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Cowboys of Georgia

Veröffentlicht: 13.08.2025

Attraktion
Adishi
Swanetien, Georgien
Attraktion
Ushguli
Swanetien, Georgien
Spaziergang
Adishi → Ushguli
Swanetien, Georgien
Tour
Pferdetour zum Gletscher bei Ushguli
Tour · 1h
Mehrere Wegweiser zu Cafés konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit als sich unser Wanderweg zu einem weiteren Dorf mit Swanetischen Türmen abzweigt. Auf unserer viertägigen Wanderung von Mestia nach Ushguli bieten sich meinem schottischen Mitwanderer Darryn (siehe die Göreme-Folge 7) und mir noch viele solcher Gelegenheiten für Kaffeepausen. Wir haben anscheinend auch hier den richtigen Riecher und landen in einem Vorgarten, in dem ein 11jähriger Junge den Übersetzer und Alleinunterhalter gibt, während seine Tante uns mit frischen Jogurt, selbstgemachten Apfelsaft und kühlem Wein bewirtet. Der aufgeweckte Erakle, benannt nach einem georgischen König, spricht fließend Englisch und erzählt uns, dass er hier im kleinen Dorf Zhamushi bei seinen Großeltern seine Ferien verbringt. "Here", außerhalb seiner Heimatstadt Tiflis, "you can be a man.", erklärt er uns. Wir lachen, aber er meint es ernst und berichtet, wie er mit 7 Jahren angefangen hat, Pferde zu reiten, im Winter in den swanetischen Bergen Ski fährt und im Sommer auf den Hügeln wilde Pferde zähmt. Da könne er ja mit seinen Englischkenntnissen ein guter Touristenguide in der Region werden, schlage ich ihm vor. Nee, sein Herz schlage für Judo. Ein ganz schöner Tausendsasser und Geschichte und Politik interessieren ihn anscheinend auch. Darryn lässt ein paar historische Georgien-Fakten fallen und Erakle geht sofort drauf ein. Als er erfährt, dass ich aus Deutschland bin, geht es aber wie so oft in Osteuropa, schnell um den zweiten Weltkrieg. "So langsam muss ich mir eine zweite Nationalität suchen, unter der ich mich ausgeben kann.", denke ich, als er von Hitler und Stalin spricht, als würden wir Diktatoren-Quartett spielen: "I admirie them, but I also hate them...".

"My grandad loves Stalin.", sagt er grinsend, während er auf Opa zeigt. Entgeistert ziehe ich meine Augenbrauen hoch, so als ob ich mit nichts als einem 100-Lari-Schein mein Eis bezahlen will und die Bedienung kein Wechselgeld rausgeben kann.


Die nächsten Café-Betreiber, die wir treffen, sind politisch weniger streitbar, dafür umso geschäftstüchtiger. Zwei 14-Jährige laufen uns kurz vorm Zielort mit einer selbstgebastelten Menükarte entgegen. Die beiden Cousins hätten ihr eigenes Café im großelterlichen Garten gerade eröffnet und wir wären ihre ersten Kunden. Selbstverständlich unterstützen wir die beiden jungen Entrepreneure. Der obligatorische Wachhund ist entsprechend misstrauischer und klefft uns an, aber dafür die Preise sehr viel niedriger als im etablierteren Café von Erakle.Mit einem Blick auf eine der Turnruinen, frage ich, warum diese gebaut wurden. Nur zur äußeren Verteidigung, schließlich sind wir hier in Sichtweite zur russischen Grenze. Blutfehden zwischen verfeindeten Familien? Nein, in unserem Dorf auf keinen Fall. Ähnliche Antworten habe ich schon vorher gehört. Seltsamerweise komme ich also nie durch ein Dorf, wo die Türme mit Morden und Fehden in Zusammenhang stehen...


