genauso oft auch schon in den Iran gereist ist. Wir fragen uns, warum die vielen Straßenhunde eigentlich nie Passanten anbellen, aber öfter Autos vom Typ Suzuki Carry. Eine Automarke, die hier überpräsent ist und den Swanen als Transportmittel für alles mögliche, von Heu über Brennholz zu Baumaterial, dient. Viktors Theorie ist, dass einige dieser Kleintransporter vielleicht schon so manchen Straßenhund an- oder überfahren haben und sich das dann bei den Rudeln einprägt. Post Traumatic Stress Syndrom für Hunde.

Mestia ist ein Nest und so treffe ich zufällig Danny und Glyn aus dem Minibus von Batumi wieder. Ich empfehle ihnen, "Dede" zu schauen, ein Drama über die swanetische "Tradition" der Frauenentführung. Als ich am ersten Tag durch den Ort geschlendert bin, fiel mir das Kino auf, das täglich fünf mal am Tag nur diesen Film in sieben verschiedenen Sprachen zeigt. Ohne große Umschweife verkauft mir die Betreiberin ein Ticket und so sitze ich eine Minute später im improvisierten Keller-Kinoraum in einer von vielen Strandliegen vor der Leinwand. Ein polnisches Pärchen, das kurz vor mir zum Kartenkauf genötigt wurde, sind die einzigen anderen Gäste und so schauen wir den Film zwar mit englischsprachigen Untertiteln, aber gleichzeitig in polnischer Synchro. Polnisch synchronisiert heißt in diesem Fall, dass ein einziger Sprecher alle anderen Stimmen über den Originalton drüberspricht. Wie im Ostblock in den 80ern, denke ich, aber kann die Sprecherstimme schnell ausblenden und mich auf den Film einlassen. Mit starken Landschaftsbildern zieht er mich in die swanetische Dorfgemeinschaften der 90er Jahre und erzählt neben der Haupthandlung von Geisterglauben, dem Kaukasuskrieg von 1992 und Familienfehden in Swanetien.

Dass die vielen mittelalterlichen Wehrtürme so eng beieinander stehen, liegt nicht nur daran, dass Mestia häufig von verschiedenen Mächten überfallen wurde, sondern eben auch daran, dass Blutrache zwischen den Familien keine Seltenheit war. Heutzutage bleibt es allerdings friedlich und die einzige Konkurrenz zwischen den Turmbesitzern ist nur ökonomisch. Manche der zahlreichen Türme können für drei Lari (= 1 Euro) bestiegen werden und so kletter ich auf insgesamt drei. Jedesmal muss man über garantiert nicht TÜV geprüften Holzleitern vier oder fünf Stockwerke rauf und kann dann über eine offene Luke aufs Dach mit morschen Holzschindeln, rostigen Nägeln und der obligatorischen georgischen Flagge. Ich bestaune das Panorama und zähle insgesamt 37 solcher Türme im Tal.

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Wetter
Sommer
Begleitung
Mit Freunden
AbenteuerlichAbseits der Pfade
  • verspäteter Minibus-Transfer von Batumi nach Mestia
  • Homestay in Mestia mit Kartoffelsalat und Kaffee
  • Wanderung im Kaukasus mit Blick auf Ushba
  • Film „Dede“ im improvisierten Keller-Kino
  • Besteigung von drei Wehrtürmen in Mestia
Buch „Draculas Kinder"
NaturKulturGeschichteAbenteuerRoadtrip
  • Eintritt für drei Wehrtürme3 GEL
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