Tiflis ist die Hauptstadt Europas. Zumindest würden das Außerirdische denken, die dort zum ersten Mal auf der Erde landen. Überall Europa-Fahnen, an Wände gesprüht und an Fahnenmasten hängend vor privaten oder offiziellen Gebäuden. Selbst das unbeliebte Regime Georgiens versucht die Bevölkerung zu beschwichtigen. Zumindest in Tiflis kauft der Regierung das niemand ab und so wird seit letztem Jahr täglich vor dem Parlament gezeltet und demonstriert. Der Vorwurf lautet, zu sehr mit
Russland zu kooperieren und sich nicht eng genug an Europa zu binden. Für die meisten Menschen im politischen Europa ist Brüssel im besten Fall langweiliger Bürokratie verbunden. Für die Bewohner der georgischen Hauptstadt hingegen mit Freiheit und Autonomie. Neben dem georgischen und europäischen Flaggenmeer im Straßenbild sieht man häufig Slogans wie "Russia is a Terrorist State" und sogar angesprühte Nato-Symbole. Die linke bubble in Istanbul ist gegen die Migration syrischer Flüchtlinge in ihr Land, da das die streng muslimischen Gemeinschaften stärkt. Die politisch Progressiven in Tiflis sind pro NATO, weil sie sich nach zwei Kriegen und spätestens nach Februar 2022 so unmittelbar an der russischen Grenze keine antimilitaristische Haltung leisten können. Werte und Glaubenssätze können universal sein, aber die konkreten politischen Standpunkte und Forderungen formen wir immer im Kontext unseres jeweiligen Umfelds.
Auch deshalb kann ich mir kein Urteil erlauben, als ich in der Ausstellung über die sowjetische Besatzungszeit Worte lese wie "leider" oder "heldenhaft". Klar, Geschichtsmuseen sollten nicht wertendes Vokabular verwenden, aber zu sehr hat sich das Feindbild damals und heute eingebrannt, als dass man sich um solche Nuancen kümmert.Gleichzeitig sind Russen im Stadtbild von Tiflis keine Seltenheit. Viele machen immer noch unbedarft hier Urlaub. Manche Männer versuchen, in billigen Hostels ihren Wehrdienst zu umgehen. Einige Dissidenten sind politisch aktiv. Ein paar Mal werde ich in Restaurants zuerst auf Russisch angesprochen. Als ich über meine Solo-Reise-App Leva aus
Litauen kennenlerne, landen wir nach einer Flasche georgischem Weißwein in einer Karaoke-Bar, die uns unser Kellner empfiehlt und in der ich als einziger Englisch singe. Alle anderen singen russische Popsongs.
An meinem letzten Tag im gefühlt pro-europäischsten Land außerhalb und vielleicht auch innerhalb der EU sitze ich in meinem Hotel und warte noch mit dem Aufbruch, bis der Regen aufhört, als ein Backpacker hereinkommt. Jeff aus Kalifornien macht den Surfergruß, als er sich vorstellt. Er hätte in
Georgien eine ganze Weile als Englisch-Lehrer gelebt und gearbeitet und ist heute zum ersten Mal seit acht Jahren wieder im Land, erzählt er. Vieles hätte sich seinem ersten Eindruck zufolge geändert. Der Outdoor-Hype hinterlässt Spuren. Seine Lieblingsgegend in Georgien verrät er mir erst gar nicht. Die soll vom Tourismus unberührt bleiben. Fair enough.
Vor meinem Flug nach Bangkok treffe ich mich nochmal mit meinen Weggefährten meiner Europatour Darryn und Christian im Restaurant. Wir haben alle drei unabhängig voneinander nach Tiflis gefunden. Während Darryn noch eine Weile im Land bleibt, um dann
Armenien und
Aserbaidschan zu bereisen, überlegt Christian, ob er entweder in den
Iran (!) fährt oder übers Schwarze Meer Richtung Skandinavien. Ich lasse mir von Darryn noch mit ein paar Südostasien-Tipps geben, lege meine letzten Lari auf den Tisch und verabschiede mich von den beiden.
Am Flughafen spricht mich ein älterer Pole an, ob ich Zeit hätte und Englisch spräche. Sein Telefon hat kein Internet und die Einstellungen sind komplett auf Englisch. Ich versuche mein Bestes, kann ihm aber nur die Sprache auf Polnisch einstellen und er bedankt und verabschiedet sich mit ein paar deutschen Phrasen. "Greetings to your president.. ehm no.." - "Chancellor.", helfe ich ihm auf die Sprünge. "Kohl?" - "No", ich lache: "When Kohl was chancellor I was this small". Ich halte meine Hand einen Meter über den Boden. Das hat was Segensreiches, wenn man zumindest in der Politik anderer Länder noch geistig in den 90ern ist.
Bangkok ist für mich in erster Linie Boxenstopp. Ein
Vietnam light zur Akklimatisierung. Und so empfängt mich der Flughafen tourifreundlich mit zig SIM Karten Shops und Wechselstuben und einem Wetter, das zum Glück kühler ist, als ich es erwartet hatte.
Vor dem Einchecken im Hotel, setze ich mich in einem Park auf eine Bank und beobachte, wie sich ein paar Vögel meinem Rucksack nähern. "Wie exotisch, mit ihrem gelb-schwarzen Gefieder.", denke ich. Plötzlich sehe ich, wie eine ein Meter große Echse direkt vor mir durchs Wasser schlängelt. Eine weitere liegt zehn Meter weiter auf der Wiese und chillt gemütlich, während sie sich vor mir fotografieren lässt. Die vermeintlich interessanten Vögel sind komplett vergessen. Als ich weiter durch den Park spaziere, realisiere ich, dass es ein Markenzeichen der Grünanlage ist. Im Zentrum steht eine überlebensgroße Echsen-Statue. Die Reptilien liegen überall rum, schwimmen durch den Parkteich und laufen über die Fußwege.