Tag 2 unserer Wanderung führt uns durch ein malerisches Tal, in dem ganz plötzlich unser Zwischenziel Adishi aufploppt. Das winzige Dorf schmiegt sich an einen rauschenden Bach. Die Dutzend Häuser erheben sich aus mittelalterlichen Ruinen und abgebrochenen Swaneti-Türmen. Augenscheinlich wurde der Ort durch den Wandertourismus wiederbelebt. Jede Familie scheint ein Homestay zu betreiben. Wir finden ein originelles Café mit 70er bis 90er Playlist, das von einem kleinen Mann mit Hakennase und Raucherstimme betrieben wird und begießen die Tour mit etwas Wein und Bier, während der georgische Al Pacino unser Abendessen, Maultaschen und Pommes mit Swaneti-Salz, zubereitet. Wir würden nach dem Einchecken nochmal wiederkommen, wie lange hätte er denn geöffnet, fragen wir den Ein-Mann-Betrieb. "24/7", behauptet er und das bestätigt sich auch, als wir ihn am nächsten Morgen in seiner Hängematte liegend vorfinden und ihn um ein Lunchpaket bitten. Es gibt gratis Kaffee dazu, während wir warten.

In Swanetien schreit alles nach osteuropäischer Western-Atmosphäre. Gebirgshänge wie in den Appalachen. Unbesattelte Pferde, die uns reiterlos entgegengallopiert kommen. Kühe, Schweine und Hühner im Matsch vor Holzfassaden. Teenager reiten mit einer Kippe im Mund, während ihre jüngeren Geschwister dahintersitzen. Der rauchende Barmann in seiner Hängematte ist nur das, was dem Ganzen metaphorisch den Cowboyhut aufsetzt.


Die dritte Etappe, lesen wir online am Vortag, hält einige tolle Aussichten bereit. Allerdings auch eine Flussüberquerung, die so heftig ist, dass sich wie immer die gewieften Georgier darum kümmern, die Marktlücke zu schließen. Mit Pferden stehen ein paar Reiter bereit und führen die Wanderer so trockenen Fußes auf die andere Seite. Naja, nicht ganz trockenen Fußes. Auf einer Sandinsel mitten im reißenden Fluss aus Gletscherwasser ist wartet der zweite Reiter, um die Pferde samt Mieter entgegenzunehmen. Danach muss man immerhin noch einen schmalen Abschnitt von zwei bis drei Metern Breite überqueren.


Victor (bekannt auf Folge 9) ist uns jeweils immer einen Abschnitt voraus und berichtet uns. Er läuft die Wanderung mit zwei Schweizerinnen, von denen eine am Vortag vom Fluss mitgerissen wurde und nach 10 Metern an einen Ast geprallt ist. Die drei hatten sich gegen die Pferde entschieden und haben es an einem Teil flussaufwärts zu Fuß versucht. Ihr ginge es schon wieder besser, aber das Knie ist eindeutig verletzt. Nach der Story entscheiden wir uns aber definitiv für die Pferde, die uns sicher rübertragen. Nach dem zweiten Abschnitt zu Fuß, der sicher zu bewältigen ist, sind wir nichtsdestotrotz von den Füßen bis zur Hüfte klatschnass.


Macht uns nichts, die Sonne scheint. Wir lassen uns trocknen, picknicken das Lunchpaket vom kettenrauchenden Café-Betreiber aus Adishi und sind guter Dinge. Nach einem kurzen aber hohen Anstieg von etwa 800 Metern können wir am Bergkamm den beeindruckenden Gletscher und die beiden benachbarten Täler im 360-Grad-Panorama bestaunen. Ein Donnergrollen dröhnt vom Gletscher zu uns rüber. Aber es ist kein Gewitter. Stattdessen beobachten wir, wie gewaltige Eisstücke vom schmelzenden Gletscher ca. 50 Meter in die Tiefe fallen und zeitversetzt das Donnergeräusch bei uns ankommt. Erfuchterfüllt sitzen wir so und schauen auf die hohen Berge, bis wir uns umdrehen und feststellen, dass graue Wolken im Süden aufgezogen sind.

Ohne Verzug machen wir uns an den Abstieg auf der anderen Seite. Die Wolken breiten sich langsam aus und folgen uns wie in John Carpenters "The Fog". Auf halber Höhe setzt Regen ein. Darryn erinnert sich, dass in der Tourbeschreibung von Hütten die Rede ist, die gleich nach dem Abstieg Schutz bieten. Wir beeilen uns und sehen auch, dass sich bei den zahlreichen anderen Wanderern leichte Panik breit macht. Als dann der Regen sehr viel stärker wird und schließlich auch Hagelkörner auf uns einschlagen, befinden wir uns mitten im Gewitter. Diesmal ist das Donnergrollen auch tatsächlich Donnergrollen. Eine asiatische Reisegruppe steht am Hang mit ihren Rucksäcken als Schutzschild in die Richtung gedreht, aus der Hagel kommt. Wir aber laufen weiter runter und bahnen uns einen Weg durch die Sturzbäche, die vor 10 Minuten noch steile Trampelpfade waren.


"Welcome", erklingt durch den Schauer eine Stimme aus der Hütte, als ich aus dem schulterhohen nassen Gras hineinsteige. Zwei Tschechen haben den Unterschlupf vor uns erreicht. Ich teile Erdnüsse, sie einen Schluck billigen tschechischen Rum, den ich - völlig durchnässt und zitternd dasitzend - dankend annehme. Ich wechsel die Sachen, aber es nützt nur wenig, muss ich doch in meine einzigen Wanderschuhe, die jetzt nochmal kälter und nasser sind als nach der Flussüberquerung. Draußen prasselt es weiter aufs Dach.


Als nach einer halben Stunde wieder die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen, sieht die Welt wieder ganz anders aus. Es sind noch knapp 8 Kilometer bis zum Etappenziel, aber alles bergab und ich erzähle Darryn, dass mein Nachname "hailstorm" bedeutet. Als wir ein Café erreichen wirkt der Sturm, der uns noch vor einer Stunde heimgesucht hat, wie die verschwommene Erinnerung an einen Albtraum. Heiße Schokolade und Snickers machen es umso mehr vergessen.


Die letzte Etappe zum Finalziel Ushguli dauert nur einen Vormittag und ist nach 10 Kilometern geschafft. Das kleine Dorf Ushguli erhebt sich terrassenartig durchzogen von Bächen am Ende von drei Talsohlen, die in Y-Form aufeinandertreffen. In einem der Täler verspricht eine 20-Kilometer-Wanderung tolle Aussichten auf einen Gletscher. Nach den Strapazen der letzten Tage entscheiden wir aber, uns am nächsten Morgen eine Pferdetour zu gönnen.


Nachdem er mir aufs Pferd hilft, zeigt uns unser Guide knapp, wie Reiten mit den Zügeln funktioniert. Ein wenig fühle ich mich daran erinnert, wie uns im Coronasommer 2020 unser Hausboot erklärt wurde. Da geht's vor und zurück, das ist das Lenkrad, viel Spaß. "Left, right" und das Wort für vorwärts klingt ein wenig wie Niesen: "Adshi". Gesundheit.

Mein Pferd heißt Aladin und bleibt gerne stehen, um Gras zu essen oder läuft auch mal abseits der Wege, aber mit den Zügeln und den Pfiffen unseres Pferdeflüsterers lässt es sich schnell wieder auf Kurs bringen. Kein Hupen des motorisierten Gegenverkehrs, keine Straßenhunde und nicht mal ein übergroßer Baustellenbagger bringt sie aus dem Konzept. Mit jeweils einer Pferdestärke schaffen wir es zum Ausgangspunkt zum Gletscher. Als wir nach einer Stunde wieder zum Pferdeparkplatz zurückkehren, ist unser Guide mit einem alten Mann im Gespräch, der eine olle Plastikflasche mit Wein in der Hand hält. Das abgetrennte Ende einer weggeworfenen Cola-Flasche dient als modernes Trinkhorn und schon wird brüderlich geteilt. "Amen", zwischen jeder Runde wird ein Gebet gesprochen. Mit Blick auf die Gipfel schüttet er den Uwe ins Gras, um die Berggeister zu besänftigen. "Ushguli?", fragt uns der Alte mit gestreckten Daumen, wie uns seine Heimat gefällt, als wir dabei sind, wieder aufzusitzen. "Ushguli!", antworten wir ebenso. Die spontane Saufrunde, die Aussicht im Tal und die Reittour lassen uns kaum eine andere Wahl als enthusiastisch die Daumen nach oben zu strecken.

Auf einen Blick

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Wetter
Sommer
Begleitung
Mit Freunden
AbenteuerlichAbseits der Pfade
  • Wanderung durch Swanetien
  • Adishi mit Homestay und Café
  • Flussquerung zu Pferd
  • Gletscherpanorama
  • Reittour von Ushguli zum Gletscher
WanderschuheRucksack
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