Nach Georgien könnte der Kontrast nicht größer sein. Das Nachtleben Bangkoks, der Großstadt-Dschungel innerhalb und buddhistische Tempelanlagen und Natur außerhalb der Stadt laden zu Abenteuern ein. Ich aber brauche eine Pause nach Georgien und schalte auf ignorant. Die Tagestrips zum River Kwai und in die historische Hauptstadt Ayutthaya, die ich mir noch in Georgien vorgenommen habe, schieße in den Wind. "I'm here on Business", könnte ich sagen, wenn es jemanden am Hotelschalter interessieren würde. Tut es aber nicht. Ich mache die seelenlose thailändische Mall-Kultur zu meinem Vorteil und erledige ein paar Besorgungen: Unter anderem ein Moskitonetz, das bald zum Einsatz kommen könnte und Nachschub an Sonnencreme, die hier 15 Euro (in Worten: fünfzehn) kostet.
Außerdem stehen Arzttermine an. Seit Istanbul führe ich eine on off Beziehung mit meinen Magenproblemen. Ist alles halb so wild, aber ich habe das Gefühl, meinen inneren Hypochonder zufrieden stellen zu müssen. Unterm Strich lautet die Diagnose nicht anders erwartbar: "German Boy don't cope much in strange environment." Also alles eine Frage der Gewohnheit. Das denke ich, als ich auch während der vierten Massage immer noch keine Entspannung im klassischen Sinne empfinde. Ob Traditionelle Thai, Fuß-, Kopf-Schulter- und Öl-Massage - jedes Mal muss ich Schmerzensschreie unterdrücken. Das muss wohl so...?
Einer meiner wenigen Ausflüge außerhalb des Hotelviertels führt mich in die "grüne Lunge" Bangkoks. Eine Halbinsel auf der südlichen Seite des Chayo Phraya Flusses, die man über eine winzige Fähre erreicht und auf der man sich ein Fahrrad leihen kann. Der größte Teil ist bewaldet und in manchen der wenigen Bungalows, verkaufen Familien einfache Reisgerichte oder iced coffee. Fühlt sich alles in allem entspannter an als die bisherigen Thaimassagen...
Die Thailänder lieben ihren König. Fotos der königlichen Familie an Wänden in Wohnungen und offiziellen Behörden. Soweit kannte ich das aus der Landschaft des Personenkults schon. In der
Türkei sah das mit Atatürk ganz ähnlich aus. Aber anscheinend ist es in
Thailand üblich, vor jedem Kinofilm ein Video zu zeigen, in dem der König gepriesen wird. Ich sitze vor der Leinwand und schaue der episch inszenierten, aber kitschig wirkenden fünfminütigen Präsentation zu. Goldumrahmte Standbilder seiner in Bayern residierenden Majestät werden im Powerpoint-Stil ineinander geblendet sich, während ein epischer Chor mehrstimmig den Soundtrack gibt. Dazu immer wieder Darstellung eines Buddha. Ganz unverhohlen wird hier impliziert, dass der König dessen Inkarnation ist. In all seiner überladenen Inszenierung wirkt das unfreiwillig komisch. Umso mehr aber, da das Video direkt zwischen der Eiswerbung läuft und dem Film meiner Wahl, der alberner nicht sein könnte: Die Neuauflage des Slapstick-Klassikers "Die nackte Kanone".
(Disclaimer: viele Anglizismen!) An einem Abend spüre ich dann doch fomo und schaue in meiner nomadtable App, welche solo traveler so in Bangkok unterwegs sind. Ein paar twentysomethings sind in direkter Nähe in einer Rooftop-Bar etwas trinken. Najut, ich ahne zwar, dass das nicht meine Peergroup ist, aber gebe mir trotzdem einen Ruck. Oben angekommen, erkenne ich den Tisch mit der Gruppe. "Sieh es als ethnologische Feldstudie!", denke ich mir und setze mich mit meinem Cocktail zur Jugend. Die meisten scheinen selbstständig bzw. digital nomads zu sein. Das sind zumindest die Infos, die ich zwischen den Handypausen abfangen kann. Also nicht Pausen vom Handy, sondern am Handy. Ab und zu versucht jemand, die Konversation wieder aufzunehmen, so als ob die metaphorischen Akkus wieder aufgeladen und ausgeglichen werden müssen. Handy-Zeit: 100 %, Gesprächszeit: 0 %. "Can you smile? I'm gonna make a video.", fordert uns die Gruppen-Creatorin auf, in die Selfie-Kamera zu grinsen. Weil sie alle anschließend noch im Club tanzen wollen, fragt mich das 23jährige Model aus Dänemark, was ich so für Musik hören würde. "Not this.", meine ich halb ironisch und deute nach oben zu den Boxen, aus denen laute Electronic Dance Music läuft. "I like older music.", versuche ich die Verwirrung in ihrem Gesicht zu lösen. "Oh, so like 2010s?", fragt sie. Ich versuche wiederum, mein Gesicht nicht entgleisen zu lassen und in lautes Lachen auszubrechen. "No, more like 70s.", meine ich. "Oh, okay.", ihr Ausdruck ist jetzt pure Verständnislosigkeit, als sei ihr geistiger Zeitstrahl defekt. "I like Karaoke though.", versuche ich die Wogen zu glätten. "Ah, I love Karaoke", sagt sie, aber da ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Mein soziales Experiment ist erfüllt. "I have to meet a friend now. Have fun at the club.", entschuldige ich mich halbgar aus der Runde. Es ist weder für sie noch für mich ein Verlust. One night in Bangkok...